Siemens-Chef Hesoun: "Stärken mit der Digitalisierung verbinden"

Siemens Österreich Vorstandschef Wolfgang Hesoun und Portraits des Konzerngründers Werner von Siemens.

Wolfgang Hesoun will das Erbe von Tüftlern wie Konzerngründer Werner von Siemens (Porträts links) mit Digitalisierung verbinden.

Für Siemens-Österreich-Vorstandschef Wolfgang Hesoun hat Europa in der aktuellen Phase der Digitalisierung gute Karten. Standortpolitisch bringt ihn einiges in Rage - etwa das Flughafen-Urteil.

trend: Vor kurzem besuchte Siemens-CEO Joe Kaeser gemeinsam mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel den neuen US-Präsidenten Donald Trump. War es für Siemens wichtig, da dabei zu sein?
Wolfgang Hesoun: Wir haben über 60.000 Mitarbeiter und eine ganze Menge Produktionsstätten in den USA und erfüllen schon seit geraumer Zeit die Kriterien des "Buy American"-Act. Aber natürlich betrifft uns auch alles, was globale Auswirkungen hat. Darum ist es nur zu begrüßen, wenn man auf höchstem Niveau Zusammenhänge besprechen und erklären kann.

trend: Macht die Globalisierung jetzt auf Geheiß der Politik Pause?
Hesoun: Man kann die globalen Lieferketten nicht kappen - jedenfalls nicht sinnhaft. Nehmen Sie nur Europa: Wir sind von Wien aus für 19 Länder Ost-und Südosteuropas zuständig. Wir haben Leistungselektronikwerke in Rumänien, die sehr eng mit Produktionen in Österreich zusammenarbeiten. Erst die Summe dieser Teile ergibt Wettbewerbsfähigkeit. Der Weltmarkt funktioniert nicht anders, nur in größerem Maßstab. Das lässt sich nicht zurückdrehen.

trend: Was sagen Sie einem Kollegen wie Spar-Chef Gerhard Drexel, der seinen Konzern gegen Freihandelsabkommen wie CETA mobilisiert hat?
Hesoun: Diese Diskussion haben wir ausgelassen. Natürlich ist die Fairness im Wettbewerb wichtig. Aber CETA ist ein Ersatzschauplatz. Jede Zusammenarbeit mit unseren Nachbarländern ist intensiver als jene zwischen der EU und Kanada. Das geht sehr ins Populistische und Protektionistische hinein. Aber das alles ist nicht entscheidend. Wirklich wichtig ist, dass wir uns in Europa wieder auf unsere Stärken besinnen.


Wir wissen, wie Physik, Chemie und Metallurgie funktionieren. Das müssen wir jetzt mit der Digitalisierung verbinden.

trend: Die da wären?
Hesoun: In unserer neuen Siemens-Kampagne, "Ingenuity for life", versuchen wir etwa die große Tradition der Ingenieurleistung in unserem Haus zu betonen -wir sind keine reinen Händler oder Projektabwickler. Wir in Europa kennen die Produktion, wir wissen, wie Physik, Chemie und Metallurgie funktionieren. Und das müssen wir jetzt mit der Digitalisierung verbinden. Wir haben jetzt zum Beispiel durch den 3D-Druck neue Produktionsmöglichkeiten: Wir können spezifische Anforderungen unserer Kunden erfüllen. Statt Großserien können wir jetzt auch in der Losgröße eins zu vertretbaren Konditionen produzieren.

trend: Und Sie versuchen inzwischen ganze Stadtteile zu digitalisieren.
Hesoun: Richtig. Die Seestadt Aspern ist weltweit eines der größten Smart-City-Projekte. Da haben sowohl die Stadt Wien als auch Siemens viel Geld in die Hand genommen. Digitalisierung findet ja nicht nur im Produktionsbereich, sondern auch in der Gebäudetechnik, in der Energieversorgung oder aber im Bereich der Mobilität statt. Energieeffizienz, Speichertechnologie, Netzsicherheit -das sind die Dinge, mit denen wir uns beschäftigen. Aspern ist der Nukleus für eine Stadt der Zukunft, die wir versuchen in die Praxis umzusetzen. Hier sind wir eindeutig in einer Vorreiterrolle. Das wollen wir auch in einem insgesamt herausfordernden Umfeld stärker betonen.

