VW-Skandal: Jetzt zittert die Belegschaft um Jobs

VW-Skandal: Jetzt zittert die Belegschaft um Jobs

Der VW-Skandal lässt nun auch die Mitarbeiter zittern. Schon 1000 Leiharbeiter mussten gehen. Jetzt fürchtet angesichts der drohenden Sparmaßnahmen auch die Stammbelegschaft um ihre Jobs.

Bei VW geht es jetzt langsam, aber sicher auch bei der Belegschaft ans Eingemachte. Das Beben der weltweiten Abgasaffäre und die Debatte um den richtigen Sparkurs sind für die Beschäftigen in der Wolfsburger Zentrale zunehmend nicht mehr bloß abstrakte Ängste.

Die Warnungen des eigenen Betriebsratschefs zeigen der Belegschaft ganz unverblümt, dass der Haussegen bei Europas größtem Autokonzern schief hängt. Als reiche das nicht aus, wirft obendrein der US-Chef das Handtuch - in einer für den Konzern entscheidenden Zeit. Denn schon am 24. März läuft das Ultimatum eines US-Richters ab.

Die Mitarbeiter haben andere Sorgen. Denn wie jetzt erst bekannt wurde, standen nach dem öffentlichen, auf Harmonie und Zusammenhalt ausgelegten Teil der Betriebsversammlung im Stammwerk Wolfsburg am Dienstag die Zeichen auf Konfrontation. Vor mehr als 20.000 Mitarbeitern teilte Betriebsratschef Bernd Osterloh kräftig gegen den neuen Markenvorstand Herbert Diess aus. "Machen Sie die 215.000 Beschäftigten der Marke Volkswagen nicht zu Versuchskaninchen für wirtschaftswissenschaftliche Experimente", wetterte Bernd Osterloh nach dpa-Informationen in seiner Rede.

Etwas läuft schief

Die markigen Worte bringen einen Konflikt auf den Punkt, der sich schon vor der Abgasaffäre andeutete, sich aber jetzt offensichtlich massiv verschärft hat: Wie muss sich Volkswagen verschlanken, um im Kampf mit der Konkurrenz schlagkräftiger zu werden und zugleich die drohenden Milliardenkosten der Diesel-Manipulationen zu stemmen? Zur Angst um Stellenabbau passte auch die Aufforderung von Aufsichtsrat Wolfgang Porsche, der eine tabufreie Diskussionskultur forderte.

Zur Unsicherheit kommt aus Sicht der mächtigen Mitarbeitervertretung Skepsis über die neue Führung der Kernmarke. "Wenn selbst die Führungskräfte bei jeder kleinen Nachfrage nur mit den Achseln zucken können, dann läuft da etwas grundlegend schief", schimpft Osterloh.

Aus Konzernkreisen heißt es, bis Ende 2017 sollten zehn Prozent der Verwaltungsstellen wegfallen. "Wir werden es nicht zulassen, dass blindwütig und planlos Stellen gestrichen werden", sagt der Betriebsratschef. Dieses Vorgehen gefährde den bei VW erprobten Weg, Themen gemeinsam zu lösen: "Wir erwarten Beteiligung und vor allem eine Kommunikation, die nicht von oben nach unten nach dem Motto 'Der Vorstand hat beschlossen' funktionieren soll."

Jener Vorstand sieht sich seit Donnerstag noch mit einem ganz anderen Problem konfrontiert: Ausgerechnet auf dem wichtigen US-Markt, wo es noch keinen abgesegneten Rückrufplan für manipulierte Dieselwagen gibt, geht der Landeschef von Bord. Michael Horn war erst 2014 angetreten, das Ruder herumzureißen - doch dann ging das Debakel erst richtig los. Und Horn wird zur Schlüsselfigur in einem Skandal, dessen Ursache er nicht zu verantworten hat.

Lesestoff für den Knast

"Was werden Sie im Knast lesen?", fragte ein US-Abgeordneter Horn im Oktober bei einer Kongressanhörung zur Affäre um manipulierte Emissionstests. Die Szene, die sich nur wenige Wochen nach dem Bekanntwerden von "Dieselgate" in Washington abspielte, zeigt, unter welch hohem Druck der Manager gestanden sein muss. "Wir waren unehrlich. Wir haben es völlig vermasselt", hatte er zuvor bei einer Auto-Präsentation in New York gesagt. Das Büßergewand war bis zuletzt seine Alltagskluft. Jetzt hat er es abgelegt. Allen Angeboten aus Wolfsburg zum Trotz. Nun muss Hinrich Woebcken das Ruder übernehmen. Vorerst, weil kein anderer mehr da ist. Woebcken sollte eigentlich erst im April sein neues Amt als Nordamerika-Chef antreten, womit er de facto Horns Chef geworden wäre.

Im VW-Aufsichtsrat sorgt die Ankündigung aus den USA prompt für Stirnrunzeln. Für die Aufseher kommt die Entscheidung überraschend. Im September, als die Krise losging, standen die Wetten auf Horns Verbleib schlechter. "Wir alle schulden Herrn Horn Respekt", sagte am Donnerstag ein Unternehmensvertreter aus der ersten Reihe im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Horn habe insbesondere in den vergangenen Monaten "absolute Knochenarbeit" geleistet. Über die Gründe für Horns Entscheidung ist nichts Konkretes zu erfahren. "Wir hätten ihn gern noch hier behalten."

Warum der 54-Jährige ging - darüber ließe sich nur spekulieren. Die Verlautbarungen des Konzerns erschöpfen sich in Standard-Phrasen: Die Trennung erfolgte laut Pressemitteilung in "beiderseitigem Einvernehmen", Horn wolle sich nun "anderen Aufgaben widmen".

Viel Zeit, um über Horns Abgang zu lamentieren, bleibt VW nicht. Die Uhr tickt - am 24. März läuft das Ultimatum eines US-Richters ab, bei dem über 600 Klagen gebündelt sind. Bis dahin soll sich VW mit den US-Behörden über eine Lösung für die rund 580 000 manipulierten Autos in den USA verständigt haben. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ermitteln zudem das Justizministerium und rund 50 Staatsanwälte. Es brennt lichterloh an allen Ecken.

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