Die Wut-Unternehmer - Schlechte Stimmung bei den Firmenbossen

Die Wut-Unternehmer - Schlechte Stimmung bei den Firmenbossen

In Rage: KTM-Chef Stefan Pierer und zahlreiche weitere österreichische Unternehmer.

Noch nie war die Stimmung unter Unternehmern so miserabel. Vom Wirt bis zum Konzernchef ist der Ärger über Regulierungswut und Abgabenlast riesig. Unmittelbare Folge: Die Investitionen sinken. Ein Stimmungsbild.

Der Brief des Wirtschaftskammer-Chefs brachte den Bäckermeister Johannes Weissensteiner aus Bad Kleinkirchheim endgültig aus der Fassung. Christoph Leitl hatte Anfang November eine politisch paktierte Lohnnebenkostensenkung um "fast eine Milliarde Euro" gefeiert, mit der "bis zu 14.000 Arbeitsplätze" geschaffen werden sollen. "Wer verantwortet eigentlich diese unglaublich sinnlosen und falschen Berechnungen und Prognosen?", klopfte Weissensteiner daraufhin erbost in die Tasten und rechnete dem Kammerboss vor, dass seinem Bäckerei-Café-Betrieb mit 70 Mitarbeitern durch die neuen Maßnahmen gerade einmal 6.000 Euro pro Jahr erspart blieben - viel zu wenig, um in neues Personal zu investieren.

"Wie lange will man uns kleine und mittelständische Unternehmer eigentlich noch für komplett dumm verkaufen?", schrieb sich der Kärntner daraufhin in Rage: "Die Grenzen der Zumutbarkeit sind bei den meisten von uns erreicht - wir werden uns zur Wehr setzen."

Weissensteiners Wut-Mail ist kein Einzelfall. Das Verhältnis weiter Teile der Wirtschaft zu ihren Interessenvertretungen und zur Politik ist so zerrüttet wie noch nie. Ein zorniger Wirt, der im Jänner die Granden der ÖVP bei deren Klubklausur im oberösterreichischen Bad Leonfelden nicht in sein Wirtshaus ließ, wurde danach gefeiert wie ein Held - und erhielt Hunderte zustimmende E-Mails und Anrufe. Die unheilige Dreifaltigkeit Allergenverordnung, Rauchverbot und Registrierkassenzwang lässt insbesondere die Gastronomen rotieren - doch auch Mittelständler und Industrielle kündigen der Politik zusehends die Gefolgschaft auf. Steigende Abgabenlast, ständig neue Regulierungen, völliger Vertrauensverlust in die Regierung - vom kleinen Wirt bis zum Konzernchef, vom Trafikanten bis zum mittelständischen Hidden Champion, vom Berater bis zum Banker herrscht enormer Frust (die wichtigsten Kritikpunkte lesen Sie in der Spalte nebenan). Wer dieser Tage in Unternehmerkreise hineinhört, merkt: Es brodelt nicht mehr nur, es kocht.

KTM-Eigentümer und -Vorstandschef Stefan Pierer, der mit seinem Motorradbauer von einem Rekordjahr zum nächsten eilt, lässt mit der fast flehentlichen Bitte aufhorchen, man möge ihn nicht vom Erfolg abhalten. An der mit Jahresbeginn in Kraft getretenen Steuerreform erkennt er weniger die Entlastung als "den Wust an Bürokratie", den diese nach sich zieht.

Die Motivation werde unter der rekordmäßig hohen Steuer- und Abgabenlast erdrückt: "Generell habe ich den Eindruck, dass der Politik Leistung und Engagement suspekt sind. Leistungsträgern ist es fast unmöglich, sich unter den derzeitigen Rahmenbedingungen Wohlstand aufzubauen", schimpft Pierer wortgewaltig.

Exakt zu dieser Grundstimmung passen die Ergebnisse des erstmals auch für Österreich durchgeführten internationalen CEO Survey der Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers (PwC), die trend exklusiv in Auszügen vorliegen. Denn während die meisten der heimischen Bosse in der Befragung angeben, große Pläne für ihre Unternehmen zu haben, sehen sie sich durch das heimische Steuersystem und die Überregulierung daran gehindert . "Die Unternehmen wollen etwas tun, aber das Umfeld lässt es nicht zu", fasst Aslan Milla zusammen, Senior Partner bei PwC Österreich.

Im Detail bereiten beispielsweise die steigende Steuerbelastung 81 Prozent und die Reaktion der Regierung auf Haushaltsdefizit und Schuldenlast 78 Prozent der österreichischen Chefs große Sorgen - bei ihren deutschen Kollegen sind es dagegen nur 41 bzw. 47 Prozent. Milla: "Es gibt in Österreich in der Beurteilung des Steuersystems und der Budgetpolitik signifikant schlechtere Werte als in Deutschland. Das hat sich in den letzten Jahren völlig gedreht."

Abwärtstrend

Doch verhindert womöglich diese pessimistische Grundhaltung, Chancen zu erkennen und zu ergreifen? In diese Kerbe schlug zuletzt Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner, der im trend wissen ließ, die Betriebe seien angesichts des niedrigen Ölpreises und des für die Exportwirtschaft günstigen Eurokurses selbst in der Pflicht, ihre Chancen besser zu nutzen. Schallt das uralte Klagelied über eine hypertrophe Bürokratie und zu hohe Steuern nur deshalb besonders laut, weil die Unternehmer wegen schlechter Konjunkturlage Anlass und Zeit zum Jammern haben?

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