Zweitkarriere: Vom IT-Manager zum Fahrradhändler

Zweitkarriere: Vom IT-Manager zum Fahrradhändler
Zweitkarriere: Vom IT-Manager zum Fahrradhändler

Der frühere Nokia-Manager Mikko Stout in seinem "Stadtradler" Geschäft in der Wiener Karlsgasse mit den robusten Holland-Rädern.

Mikko Stout machte als Manager bei Nokia Karriere. Doch dann schlitterte der finnische Weltkonzern in die Krise. Stout nutzte ein Handshake-Angebot des Unternehmens, um sich selbstständig zu machen und eröffnete das auf Hollandräder spezialisierte Geschäft "Stadtradler". Die Geschichte einer Zweitkarriere.

Männer und ihre Passionen: Was für die einen schnelle Autos oder Motorräder sind, das sind für Mikko Stout Fahrräder. Die geräuschlose Fortbewegung mit Hilfe der Kraft der eigenen Beine und dabei den Fahrtwind im Gesicht zu spüren, das hat den gebürtigen Holländer seit der Kindheit an begeistert und von einem eigenen Fahrradgeschäft träumen lassen.

Dann kam jedoch alles ganz anders. Stout machte Karriere, wurde Manager beim finnischen Handy-Weltmarktführer Nokia und erlebte die goldenen Zeiten des rasant wachsenden Mobiltelefonmarkts aus der ersten Reihe mit. Bei Nokia durchlief er verschiedene Stationen, ehe er nach Österreich kam, wo er zuletzt für die Bereiche Smartphone Betriebssystem und den Kartendienst Nokia Maps zuständig war.

Mit Fahrrad fuhr er dennoch fast täglich, von zuhause zur Arbeit und wieder zurück. Bei Wind und Wetter, zu jeder Jahreszeit. Damit war er nicht nur unter den Nokia-Mitarbeitern und Managern eine Ausnahme. "Als ich nach Österreich gekommen bin, ist hier bei Schlechtwetter kaum jemand mit dem Rad gefahren. Und im Winter überhaupt niemand. Es gab Tage, an denen ich den ganzen Radweg für mich alleine hatte", erinnert sich Stout, der von Holland etwas Anderes kannte.

Exit und Neubeginn

Dann geschah, womit niemand gerechnet hatte: Nokia schlitterte in die Krise. Ein gutes Jahrzehnt lang hatte der Konzern mit seinen Produkten in der Mobilkommunikation den Takt vorgegeben und den Weltmarkt beherrscht. Doch plötzlich war das Siegerimage dahin. Das iPhone war der neue Star im Handy-Geschäft, Samsung entwickelte sich vom Nischenplayer zum Technologie-Vorreiter und Nokia ging die Luft aus. Das traf auch die Mitarbeiter in Österreich. Immer mehr Stellen wurden gestrichen, bis Nokia seine Mobilfunksparte an Microsoft verkaufte und die Niederlassung schließlich komplett aufgelassen wurde.

Mikko Stout hat noch einen einigermaßen glatten Exit geschafft und nutzte ein Abschlagsangebot seines Arbeitgebers, um seinen Jugendtraum umzusetzen. Vor drei Jahren, im Frühjahr 2013 war es schließlich so weit. Der "Stadtradler" in der Wiener Karlsgasse eröffnete. Stout hatte die Österreich-Vertretung der holländischen Fahrradmarke "Azor" übernommen und trat mit dem etwas anderen Shop und etwas anderen Rädern an, um der Stadtmobilität ein neues Gesicht zu geben.

Stadtradler-Chef Stout verkauft Räder, die nicht nur Schönwetter-Radler ansprechen sollen.

Sein Laden ähnelt mehr einer Mode-Boutique als einem Sportgeschäft. Statt den andernorts vorherrschenden Mountain- und Trekkingbikes oder Rennrädern verkauft Stout seine "Hollandräder". Bunte, aus stabilem Stahl gefertigte Modelle im Retro-Design, die einen Kontrapunkt zu den weit verbreiteten Sporträdern darstellen. Ehrgeizige Gewichtsreduktion durch Carbon-Bauweise ist hier nicht das Thema. Bei den Rädern, die Stout verkauft, stehen lange Lebensdauer, Robustheit, Wartungsfreiheit und vor allem die Eignung für den urbanen Raum, die täglichen Wege von zuhause zur Arbeit oder den Einkauf im Vordergrund.

In der Fahrradfarbe gehaltene, wetterfeste Tasche als Accessoire.

