VW-Skandal - Der lange Kampf mit Dieselgate

VW-Skandal - Der lange Kampf mit Dieselgate

Für Volkswagen-Chef Müller wird der Besuch der Detroit Auto-Show in den USA im Jänner 2016 ein erster Canossa-Gang.

Alleine mit dem Rückruf und Austausch der Software oder Technik der elf Millionen Autos ist der Diesel-Skandal noch lange nicht abgeschlossen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Und sie rechnet mit einer langen Aufarbeitung der Machenschaften im VW-Konzern. So muss etwa der Tatzeitraum von bis zu einem Jahrzehnt berücksichtigt werden. VW wird nach dem großen internen Aufräumen wohl über Rabatte das Vertrauen der Konsumenten zurückgewinnen müssen. Es drohen weiterhin Milliardenkosten für Rückruf und Reparatur der manipulierten Autos.

Wolfsburg/Braunschweig. Volkswagen hat ein katastrophales Jahr hinter sich und ein kräftezehrendes vor sich. Der Skandal um per Software geschönte Diesel-Abgaswerte wird mit einer gigantischen Rückrufaktion, Milliardenkosten und einer Klageflut wütender Kunden und Anleger den Wolfsburger Konzern 2016 und noch darüber hinaus auf Trab halten.

Doch Experten trauen Europas größtem Autobauer zu, die Krise in den Griff zu bekommen und geläutert und gestärkt aus ihr hervorzugehen. "Das nächste Jahr wird schwierig, aber es ist Licht am Ende des Tunnels zu sehen", sagt Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. Auch Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler sieht 2016 als Jahr der Aufarbeitung für VW. Die wichtigste Aufgabe werde sein: "Man muss die Kunden zurückgewinnen."

VW unter neuer Führung traut der Autoexperte zu, sich die zuletzt gesunkenen Marktanteile zurückzuholen - zur Not mit höheren Preisnachlässen. Der Konzern habe zuletzt "ganz ordentlich an der Preisschraube gedreht". Absatzminus und Rabatte dürften auf den Gewinn drücken, aber selbst einen Rückgang in Milliardenhöhe halten die Experten für beherrschbar.

Frank Schwope, Analyst bei der NordLB, geht davon aus, dass der Zwölf-Marken-Konzern in diesem und im kommenden Jahr ohne Verlust aus der Sache herauskommt. Das kurze Gedächtnis der Kunden und die Erholung des wichtigsten Konzernmarktes China werden Volkswagen nach Einschätzung der Branchenkenner zupasskommen.

Elf Millionen Autos in die Werktstatt

Als oberstes Ziel für das kommende Jahr nennt VW, die elf Millionen betroffenen Diesel-Fahrzeuge in Ordnung zu bringen. Das sei wichtiger als die Frage, welche Ingenieure oder Manager die Manipulation zu verantworten haben, heißt es in Wolfsburg. Die erste Konfrontation mit den Käufern muss Konzernchef Müller Mitte Januar auf der Automesse in Detroit überstehen. Die Umweltbehörden der Vereinigten Staaten waren dem Betrug auf die Schliche gekommen, den Volkswagen lange abgestritten hatte.

"Es wäre zu früh zu sagen, man hat nach zehn Wochen alles im Griff", sagt ein Konzernsprecher, "aber wir sind auf dem Zielkorridor." Alle Scherben aufzukehren, braucht schon deshalb Zeit, weil der größte deutsche Industriekonzern 2015 in seinen Grundfesten erschüttert wurde.

Der Gang nach Detroit

Die erste Konfrontation mit den Käufern muss Konzernchef Müller Mitte Januar ausgerechnet auf der Automesse in Detroit in den USA überstehen. Die Umweltbehörden der Vereinigten Staaten waren dem Betrug auf die Schliche gekommen, den Volkswagen lange abgestritten hatte.

Konzernchef Müller wagte sich bisher noch nicht in die Höhle des Löwen, im Kongress musste sich US-Chef Michael Horn von empörten Abgeordneten in die Mangel nehmen lassen. Nun will Müller die Flucht nach vorne antreten, auf der Messe und anschließenden Terminen in Washington. Auf die Knie fallen werde er nicht, kündigte der Manager an.

So geht Müller - wie auch die Experten - davon aus, dass der Skandal nur einen kleinen Knick beim Pkw-Absatz zur Folge haben wird. Das Schielen auf Stückzahlen und immer neue Verkaufsrekorde ergebe für ihn ohnehin wenig Sinn, sagte er der "Wirtschaftswoche". Ob VW "Nummer eins, zwei oder drei beim Volumen" sei, "das ist mir egal". Führend in der Branche wolle man nach wie vor sein, dies werde aber jetzt anders definiert.

30 Milliarden Kosten

Schwerer als Rückgänge beim Absatz wiegen für Fachleute die noch unkalkulierbaren Kosten für milliardenschwere Schadenersatzklagen. Auch könnte die Kompensation für die Kunden teuer werden, wenn VW zu einem Rückkauf gezwungen werden sollte. Bisher hat der Konzern 6,5 Milliarden Euro für die Rückrufkosten weltweit zurückgelegt, die in diesem Jahr zu Buche schlagen.

"Teuer wird es auf jeden Fall", sagt Pieper mit Blick auf die Schadenersatzklagen. Mehr als 30 Milliarden Euro könnten es werden, schätzt der Autoexperte, womöglich sogar bis zu 50 Milliarden, allerdings verteilt über viele Jahre. Selbst in dieser Größenordnung sei dies für VW kein Problem, weil der Konzern viel Geld auf der hohen Kante und große Kreditlinien habe. Außerdem gehe das Geschäft trotz Dieselgate weiter.

Noch nicht vergessen ist auch der interne wochenlange Machtkampf zwischen Vorstandschef Martin Winterkorn und dem Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piech. Als im Hause wieder Ruhe einkehrte, fegte im Herbst das Auffliegen der Manipulation von Millionen Diesel-Autos Winterkorn aus dem Amt und stürzte den Traditionskonzern in die tiefste Krise ihrer Geschichte.

Die Ermittlungen werden einmal mehr den Konzern in den Fokus rücken. Ein Anfangsverdacht besteht gegen insgesamt elf aktuelle und frühere VW-Mitarbeiter. Unter anderem gehen die Ermittler dabei Betrugsvorwürfen nach.

Die Ermittlungen

Doch alleine den Kunden zurückzugewinnen und die Reparatur der manipulierten elf Millionen Autos dürften nicht die vollständige Lösung des Abgas-Skandals bringen. Bei Volkswagen könnten sich die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Braunschweig lange hinziehen. Dies sagte der zuständige Oberstaatsanwalt Klaus Ziehe der "Süddeutschen Zeitung" (SZ).

Immerhin müsse dabei ein möglicher Tatzeitraum von bis zu zehn Jahren aufgearbeitet werden, so Ziehe: "Einen Zwischenstand können und werden wir angesichts dessen wohl nicht geben - sondern nur ein Ergebnis am Ende." Mit fünf Ermittlern sei ein Zwölftel des Personals seiner Behörde derzeit nur mit dem Fall VW beschäftigt. Dazu kommen 20 Sonderermittler des Landeskriminalamts Niedersachsen.

Die Braunschweiger Anklagebehörde hatte wegen der im September von VW zugegebenen Manipulationen von Stickoxid-Messwerten bei Dieselmotoren ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Es gab auch Razzien. Anfang November teilte der Autobauer mit, dass es auch bei Kohlendioxid-Emissionen "Unregelmäßigkeiten" gab - sie sollen laut dem Unternehmen aber weniger gravierend sein als befürchtet.

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