Woran Amerikas Mittelschicht krankt

Woran Amerikas Mittelschicht krankt

Die US-Mittelschicht verarmt rapide. Viele von ihnen könnten Donald Trump wählen.

N-tv-Starkommentator Markus Koch, lebt und berichtet seit über 25 Jahren über die USA und die Wall Street. Bei seinem jüngsten Wien-Aufenthalt erzählt er, woran die US-Mittelschicht krankt, warum viele das Establishment abwählen wollen und unter welchen ökonomischen Rahmenbedingungen er persönlich in den USA zu leiden hat.

Es ist die amerikanische Mittelschicht vor der US-Präsidentin Hillary Clinton zittern muss. Denn viele Bürger haben genug von den Eliten, die ihnen in den vergangenen Jahren sinkenden Lebensstandard gebracht haben. Denn die Mittelschicht ist in den Vereinigten Staaten den vergangenen Jahren massiv erodiert. Während vor 40 Jahren 62 Prozent des US-Haushaltseinkommens an die Mittelschicht ging, waren es 2014 nur noch 43 Prozent.

"Trump ist nicht das Problem, sondern nur das Symptom"

Nach außen scheint die Krise überwunden. Während Obamas Amtszeit wurden zehn Millionen Jobs geschaffen und die Arbeitslosenquote sank von über zehn Prozent auf unter fünf Prozent. Doch das ändert nichts an den vielen Probleme des Landes, die, die Mittelschicht massiv unter Druck gebracht hat. Markus Koch, Star-Kommentator des deutschen Nachrichtensenders N-tv, der seit 25 Jahren in den USA lebt, erzählt bei seinem jüngsten Wien-Besuch Anlegern, warum US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump nicht das Problem, sondern nur ein Symptom, vor allem der US-Mittelschicht ist.

Schuldenlast privater Haushalte als Hauptproblem

Börsenkommentator Koch erachtet als Hauptproblem der US-Bürger die hohe Schuldenlast, die, die Privathaushalte tragen. Zwar wird die Verschuldung der amerikanischen Privathaushalte langsam abgebaut - so ist die Schuldenquote im Vergleich zu 2008 zwar gesunken - der Grad der Verschuldung der US-Haushalte ist dennoch immer noch höher als zu jedem Zeitpunkt vor dem Jahr 2006. Zudem ist in der Sparrate auch die Tilgung der Schulden enthalten. Da es nicht in den Konsum fließt, zählt das in den USA als Teil der Sparrate. "Damit ist die aktuelle Sparrate der Amerikaner wesentlich geringer als es scheint, da ein wesentlicher Teil davon in die Schuldentilgung fließt", so Koch. Ein weiteres Problem: In den USA zahlt man auf Schulden, die durch Kreditkarten angehäuft werden, zwischen 20 und 24 Prozent Zinsen pro Jahr, obwohl das Zinsniveau bei null Prozent liegt. Seine Schulden los zu werden, ist deshalb nach wie vor kein leichtes Unterfangen, denn in den USA leben viele auf Kreditkarten-Pump. Was bleibt sind Vermögenswerte. Doch diese sind seit der Finanzkrise 2008 stark geschrumpft. „Ein Schock, der noch vielen Menschen in den Knochen steckt“, weiß Koch.

3-köpfige Familie zahlt 2.200 Dollar Krankenversicherung im Monat

Die USA hat zudem einer der teuersten Gesundheitssysteme der Welt - und doch geht es den Einwohnern schlechter als vielen in Westeuropa. Die Lebenserwartung jenseits des Atlantiks niedriger. Gleichzeitig steigen die Kosten für die Gesundheit merklich. In den vergangenen sieben Jahren bis 2014 sind die Ausgaben für Gesundheit um bis zu 260 Prozent in die Höhe geschnellt. Koch selbst hat die Erhöhung bereits deutlich zu spüren bekommen: Seit ObamaCare hat sich seine Krankenversicherung um über 100 Prozent verteuert. Er zahlt für sich, seine Frau und sein Kind 2.200 Dollar Krankenversicherung im Monat. Vor vier Jahren lagen die Kosten dafür noch bei 800 Dollar im Monat. ObamaCare ist insgesamt betrachtet zwar erfolgreich, weil mittlerweile rund 9 Prozent der Amerikaner haben eine Krankenversicherung, aber der Begriff ist dehnbar. Denn die Krankenversicherung kann man erst in Anspruch nehmen, wenn man vorher den 2.000 Dollar-Freibetrag aufbraucht hat. Erst dann tritt die Krankenversicherung überhaupt in Kraft. Da die Versicherung nicht alles abdeckt, braucht man auch noch eine Co-Krankenversicherung, die sich ebenfalls mehr als verdoppelt hat. Ärzte und Kliniken berechnen für ihre Leistungen deutlich mehr als in anderen Ländern. Die Kosten für einen einfachen Allergietest können sich schnell auf mehr als 2.000 Euro summieren. Der Tagessatz auf einer Intensivstation übersteigt schnell 10.000 Euro. Das kann sich nicht jeder leisten. Gleichzeitig sind die Löhne innerhalb von zehn Jahren nur um 32 Prozent gestiegen.

