Warum gefährliche Gaspreise Insolvenzen befeuern

Die aktuell geradezu besorgniserregenden Preissprünge bei Strom und Gas haben schwerwiegende Auswirkungen auf so manchen Marktteilnehmer. Strom- und Gaslieferanten, die Festpreisverträge mit ihren Kunden abgeschlossen haben, droht der Ruin.

Thema: Management Commentary
Peter Sattler, Management Consultant bei Horváth & Partners Österreich

Peter Sattler, Management Consultant bei Horváth & Partners Österreich

Die Ausgangslage für Energieanbieter, die ihre Festpreisangebote und Mengen im Terminmarkt nicht abgesichert haben, ist bitter: Wenn sich die Preise wie heuer 2021 plötzlich verdoppeln, führt das zu existenziellen Problemen. Denn der Einkauf am Spotmarkt (für den Ausgleich von Nachfrageschwankungen) wird plötzlich unerschwinglich. Die Folge: Das Finanzierungsloch, das sich für Strom- und Gaslieferanten auftut, kann nicht mehr gestopft werden – Insolvenzen sind da über kurz oder lang unausweichlich. In Großbritannien gibt es bereits die ersten Pleiten.

Allein in Deutschland ringen rund 1100 Stromanbieter und 900 Gasanbieter um Marktanteile, in Österreich sind es rund 150 Stromlieferanten und 50 Gasversorger, die sich mit zum Teil sehr geringen Margen zufrieden geben müssen. Zudem locken die Firmen neue Kunden mit hohen Boni und Preisnachlässen im ersten Jahr. Nicht selten legen sie noch ein Tablet oder andere Goodies oben drauf. Spektakuläre Pleiten wie die von Billiganbietern wie Teldafax oder BEV in der Vergangenheit haben daran nichts geändert. Der Wettbewerb ist unerbittlich.

Auswirkungen auf den Strompreis

Die Großhandelspreise für Strom am Terminmarkt, an dem sich die Versorger langfristig eindecken, haben sich seit Jahresbeginn verdoppelt. Am Spotmarkt für kurzfristige Energieinkäufe haben sie sich sogar verdreifacht. Auch der Preis für CO2-Zertifikate hat sich in den vergangenen 24 Monaten mehr als verdoppelt. Zudem beeinflussen die hohen Preise im Gasgroßhandel den Strompreis, da sich die Stromerzeugung in den Gaskraftwerken verteuert. Beides wiederum erhöht die Kosten für die Produktion von konventionellem Strom.

Diese Preiseffekte können durch die sinkenden Kosten von Erneuerbaren Energien natürlich kaum kompensiert werden. Hinzu kommt, dass sich im Gefolge der Konjunkturerholung nach dem Corona-Schock nahezu alle Vorprodukte und Rohstoffe empfindlich verteuert haben.

Belastung für Industrieproduktion

Die nach oben schießenden Strom- und Gaspreise sind nicht nur gefährlich für Anbieter ohne Reserven. Sie stellen auch für die Industrie ein Problem dar. In Großbritannien erwägt die Regierung deshalb bereits Staatshilfen. So dramatisch ist die Lage hierzulande zwar noch nicht, das könnte sich aber sehr rasch ändern. Zementhersteller bestätigen bereits, dass die Produktionskosten steigen. So könnte sich die wirtschaftliche Erholung nach dem Corona-Lockdown rasch verflüchtigen.

Auch die Chemiebetriebe und Stahlkocher gehören zu den energieintensiven Industrien. Selbst wenn manche autark produzieren, indirekt trifft sie die Steigerung der Strompreise dennoch, da die benötigten Industriegase an die Strompreise gekoppelt sind. Das wiederum heizt die Kosten und damit die Inflation an. Nicht zuletzt auch deshalb, weil der größte Lieferant von Erdgas, Russland, am Gashahn dreht, um politische Zugeständnisse zu erwirken. Nach wie vor warten Gazprom und Partner (u.a. auch OMV) auf grünes Licht der EU für die Inbetriebnahme der Pipeline Nord Stream 2 über die Ostsee.

Fazit: Die explodierenden Gaspreise haben in Großbritannien eine ganze Branche in die Krise gestürzt, sie könnten auch die heimischen Versorger auf dem linken Fuß erwischen. Vor allem kleinere Energieanbieter und Power-Startups müssen ihr Geschäftsmodell überdenken, wollen sie die nächsten Monate überleben. Während die Industrie die erhöhten Belastungen abwälzen kann, werden Stromanbieter wie Verbraucher auf den höheren Kosten sitzen bleiben.


Über den Autor

Peter Sattler ist Management Consultant und Principal bei der Managementberatung Horváth & Partners.


Die Serie "Management Commentary" ist eine Kooperation von trend.at und der Unternehmensberatung Horváth & Partners. Die bisher erschienen Beiträge finden Sie zusammengefasst im Thema "Management Commentary".


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