Wachstum, Jobs und Inflation: Die neuen Prognosen der Experten

Heuer und nächstes Jahr soll Österreichs Wirtschaft rascher wachsen, erwarten die führenden Ökonomen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sollte 2016 und 2017 real um je 1,7 Prozent zulegen, rechnet das Wifo, und das IHS geht von jeweils 1,5 Prozent Anstieg aus. Stütze ist der Privatkonsum, auch wegen der Steuerreform. Die Arbeitslosigkeit legt noch etwas zu, aber weniger als noch im März angenommen.

Wachstum, Jobs und Inflation: Die neuen Prognosen der Experten

Wifo-Chef Karl Aiginger (L.) und IHS-Chef Helmut Hofer.

Nach einer trägen Entwicklung in den letzten vier Jahren gewann das Wirtschaftswachstum in Österreich zuletzt wieder an Schwung. Getragen wird das stärkere Wachstum von einer Belebung der Binnennachfrage, gestützt von einer günstigen Beschäftigungssituation und steigenden Einkommen der privaten Haushalte, erklärt das Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo in seiner neuen Prognose für 2016 und 2017. Die Exportwirtschaft erhalte dagegen wegen der zögerlichen Entwicklung des Welthandels nur begrenzte Impulse. 2017 dürfte sie aber stärker Tritt fassen sollte dann und einen Ausgleich für die nicht mehr ganz so kräftige Expansion der Binnennachfrage bilden.

Unter diesen Bedingungen dürfte das reale Bruttoinlandsprodukt 2016 und 2017 um jeweils 1,7 Prozent zunehmen. Diese im Vergleich mit den letzten Jahren hohen jährlichen Zuwachsraten sollten, so das Wifo, jedoch nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass die Konjunkturdynamik 2016 noch gering ist.

Vielmehr basiert das kräftige Plus heuer wesentlich auf mehreren Sonderfaktoren: der Steuerreform, dem Flüchtlingszustrom und einem "Kalendereffekt", nämlich dem Schaltjahr. Ohne diese Faktoren würde das BIP nur geringfügig stärker wachsen als 2015, so das Wirtschaftsforschungsinstitut.

Wesentlich dynamischer dürfte die Konjunktur 2017 verlaufen. Die Wirtschaftsforscher gehen davon aus, dass die Wirtschaft trotz des Auslaufens der Sonderfaktoren weiter kräftig wächst. Vor allem der Außenhandel sollte vor dem Hintergrund einer Belebung des Welthandels und der Weltkonjunktur stärker zum heimischen Wachstum beitragen. In den USA wird
das Wachstum vor allem im Jahr 2017 wieder stärker anziehen, und ähnlich dürfte sich die Erholung im Euro-Raum fortsetzen. Zudem sollten die Rohstoffpreise die Talsohle bereits durchschritten haben, sodass sich die Perspektiven für die Schwellenländer allmählich wieder bessern. Somit wird aufgrund der Steigerung der heimischen Exporte 2017 der Außenhandel wieder deutlich stärker zum Wachstum beitragen.

Lage am Arbeitsmarkt bleibt angespannt

Über den gesamten Prognosehorizont rechnet das Wifo mit einer weiteren deutlichen Ausweitung des Arbeitskräfteangebots Das Wachstum der Beschäftigung wird diese Zunahme des Arbeitskräfteangebotes aber trotz der vorteilhaften Entwicklung der Realwirtschaft nicht vollständig aufnehmen können, sodass die Wirtschaftsforscher von einem weiteren Anstieg der Arbeitslosenzahlen ausgehen: Die Arbeitslosenquote wird 2016 auf 9,2 Prozent und im Jahr 2017 weiter auf 9,6 Prozent steigen.

Auch das IHS sieht das so. Für die Aktiv-Beschäftigten wird vom IHS 2016 ein Zuwachs um 1,5 Prozent erwartet, für nächstes Jahr dann ein Plus von 1,2 Prozent. Dagegen stehen aber eine anhaltende Ausweitung des ausländischen Arbeitskräfteangebots - vor allem aus ost- und mitteleuropäischen EU-Staaten - sowie der Zustrom von Asylwerbern. Dazu steigt auch die Erwerbsneigung von Frauen und Älteren, so dass die Zahl der Erwerbspersonen wächst. Das IHS sieht die Arbeitslosenrate 2017 bei 9,7 Prozent.

Der Brexit und die Austro-Wirtschaft

Ein möglicher Volksentscheid zugunsten eines Austritts Großbritanniens aus der EU "sollte keine unmittelbaren Folgen für die heimische Exportwirtschaft nach sich ziehen". Das Wifo verweist auf die bis zu zweijährige Übergangsfrist, in der die Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien neu geordnet werden müssten. Mögliche Turbulenzen auf den Finanz- und Devisenmärkten könnten aber negative Effekte auslösen, die jedoch noch nicht abschätzbar sind.

Ein "Brexit" würde die Unsicherheit über die Ausgestaltung der europäischen Institutionen weiter erhöhen, meint IHS dazu, doch sollten die kurzfristigen direkten Effekte für Österreich aufgrund der vergleichsweise niedrigen Intensität der ökonomischen Verflechtungen gering ausfallen.

Steuerreform: Österreicher sparen mehr

Für den Privatkonsum geht das Wifo für 2016 durch Steuerreform und niedrige Inflation von real 1,7 Prozent Plus aus, das IHS von 1,5 Prozent - nach nur 0,4 Prozent 2015. Wie bei früheren Steuerreformen sollte ein Teil des zusätzlichen Einkommens gespart werden, so dass die Sparquote laut IHS um gut einen dreiviertel Prozentpunkt auf 7,8 Prozent steigen könnte. 2017 sollte die Sparquote wieder leicht sinken und das Konsumwachstum laut Wifo 1,3 Prozent und dem IHS zufolge 1,2 Prozent betragen.

