Wifo-Chef Karl Aiginger: Einkommen müssen steigen!

Wifo-Chef Karl Aiginger: Einkommen müssen steigen!
Wifo-Chef Karl Aiginger: Einkommen müssen steigen!

Karl Aiginger, Leiter Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung / WIFO

Wifo-Chef Karl Aiginger sieht im FORMAT-Interview global eine lange Phase mit niedrigerem Wirtschaftswachstum. Sein Rezept für Österreich und Europa: Auf Industrie und Innovation fokussieren, Löhne anheben und die Bildung grundlegend reformieren.

FORMAT: Sie haben zuletzt die Prognosen für das österreichische Wirtschaftswachstum nach unten revidiert. Nun hat auch die OECD die Wachstumsprognose für den Euroraum gesenkt. Die Weltwirtschaftskrise ist immer noch in allen Köpfen. Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung auf globaler und europäischer Ebene ein?

Karl Aiginger: Die Industrieländer werden in den nächsten Jahrzehnten nur um 1,5 bis 2,5 Prozent wachsen, und nicht wie vor der Finanzkrise angenommen zwischen 2,5 Prozent und 3,5 Prozent. Wobei es Europa schwerer haben wird als die USA, weil dort die Bevölkerung noch wächst.
Europa hat noch ein weiteres Problem: Es gibt einen großen Überhang an Arbeitskräften, aber leider nur an gering qualifizierten. Es fehlen dagegen in großem Ausmaß hochqualifizierte Arbeitskräfte.

FORMAT: Woran liegt das? An Ausbildungsmöglichkeiten fehlt es doch eigentlich nicht?

Aiginger: Der Hintergrund des Problems ist vielschichtig. Universitäten sind etwa in Europa noch viel zu wenig verzahnt mit der Wirtschaft. Sie sind eigentlich immer noch Elfenbeintürme. Es ist nicht gelungen, die Forschungsausgaben auf die beabsichtigten drei Prozent der Wirtschaftsleistung zu heben. Auch Gründerzentren fehlen bislang an den Universitäten, Ideen werden nicht in Arbeitsplätze umgesetzt.
Europa und auch Österreich hätte eigentlich ein unbeschränktes Angebot an Arbeitskräften, wenn man die der Nachbarstaaten einbeziehen würde. Das ist jedoch nicht so leicht möglich, weil keine Integrationspolitik betrieben wurde. Um eine Integration in einem notwendigen Außmaß zu ermöglichen muss es in Europa Änderungen in der Bildungspolitik geben. Aktuell bekommen durch die Migration nur ausländerfeindliche Parteien Aufwind. Dabei ist die Migration für Europa unbedingt notwendig und mit der Bildung das wichtigste Instrument für Wachstum in einer alternden Gesellschaft. Europa ist außerdem gar nicht in dem Ausmaß attraktiv, dass hochqualifizierte Arbeitskräfte in Massen angezogen würden.


Die Politik muss die Lohnnebenkosten bei den Beziehern niedriger Einkommen drastisch senken.

FORMAT: Wie kann man dem entgegenwirken?

Aiginger: Die Einkommensunterschiede müssen geringer werden, wobei hier Bildung, Integration und Weiterbildung zentrale Instrumente sind. Derzeit beobachten wir allerdings genau die entgegengesetzte Entwicklung. Und die ist auch logisch. Wenn qualifizierte Arbeitskräfte knapp sind, dann steigen deren Einkommen. Gibt es dagegen zu viele unqualifizierte Arbeitskräfte, dann drückt das deren Lohnniveau. Die Einkommensschere geht weiter auseinander. Die Politik muss die Lohnnebenkosten bei den Beziehern niedriger Einkommen drastisch senken.

FORMAT: Und die Einkommensschere schwächt die Kaufkraft und den Konsum.

Aiginger: Die Rechnung ist einfach: Die unqualifizierten Arbeitskräfte sind in der Mehrheit. Sie kurbeln den Konsum an. Wenn ihre Einkommen sinken, dann sinken auch die Konsumausgaben. Der Rückgang bei den Konsumausgaben wurde bisher durch höhere Staatsausgaben und unternehmerische Investitionen überdeckt. Nun ist das aber auch nicht mehr möglich. Die Einkommen müssen daher steigen. Lohnerhöhungen können aber - abgesehen von einer Steuerentlastung - nicht von einem Land im Alleingang erfolgen. Hier ist die EU gefordert. Die Löhne müssen parallel zur Produktivitätsentwicklung steigen. Einnahmen etwa aus einer Finanztransaktionssteuer und einer europaweiten Besteuerung von Emissionen können zur Entlastung des Faktors Arbeit genutzt werden.

FORMAT: Wie kann die Wettbewerbsfähigkeit wieder verbessert werden?

Aiginger: Europa muss sich wieder auf Industrie und Innovation fokussieren und seine Wettbewerbsfähigkeit durch höhere Energieeffizienz, Innovation und Ausbildung verbessern. Ziel ist es, ein breiteres Spektrum abzudecken, Ziele unter dem Schlagwort "Beyond GDP" als neue Messlatte eines Erfolgsmodells zu definieren. Mit dem Fokus auf Verbesserung der ökologischen und der sozialen Rahmenbedingungen und im Bildungsbereich ist es möglich, sich von neuen Industrieländern abzuheben, nicht über billigere Löhne, geringere Energiekosten oder niedrigere Umweltstandards.
Eine von Europas großen Chancen ist der Export. Es gibt einen Exportüberschuss, und erfreulicherweise auch im Zukunftsbereich der Umwelttechnologien. Darin ist Europa ein Netto-Exporteur. Darin muss man weiter investieren. Kontraproduktiv sind dagegen Initiativen wie in Griechenland, wo die Steuern auf Heizöl gesenkt wurden.

FORMAT: Und Reformen auf Ausgabenseite?

Aiginger: Es gibt noch so viel Verschwendung auf Ausgabenseite. Nehmen wir die Militärausgaben: Europa hat höhere Militärausgaben als Russland und China zusammen, schafft es aber nicht einmal, etwa im Ukraine-Konflikt die Bevölkerung mit Hilfelieferungen zu versorgen oder die Grenzen zu überwachen. Die ganze militärische Infrastruktur ist – auch in Österreich – nur für den Ernstfall im eigenen Land ausgerichtet, wofür es auch immer noch drei Militärspitäler und Ambulanzen gibt.
Der neue EU-Kommissionspräsident Jean Claude Juncker sucht 300 Milliarden Euro für Investitionsprojekte. Alleine 100 Millionen gäbe es aus EU-Programmen, die bisher nicht abgeholt wurden. Hier drängt die Zeit, bewilligte Projekte sollten höher gefördert werden, wenn sie schneller durchgeführt werden.

trend-EXKLUSIV: Christian Kerns erster Job nach der Politik

Wirtschaft

trend-EXKLUSIV: Christian Kerns erster Job nach der Politik

Wirtschaft

"Ich mache mir um Christian Kern keine Sorgen"

KMU verbesserten Eigenmittelausstattung

Wirtschaft

KMU verbesserten Eigenmittelausstattung