Wüstenrot-Chefin Riess: "Ein politisches Amt ist nicht karrierefördernd"

15 Jahre nach dem Abschied aus der Politik spricht Susanne Riess über ihre Erfolge und Pläne bei Wüstenrot, kritisiert die EZB, lobt die Regierung Kurz und zeigt Verständnis für Eva Glawischnigs Wechsel zu Novomatic.

Susanne Riess

Susanne Riess

trend: Sie sind jetzt bereits seit 15 Jahren bei Wüstenrot, seit 14 Jahren an dessen Spitze, wird es eine Feier geben?
Susanne Riess: Nein, Mitarbeiter von mir sind eigentlich per Zufall darauf gekommen, dass es heuer schon 15 Jahre sind, aber ich bin nicht so der Typ für Jubiläumsfeiern.

Sie haben sich kürzlich der Wiederwahl zur Vorstandsvorsitzenden der Wüstenrot Gruppe gestellt. Warum eigentlich, was reizt einen an diesem Job?
Riess: Anders als es mir prophezeit wurde, ist das ein wahnsinnig spannender Job, weil sich der Markt, auf dem wir uns bewegen, sehr verändert. Eigentlich wird es immer spannender, mir war noch keinen einzigen Tag fad.

Wie verändert sich Wüstenrot angesichts dieser neuen Marktgegebenheiten?
Riess: Wir sind auf dem Weg zu einem Omnichannel-Anbieter und sind dabei, unser Onlineangebot auszubauen, ohne aber unseren Stammvertrieb zu vernachlässigen.

Ist Wüstenrot da nicht sehr spät dran mit dem Onlineangebot?
Riess: Wir waren die erste Versicherung in Österreich, die Onlineangebote hatte. Aber ich gebe Ihnen recht, die Finanzwirtschaft in ihrer Gesamtheit ist mit der Digitalisierung schon sehr spät dran. Das liegt aber zum Teil auch an der exzessiven Regulierung in unserer Branche.

Wie groß ist denn der Bewegungsspielraum für ein Unternehmen, das einerseits massiver Regulierung unterliegt, andererseits im Wachstum durch die europäische Zinspolitik stark gehemmt ist?
Riess: Es stimmt, man hat uns die Bewegung in vielen Bereichen sehr schwer gemacht. Ich spüre aber ein Umdenken in Richtung Proportionalität. So setzt sich etwa die deutsche Finanzaufsicht dafür ein, dass IT-Vorstände eines Finanzinstituts nicht alle Fit-und-Proper-Vorgaben erfüllen müssen.


Es ist frustrierend, dass man durch die EZB seit der Finanzkrise in seinem Wachstum so gehemmt wird.

Auf der anderen Seite drängen auch noch Fintechs in Ihren Markt. Haben Sie Angst, Geschäft an sie zu verlieren?
Riess: Überhaupt nicht. Ich denke, Fintechs haben dafür gesorgt, dass mehr Bewegung in die Banken gekommen ist, dass diese ihren Blick wieder mehr nach außen richten. Das Miteinander zwischen Fintechs und Finanzinstituten ist viel stärker, als es nach außen scheint. Google oder Amazon sind da sicher gefährlicher für uns.

Wie sieht die Kooperation zwischen Wüstenrot und den Fintechs aus?
Riess: Wir sind von Beginn an am we-Xelerate (Start-up-Hub, Anm.) beteiligt, um Neuerungen in unserem Bereich mitzubekommen. Aktuell sind wir mit zwei bis drei Firmen in Gesprächen über eine engere Zusammenarbeit. Infrage kommt eine Kooperation im Zahlungsverkehr, beim Datenmanagement oder bei der Automatisierung hauseigener Prozesse.

Ist es nicht frustrierend, dass man durch die EZB im Wachstum so gehemmt wird?
Riess: Und wie! Damit müssen wir jetzt seit der Finanzkrise leben, und die EZB ändert ihre Politik im Schneckentempo.

Sollten die Zinsanhebungen schneller erfolgen?
Riess: Ja, absolut. In Amerika hat die Notenbank viel schneller reagiert. Die Zeiten, wo Geld in den Markt gepumpt wurde, sollten auch angesichts der guten Wirtschaftsdaten vorbei sein. Das hat auch EZB-Mitglied Ewald Nowotny schon deutlich gesagt.

Warum sollte heute jemand überhaupt noch Bausparen?
Riess: Wir konnten im vergangenen Jahr auch beim Bausparen wieder viele Neukunden gewinnen, was daran liegt, dass die sichere Finanzierung von Wohnraum bei uns im Fokus steht und Bausparen auch eine große Tradition hat.

Viele Banken bauen ja gerade massiv Personal ab. Sie haben das bei Wüstenrot nicht vor?
Riess: Wir haben das großteils schon gemacht. Wir haben aus neun Landesdirektionen drei gemacht. Aktuell sparen wir auch einen Vorstandsposten ein. Überhaupt sind wir in den letzten Jahren viel schlanker und effizienter geworden. Wir verstärken uns vor allem qualitativ und investieren sehr viel in die Ausbildung unserer Mitarbeiter.

Wie wird sich die Bankenlandschaft in den nächsten fünf Jahren verändern?
Riess: Ich hoffe, dass Österreich sein Image als seriöser Bankplatz wieder aufpolieren kann. Sicher wird es weniger Banken am Markt geben, aber die Zukunft gehört nicht nur den Großbanken. Das sieht man auch daran, dass die erfolgreichsten und profitabelsten Banken momentan die Regionalbanken sind. Vor allem bei den Großbanken mit internationalen Eigentümern hat es in den letzten Jahren einfach zu viele Strategiewechsel gegeben.