Siemens Österreich Vorstandschef Wolfgang Hesoun (Mitte) beim Interview mit trend-Chefredakteur Andras Weber (re) und trend-Redakteur Bernhard Ecker.

Siemens Österreich Vorstandschef Wolfgang Hesoun (Mitte) beim Interview mit trend-Chefredakteur Andras Weber (re) und trend-Redakteur Bernhard Ecker.

trend: Sie meinen also, Europa hat noch eine Chance, nachdem es die erste große digitale Welle verschlafen hat, aus der Giganten wie Google und Facebook hervorgegangen sind?
Hesoun: Ja. Wir haben laut einer Studie der EU-Kommission in diesem Bereich einen Vorsprung von sieben bis zehn Jahren gegenüber dem Weltmarkt. Schauen wir uns doch die Relationen an. Google & Co. sind die Überlebenden der Dotcom-Blase

trend: ...allerdings heute die wirtschaftlichen Weltmächte.
Hesoun: Schon richtig. Aber auch manch ein US-Hersteller von Elektroautos produziert im Verhältnis zu den klassischen Autobauern Stückzahlen in Promillegrößen. In der Darstellung ist das Thema etwas hypertroph.


Wir haben die Nase vorn, wir treiben das Thema

trend: Haben Sie ähnlich wie die Autoindustrie mit Tesla auch Herausforderer, die Sie vor fünf Jahren noch nicht einmal im Rückspiegel gesehen haben?
Hesoun: Wir nähern uns mit dem Wissen der Produktionsverfahren von unten an ein Thema an, auf das sich IT-Unternehmen von oben draufsetzen wollen. Wir haben da die Nase vorn, weil wir mit dem Basiswissen die Kunden besser verstehen und sie auf die nächste Entwicklungsstufe heben können. Da geht es nicht um Mithalten, sondern wir treiben das Thema. Bei den Hard Facts ist Siemens, ebenso wie die europäische Wirtschaft, ungefährdet. Was nicht heißt, dass die Kollegen aus der digitalen Welt nicht auch ihre Berechtigung haben.

trend: Nun wird ständig von tollen Produktivitätsfortschritten in digitalisierten Fabriken gesprochen. Was bedeutet das aber im Endeffekt für die Arbeitsplätze?
Hesoun: Es wird immer von Jobraub gesprochen, dabei ist die Wahrheit ganz einfach. Entweder wir sind dabei, mit allen Problemen und Chancen. Oder wir sind nicht dabei -dann haben wir nur Probleme. Was sich ändert, sind die Anforderungen.

trend: Eine Studie des Unternehmensberaters A. T. Kearney letztes Jahr ist zu dem Schluss gekommen, dass in den nächsten 25 Jahren durch die Digitalisierung 44 Prozent der Arbeitsplätze in Österreich bedroht sind.
Hesoun: Die Studie ist abenteuerlich. Sie baut auf einer englischen Studie auf, die etwas eigenartig adaptiert wurde. Es wurde angenommen, dass sich ab Eintreten veränderter Rahmenbedingungen die nächsten 25 Jahre lang nichts ändert. Diese Annahme hätte man auch vor 25 Jahren treffen können und man wäre zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Denn sie impliziert, dass sich die Wirtschaft nicht anpasst oder anpassen kann -was natürlich Unsinn ist. Ich will damit aber nicht behaupten, dass die Digitalisierung spurlos an unserem Arbeitsmarkt vorbeigeht.


Die Annahme, dass sich die Wirtschaft nicht anpasst oder anpassen kann ist Unsinn.

trend: Eine Studie des Unternehmensberaters A. T. Kearney letztes Jahr ist zu dem Schluss gekommen, dass in den nächsten 25 Jahren durch die Digitalisierung 44 Prozent der Arbeitsplätze in Österreich bedroht sind.
Hesoun: Die Studie ist abenteuerlich. Sie baut auf einer englischen Studie auf, die etwas eigenartig adaptiert wurde. Es wurde angenommen, dass sich ab Eintreten veränderter Rahmenbedingungen die nächsten 25 Jahre lang nichts ändert. Diese Annahme hätte man auch vor 25 Jahren treffen können und man wäre zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Denn sie impliziert, dass sich die Wirtschaft nicht anpasst oder anpassen kann -was natürlich Unsinn ist. Ich will damit aber nicht behaupten, dass die Digitalisierung spurlos an unserem Arbeitsmarkt vorbeigeht.

