Wifo und IHS: Krise dauert, bis die Impfung kommt

Die Corona-Krise wird noch lange nachwirken. Martin Kocher und Christoph Badelt, Chefs der Wirtschaftsforschungsinstitute IHS und Wifo, sehen zwar einen Silberstreif am Horizont, die Wirtschaft aber erst im Jahr 2022 wieder auf dem Niveau vor der Krise.

IHS-Direktor Martin Kocher und WIFO-Leiter Christoph Badelt

IHS-Chef Martin Kocher (li) und Wifo-Leiter Christoph Badelt

Der Wirtschaftseinbruch durch die Coronakrise könnte in Österreich eine Spur schwächer ausfallen als noch vor einigen Monaten gedacht. Die Wirtschaftsforschungsinstitute Wifo und IHS rechnen für 2020 nur noch mit weniger als 7 Prozent BIP-Rückgang. Und kommendes Jahr soll es von niedrigerem Niveau aus eine merkliche Erholung geben:

Konkret werden für heuer 6,8 bzw. 6,7 Prozent Einbruch der Wirtschaftsleistung, für 2021 dann 4,4 bzw. 4,7 Prozent Anstieg prognostiziert. Das IHS ist dabei jeweils etwas optimistischer ist als das Wifo.

Dabei war das BIP im ersten Halbjahr sogar um 8,7 Prozent geschrumpft. Die großzügige Lockerung der Anti-Corona-Maßnahmen im Sommer hat jedoch eine kräftige Erholung ermöglicht, vor allem der Konsumrückstau habe sich weitgehend aufgelöst, so das Wifo. Ein neuerlicher Lockdown in diesem Herbst könnte den Spieß jeoch wieder umdrehen. Er könnte die Wirtschaftsleistung im vierten Quartal auf das Niveau des zweiten Quartals herunterdrücken und im gesamten Prognosezeitraum einen Wertschöpfungsverlust von 4,5 Prozent bewirken, warnt das Wifo.

Krise bis 2022

Weiterhin bleibt also das große Fragezeichn der zukünftige Verlauf der Pandemie. Auch wenn es zu keinem großflächigen Ausbruch kommt. Die seit Sommer steigenden Infektionszahlen und die damit einhergehenden Eindämmungsmaßnahmen dürften die Konjunktur bereits bis Mitte 2021 belasten, befürchtet das IHS. Bis dahin werde es nur eine verhaltene Erholung geben. Das nächste Jahr sieht das IHS also etwas pessimistischer, das Vorkrisenniveau werde erst im Jahr 2022 erreicht.

Vorbei ist die Corona-Wirtschaftskrise erst dann, wenn es eine Impfung und eine adäquate Behandlung gegen Covid-19 gibt, erklärten die Wirtschasftsforscher. "Wenn wir wieder positive Wachstumsraten haben und die Arbeitslosigkeit wieder sinkt", ergänzte Wifo-Chef Christoph Badelt. "Wenn wieder ein stabiles Wachstum einsetzt, wenn die Unsicherheit sinkt und die Stimmung steigt - das deutet auf den Zeitraum 2021/22 hin", meinte IHS-Chef Kocher.

An die Bevölkerung appellierten beide Experten bei der Konjunkturprognose-Präsentation eindringlich, zu einem Drosseln der Infektionszahlen beizutragen. Das Infektionsgeschehen und die wirtschaftliche Aktivität seien sehr stark miteinander gekoppelt, betonte der Leiter des Instituts für Höhere Studien. "In Wahrheit liegen wir mehr denn je in der Hand der Pandemie und in der Hand der gesundheitspolitischen Konsequenzen daraus - die Wirtschaftspolitik kommt erst danach", meinte der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts. Seien die Infektionszahlen so hoch, dass es Reisewarnungen für touristische Gebiete gebe, sei es egal, ob ein Hotel in Tirol nicht aufsperren dürfe oder keine Gäste kommen.

Politischer Spielraum ausgeschöpft

Die Anti-Corona-Maßnahmen im März und April hatten die Wirtschaft massiv einbrechen lassen - laut IHS von Ende März bis Anfang Mai um 20 bis 25 Prozent. Wegen der folgenden starken Lockerung war die Rezession in Österreich zwar tief, aber nur kurz, erklärte das Wifo. Der BIP-Einbruch um 8,7 Prozent bis Juni betraf vor allem die Warenproduzenten und die Dienstleister, etwa den Tourismus. Auch die Warenexporte schrumpften deutlich. Der öffentliche Konsum dämpfte dagegen den Rückgang der Inlandsnachfrage, so das Wifo.

