Wirecard-Skandal: Geldwäsche-Fahnder prüfen 144 "relevante Vorgänge"

Mehr als hundert Verdachtsmeldungen liegen vor. Die Staatsanwaltschaft will sich zudem das Vermögen der Ex-Wirecard-Manager greifen. Geheimdiensten prüfen nun die Kontakte von Ex-Vorstand Marsalek.

Wirecard-Skandal: Geldwäsche-Fahnder prüfen 144 "relevante Vorgänge"

Bonn/Aschheim. Im Wirecard-Skandal prüft die deutsche Anti-Geldwäsche-Einheit FIU mittlerweile 144 Vorgänge, die als relevant für die Vorwürfe gegen den Zahlungsdienstleister eingestuft werden. Sie teilten sich in 102 Verdachtsmeldungen und 42 sonstige Informationen auf, gab ein Zoll-Sprecher am Montag in Bonn bekannt.

Die Mehrzahl der Verdachtsmeldungen sei der FIU erst nach dem 22. Juni 2020 zugeleitet worden. An diesem Tag hatte Wirecard Luftbuchungen von 1,9 Mrd. Euro eingeräumt. Die "Bild"-Zeitung hatte zunächst über die Zahl der Prüfvorgänge berichtet.

Bis zum 22. Juni hätten der FIU im Rahmen ihrer Analyse zur Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung zwei Verdachtsmeldungen in Zusammenhang mit den ersten Vorwürfen gegenüber Wirecard vorgelegen, erläuterte der Zoll-Sprecher. Diese Meldungen seien bereits im Jahr 2019 an das zuständige Landeskriminalamt Bayern abgegeben worden. Zusätzlich sei die Finanzaufsicht BaFin unterrichtet worden. Die FIU habe insoweit ihr vorliegende relevante Erkenntnisse zu Wirecard unmittelbar weitergeleitet und sei damit ihrem gesetzlichen Auftrag vollumfänglich nachgekommen.

Seitdem bewerte die FIU im Rahmen einer vertieften Analyseoperation nochmals alle ihr bisher vorliegenden Informationen zu Wirecard einschließlich der neu bei ihr eingehenden Verdachtsmeldungen im Lichte der aktuellen Erkenntnisse. Dabei habe die FIU den Kriterienkatalog der Untersuchung – über ihren gesetzlichen Kernauftrag hinaus – um Bilanzbetrug, Insiderhandel, Marktmanipulation sowie Betrugs- und Untreuevorwürfe erweitert.

Die Münchner Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Wirecard seit 2015 Scheingewinne auswies - und ermittelt wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs. Der Schaden für die kreditgebenden Banken und Investoren könnte sich auf 3,2 Mrd. Euro summieren.

Zugriff auf Vermögenswerte der Ex-Wirecard-Manager

Die Staatsanwaltschaft greift nun auch auf erhoffte Vermögenswerte bei früheren Top-Managern zu. Die Strafverfolger erwirkten beim Amtsgericht München sogenannte Arrestbeschlüsse in dreistelliger Millionenhöhe bei insgesamt vier Personen und drei Gesellschaften, teilte die Staatsanwaltschaft am Montag mit. Zuerst hatte darüber die "Süddeutsche Zeitung" berichtet.

Nach Angaben zweier mit dem Vorgang vertrauter Personen ist unter den Managern auch der frühere aus Österreich stammende Vorstandschef Markus Braun, der wegen Betrugsverdachts in Untersuchungshaft sitzt. Brauns Verteidiger war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Mit solchen Arrestbeschlüssen versucht die Staatsanwaltschaft, für die Geschädigten des mutmaßlich milliardenschweren Betrugs zu retten, was zu retten ist. Damit dürfen unter anderem Banken Geldbeträge von Konten der Betroffenen nicht mehr auszahlen. Die in derartigen Beschlüssen genannten Summen besagen aber normalerweise nicht, wieviel Geld tatsächlich noch vorhanden ist - sondern lediglich, bis zu welcher Höhe die Staatsanwaltschaft Zugriff hätte.

Um wenigstens einen Bruchteil der Forderungen von Wirecard-Geschädigten zu erfüllen, hat Insolvenzverwalter Michael Jaffe parallel mit der Zerschlagung des Konzerns begonnen.

Die deutschen Geheimdienste haben sich nach Angaben des Kanzleramts im Finanzausschuss des Bundestages in der Vergangenheit nicht mit dem Zahlungsabwickler Wirecard beschäftigt. Hierzu habe es weder eine gesetzliche Grundlage noch einen Anlass gegeben, sagte Hendrik Hoppenstedt, Staatsminister im Kanzleramt, am Montag laut Teilnehmern bei der Sondersitzung des Ausschusses in Berlin.

Auch mit Blick auf den ehemaligen Wirecard-Vorstand Jan Marsalek hätten keinerlei Erkenntnisse vorgelegen, die ein Tätigwerden der Nachrichtendienste gerechtfertigt hätten. Mittlerweile gebe es aber Prüfungen, weil Marsalek in der Presse Kontakte zu Geheimdiensten - insbesondere aus Russland - nachgesagt würden.

Marsalek ist auf der Flucht. Der Österreicher gilt als Schlüsselfigur in dem milliardenschweren Bilanzskandal, der zur Insolvenz des früheren DAX-Unternehmens geführt hat. Hoppenstedt ergänzte, die deutsche Regierung stimme momentan einen Maßnahmenkatalog mit Konsequenzen aus dem Fall ab.

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