Wirecard: Aufmischer im Zahlungsverkehr und im Dax

Der Wiener Markus Braun eine ganz große Nummer - und weltweit einflussreich: Unter Brauns Führung hat sich das deutsche Payment-Unternehmen Wirecard zu einem Star seiner Branche entwickelt, der an der Börse schon mehr wert ist als die Deutsche Bank und nun die Commerzbank aus dem Dax drängte.

Wirecard CEO Markus Braun

Wirecard CEO Markus Braun: Unter seiner Führung wurde das Unternehmen vom 30-Mann-Betrieb zu einer weltweit erfolgreichen Company.

Der 24. September 2018 ist ein historisches Datum für den Zahlungsdienstleister Wirecard: Es ist der Tag, an dem das Unternehmen in den deutschen Leitindex Dax aufsteigt und dort die Commerzbank ablöst. Doch es ist nicht nur für Wirecard selbst ein Meilenstein: Der 24. September 2018 kann auch als Stichtag für den Triumph eines Start-ups, einer Internet-Company über die Old Economy gesehen werden. Eine Erfolgsgeschichte, wie man sie bislang fast nur aus den USA kannte, wo High-Tech-Giganten wie Apple, Google, Amazon oder Microsoft den Takt vorgeben.

Maßgeblich verantwortlich für den Aufstieg und den anhaltenden Erfolg von Wirecard ist ein Österreicher. Der Wiener Markus Braun, unter dessen Führung der Aufstieg des erst 1999 gegründeten Unternehmen vom nur in Deutschland aktiven Dienstleister zu einem global erfolgreichen Payment-Solutions-Anbieter einsetzte. Als der vormalige KPMG-Berater im Jahr 2002 seine Arbeit als CEO begann hatte Wirecard gerade einmal 30 Mitarbeiter. Mittlerweile zählt das Unternehmen über 5.000 Beschäftigte. Und fast die Hälfte des Umsatzes erwirtschaftet Wirecard mittlerweile in Asien, wo digitale Bezahlmöglichkeiten inzwischen häufiger genutzt werden als Bargeld oder Kreditkarten.

Es sagt viel über Markus Braun, dass er auch den zweiten, fragmentarischen Band von Robert Musils mehr als 2.000 Seiten starkem Jahrhundertroman "Mann ohne Eigenschaften" zu Ende gelesen hat. Durchhalten, wenn andere längst das Handtuch werfen, selbst in verstreuten Bruchstücken noch den großen Entwurf erkennen, das Was-wäre-wenn analysieren - diese Eigenschaften haben den 49-jährigen Informatikexperten aus Wien-Hietzing zum Milliardär gemacht. Zumindest auf dem Papier.


DARWIN'S CIRCLE

Wirecard CEO Markus Braun ist einer der Top-Speaker bei der Technologie-Konferenz "Darwin's Circle" zur digitalen Transformation der Wirtschaft und Gesellschaft in Europa, die am 27. September 2018 in ihre zweite Runde geht.


Brauns Sieben-Prozent-Anteil an dem Payment-Solutions-Unternehmen Wirecard, den er über seine "MB Beteiligungsgesellschaft" hält, ist bei der aktuellen Marktkapitalisierung von 22,03 Milliarden Euro bereits über 1,5 Milliarden Euro wert. Und Wirecard ist damit an der Börse inzwischen auch mehr wert als die Deutsche Bank, deren Marktkapitalisierung zum Dax-Debut von Wirecard bei 21,7 Milliarden Euro lag.