Ruinöse Studiengebühren

Die Studiengebühren in den USA sind ruinös. Selbst von öffentlichen Universitäten. Eine private Universität kostet im Jahr rund 38.000 Dollar, für eine öffentliche Uni muss man 14.000 Dollar im Jahr hinblättern. Das Ergebnis: US-Studenten sitzen zurzeit insgesamt auf einem Schuldenberg von 1,3 Billionen Dollar. Ein Student hat nach drei Jahren Studium im Schnitt einen Schuldenberg von knapp 29.000 Dollar, so mancher aber gar 150.000 Dollar - wenn sie vorher nichts zur Seite gelegt haben. In den vergangenen zehn Jahren sind die Studiengebühren im Schnitt um mehr als 25 Prozent gestiegen. Koch hat bei der Geburt seiner Tochter eine Bildungsversicherung abgeschlossen. 10.000 Dollar sind für Bildungskosten steuerfrei absetzbar.
"Diesen Betrag muss ich auch sparen, weil ich sonst nicht in der Lage sein werden, später die Bildungskosten meiner Tochter zu tragen", so Koch. Wie sehr Studenten leiden, zeigen die Suppenküchen. 200 Colleges verfügen bereits über eine solche. Dadurch müssen Studenten während ihres Studiums zumindest nicht mehr hungern. Einer der Gründe ist, dass viele Bundesstaaten die Unterstützung der College-Ausbildung in den vergangenen Jahren stark reduziert haben und die republikanischen Mehrheiten auf immer mehr Kürzungen drängen. Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg ist alleine deshalb eine junge Generation mit Lebensbedingungen konfrontiert, die unter dem Niveau ihrer Eltern liegen.

Mit Trump das Establishment abwählen

Wie die Wahlen ausgehen, hängt daher auch stark von den frustrierten Wählern ab, die sich immer mehr von den Eliten und damit vom Establishment abwenden. Koch: „Wenn die Mittelschicht stark schrumpft und die Menschen verarmen, ist es nicht verwunderlich, dass die Politik Schwierigkeiten bekommt“. Menschen verstünden zwar nicht warum es ihnen schlechter geht, aber dass es so ist wissen, „deshalb wollen sie eine Veränderung.“

Die amerikanische Bevölkerung verliert zunehmend das Vertrauen in die Elite. Das zeigt sich nach Einschätzung Kochs, auch daran, dass in einem Vorreiterland des Kapitalismus, ein demokratischer Sozialist wie Bernie Sanders fast Präsidentschaftskandidat geworden wäre. Selbst wenn Trump nicht gewinnt, wird die Erosion der Mittelschicht und dessen Ursachen nicht verschwinden. Das amerikanische Volk ist deshalb gespalten. Es gehe bei der Wahl nicht mehr um die Frage, ob man einen Demokraten oder einen Republikaner wählt, sondern ob man für das Establishment ist oder dagegen. Seit Occupy Wall Street, Tea Party, Donald Trump und Burnie Sandes sieht man eine starke Tendenz in diese Richtung. Alle samt haben einen Gegner: Das Establishment..

Milliardenschweres Wirtschaftspaket wahrscheinlich

Entscheidend welche Macht der neue Präsident haben wird, um Veränderungen durchzusetzen, wird jedoch sein, wie groß der Wahlsieg des jeweiligen Kandidaten ausfallen wird. Wenn Clinton gewinnt und die Demokraten auch den Senat und den Kongress mehrheitlich gewinnen, wäre die Durchschlagskraft hoch. Dann könnten die Demokraten durchreagieren und einen strukturellen Wandel mit sich bringen oder eben auch Trump. Eine solche Mehrheit gab es bereits 2008 als US-Präsident Barack Obama das Weiße Haus gewonnen hat und die Demokraten die Mehrheit im Senat und Strukturreformen umsetzten. Danach gab es ein fast 790 Milliarden Dollar Wirtschaftspaket, die Bankenregulierung wurde durchgesetzt und die Gesundheitsreform durchgewunken. Koch: "Das ging nur, weil die Demokraten jedes Organ in der amerikanischen Politik mehrheitlich dominiert haben." Derzeit werden Senat und Repräsentantenhaus, beide von Republikanern dominiert. Vor dem neuerlichen Hochkochen der Clinton-E-Mail-Affäre lag die Wahrscheinlichkeit , dass die beide die Seiten wechseln, bei 55 Prozent.

Bernie Sanders vor Comeback in Clinton-Regierung?

Wenn etwa der Senat wieder mehrheitlich von den Demokraten besetzt ist, wird Bernie Sandes, so Koch, voraussichtlich eine dominantere Rolle spielen. Er könnte Ausschüsse leiten, etwa für den Arbeitsmarkt, die Pensionskassen, Gesundheit und Bildung. Das sind wichtige Bereiche, bei denen auch wichtige Reformen anstehen. Das würde auch bedeutet, dass sich in diesem Fall die Banken weiterhin warm anziehen müssen.

Was Clinton und Trump versprechen

Doch ob die Wahl Clintons oder Trumps etwas ändern, um die Verarmung der Mittelschicht zu stoppen, lässt sich derzeit nicht abschätzen. Zumindest die Studenten könnten bei einer Wahl Clintons aufatmen. Sie hat ein 350 Milliarden Dollar schweres Reformpaket vorgestellt, das Ausbildung und Kredite bezahlbarer machen soll. Sanders will, dass die zweijährigen öffentlichen Colleges gänzlich kostenlos sind, und möchte das Geld dafür durch eine Steuer auf Aktienhandel aufbringen. Dass Clinton oder Sanders das Bildungssystem grundlegend ändern, schließen viele Beobachter aber aus.
Clinton hat zudem versprochen die Krankenversicherungsbeiträge für Familien wieder leistbar zu machen. Donald Trump will "Obamacare" gleich ganz abschaffen und ersetzen. Das System sei ein Betrug, zu teuer, und würde 2017 ohnehin "implodieren", sagte Trump. Er setzt jedoch auf mehr Privatinitiativen. Der freie Markt soll es regeln. Versicherungsbeiträge sollen steuerlich absetzbar werden.

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