Die Wirtschaftspolitik habe in der Krise dennoch "richtig gehandelt", meinte der Wifo-Chef, egal ob man das "gold- oder silberrichtig" nenne. Von zusätzlichen Maßnahmen, "über die wir uns in der politischen Diskussion derzeit überdribbeln", hält er nichts. Man solle die bisherigen Maßnahmen "einmal auf den Boden bringen", denn "bei der Umsetzung gab und gibt es Verzögerungen". Er verwies etwa auf die noch nicht mit der EU ausgehandelte zweite Fixkostenzuschuss-Phase.

Kocher zeigte sich ebenfalls skeptisch hinsichtlich weiterer Eingriffe: "Auch mit viel neuen Maßnahmen kann ich vielleicht nicht mehr wirtschaftliche Aktivität setzen", unter Umständen gehe dann noch mehr in die Sparquote. "Das einzige, was hilft, ist es, das Infektionsgeschehen besser in den Griff zu kriegen, gerade im privaten Bereich."

Sorgenkind Arbeitsmarkt

Auf längere Sicht problematisch bleiben dürfte die Lage am Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenrate, die 2019 nach nationaler Rechnung 7,4 Prozent betrug, dürfte auf 9,8 bis 9,9 Prozent klettern und 2021 mit 8,8 bis 9,4 Prozent recht hoch bleiben.

Vom krisenbedingten Anstieg der Arbeitslosigkeit wurde bis September bereits etwa die Hälfte wieder abgebaut. Die Covid-19-Kurzarbeit sorgt zwar für eine starke Verringerung des Arbeitsvolumens - etwa die Hälfte des Rückgangs geht auf ihr Konto -, doch konnten dadurch Jobs erhalten werden. Das IHS begrüßt ausdrücklich die geplante Ausweitung der Ausgaben für aktive Arbeitsmarktpolitik gegen eine Verfestigung der Arbeitslosigkeit.

Wifo-Chef Badelt ruft auf, in die Arbeitsmarktpolitik zu intensivieren: "Es gibt eine Korrelation von personeller Ausstattung im Arbeitsmarktservice und der Qualität der Beratung." Es gehe um Qualifizierungsmaßnahmen - Stichwort Arbeitsstiftung - und die Vermeidung kontraproduktiver Anreize. So könnte der Fixkostenzuschuss bei manchen dazu führen, eher eine Förderung in Anspruch zu nehmen als den Umsatz zu erhöhen. Ähnliches gelte für die Kurzarbeit. Die angekündigte Arbeitsstiftung begrüße man, um eine Verfestigung der Arbeitslosigkeit zu vermeiden, betonte Kocher. Badelt wünscht sich für die Stiftung - für ihn eine Art "Sonderbudget des AMS" - Maßnahmen zur Qualifizierung von Kindern über Lehrlinge bis hin zu Spezialprogrammen für ältere Arbeitnehmer: "Die Klammer ist immer die Qualifizierung."

Auch dürfe nicht vergessen werden, dass es neben der Coronakrise noch andere wichtige Themen gebe, etwa Pflege sowie die Umwelt- und Klimapolitik. "Es wird wieder notwendig sein, Prioritäten zu setzen. Man muss auch wieder in die Konsolidierung kommen." Auch die Ökologisierung des Abgabenthemas falle für ihn unter die Strukturmaßnahmen. "In den nächsten Monaten werden wir zu den normalen Maßnahmen der Politik kommen", hofft der Wifo-Chef. Auch Kocher hält es für "sehr wichtig", die Ökologisierung im Steuersystem "vorzubereiten", da es ohnedies bis zur Umsetzung ein, zwei Jahre dauere und sich dann alle rechtzeitig darauf einstellen könnten.

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Zur Person. Oliver Prinz ist Leiter der Investment Strategy der UniCredit Bank Austria. Sie bildet die Grundlage des Vermögensmanagements sowie der individuellen Anlageberatung.
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