trend: Wen wird es treffen?
Hesoun: Der hohe Automatisierungsgrad hat im Bereich der Blue-Collar-Jobs bereits viel rationalisiert. Deshalb werden meiner Meinung nach weniger die Arbeiter betroffen sein als die Projektentwickler und Ingenieure an der Peripherie. Da wird die Fachkraft bei Daimler in Stuttgart oder bei Audi in Ingolstadt eben direkt auf den Computer des Zulieferers in Oberösterreich zugreifen. Die Zwischenschritte fallen weg. Dieses Problem kann ich über Wachstum in den Griff bekommen, und wir müssen versuchen, diese Ingenieure in den Mangelberuf IT-Techniker zu bekommen.

trend: Also kriegen auch Sie die Fachleute für die Digitalisierung nicht?
Hesoun: Wir suchen derzeit für eine unserer Softwarefirmen in Linz über 30 Mitarbeiter und finden keine. In Österreich wurde eine Zeit lang zu wenig ausgebildet, die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, Anm.) sind leider unterrepräsentiert. Das Problem ist, dass das Bildungssystem vier oder fünf Jahre Vorlaufzeit hat. Den Nutzen aus den jetzt neu aufgesetzten Fachhochschulstudiengängen werden wir erst in einigen Jahren schöpfen können.


In den hochwertigen Bereichen kommen auch die Arbeitsmärkte in Osteuropa an ihre Grenzen.

trend: Und was machen Sie bis dahin?
Hesoun: Entweder wir kaufen die Leistung zu oder wir suchen innerhalb von Europa nach Leuten. Es gibt in der EU, besonders in Osteuropa, genügend flexible, leistungsbereite Menschen, die in diese Szene hineinwachsen. In den hochwertigen Bereichen kommen allerdings auch die Arbeitsmärkte in Osteuropa an ihre Grenzen.

trend: Können Sie auch in Ihrer Funktion als Präsident der Industriellenvereinigung (IV) Wien den Ausbildungsdefiziten entgegenwirken?
Hesoun: Ja, wir haben Kooperationen mit Wiener Schulen, in denen wir vor allem den Lehrern Betriebswirtschaft, wirtschaftliche Zusammenhänge etc. vermitteln. Das klappt wirklich gut.

trend: Sie sind einer der wenigen Generaldirektoren, die die Stimmung für schlechter als die Lage halten.
Hesoun: Ja, und ich bleibe dabei, mit gutem Grund. Schauen Sie sich doch die realen Zahlen an. Wir haben einen Rekordstand an Beschäftigten - das ist am Wichtigsten. Ein Gutteil der zusätzlichen Arbeitslosigkeit ergibt sich ja aus dem qualifizierten Zuzug aus dem uns umgebenden Ausland. Insgesamt leiden wir auf einem hohen Niveau.

trend: Die Regierung streitet auf hohem Niveau.
Hesoun: Die Liste der Ende Jänner neu definierten Regierungsvorhaben ist zum Teil wirklich gut: Lohnnebenkostensenkung, Forschungsprämie, Investitionsanreize etc.


Wir werden nicht umhinkommen, uns den Notwendigkeiten des Marktes zu stellen.

trend: Nur die Arbeitszeitflexibilisierung fehlt. Wo steht der Generaldirektor und Sozialdemokrat Hesoun in dieser Sache, die von der Arbeiterkammer gleich einmal als "brutaler Lohnraub" markiert wurde?
Hesoun: Wir werden nicht umhinkommen, uns den Notwendigkeiten des Marktes zu stellen. Viele Betriebsräte und Mitarbeiter können nachvollziehen, dass man auf externe Lagen flexibel reagieren muss. Bisher stehen die Chefs mit einem Fuß im Kriminal, wenn sie das tun.

trend: Wird es bis zum Sommer, wie von der Regierung vorgegeben, zu einer Einigung zwischen den Sozialpartnern kommen?
Hesoun: Ich wünsche es mir. Nur: Mit den Positionen, die jetzt in der Öffentlichkeit eingenagelt werden, wird eine vernünftige Umsetzung schwer zu finden sein. Bei Siemens haben wir das Thema durch Betriebsvereinbarungen im Rahmen der geltenden Gesetze ganz gut im Griff.

trend: Sollte man die Flexibilisierung nicht überhaupt auf betrieblicher Ebene regeln?
Hesoun: Da rennen Sie bei mir offene Türen ein. Aber in der Belegschafts- wie auch in der Wirtschaftsvertretung werden Dinge hochgehalten, die vielleicht in der breiten Masse gar nicht mehr so benötigt werden. Mehr Praxisnähe wäre wichtig.


