Wirtschaftsforscher Dennis Snower: "Vieles wird verschleiert"

Wirtschaftsforscher Dennis Snower: "Vieles wird verschleiert"
Wirtschaftsforscher Dennis Snower: "Vieles wird verschleiert"

Dennis Snower fordert vier Konten für vier Wahrheiten - als Basis für eine Reform des Wohlfahrtsstaats.

Der bekannte Ökonom Dennis Snower schlägt vor, den Bürgern mittels Konten einen besseren Bezug zu den Einnahmen und den Ausgaben des Staates zu ermöglichen.

FORMAT: Herr Professor, wie stark steht aus Ihrer Sicht unser Wohlfahrtsstaat unter Druck?

Dennis Snower: Der Druck ist viel größer, als die meisten das wahrnehmen. Das hängt auch damit zusammen, dass die Konkurrenz zu den Schwellenländern unglaublich wächst. Diese Länder investieren sehr stark in Infrastruktur und in Humankapital. Da es immer einfacher wird, die Produktion in andere Teile der Welt zu verlagern, muss der Wohlfahrtsstaat hier eine Wettbewerbsfähigkeit erlauben, sonst sind die Chancen, dass man da besteht, mittelfristig sehr schlecht. Dazu kommt, was ebenfalls sehr schlecht ist, dass sich der Staat zunehmend von den Bürgern entfernt hat - von ihren Bedürfnissen und Entscheidungen.

Aber wo beginnt man dann mit Änderungen?

Snower: Ich meine, man könnte zwei Dinge zugleich machen: Den Staat näher an die Bürger bringen und zur gleichen Zeit die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. Das würde gelingen, indem man den Individuen wieder die Möglichkeit gibt, über wohlfahrtsstaatliche Dienstleistungen zu entscheiden, und zur gleichen Zeit nur die Menschen, die es brauchen, unterstützt.

Aber wie soll dieser Prozess vonstatten gehen? Vom derzeitigen System profitieren viele - während die, denen ein neues nützen würde, oft noch gar nicht geboren sind und damit keine Stimme und keine Macht haben.

Snower: Es sind zwei Gruppen, die vom derzeitigen Wohlfahrtsstaat-Modell benachteiligt werden: Zum einen die, die wirklich benachteiligt sind - sie bekommen zu wenig Unterstützung. Denn die Haupteinnahmen und -ausgaben gehen von der linken Tasche der Mittelschicht in die rechte Tasche der Mittelschicht, ohne dass in den Köpfen der Beteiligten ein Zusammenhang hergestellt wird. Sie zahlen viele Steuern, ohne dass ihnen das bewusst ist und sie dafür Förderungen, Unterstützungen und Fürsorge erhalten. Daher haben die Leute extrem ineffiziente Anreize, ihre Art, zu leben, zu ändern, weil sie nicht wissen, dass, wenn sie wohlfahrtsstaatliche Ausgaben erzeugen, auch die Steuern damit beeinflusst werden. Und die zweite Gruppe sind eben die, die noch nicht am Leben sind und daher nicht am Verhandlungstisch sein können. Ein Kontensystem würde beides beheben. Schon wenn man die derzeit gültigen Systeme genau so erhält, wie sie jetzt sind, aber sie einfach als Konten uminterpretiert, dann würde einem sehr viel auffallen, was jetzt verschleiert bleibt. Und dadurch würde sich auch das soziale Bewusstsein ändern.

Also sind Sie für weniger Umverteilung?

Snower: Weniger Beiträge und Ausgaben für die Mittelklasse, dafür mehr Umverteilung zugunsten derer, die in der Gesellschaft wirklich benachteiligt sind. Da würde jeder Einsicht haben. Und wo immer möglich, sollte es Hilfe zur Selbsthilfe, die Möglichkeit, Eigenverantwortung zu übernehmen, geben. Dann würden wir als Gesellschaft am besten dastehen.

Sie schlagen verschiedene Konten vor. Wenn ich krank werden, würde das von meinem Gesundheitskonto abgebucht werden? Könnte ich mir dann die Behandlungen noch leisten, wenn ich eine chronische Krankheit bekomme?

Snower: Das, was vom Gesundheitskonto abgebucht wird, sind nicht die Kosten ihrer Gesundheit, sondern Versicherungsprämien. Diejenigen, die sich wenig leisten können, deren Konten müssten subventioniert werden, etwa von Steuern aus den Konten der Reichen.

Wenn es nur noch das Pensionskonto gäbe, hätte das nicht eine Abschaffung des staatlichen Pensionsalters zur Folge?

Snower: Keine Sorge. Die Möglichkeiten, die die Bürger jetzt haben, würden erhalten bleiben. Sie können weiterhin zum jetzigen Pensionsalter in Pension gehen. Aber wenn sie länger arbeiten wollen, dann würde das ihnen auf dem Konto gutgerechnet, und sie könnten später mehr bekommen. Das ist einfach eine Erweiterung der Möglichkeiten.

Wenn sich alles um die eigenen Konten dreht, wie sollten dann Beamte, Lehrer, Richter, Politiker oder Polizisten bezahlt werden?

