„Wir schlagen uns klar unter Wert“

Inflation, Lohnkosten, Energiepreise: Der WIRTSCHAFTSSTANDORT ÖSTERREICH steht vor den größten Herausforderungen seit Jahren, sagt HARALD BREIT, CEO von Deloitte Österreich. Er fordert rasche steuerliche Entlastungsmaßnahmen und eine Beschleunigung der Energiewende, um den Wohlstand abzusichern.

Zur Person. Harald Breit ist seit Juni 2021 CEO von Deloitte Österreich. Er verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Wirtschaftsprüfung und Beratung von nationalen sowie internationalen Unternehmen und Privatpersonen und teilt seine Expertise im Rahmen diverser Lehr- und Vortragstätigkeiten.

Zur Person. Harald Breit ist seit Juni 2021 CEO von Deloitte Österreich. Er verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Wirtschaftsprüfung und Beratung von nationalen sowie internationalen Unternehmen und Privatpersonen und teilt seine Expertise im Rahmen diverser Lehr- und Vortragstätigkeiten.

trend: Wie steht der Wirtschaftsstandort Österreich heute da? Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?
Harald Breit: Im Rahmen des Deloitte Radars untersuchen wir jährlich die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Österreich. Die diesjährige Umfrage unter österreichischen top Führungskräften belegt: Der Standort ist mit den größten Herausforderungen seit Jahren konfrontiert. Einerseits sind die Folgen der Corona-Pandemie noch nicht bewältigt, andererseits hat der Ukraine- Krieg weitreichende ökonomische Auswirkungen. Die Herausforderungen für die Unternehmen reichen von stetig steigenden Kosten – Stichworte Inflation, Lohnkosten und Energiepreise – über den Arbeitskräftemangel bis hin zu den allgegenwärtigen Problemen bei den globalen Lieferketten und der Rohstoffknappheit.

Wie sieht es im internationalen Vergleich aus?
Im internationalen Vergleich befindet sich Österreich seit Jahren nur im Mittelfeld. Da schlagen wir uns klar unter Wert. Wir sollten uns an den Besten, allen voran den skandinavischen Ländern, messen und uns in den nächsten Jahren eine Position unter den top fünf in Europa als Ziel setzen. Dafür müssen wir aber unsere Einstellung zu Themen wie Bildung, Forschung und Entwicklung sowie generell zum Unternehmertum ändern. Außerdem müssten wir endlich Themen wie Entbürokratisierung und Digitalisierung mutig angehen.

Wo gilt es, rasch bei den Rahmenbedingungen einzugreifen, um das Umfeld für Unternehmen zu verbessern?
Die Unternehmen haben laut unserer jüngsten Umfrage klare Vorstellungen, an welchen Schrauben jetzt gedreht werden muss, um ihnen das Wirtschaften zu erleichtern: Als effizienteste Maßnahmen werden der Ausbau der ­erneuerbaren Energien, die Digitalisierung der Verwaltung, die Senkung der Lohnnebenkosten und Einkommensteuern sowie die Förderungen von ­Investitionen für Umwelttechnologien genannt. Gerade bei Fragen der Energieversorgung brennt der Hut – unser Wohlstand wird in den nächsten Jahren vor allem davon abhängen, wie schnell wir die Wende hin zu erneuerbaren Energien schaffen.

Sie haben es bereits angedeutet: Laut dem Deloitte Radar betrifft einer der wichtigsten Punkte das Thema Steuersenkungen. Wie realistisch ist das?
Eine Entlastung der Unternehmen in Österreich ist vor dem Hintergrund der angespannten Kostensituation das Gebot der Stunde. Der Staat nimmt durch die Rekordinflation derzeit viele Steuern ein. Um den negativen Dominoeffekt in der Wirtschaft zu unterbrechen, braucht es jetzt rasche Erleichterungen. Die Senkung der Lohnnebenkosten sowie die Abschaffung der kalten Progression werden seit Jahren von einer überwiegenden Mehrheit gefordert. Jetzt sind diese steuerlichen Maßnahmen ­dringender denn je und sollten mutig angegangen werden.