Beim Start in die Dax-Ära lag der Kurs der Wirecard-Aktie (ISIN DE0007472060) bei 180 Euro. Im laufenden Jahr hat er damit bereits um über 90 Prozent (93,20 %) zugelegt, und gegenüber September 2017 beträgt der Kursgewinn stolze 139 Prozent. Es ist kein Höhenflug einer Eintagsfliege. Auch im Jahr davor hatte sich der Wert des Papiers bereits verdoppelt.(siehe Chart). In Deutschland wird Braun mittlerweile bereits als "Mr. Fintech" tituliert. Seine Gage betrug zuletzt (im Jahr 2017) stolze 2,3 Millionen Euro und dürfte 2018 angesichts des enormen Kursgewinns an der Börse und der außerordentlich guten Performance des Unternehmens deutlich darüber liegen.

Wirecard ISIN DE0007472060; Stand zur Börseneröffnung vom 24.9.2018: 180,20 €. Für aktuelle Kusinformationen klicken Sie bitte auf den Chart.

Wirecard ISIN DE0007472060; Stand zur Börseneröffnung vom 24.9.2018: 180,20 €. Für aktuelle Kusinformationen klicken Sie bitte auf den Chart.

Hidden Giant

Die Wirecard AG, deren Hauptsitz in einem Industriepark in Aschheim bei München liegt, könnte einer der raren Digitalkonzerne Europas werden, die in ihrer Branche global den Ton angeben. Die Firma matcht sich mit Unternehmen wie Worldpay oder Global Payments - Anbieter, die für den Kunden kaum sichtbar sind und dennoch im weltweiten E-Commerce-Boom mitwachsen, weil sie im Hintergrund Bezahltechnologien und Abwicklung koordinieren. Und somit von der allgegenwärtigen Digitalisierung profitieren. Mit der App "boon" hat Wirecard eine auch digitale Kreditkarte fürs Shoppen kreiert.

Die Wirecard-Firmenzentrale in Aschheim bei München

Die Wirecard-Zentrale in Aschheim bei München

In Österreich zählen zum Beispiel die Swarovski Kristallwelten zu den Kunden. Dank Wirecard können die vielen chinesischen Touristen in der Tiroler Touristenattraktion mit der in China beliebten Zahlungsmethode Alipay bezahlen. Mit der Österreichischen Post bietet Wirecard einen Echtzeit-Bezahlservice für Behördenrechnungen an. Fast um 50 Prozent wuchsen in dem global tätigen Unternehmen 2017 die Umsätze - auf 1,5 Milliarden Euro. Das Vorsteuerergebnis stieg auf über 400 Millionen Euro.

Am 16. August legte Wirecard die Ergebnisse für das erste Halbjahr 2018 vor, und die waren wieder einmal erstaunlich. Das Volumen der von Wirecard abgewickelten Transaktionen stieg im ersten Halbjahr 2018 um 48,5 Prozent, der konsolidierte Umsatz entwickelte sich mit einem Plus von 45,8 Prozent nahezu parallel. Der operative Gewinn (EBITDA) wuchs um 39 Prozent, der freie Cahsflow um 40,2 Prozent. Für Braun wichtige Kennzahlen, denn er, der die Dotcom-Verrücktheiten rund um den Jahrtausendwechsel erlebt hat, weiß, dass selbst die tollsten Fantasien ohne Gewinne wenig wert sind.

--> Zum Download des Interims-Reports vom 16. August 2018

Brauns lapidar klingender Kommentar zu den Ergebnissen des ersten Halbjahres 2018: "Wir verzeichnen ein starkes organisches Wachstum, nicht zuletzt wegen des sich beschleunigenden Digitalisierungs-Prozesses, der in vielen Sektoren erst in einem frühen Anfangsstadium ist. Das Management geht daher davon aus, dass das starke Wachstum in der zweiten Jahreshälfte weiter anhält und hat die Gewinnprognose für das laufende Geschäftsjahr auf "zwischen 530 und 560 Millionen Euro" angehoben."

