VW-Skandal: US-Chef Horn wegen Abgas-Affäre zurückgetreten

VW-Skandal: US-Chef Horn wegen Abgas-Affäre zurückgetreten

VW-US-Chef Michael Horn musste im Oktober 2015 im US-Congress erstmals zum VW-Skandal aussagen. Es wird nicht das einzige Mal sein, dass er die Wahrheit sagen muss.

Sechs Monate nach Ausbruch des Abgasskandals tritt nun auch der US-Volkswagen-Chef Michael Horn zurück. Die Trennung erfolgt im gegenseitigen Einverständnis. Für den deutschen Konzern wird es nun richtig eng. Die Justiz erhöht den Druck auf VW und weitet die Ermittlungen aus.

Wolfsburg/Washington. Der US-Vorstandschef von VW, Michael Horn, tritt im Abgas-Skandal zurück. Im gegenseitigen Einverständnis mit der Volkswagen AG verlasse Horn das Unternehmen mit sofortiger Wirkung, teilte die US-Tochter Volkswagen Group of America am Mittwoch mit.

Am gestrigen Dienstag war bekannt geworden, dass das US-Justizministerium seine Ermittlungen gegen den deutschen Autoproduzenten ausbaue.

Die US-Justiz gehe nun auch dem Verdacht des Bankbetrugs nach, hieß es. Das "Wall Street Journal" berichtete zudem unter Berufung auf Insider, in diesem Zusammenhang gehe es auch um mögliche Verstöße gegen Steuergesetze. Analysten rechnen nun mit zusätzlichen Strafzahlungen für VW. Ein Sprecher bekräftigte, man werde bei den Ermittlungen weiter mit allen zuständigen US-Behörden kooperieren.

Horns Nachfolger steht bereits bereit: Hinrich Woebcken, der seit kurzem bereits in leitender Funktion für die Region Nordamerika verantwortlich ist, übernehme Horns Tätigkeiten zunächst übergangsweise, heißt es in der Mitteilung. Horn hatte den Spitzenjob erst im Jänner 2014 angetreten.

Der 54jährige Horn stand seit dem Ausbruch des Abgas-Skandals massiv unter Beschuss - doch zunächst nahm Konzernboss Martin Winterkorn seinen Hut. Jetzt tritt auch Horn abrupt zurück. Sein Nachfolger steht vor einem Scherbenhaufen.

Horn war angetreten, um das Ruder herum zu reißen, doch dann ging das Debakel erst richtig los. Horn wirft mit sofortiger Wirkung das Handtuch - keine sechs Monate, nachdem der Abgas-Skandal ins Rollen kam.

Der Rücktritt kommt unerwartet, zumindest mit Blick auf den Zeitpunkt. VW verliert einen Mann des Vertriebs, der die zur Krisenbewältigung wichtigen Vertragshändler im Rücken hatte. Sein Nachfolger Hinrich Woebcken steht vor riesigen Baustellen.

"Was werden Sie im Knast lesen?", fragte ein US-Abgeordneter Horn im Oktober bei einer Kongressanhörung zur Affäre um manipulierte Emissionstests. Die Szene, die sich nur wenige Wochen nach dem Bekanntwerden von "Dieselgate" in Washington abspielte, zeigt, unter welch hohem Druck der US-Statthalter von VW stand. "Wir waren unehrlich. Wir haben es völlig vermasselt", hatte Horn kurz vorher bei einer Fahrzeug-Präsentation in New York gesagt. Das Büßergewand war bis zuletzt seine Alltagskluft.

Ob es dem 54-Jährigen einfach zu viel wurde, ob er der Belastung nicht mehr standhalten konnte oder wollte - darüber lässt sich nur spekulieren. Die Verlautbarungen des Konzerns erschöpfen sich bisher in Standard-Phrasen: Die Trennung erfolge in "beiderseitigem Einvernehmen", Horn wolle sich nun "anderen Aufgaben widmen", hieß es in einer Pressemitteilung. Fest steht: Der Rücktritt kam plötzlich. Sogar in Kreisen des mächtigen VW-Aufsichtsrats zeigte man sich verblüfft.

Überraschendes Timing

Allerdings überrascht eher das Timing denn die Entscheidung als solche. Eigentlich war das seit über einem Vierteljahrhundert für den Konzern tätige VW-Urgestein aus dem Hamburger Vorort Bergedorf als erstes Opfer des Abgas-Skandals gehandelt worden, nachdem das US-Umweltamt EPA seine Vorwürfe vor knapp einem halben Jahr publik gemacht hatte. Horn, der den Job als US-Chef erst im Jänner 2014 antrat, hatte Monate vergeblicher Verhandlungen um Schadensbegrenzung mit den US-Regulierern zu verantworten.

Bereits im Frühling des vergangenen Jahres habe er von möglichen Verstößen gegen Emissionsregeln erfahren, sagte Horn im Oktober: "Ich wurde informiert, dass die Vorschriften der EPA verschiedene Strafen vorsehen." Erst am 18. September war die Behörde an die Öffentlichkeit gegangen und hatte VW damit in eine tiefe Krise gestürzt.

Der Konzern gab zwei Tage später zu, bereits seit 2009 in großem Stil Abgaswerte gefälscht zu haben. Weltweit sind über elf Millionen Fahrzeuge betroffen. Es gibt zahlreiche Klagen, in den USA drohen zweistellige Milliardenstrafen.

Doch statt Horn, der das Geschäft der Marke VW dort leitete, wo die Misere ihren Lauf nahm, trat Konzernchef Martin Winterkorn zurück. Horn schien damit zunächst aus dem Schneider. Er war auch von strategischer Bedeutung für VW, denn der US-Vertrieb trug ihn auf Händen. "Wir stehen zu 100 Prozent hinter Michael", sagte Alan Brown, der Vorsitzende des Verbands der VW-Vertragshändler noch im November. Die Autoverkäufer sind als Schlüssel zur Kundschaft und potenzielle Sammelkläger enorm wichtig für die Zukunft von VW in Amerika.

Horn hatte den Spitzenjob wegen des schwächelnden US-Absatzes bereits als Krisen-Manager übernommen. "VW hat auf dem US-Markt kein richtiges Konzept", kritisierte Branchenkenner Ferdinand Dudenhöffer seinerzeit.

Ex-BMW-Manager übernimmt

Doch in guten Verkaufszahlen schlug sich Horns guter Draht zum Vertrieb nicht nieder. Die Anteile der Wolfsburger auf dem wichtigen Auslandsmarkt schrumpften weiter - im Zuge des Abgas-Skandals, der zu einem Diesel-Verkaufsstopp führte, sogar massiv. Das stellt Interims-Nachfolger Woebcken vor diverse Probleme.

Der Ex-BMW-Manager, der kürzlich bereits zum Leiter des Nordamerika-Geschäfts ernannt wurde, übernimmt ein Feld von Krisenherden. Eine Einigung mit den Behörden über einen Plan zur Beseitigung der Betrugsprogramme muss ebenso dringend her wie eine Strategie, um die Kunden zurückzugewinnen.

Die Uhr tickt - am 24. März läuft das Ultimatum eines US-Richters ab, bei dem über 600 Klagen gebündelt sind. Zudem ermitteln das Justizministerium und 50 Staatsanwälte der US-Bundesstaaten. Es brennt an allen Ecken und Enden.

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