Visionäre braucht es immer, in guten und in schlechten Zeiten

Harald Breit, Deloitte

Der Arbeitsmarkt scheint sich von den Folgen der Pandemie weitgehend erholt zu haben, viele Unternehmen haben erhebliche Probleme damit, offene Stellen zu besetzen. Welche Maßnahmen setzen erfolgreiche Unternehmen in diesem Bereich?
Den allgegenwärtigen ­Arbeitskräftemangel nehmen wir bei Gesprächen mit Kunden täglich wahr. Die Unternehmen setzen unterschiedliche Maßnahmen, um hier gegenzusteuern. Es gibt Industriebetriebe, die um neue Mitarbeiter werben, lange bevor diese auf den Arbeitsmarkt kommen – das beginnt bereits in den Schulen mit Bewusstseinsbildung und Information. Zudem suchen Unternehmen Kooperationen mit Fachhochschulen und Universitäten, um deren Absolventen anzusprechen. Generell ist gute Bezahlung heute längst nicht mehr das Allheilmittel. Es braucht von den Unternehmen sehr hohes Engagement für die Mitarbeiter in ihren jeweiligen Lebensphasen. Qualifiziertes Personal ist mittlerweile die absolut kritische und entscheidende Ressource im Wettbewerb. Man muss die Bedürfnisse der Arbeitnehmer erkennen und moderne Angebote bieten – das reicht von flexiblen Arbeitszeiten über Homeoffice-Möglichkeiten bis hin zum Thema Fortbildung. Last, but not least suchen gerade jüngere Mitarbeiter heute nach einem tieferen Sinn in ihrer Arbeit – den muss ihnen ein Unternehmen ­geben können.

Viele EU-Mitglieder ziehen an uns vorbei in Sachen Wettbewerbsfähigkeit, Produktivität, Innovation. Laut der aktuellen EU-Prognose liegt Österreich bloß im Mittelfeld. Ist das Unternehmertum hierzulande zum Opfer der im internationalen Vergleich sehr hohen Staatshilfen seit 2020 geworden? Wäre es sinnvoll, Hilfen wie beispielsweise Kurzarbeit zu beenden und die Rolle des Staates zu überdenken?
Die umfassenden Hilfsmaßnahmen gerade zu Beginn der Pandemie sind in weiten Teilen der Wirtschaft unbestritten. Das rasche Eingreifen des Staates war notwendig, um die Folgen der Lockdowns abzufedern und die Wirtschaft am Leben zu halten. Damit konnte Schlimmeres verhindert werden – gerade in wichtigen Branchen wie dem Tourismus. Auch jetzt gibt es Unternehmen, bei denen aufgrund enormer Probleme bei den Lieferketten Kurzarbeit der einzige Ausweg ist. Aber natürlich können solche Hilfen des Staates keine langfristige, nachhaltige Lösung sein. Vielmehr braucht es strukturelle Reformen, steuerliche Erleichterungen und Anreize für einen Umbau der Wirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit. Da sind Investitionsförderungen und Stimuli für die Forschung – Stichwort Erhöhung der Forschungsprämie – die zielführenden Maßnahmen. Nur wenn wir den Betrieben beim Umbau ihrer Geschäftsmodelle mit den richtigen Instrumenten unter die Arme greifen, kann dieser umfassende Wandel gelingen.

Was macht Resilienz im Unternehmertum in schwierigen Zeiten aus? Welche Managementqualitäten sind gefragt? Braucht es im aktuellen Umfeld Visionäre, oder werden in absehbarer Zeit Krisenmanager gefragt sein?
Visionäre braucht es immer, in guten und in schlechten Zeiten. Eines wissen wir seit vielen Jahren: Jeder Unternehmer muss auch ein guter Krisenmanager sein – und ein schneller Entscheider. Die Abfolge der Krisen wird immer kürzer und unvorhersehbarer, damit müssen wir alle leben lernen. Die Erfolge der österreichischen Unternehmen, gerade im Mittelstand, in diesen unsicheren Tagen zeigen, wie resilient und krisenresistent weite Teile der Wirtschaft sind. Beleg dafür sind die zahlreichen Unternehmen, die wir 2021 im Rahmen des Programms „Austria’s Best Managed Companies“ auszeichnen durften. Auch heuer machen wieder zahlreiche vielversprechende Betriebe mit. Das gibt Hoffnung für die Zukunft des Standortes.


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