Wie hat Österreich Ihrer Meinung nach die Finanzkrise bewältigt?
Riess: Es hätte besser gehen können. Manches hätte man retrospektiv sicher optimaler managen können. Auch die Bankensteuer war als Steuerungsinstrument viel zu simpel gestaltet. Wir haben uns viel zu leicht in ein Banken-Bashing treiben lassen. Das lag sicher auch am schlechten Marketing der Banken, wir haben es der Politik sehr leicht gemacht.

Leistbares Wohnen war ja ein wichtiges Wahlkampfthema. Wie lautet Ihr Rezept?
Riess: Man muss zunächst anders bauen, also weniger Single-Wohnungen am Stadtrand, dafür mehr Smart Homes und integrative Wohnmodelle. Und in Sachen Wohnbauförderung gehört etwas getan, jedes Bundesland verfährt hier unterschiedlich. Seit Jahren versuche ich die Regierungen dafür zu begeistern, die dringenden Themen des Lebens wie Wohnen, Pflege und Altersvorsorge in Hinblick auf die demografische Entwicklung gesamthaft anzugehen. Bislang ohne Erfolg.

Susanne Riess

Susanne Riess: "Das Thema Politik ist abgehakt. Ich werde mich politisch nicht mehr engagieren."

Haben Sie es bei der aktuellen Regierung auch schon versucht - das wäre doch etwas für das Nachhaltigkeitsministerium?
Riess: Stimmt - da würden die Themen gut hineinpassen und da wird es auch Gespräche geben.

Was sagen Sie überhaupt zur Performance der Regierung Kurz?
Riess: Ich erkenne in sehr vielen Bereichen mutige Vorstellungen, etwa dass sich die Regierung traut, das heiße Eisen "Sozialversicherung" anzugehen. Ich bin zuversichtlich, dass Sebastian Kurz hier wirklich etwas weiterbringt. Auch dieses neue Verständnis der Regierungspartnerschaft gefällt mir gut. Die Wähler wollen keine Regierung, die streitet. Dazu gehört auch eine Kommunikation aus einem Guss. Was mir aber bislang fehlt, ist, dass die Regierung das Pensionsthema endlich anpackt. Aber ich verstehe, dass man nicht alles auf einmal machen kann.

Würde es Sie unter der neuen politischen Konstellation nicht wieder reizen, mitzumachen?
Riess: Nein, das Thema ist abgehakt und ich wurde auch nicht gefragt. Es ist bekannt, dass ich mich politisch nicht mehr engagieren werde.

Aber Landeshauptfrau Mikl-Leitner haben Sie in deren Wahlkampf schon unterstützt.
Riess: Wir sind seit Jahren gute Freundinnen und ich halte sie für eine tolle, mutige Frau.

Gibt es noch andere Politiker, die mit Ihrer Unterstützung rechnen können?
Riess: Ich unterstütze Personen, nicht Parteien. Sebastian Kurz beeindruckt mich mit seiner Performance seit Jahren. Ich finde aber auch Sepp Schellhorn von den Neos sehr erfrischend.

Wenn Sie Schwarz-Blau II mit Schwarz-Blau I vergleichen, was macht die neue Regierung besser/schlechter?
Riess: Das kann man nicht vergleichen. Wir haben heute ganz andere Themen und andere Akteure.

Viel Kritik gab es an der Regierung ja wegen der vielfachen Umfärbeaktionen. Verstehen Sie die Kritik?
Riess: Das hätte man sicher eleganter machen können. Aber man muss schon sagen: das Umfärben ist keine Erfindung der neuen Regierung. Generell wäre es wünschenswert, wenn die Regierung für bestimmte Ämter ein Anforderungsprofil aufsetzt. Und derjenige, der die Anforderungen am besten erfüllt, sollte den Job bekommen, egal, welcher Partei er angehört.

Apropos umfärben: In Kürze wird das OeNB-Präsidium neu besetzt. Wäre das nicht etwas für Sie?
Riess: Nein, da gibt es sehr honorige Leute, die bestens dafür geeignet sind. Ich nenne aber jetzt keine Namen, sonst schadet ihnen das womöglich. Es sollten aber jedenfalls kompetente Personen aus der Finanzwirtschaft sein.

Die Ex-Grünen-Chefin Eva Glawischnig ist zum Glücksspielkonzern Novomatic gegangen und wurde dafür hart kritisiert. Haben Sie dafür Verständnis?
Riess: Das ist ihre Entscheidung, sie ist niemandem verpflichtet. Aber generell ist zu sagen, dass sich Politiker in Österreich beim Umstieg schon schwertun. Ein politisches Amt ist hierzulande nicht unbedingt karrierefördernd. Die Durchlässigkeit ist in anderen Ländern größer.

In den 15 Jahren, seit Sie bei Wüstenrot sind, sind in den Chefetagen der Banken kaum mehr Frauen dazugekommen. Wieso?
Riess: Ich habe dafür keine rationale Erklärung, wahrscheinlich haben Frauen weniger diese "Hoppla-jetzt-kommeich-Mentalität". Jedenfalls gibt es dort, wo ich das Sagen habe, sehr viel mehr Frauen in Führungspositionen.

Zur Person

Susanne Riess , 57, ist seit 2003 bei Wüstenrot, seit 2004 als Vorstandsvorsitzende. Die gebürtige Braunauerin (OÖ) war davor von 2000 bis 2003 Vizekanzlerin in der Regierung Schwarz-Blau I. Sie ist Aufsichtsrätin im Verbund und bei Signa, seit Kurzem auch Vizepräsidentin im Bankenverband.


Das Interview ist der trend-Ausgabe 22/2018 vom 1. Juni 2018 entnommen.

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