Snower: Ich glaube, wenn man das radikal angeht, dann ist es chancenlos, weil man sich nicht die Größe des Wandels vorstellen kann. Daher schlage ich vor, dass wir es so unradikal und so konservativ wie möglich gestalten. Gut kann man es sich beim Arbeitslosengeld vorstellen. Alles bleibt, wie es ist, aber jeder sieht sein Konto, auf das die Beiträge fließen, die er einzahlt und womit sein Arbeitslosengeld finanziert wird. Im derzeitigen System werden die vielen Leute, die das Glück haben, nie oder nur kurz arbeitslos zu sein, am Ende ihres werktätigen Lebens zur Gänze "enteignet". Mein Vorschlag wäre, dass es keine hundertprozentige Enteignung gibt, sondern nur eine partielle, eben, dass man etwas davon zurück bekommt. Dadurch würden genügend Anreize kommen, das System effizienter zu machen, weil man ja etwas zurückbekommen möchte.

Das klingt so einfach, aber irgendwie unrealistisch.

Snower: Das jetzige System beschränkt die Leute in ihrer Entscheidungsfreiheit. Und wenn man das lösen könnte und ihnen einfach mehr Entscheidungsfreiheit geben würde ohne ihre jetzigen Optionen einzuengen, dann würde es jedem auffallen, dass das besser ist.


Wenn man Änderungen radikal angeht, ist es chancenlos, weil man sich nicht die Größe des Wandels vorstellen kann."

Welches Wohlfahrtsmodell halten Sie für das beste?

Snower: Es gibt viele Elemente in den verschiedenen Ländern, die sich in gute Richtungen bewegt haben. Etwa in Bezug auf Beschäftigung hat sich viel in Österreich getan, was durchaus nachahmbar ist. In Bezug auf das Gesundheitswesen haben Großbritannien und Schweden interessante Elemente. Bei den Pensionen geht es fast überall in Europa Richtung Konten. Das Wichtige ist, dass die Bürger einen besseren Bezug zu der Beziehung zwischen Einnahmen und Ausgaben des Staates bekommen.

Wenn wir unseren Wohlfahrtsstaat reformieren wollen und zudem unter hoher Arbeitslosenquote leiden, was sollen wir tun? Wo fangen wir an? Oder sind Sie optimistisch, was die wirtschaftlichen Aussichten für Europa anbelangt?

Snower: Das ist sehr schwer zu sagen. Es hat bis jetzt extrem lange gedauert, dass wir die 2008er-Krise überwunden haben, und viele Länder wie Spanien stecken noch immer in der wirtschaftlichen Krise. Meiner Ansicht nach wird die westliche Welt in nächster Zeit nicht so stark wachsen wie vorher, weil Konsum, Investitionen und Staatsausgaben durch das Budget beengt sind.

Sind Sie noch ab und zu in Österreich, abgesehen von Symposien? Wie hat es sich ergeben, dass Sie als US-Staatsbürger in Wien aufwuchsen?

Snower: Ganz einfach: Meine Mutter war Österreicherin, mein Vater Amerikaner, und meine Eltern sind von Amerika nach Wien zurückgekehrt. Ich ging in eine amerikanische Schule, deshalb hatte ich nicht so einen engen Bezug zum deutschsprachigen Raum, bis ich dann nach Kiel kam. Obwohl ich immer mehrmals pro Jahr in Österreich gewesen bin: Ich war am Institut für Höhere Studien beschäftigt, jetzt bin ich im wissenschaftlichen Beirat vom IHS und beim Wifo. Österreich habe ich immer sehr geschätzt , von dort komme ich, daher will ich immer wieder dorthin.

Das Modell von Dennis Snower

Auf vier Wahrheiten müsse eine Reform des Wohlfahrtsstaat beruhen: Bedürftige gehören unterstützt, Wohlstand gründet sich auf Arbeit, wie viel man arbeitet, hängt von den Anreizen ab, und es ist töricht, Sozialleistungen über ein Kontrollsystem sowjetischen Vorbilds zu verteilen, so Snower. Er schlägt vor, das jetzige Steuer- und Transfersystem durch ein Sozialkontosystem zu ersetzen.

Jeder Erwachsene erhält in dem Modell vier Konten: ein Rentenkonto, ein Arbeitslosigkeitskonto, ein Fähigkeitskonto (für Umschulungen) sowie ein Gesundheitskonto.

Anstatt Abgaben zur Finanzierung des Sozialstaats zu bezahlen, würden arbeitende Menschen auf die vier Konten Beiträge einzahlen. Der Mindestbeitrag und der Entnahmehöchstbetrag wären abhängig von Alter und Einkommen. Wer wenig verdient, bekommt Überweisungen vom Staat, ab einer bestimmten Höhe würden Steuern fällig. Sozialleistungen würden von Staat und Privatsektor bereitgestellt - der Kontoinhaber hätte die freie Wahl.

Zur Person

Dennis Snower ist seit 2004 Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel und zählt zu den profiliertesten Ökonomen Deutschlands. Der 63-jährige amerikanische Wirtschaftswissenschaftler, der in Wien geboren wurde, hat revolutionäre und radikal liberale Ideen, um den Wohlfahrtsstaat zu reformieren - sein Ausgangspunkt ist ein Kontosystem. Snower war vor 30 Jahren Erfinder der "Insider-Outsider-Theorie" des Arbeitsmarkts, die eine Erklärung liefert, weshalb sinkende Löhne nicht zu einer Vollbeschäftigung führen würden.

Das Interview erschien ursprünglich in FORMAT Nr. 37/2014 vom 12. September 2014.
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