Die Inflation, die sich heuer bisher reduziert hat (auf 0,6 Prozent im Mai, nach noch 1,2 Prozent im Jänner), dürfte laut Wifo heuer im Gesamtjahr bei 1,1 Prozent liegen, laut IHS bei 1,0 Prozent. Im März gingen die Institute noch von 1,2 bzw. 1,4 Prozent aus. Der Teuerungsrückgang geht primär auf die stark gefallenen Energiepreise zurück, aber auch die Kerninflation wies eine rückläufige Tendenz auf. Für 2017 erwarten Wifo und IHS die Inflation bei 1,8 bzw. 1,7 Prozent. Den Brent-Ölpreis sieht das Wifo 2016/17 bei 48 bzw. 57 Dollar je Fass, nach im Schnitt 52,5 Dollar 2015. Auch 2017 würden die Ölpreise niedrig bleiben, wegen der erwarteten Euro-Aufwertung würden sie für uns noch schwächer steigen.

Die Anlageinvestitionen haben sich in Österreich nach langer Schwäche wieder belebt. Heuer sollten nach Meinung der Institute die Bruttoanlageinvestments rund zwei Prozent real zulegen, nach nur einem halben Prozent Zuwachs im Vorjahr. 2017 scheint noch eine weitere leichte Beschleunigung möglich. Unterstützend wirken günstige Finanzierungskonditionen und der Bedarf an Ersatzinvestitionen, konstatiert das IHS. Jedoch, so das Wifo, hätten zuletzt knapp 30 Prozent der Kredit suchenden Unternehmen keinen Bankenkredit erhalten - ein in der Erhebungsreihe "sehr hoher Wert", wie es heißt.

Defizit verschlechtert sich auf 1,7 Prozent des BIP

Den Belastungen der heimischen öffentlichen Haushalte durch die Lohn- und Einkommensteuer-Tarifanpassung mit der Steuerreform sowie durch Bankenhilfen und Ausgaben für Flüchtlinge steht eine günstige Entwicklung vor allem der Zinsausgaben gegenüber, so das Wifo. Flüchtlings-Versorgung und -Betreuung sowie Mindestsicherung würden 2016 1,0 Mrd. Euro und 2017 0,7 Mrd. Euro Ausgaben erfordern. Samt den im Bundesfinanzrahmen bis 2020 konkretisierten Mehrausgaben bei Integration, Recht und Sicherheit betrage der Aufwand 2016 und 2017 je rund 2,1 Mrd. Euro. Nach 1,2 Prozent im Vorjahr werde sich das Maastricht-Defizit des Gesamtstaates heuer auf 1,7 Prozent des BIP verschlechtern und 2017 auf 1,5 Prozent zurückgehen, so das Wifo. Das IHS sieht heuer 1,8 und dann 1,4 Prozent Defizit 2017.

Die Weltwirtschaft wuchs im ersten Quartal ähnlich verhalten wie Ende 2015 "und blieb somit erneut hinter den Erwartungen zurück", so das Wifo. In einigen wichtigen Industrieländern sei das Wachstum gedämpft geblieben, dafür scheine sich die Konjunktur vieler Schwellenländer - nach der Eintrübung 2015 - zuletzt stabilisiert zu haben. Laut den vorlaufenden Indikatoren dürfte die Flaute in den Industrieländern insgesamt "rasch zu überwinden sein", heißt es, und in den Schwellenländern sollte die Konjunktur durch eine Festigung der Rohstoffpreise wieder an Dynamik gewinnen.

Um 3,0 Prozent soll die Weltwirtschaft laut Wifo heuer real wachsen, 2017 mit 3,4 Prozent noch stärker. Heuer zeichne sich zwar in einem Teil der Absatzmärkte der österreichischen Exportwirtschaft eine Wachstumsverlangsamung ab. Dies betreffe die USA, Großbritannien, Schwellenländer wie China, aber auch MOEL-Länder wie Polen, Ungarn, Tschechien, Slowakei. Dafür dürfte aber die Konjunktur im Euro-Raum 2016 etwas stärker als zuletzt erwartet anziehen, nämlich wie im Vorjahr um 1,6 Prozent, "und damit für Österreichs Exportwirtschaft vermehrt positive Impulse setzen".

Günther Ofner, der neue Aufsichtsratschef der Staatsholding ÖBAG

Günther Ofner, der neue ÖBAG-Aufsichtsratschef [Porträt]

Mit Flughafen-Chef Günther Ofner übernimmt ein äußerst erfahrener, …

Das Cyber-Risiko für Unternehmen ist zuletzt stark gestiegen. Dennoch bleiben effiziente Schutzmaßnahmen oft außen vor.

Cybercrime: Jeder kann das nächste Opfer sein

Die Bedrohung von Cyberattacken wächst. Hacker nehmen vermehrt kleinere …

KSV1870 Group CEO Ricardo-José Vybiral

"Unternehmen fordern eine Ausbildungsoffensive"

Ricardo-José Vybiral, CEO der KSV1870 Holding AG, im trend-Interview über …

SERGEI GURIEV, ÖKONOM

"Jeder Euro für Öl und Gas finanziert diesen Krieg"

Er beriet den russischen Präsidenten Dimitri Medwedew, doch sein …