Innovations-besessen

Braun ist überzeugt, dass der Höhenflug noch lange nicht zu Ende ist. "Heute sind nur zwei bis vier Prozent der weltweiten Zahlungsvorgänge voll digitalisiert. Man sieht also, dass der Digitalisierungsprozess erst am Anfang steht", sagt der Unternehmer, der die Stärken von Wirecard in der internationalen Abwicklung, im Risikomanagement und in der Datenanalyse sieht. Sein Ziel ist klar: "das global führende Unternehmen im Bereich Zahlungsabwicklung zu werden und auf allen Erdteilen Händler und Konsumenten in Echtzeit über alle Kanäle hinweg auf einer digitalen Plattform zu verbinden". Österreicher sind in dieser Story zentral: Im Wirecard-Aufsichtsrat sitzt mit Speedinvest-Partner Stefan Klestil ein hochkarätiger Kenner der europäischen Fintech-Szene und auch Brauns Vorstandskollege Jan Marsalek ist ein Landsmann.

Öffentlichkeitsarbeit ist nicht Brauns Lieblingsdisziplin. Zwar ist er regelmäßig Gast bei großen Digitalkonferenzen wie im Herbst beim "Darwin's Circle" in Wien oder Ende Jänner bei einem Fintech-Forum in Paris. Doch traditionelle, kritische Wirtschaftsmedien mied er bisher.

Die von Wirecard entwickelte "boon" App ermöglicht automatisches Bezahlen via Smartphone oder Smartwatch.

Die von Wirecard entwickelte "boon" App ermöglicht automatisches Bezahlen via Smartphone oder Smartwatch.

Der Hintergrund ist, dass Wirecard in den letzten Jahren medial regelmäßig unter Beschuss bekommen, einmal wegen mutmaßlich intransparenter Bilanzen, ein andermal wegen angeblicher Abwicklung von Zahlungen für Offshore-Glücksspielanbieter - zutage gekommen im Zuge der "Paradise Papers"- Enthüllungen. Wirecard wies diese Attacken stets als haltlos zurück. Der CEO, dunkelblauer Rollkragenpulli, randlose Brille, lächelt nur müde, wenn man ihn darauf anspricht: Er nehme das gelassen, der Erfolg ziehe nun einmal Neider an.

Politischer Unterstützer

Unrund wird er hingegen, wenn man ihn auf seine politische Unterstützerrolle in Österreich anspricht. Als sein Name im Herbst in den Großspenderlisten von Sebastian Kurz auftauchte, konnte ihn niemand so richtig einordnen. 70.000 Euro hat Braun dem späteren Wahlsieger in zwei Tranchen gespendet. Schon in den Jahren davor hatte er die Neos kräftig unterstützt, mit in Summe 150.000 Euro. An dem früheren Neos-Chef Matthias Strolz und an Kurz schätzt er jene Offenheit des Denkens, die er auch für sein eigenes Business als essenziell betrachtet: "Ich liebe den permanenten Innovationsprozess."

Vor einem Zwischenfazit zur türkis-blauen Koalition hütet er sich jedoch: Dem Bundeskanzler von der Seitenlinie hineinzurufen hielte er für arrogant. Fan von Großen Koalitionen ist er jedoch nicht, weder in Österreich noch in Deutschland.

Die Verbundenheit mit der Heimat bleibt ihm, der während seines Wirtschaftsinformatik-Studiums in Wien an der Volkshochschule unterrichtete und vor seinem Sprung nach München bei der Consultingfirma Contrast gearbeitet hat, so oder so erhalten. Denn Brauns philosophisch-analytische Betrachtungen der Welt, manchmal sprachlich verschnörkelt, sind ein wenig auch großen österreichischen Literaten wie Robert Musil oder Heimito von Doderer geschuldet - wobei er "Die Dämonen" der "Strudlhofstiege" vorzieht. Von ihnen, sagt er, könne man ganzheitliche Betrachtungsweise lernen.


Der Artikel ist in einer ursprünglichen Version unter dem Titel "Der Aufmischer" am 9.2.2018 in der trend-Ausgabe 6/2018 erschienen.

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