Warum die Rohstoffpreise explodieren

Die Bilder vom Containerschiff Ever Given, das den Suezkanal tagelang blockierte, hätten die aktuelle Malaise auf den Rohstoffmärkten nicht besser dokumentieren können. Handel, Industrie und Gewerbe stöhnen unter den explodierenden Rohstoffpreisen. Doch was sind die Ursachen? Danilo Zatta von der Managementberatung Horváth analysiert.

Thema: Management Commentary
Das Containerschiff Ever Given im Suez Kanal: Im März 2021 hatte es tagelang eine der wichtigsten Schiffahrtsrouten der Welt blockiert.

Das Containerschiff Ever Given im Suez Kanal: Im März 2021 hatte es tagelang eine der wichtigsten Schiffahrtsrouten der Welt blockiert.

Corona hat Angebot und Nachfrage bei langlebigen Gütern aus dem Gleichgewicht gebracht. Während die Hersteller ihre Produktion pandemiebedingt herunterfahren mussten, stieg die Nachfrage am Bau und in den Einrichtungshäusern diametral entgegengesetzt. Hinzu kamen ungünstige Naturereignisse wie Überschwemmungen, extreme Trockenheit und Borkenkäfer oder die willkürliche Blockade eines der weltweit größten Container-Häfen in China. Viele über Jahrzehnte eingespielte Lieferketten brachen so über Nacht zusammen – mit der Folge, dass die Preise explodierten.

Preissteigerungen von 20 bis 30 Prozent seit Jahresbeginn – mit Spitzen von 65 Prozent beispielsweise bei metallischen Sekundärrohstoffen, sind in so kurzen Zeiträumen einzigartig. Den stärksten Anstieg gab es beim Holz, hier haben sich die Preise seit vergangenem Jahr verdoppelt. Den Trend geben Nordamerika und China vor, wo die Preise bereits um ein Drittel höher sind als in Europa. So mancher Handwerker muss die Arbeit einstellen und Kurzarbeit beantragen, weil er trotz hoher Auftragslage kein Material bekommt – und wenn, dann zu überteuerten Preisen.

Ende der Preisspirale nicht absehbar

Doch Europas Hersteller rechnen nicht so rasch mit einem Ende der Preisspirale. Eine aktuelle Horváth-Studie unter mehr als 1.000 Führungskräften aus produzierenden Unternehmen in zwölf europäischen Ländern prognostiziert sogar das Gegenteil: Ob Holz, Stahl oder Kunststoff, Gas oder Methanol – bei nahezu allen Rohstoffgruppen gehen die betroffenen Branchen von weiteren zweistelligen Preiserhöhungen aus. Leere Lager, reduzierte Angebote und anhaltend hohe Nachfrage werden die Rohstoffmärkte strapazieren, wenn nicht sogar weiter erhitzen.

Für Holz erwarten die befragten Hersteller bis Ende 2021 einen Anstieg von nochmal 33 Prozent. Im brexitgeplagten Großbritannien rechnen Händler sogar mögliche Erhöhungen von bis zu 180 Prozent für bestimmte Holzarten. Als stärkster Treiber wird die anhaltend hohe Nachfrage nach Natur- und Holzprodukten im Heim- und Gartenbereich genannt. Homeoffice und Kontakteinschränkungen haben letztlich dazu geführt, dass man seinem Zuhause wieder mehr Aufmerksamkeit schenkt.

Vielfältige Ursachen

Angebotsrückgang und Preissteigerungen haben vielfältige Ursachen. In Ländern wie Schweden, Deutschland, Irland, in den USA und Kanada mussten Hersteller schon ihre reguläre Produktion reduzieren oder sogar unterbrechen. Darüber hinaus haben Grenzsperren zur Abwehr von Covid-Infektionen Lieferwege wie Lieferungen verzögert, wenn nicht ganz unterbrochen. Sibirische Lärche etwa ist aktuell gar nicht mehr zu bekommen. Mit der exponentiell steigenden Delta-Variante werden weitere Lockdowns befürchtet – und somit weitere Lieferengpässe und Einschränkungen für Transporte und Logistik.

Preisturbulenzen bei Stahl und Kunststoffen

Von starken Preissteigerungen betroffen sind auch Kupfer, Eisenerz, Öl, Palladium und Rhodium. Bei einem weiteren Rohstoff, Warmstahl, sind die Preise pro Tonne seit Jahresbeginn um 60 Prozent gestiegen. Bis Jahresende sollen es nochmal 18 Prozent mehr werden. Aufgrund massenhaft stornierter Aufträge zu Corona-Beginn haben die Stahlproduzenten teilweise komplette Produktionsstätten stillgelegt und die Zwangspause für Wartungsarbeiten genutzt. Dann hat sich die Wirtschaft schneller erholt als die Produktionsmengen wieder hochgefahren werden konnten. Dem eingeschränkten Angebot stehen jetzt Kunden gegenüber, die ihre Lagerbestände aufgebraucht haben und jetzt wieder füllen wollen.

Die unerwartet rasche Erholung hat auch die Preise für Kunststoffe in die Höhe getrieben, die für nahezu alle langlebigen Güter wie Immobilien, Autos, Möbel und Haushaltsgeräte, aber auch Verpackungen von Lebensmitteln und Medikamenten benötigt werden. Dazu kommen Lieferengpässe durch Extremwetter in den USA, wo die Energieversorgung durch die letzte Kältewelle gestört war. Polyethylen (PE) oder Polypropylen (PP) sind so teuer wie seit Jahr 2015 nicht mehr.

Preissprünge werden zur Regel

Experten sind davon überzeugt, dass plötzliche Preissteigerungen für Rohstoffe auch nach der Pandemie an der Tagesordnung bleiben werden. Extremwetterereignisse, Störungen der Infrastruktur, Finanzmarktentwicklungen, Handelskonflikte und Logistikprobleme werden auf den strapazierten Verkehrsadern weiter zunehmen und durch den hohen Grad an Globalisierung unmittelbare Auswirkungen haben. Die Erhöhungen werden dabei weiterhin so plötzlich kommen, dass sich Hersteller wie Händler, aber auch Kunden auf turbulentere Zeiten einstellen müssen.

Fazit: Preisturbulenzen für Rohstoffe werden künftig nicht mehr die Ausnahme von der Regel sein. Die Folgen der Pandemie, Klimawandel, Naturkatastrophen, Kriege und Handelskonflikte werden nicht nur die internationalen Rohstoffmärkte beeinflussen, sondern bis hin zum Konsumenten spürbar sein. Alle Beteiligten müssen sich darauf einstellen, dass die gewünschten Materialien und Produkte künftig nicht mehr so selbstverständlich auf Knopfdruck und preisgünstig verfügbar sind.


Zur Person

Danilo Zatta, Managementberatung Horváth

Danilo Zatta, Managementberatung Horváth

Danilo Zatta ist Head of Pricing and Revenue Models bei der Managementberatung Horváth in München.


Die Serie "Management Commentary" ist eine Kooperation von trend.at und der Managementberatung Horváth. Die bisher erschienen Beiträge finden Sie zusammengefasst im Thema "Management Commentary".

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