Wie Österreichs Wirtschaft von den Flüchtlingen profitiert

Wie Österreichs Wirtschaft von den Flüchtlingen profitiert
Wie Österreichs Wirtschaft von den Flüchtlingen profitiert

Container als neues Zuhause: Die Wiener Neudorfer Firma Containex lieferte auch nach Berlin Container zur Unterbringung von Asylwerbern.

Ob Unterkunft, Sicherheit oder Betreuung: Aktuell rund 63.000 Asylwerber müssen derzeit österreichweit versorgt werden. Zahlreiche Unternehmen machen damit gute Geschäfte.

Seit Monaten hält die Flüchtlingskrise Europa in Atem, und es ist kein Ende in Sicht. 63.000 Asylanträge wurden laut Innenministerium (BMI) bis 29. Oktober gestellt, und täglich kommen Hunderte dazu. Bis Jahresende wird mit 85.000 Anträgen gerechnet. Zum Vergleich: 2014 waren es rund 28.000. Die Versorgung der Menschen mit überlebensnotwendiger Nahrung, Kleidung und Wohnraum ist eine Herkulesaufgabe. Für etliche Unternehmen aber auch ein profitables Geschäft.

Die ORS Service GmbH ist eines davon. 2012 hat die ORS vom BMI den Exklusivauftrag zur Betreuung der aktuell rund 40 Bundeseinrichtungen für Flüchtlinge erhalten. Die Zahl variiert jedoch, so werden einige Not- und Transitquartiere des Bundes auch vom Roten Kreuz betreut, da die ORS organisatorisch nicht so flexibel sei.

Im Vorjahr zahlte das BMI dafür 21 Millionen Euro an die ORS. Nachdem die Summe von der Zahl der betreuten Personen abhängt - pro Kopf und Tag zahlt das BMI im Schnitt Tagessätze von 19 Euro plus einen Sockelbeitrag in nicht genannter Höhe -, wird die Rechnung der ORS heuer wohl weit höher sein.


40 Betreuungseinrichtungen des Bundes liegen exklusiv in der Zuständigkeit der ORS Service GmbH

Zahlreiche weitere Einrichtungen werden von karitativen Verbänden wie der Caritas oder dem Roten Kreuz betreut. Zur Unterbringung der Flüchtlinge benötigen sie temporäre, wintertaugliche Unterkünfte, wie sie etwa die oberösterreichische Global Housing Solutions herstellt. Einheiten für bis zu 20 Personen kosten ab 64.000 Euro. Das Rote Kreuz Oberösterreich hat bereits bestellt, mit dem BMI und den Gemeinden wird verhandelt.

Ungewöhnliche Unterkünfte

Als Flüchtlingsquartiere werden auch die Wohncontainer der Wiener Neudorfer Firma Containex genutzt. 700 Container im Wert von 4,6 Millionen Euro hat allein das Innenministerium bestellt, ein Großteil davon sei bereits ausgeliefert. An Aufträgen dürfte es auch weiterhin nicht mangeln: Die Bundesbeschaffung GmbH, betraut mit dem zentralen Einkauf für den Bund, wird demnächst einen großen Auftrag für Wohncontainer ausschreiben. Und Containex liefert auch Wohncontainer nach Deutschland, wo die Nachfrage noch größer ist.

Im Vorjahr hat Containex einen Umsatz von 212 Millionen Euro erwirtschaftet. Für das neue Geschäftsjahr erwartet man eine Umsatzsteigerung von fünf bis zehn Prozent. "Das kommunale Geschäft macht rund 15 Prozent unseres Umsatzes aus", erklärt Containex-Sprecher Gerhard Müller.

Eine weitere Unterbringungsmöglichkeit sind die "Care Domes" der Berliner Firma Paranet. In diesen aufblasbaren Traglufthallen finden zwischen 100 und 500 Menschen Platz. Die günstigste Variante kostet rund 10.000 Euro pro Monat, beansprucht eine Gemeinde die Betreuung inklusive Catering, Security und Hausmeister für 500 Menschen, schlägt es mit 120.000 Euro zu Buche. "Wir fertigen eine Halle pro Woche und haben eine sehr starke Nachfrage", sagt Geschäftsführer Jürgen Wowra. In Deutschland hat das Unternehmen bereits 30 Hallen für rund 9.000 Flüchtlinge errichtet. In Österreich laufen derzeit Gespräche mit der Bundesbeschaffung in Wien und dem Land Tirol.

"Care Dome" der Berliner Firma Paranet: In den Traglufthallen finden zwischen 100 und 500 Menschen Schutz vor Kälte und Witterung.