Stouts Plan war, in der Nische zu reüssieren. Mit Spezialrädern, die ein ganz besonderes, individuelles Lebensgefühl verkörpern und die von den Kunden nach Belieben personalisiert werden können. Von der frei wählbaren Wunschfarbe bis hin zur Ausstattung. Etwa mit Gepäckträgern, auf denen auch volle Bierkisten transportiert werden können oder in der Fahrradfarbe gehaltenen Taschen.

Ernüchternde Bilanz

Drei Jahre nach der Eröffnung des "Stadtradlers" zieht Stout etwas ernüchtert Bilanz. Er steht immer noch alleine in seinem am Weg von der Karlskirche zur Technischen Universität gelegenen Geschäft. Auch den Kaffee kocht er noch selber. An den Händen sind Spuren von Fahrrad-Schmiere, denn Stout wartet und repariert Fahrräder auch selbst. Er trägt eine schwarze Jacke mit dem Logo seines früheren Arbeitgebers und die Vergangenheit als Nokia-Manager ist auch an den Boardingpässen präsent, die Stout als eine Art Mobile an Fahrradspeichen über dem Verkaufstresen gehängt hat. Stumme Zeugen zahlloser Geschäftsreisen, die er hinter sich hat: New York, Nizza, Barcelona und immer wieder nach Helsinki, zur Nokia-Zentrale.

Das Geschäft ist bisher noch nicht so rund gelaufen, wie er es sich erhofft hatte, gesteht er. Um einen Mitarbeiter anstellen zu können sind ihm die Umsätze zu gering oder das Risiko zu groß. Er will kein Hire-and-Fire-Chef sein, Mitarbeiter nicht vielleicht nach einigen Monaten oder am Ende der Saison wieder kündigen müssen. "Das Geschäft läuft jedes Jahr ein wenig besser. Aber eben nur ein wenig", sagt er. Möglicherweise könne er an einem anderen Standort mehr Räder verkaufen. Hier, in der Karlsgasse gäbe es etwas zu wenig Passanten und daher auch weniger Laufkundschaft. Ein Geschäftslokal an einer deutlich frequentierteren Straße, etwa im hippen siebenten Bezirk sei allerdings nicht leistbar. "Dort sind die Mieten bis zu viermal so hoch wie hier", bedauert er.

Gegen den Diskont-Wahn

Stout ist dennoch weiterhin überzeugt von seinen Azor-Rädern. Wenn er auch inzwischen sein Angebot etwas erweitert hat. So verkauft er mittlerweile auch Räder der Marken Gazelle oder der italienischen Marke Bella Ciao. Die sind etwas günstiger und auch leichter als die Hollandräder, die er nach Wien gebracht hat. So kann er auch etwas preissensitiveren Kunden Räder mit dem gewissen Retro-Charme anbieten. Dabei kann Stout den Spargedanken, den manche beim Kauf eines neuen Fahrrades an den Tag legen, nicht ganz nachvollziehen. "Jeder hat ein Smartphone, das 700 oder 800 Euro kostet. Aber ein Fahrrad, mit dem man jahrelang fahren will, soll am besten nur drei, vierhundert Euro kosten."

Als Fahrradverkäufer sieht er sich daher immer noch auf einer Art Mission, um die Käufer von Qualitätsprodukten zu überzeugen. Von Rädern, die langfristig Fahrvergnügen und Fahrspaß bieten. Und dass es keine besonders gute Idee ist, Räder im Super-Sonder-Abverkauf bei Bau- und Heimwerkermärkten zu kaufen.

Wie lange er noch die Motivation haben wird, diese Missionsarbeit zu erfüllen? "Ich habe mir fünf Jahre als Frist gesetzt", sagt Stout. "Dann sollte das Geschäft so laufen, dass es sich auch nach einer streng kaufmännischen Kalkulation rechnet." Bislang sei die Bilanz zwar positiv. Die Zeit, die er selbst in das Projekt Stadtradler investiert, ist dabei jedoch nicht einkalkuliert. Die jetzt beginnende, neue Radsaison ist für ihn wie eine neue Runde im Lotto: Neues Spiel, neues Glück. Zuversichtlich ist er immer noch: "Ich beobachte selbst, dass es in Wien immer mehr Radfahrer gibt. Jetzt fahren die Leute auch schon im Winter. Das war früher nicht der Fall."

Der "Stadtradler" befindet sich in der Karlsgasse 16, 1040 Wien
http://www.stadtradler.at/

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