Wir alle wünschen uns, dass wir weniger zahlen und mehr Leistung bekommen.

trend: Apropos Wirtschaftskammer: Die hat ja immerhin gerade eine große Reform angekündigt, mit der über 100 Millionen Euro pro Jahr eingespart werden sollen. Könnte das ein Reformvorbild für viele andere sein?
Hesoun: Ich kenne die Reform im Detail noch nicht. Was sich abzeichnet, ist Degression für die großen Zahler. Das ist zumindest schon einmal positiv. Ob es besser auch noch ginge, kann ich nicht beantworten. Wir alle wünschen uns, dass wir weniger zahlen und mehr Leistung bekommen.

trend: Muss sich auch die IV intern reformieren? Der Baukonzern Strabag ist immerhin ausgetreten, ein anderes prominentes Mitglied aus der Verpackungsindustrie hat seine Zahlungen ruhend gestellt.
Hesoun: Wenn jemand nicht mehr will, soll er es sein lassen. Die IV wird ebenfalls Strukturanpassungen vornehmen, wobei die Wirtschaftskammer einen deutlich höheren Bedarf als die IV hat.

trend: Wie beurteilen Sie die Absage der dritten Piste am Wiener Flughafen durch das Verwaltungsgericht - was sind die Konsequenzen für den Standort?
Hesoun: Jeder Gehsteig, den ich baue, verbraucht Fläche und produziert CO2 in der Umsetzung. Wenn das die Kriterien zukünftiger Genehmigungen sind, dann werden wir den Wirtschaftsstandort abhaken müssen. Der Zorn der Wirtschaft über solche aus dem Nirwana kommenden Urteile ist groß. Jeder Investor überlegt sich dreimal, ob er hier investieren soll. Was Rechtssicherheit betrifft, ist das ein Skandal. Vor allem wenn man sieht, dass die Objektivität jener, die das Urteil ausgesprochen haben, in krassem Widerspruch zu deren Vortätigkeiten steht, dann frage ich mich generell, was das soll. Das geht überhaupt nicht, das gefährdet unseren Wirtschaftsstandort!

trend: Wien und Industrie, passt das überhaupt noch zusammen?
Hesoun: Es gibt immer wieder Härtefälle. Durch die hohe Nachfrage nach zusätzlichem Wohnraum rücken Produktion und Wohnraum immer näher zusammen. Bisher haben wir aber immer eine gute Form der Zusammenarbeit zwischen Industrie und Verwaltung gefunden. Der Produktionsstandort Wien funktioniert sehr gut.

trend: Noch ein Detail zu Ihren persönlichen Digitalisierungsambitionen. Wir haben ein Twitter-Profil eines Wolfgang Hesoun gefunden. Können wir jetzt die große Social-Media-Offensive des Siemens-CEO erwarten?
Hesoun: Von mir persönlich mit Garantie nicht. Aber es ist interessant, mitzuverfolgen, was öffentliche Entscheidungsträger, wie beispielsweise den aktuellen Gesprächspartner von Angela Merkel in den USA, bewegt.


Zur Person

Wolfgang Hesoun , 57, leitet seit sieben Jahren die Österreich-Tochter des deutschen Technologiemultis Siemens, davor war er beim Baukonzern Porr. Seit 2012 ist er Präsident der Industriellenvereinigung Wien. Die Siemens-Gruppe erzielte in Österreich zuletzt einen Umsatz von 3,3 Milliarden Euro und beschäftigte 10.200 Mitarbeiter -Anfang der 1990er-Jahre waren es noch doppelt so viele. Hesoun, bekennender Sozialdemokrat, ist auch für das Siemens-Geschäft in 19 Ländern Ost-und Südosteuropas mit einem Umsatz von 4,6 Milliarden Euro verantwortlich.

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