WKÖ warnt vor "historischer Kostenwelle" bei Lebensmitteln

Der Fachverband der Lebensmittelindustrie in der Wirtschaftskammer sieht als Folge des Kriegs in der Ukraine eine historische Kostenwelle auf Österreich zurollen. Die Folgen für die Konsumenten seien noch nicht absehbar.

Die Ukraine gilt unter anderem als Kornkammer Europas. Die WKÖ befürchtet wegen des Kriegs massive Preissteigerungen.

Die Ukraine gilt unter anderem als Kornkammer Europas. Die WKÖ befürchtet wegen des Kriegs massive Preissteigerungen.

Der Krieg in der Ukraine hat zu einem starken Anstieg der Energie- und Agrarrohstoffpreise geführt. Katharina Koßdorff, Geschäftsführerin des WKÖ-Fachverbands der Lebensmittelindustrie, sieht daher die heimische Lebensmittelindustrie unter Druck. Die Lebensmittelhersteller müssten "scharf kalkulieren" und mit ihren Kunden "partnerschaftliche Gespräche führen, um diese Situation zu schultern", argumentiert Koßdorff.

Bereits durch die Coronapandemie und schlechte Ernten habe es einen "exorbitanten Preisschub" für die Unternehmen geben, sagte Koßdorff. "Das hat sich durch den Ukraine-Krieg massiv verschärft." Die Kosten für Energie, Rohstoffe, Logistik und Verpackung hätten "noch eine immense Dynamik bekommen".

Die Teuerung bei Lebensmitteln könnte deswegen im laufenden Jahr noch recht deutlich ausfallen. Eine Prognose wollte Koßdorff dazu allerdings nicht abgeben und erklärte: "Das kann man seriöserweise nicht sagen."

Zuletzt (Februar 2022) lag die Inflationsrate für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke über alle Produkte bei 4,3 %. Die Preissteigerungen sind je nach Produktgruppe recht unterschiedlich ausgefallen. Sie lagen zwischen 3 % für Fleisch und 22 % für Butter.

Die Inflationsprognosen werden aber immer weiter hinaufgeschraubt. Wegen der hohen Energiepreise erwarten die Experten von Raiffeisen Research für 2022 in Österreich nun eine Teuerungsrate von 6,5 Prozent im Jahresschnitt, das wäre das höchste Niveau seit über 40 Jahren. Die Eurozone steuert laut Raiffeisen Research mit 6,3 Prozent auf einen neuen Rekord seit Beginn der Währungsunion zu.

Preissprünge bei Weizen, Mais, Raps und Dünger

Die Weizennotierung an der Warenterminbörse Euronext in Paris liegt aktuell 25 Prozent über dem Niveau vor dem Ukraine-Krieg. Der temporäre Wegfall der Weizenexporte Russlands und der Ukraine für den Weltmarkt habe "ein Kursfeuerwerk für Weizen" verursacht, erklärt die AMA in einem Marktbericht. Der Pariser Weizenkontrakt stieg von 287 Euro je Tonne am 23. Februar auf das Allzeithoch von 396 Euro und sank dann wieder auf 360 Euro. In der EU wird viel mehr Weizen angebaut als verbraucht. Die EU ist der größte Weizenexporteur der Welt, vor Russland, Australien und der Ukraine.

In den nächsten Wochen und Monaten wird auch die sichere Maisversorgung in der Europäischen Union ein Thema sein. 52 Prozent der Maisimporte der EU stammen laut AMA normalerweise aus der Ukraine. Die Maiskurse stiegen in Paris ebenfalls um 25 Prozent durch die Lieferunfähigkeit der Ukraine von 267 Euro je Tonne am 23. Februar auf 335 Euro am 16. März. Am Wiener Kassamarkt kletterte der Maispreis sogar um 30 Prozent auf 325 Euro (9. März). Zusätzlich zur Ukraine-Krise ließen die Exportbeschränkungen Ungarns, dem Hauptlieferanten für die Maisimporte Österreichs, die Preise steigen.

Der Pariser Rapskurs kletterte seit Beginn des Ukraine-Kriegs um 25 Prozent auf das Allzeithoch von 928,50 Euro je Tonne (17. März). Die Ukraine spiele im Hinblick auf Sonnenblumenöl- und Rapslieferungen in die EU eine bedeutende Rolle und die gestiegenen Rohölpreise hätten ebenfalls unterstützend für die Ölsaaten gewirkt, heißt es im AMA-Marktbericht.

Auch bei den Düngemittelpreisen gab es kräftige Kurssprünge, weil Russland ein bedeutender Düngemittellieferant für den Weltmarkt ist und die russischen Gaslieferungen in die EU für die ansässige Kalkammonsalpeterherstellung Bedeutung haben. Unter anderem gab es bei den Preisen für Kalkammonsalpeter und Harnstoff ein Allzeithoch.

Österreichs Agrar- und Lebensmittelimporte aus Russland und der Ukraine sind vergleichsweise nicht hoch. Aber die beiden Länder würden als große Agrarexporteure, etwa bei Getreide, Obst, Ölsaaten und Soja die Preisbildung in Europa mitbestimmen, sagte die WKÖ-Vertreterin Koßdorff. Russland habe auch indirekt große Bedeutung für die heimische Lebensmittelindustrie, weil Österreich von Erdgas aus Russland sehr stark abhängig sei.

Lebensmittelindustrie-Vertreterin Koßdorff bittet Konsumenten aufgrund des Ukraine-Kriegs nicht Vorräte zu "hamstern". "Die Versorgung Österreichs mit Lebensmitteln, Futtermitteln und Getränken ist gesichert." Auch die Versorgung mit Sonnenblumenöl sei sichergestellt. "Es braucht sich keiner Sorgen machen."

Wirtschaftsforscher: erhebliche Kosten für alle

Russlands Krieg in der Ukraine wird für die Menschen in Deutschland - und auch in Österreich - nach Einschätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) teuer werden. "Es ist mit erheblichen Kosten zu rechnen, die wir alle zu tragen haben", sagt IW-Ökonomin Galina Kolev. "Wenn der Gaspreis auf heutigem Niveau bleibt, dann haben wir eine zusätzliche Inflationsrate von etwa zweieinhalb Prozentpunkten." Nahrungsmittel- und Rohstoffpreise stiegen, in der Industrie komme es wegen fehlender Vorprodukte zu Produktionsstillständen, das Wirtschaftswachstum werde erheblich beeinträchtigt. Hinzu kämen die Kosten für die rasche Anpassung der Energieversorgung, um die Abhängigkeit von russischem Gas und Öl zu senken: "All das wird sich dauerhaft auswirken."

Kurzfristig Unabhängigkeit von russischer Energie zu schaffen sei unrealistisch, betonte auch Sebastian Dullien vom IMK-Institut: "Dekarbonisierung ist ein Langstreckenlauf, kein Sprint."

Ifo-Präsident Clemens Fuest warnte hingegen vor einer Überforderung des Staates und mahnte: "Man sollte nicht überdramatisieren". Auch aus der Wirtschaft gebe es eine Flut von Forderungen, "der Staat soll Unternehmen von jeder Widrigkeit des Lebens abschotten". Eine Senkung der Mehrwertsteuer beim Sprit wäre jedoch für den Fiskus teuer und käme den Besitzern großer Autos am meisten zugute. Besser seien gezielte Hilfen für Pendler und für arme Haushalte; vielleicht auch ein höheres Kindergeld, um Familien zu helfen.

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