Nachhaltig gedacht

Wie die Unterbringung auf nachhaltige Weise gestaltet werden kann, zeigt das Beispiel Seekirchen im Flachgau. Dort werden zwei dreistöckige Fertigteilholzhäuser errichtet, die Platz für 76 Asylwerber bieten. Das Konzept dafür hat der Holzbau-Spezialist Meiberger aus Lofer in Kooperation mit der Architektin Melanie Karbasch und dem Roten Kreuz speziell für diese Anforderung entwickelt. Die Kosten von rund 900.000 Euro trägt das Rote Kreuz Salzburg, das einen Betreibervertrag mit dem Land hat. Über die Tagsätze von 19 Euro pro Asylwerber sollen die Häuser refinanziert werden.


"Mit Holzhäusern statt Containern sparen wir jährlich zwischen 35.000 und 40.000 Euro Betriebskosten", Sabine Kornberger-Scheuch, Rotes Kreuz Salzburg

Die Inneneinrichtung wie etwa Tische und Kästen fertigen Tischler aus der Region an. Der Wohlfühlfaktor ist damit deutlich größer als in Stahlcontainern. "Im Vergleich mit Containern sparen wir auch Betriebskosten in Höhe von 35.000 bis 40.000 Euro jährlich ", sagt Sabine Kornberger-Scheuch, Geschäftsführerin vom Roten Kreuz Salzburg. Die Häuser entsprechen dem skandinavischen Baustandard, haben also einen niedrigen Energieverbrauch. Ein weiterer Vorteil: Sie können vergleichsweise schnell eingesetzt werden. Die Aufbauzeit beträgt zehn Wochen. Auch in Tamsweg (Lungau) sollen bald zwei dieser Häuser für Asylwerber entstehen.

In Seekirchen im Flachgau entstehen gerade zwei Holzhäuser für Asylwerber.

Regionale Impulse

Insgesamt will das Rote Kreuz 20 dieser Holzhäuser errichten - das Auftragsvolumen beträgt damit rund neun Millionen Euro. Bei Meiberger wartet man aber noch auf weitere Anfragen von Gemeinden. Denn erst müssten noch geeignete Grundstücke für die Häuser gefunden werden.

Angekurbelt wird die regionale Wirtschaft auch in Thalgau. In der Marktgemeinde wurde ein ehemaliges Industriegebäude zur Flüchtlingsunterkunft umgewandelt. Dazu wurden dort kleine Holzzimmer eingebaut, 150 Flüchtlinge sollen darin Platz finden. Betreut wird die Unterbringung von der Caritas, die Adaption kostete das Land Salzburg rund 438.000 Euro. Das Geld fließt in die heimische Wirtschaft, denn für den Umbau wurden Unternehmen aus Thalgau und der Umgebung beauftragt.

Tonnenweise Hilfe

Das Rote Kreuz setzte knapp fünf Tonnen an Gütern seit Beginn des Flüchtlingseinsatzes ein - ohne gespendete Ware.

  • Zelte 900 Zelte um knapp zwei Millionen Euro hat das Rote Kreuz seit Beginn des Flüchtlingseinsatzes in Österreich und Pakistan eingekauft.
  • Feldbetten 35.000 Feldbetten für über eine Millionen Euro zählten in der Anfangsphase zu den besonders gefragten Waren.
  • Decken 1,5 Millionen Euro gingen für 150.000 Decken an Händler und Hersteller.
  • Isomatten Schlafplätze werden mit 10.000 Isomatten in den Hotspots geschaffen.
  • Schlafsäcke 7.000 Schlafsäcke wurden an Schutzsuchende verteilt.
  • Rettungsdecken 60.000 Stück zu schätzungsweise 150.000 Euro wurden für die Notversorgung eingesetzt.

Lukrative Bewachung

Auch die Sicherheitsbranche verdient an der Flüchtlingsbetreuung mit. NGOs, die Einrichtungen für Flüchtlinge und Asylwerber betreiben, wenden sich an Security-Unternehmen. Zwei Firmen treten dabei in im Zusammenhang in Erscheinung: Group4S und Siwacht. Erstgenannter erhielt erst vor Kurzem den Auftrag, für die Sicherheit in Tirols Flüchtlingsbetreuung zu sorgen.

Konkurrent Siwacht betreut unter anderem das Erstaufnahmezentrum in Traiskirchen - als Subunternehmen der ORS Service GmbH. Wie Group4S will auch Siwacht keine Details zu dem Auftrag verraten. Es wird an das Innenministerium und die beauftragte ORS verwiesen. Welche Unternehmen außer den Genannten an der Bewachung von Flüchtlingsunterkünften beteiligt sind, weiß Siegfried Frisch, Bundesvorsitzender des Bewachungsgewerbes, jedoch nicht. Aber die "Logik würde sagen, dass die beiden Firmen mehr Aufträge haben als vorher."

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