VW-Dieselskandal - Die Fahrt aus der Werkstatt Volkswagen

VW-Dieselskandal - Die Fahrt aus der Werkstatt Volkswagen
VW-Dieselskandal - Die Fahrt aus der Werkstatt Volkswagen

Matthias Müller, bestens erprobt im Krisenmangement, hat so viel "Benzin" im Blut, dass er den havarierten VW-Konzern wieder auf Kurs bringen kann.

Ab heute geht es bei Volkswagen darum, vor allem wie und wer den weltgrößten Auto-Konzern aufgrund seines Abgas-Skandals aus der Werkstatt fährt. Pilotiert wird der Konzern höchstwahrscheinlich von Matthias Müller, der den Porsche-Konzern in den vergangenen Jahren auf die Überholspur geführt hat. Der Top-Manager, einst als Flüchltingskind mit den Eltern aus der DDR nach Deutschland geflüchtet, hat das Geschäft von der Pike auf gelernt.

Wolfsburg Vor einer Woche war die VW-Welt noch in Ordnung. Martin Winterkorn hatte nach dem gewonnenen Machtkampf mit Ferdinand Piech seine Position gestärkt und präsentierte sich selbstbewusst auf der IAA. Davon ist nichts übrig. Wie geht es jetzt weiter bei Volkswagen?

Volkswagen muss ohne Martin Winterkorn weitermachen - der Abgas-Skandal fegte den eigentlich fester denn je im Sattel sitzenden Konzernboss innerhalb weniger Tage aus dem Amt. Am Freitag dürfte die beispiellose Affäre weitere Manager Amt und Würde kosten. Noch immer sind die Folgen, die das Diesel-Desaster für Europas größten Autobauer haben wird, nicht absehbar.

Fest steht: Auf den neuen Chef wartet eine riesige Herausforderung, denn schon in normalen Zeiten ist ein Konzern wie Volkswagen mit seinen Baustellen und weltweit rund 600.000 Mitarbeitern schwer zu führen.

Top-Kandidat für den Chefsessel ist Matthias Müller. Die Karriere des 62-Jährigen ist eng verbunden mit der seines Vorgängers und abgedankten CEO MArtin Winterkorn. Als Winterkorn 2007 VW-Chef wurde, ging auch Müller nach Wolfsburg. Er übernahm die Leitung des Produktmanagements und wurde Generalbevollmächtigter des Konzerns. Zuvor hatten sie schon bei Audi zusammen gearbeitet: Winterkorn war seit 2002 Vorstandsvorsitzender der VW-Tochter, auch Müller machte bei dem Ingolstädter Autobauer Karriere.

Der am 9. Juni 1953 in Chemnitz geborene Müller, der als Kind mit seinen Eltern aus der damaligen DDR in den Westen floh, begann bereits 1978 seine berufliche Laufbahn bei Audi. Nach seinem Abitur in Ingolstadt hatte er in seiner Heimatstadt zunächst eine Ausbildung zum Werkzeugmacher bei dem Autobauer gemacht, bevor er zum Informatik-Studium nach München ging. Bei Audi stieg er schließlich bis zum Leiter des Produktmanagements auf.

Müller ist bereits erprobt im Krisenmanagement. Er hatte im Jahr 2010 die Letiung von Porsche übernommen. Die Übernahmeschlacht zwischen Porsche und Volkswagen, aus der der Wolfsburger Konzern als Sieger hervorging, lag damals noch nicht lange zurück.

Im März dieses Jahres konnte Müller für das Geschäftsjahr 2014 Rekorde des Sportwagenherstellers bei Auslieferungen, Umsatz und Ergebnis verkünden. "Porsche hat sich sehr erfolgreich entwickelt und ist heute besser aufgestellt denn je", freute sich der Vorstandschef bei der Präsentation der Zahlen. Seit März ist Müller auch Vorstandsmitglied beim Porsche-Mutterkonzern Volkswagen

Wie geht es nun weiter im Zwölf-Marken-Imperium?

1. Was passiert heute überhaupt?

In Wolfsburg tagt am Vormittag der Aufsichtsrat der Volkswagen AG. 20 Mitglieder hat das Gremium - und jene 20 müssen die Weichen für den Neuanfang an der Spitze stellen. Sie entscheiden, wer Nachfolger von Martin Winterkorn wird. Und aller Voraussicht nach werden die Aufseher auch noch eine Reihe anderer Personalentscheidungen treffen.
Dabei standen für die turnusmäßige Sitzung auch ohne Abgas-Skandal gewichtige Themen an - darunter die Entscheidung über die noch von Winterkorn entworfene neue Struktur für den Riesenkonzern. Damit sollte VW schneller und vor allem besser werden.

2. Wer wird denn nun neuer VW-Chef?

Es gibt zwei Favoriten. Doch auch Überraschungen sind bei Volkswagen nie ganz auszuschließen. Bisher sieht es so aus, dass der derzeitige Chef von Porsche, Matthias Müller, das Rennen machen könnte. Aber auch der seit Juli als VW-Markenchef amtierende Ex-BMW-Vorstand Herbert Diess hat Chancen. Für Müller spricht, dass er den Konzern gut kennt und als erfahrener Automanager gilt - und auch Rückhalt im Management hat. Diess jedoch hat einen Vorteil, der vor dem Skandal noch als Nachteil gegolten hätte: Er ist erst kurz bei VW. Daneben sollen noch Kandidaten wie Lkw-Chef Andreas Renschler im Rennen sein.

3. Was gibt es noch für Personalien?

Es wird erwartet, dass infolge des Abgas-Skandals weitere Manager ihren Job verlieren - etwa in den Vorständen der VW-Töchter oder bei anderen Gesellschaften. Bisher hat sich Volkswagen dazu nicht offiziell geäußert. Nach Informationen aus Konzernkreisen sollen aber etwa Audi-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg und Porsche-Forschungsvorstand Wolfgang Hatz ihre Posten räumen. Daneben soll es nach unbestätigten Angaben weitere Wackelkandidaten geben.

4. Was für Aufgaben warten auf den neuen Konzernlenker?

Die Liste ist lang. Doch zunächst muss die größte Aufmerksamkeit wohl dem Abgas-Skandal gelten. Der kann sich angesichts drohender Milliardenstrafen, unabsehbar vieler Klagen und Prozesse oder Kosten für die Nach- und Umrüstaktionen der betroffenen Fahrzeuge rasch zu einem wirklich bedrohlichen Mischung entwickeln. Hart aufklären, rücksichtlos aufräumen und glaubwürdig neu beginnen muss der Neue auf jeden Fall.
Daneben warten weitere Probleme: Die neue Struktur muss mit Leben gefüllt werden, VW muss etwa in China und anderen wichtigen Schwellenländern Antworten auf die schlechte Wirtschaftslage dort finden. Dazu kommen die Digitalisierung und neue Rivalen aus der IT-Branche oder der schleppende Ausbau der Elektromobilität.

5. Was muss der künftige "Mr. Volkswagen" noch leisten?

"Wir brauchen für die Zukunft ein Klima, in dem Probleme nicht versteckt, sondern offen an Vorgesetzte kommuniziert werden", fordert Betriebsratschef Bernd Osterloh. Der mächtige Arbeitnehmervertreter spielt damit auf ein Thema an, dass VW schon länger beschäftigt: Es herrscht ein straffer Führungsstil, manche Manager sprechen gar von einem Klima der Angst. Schon früher gab es Berichte über Techniker, die weinend aus Produktabnahme-Gesprächen kamen. Osterloh sagt es so: "Wir brauchen eine Kultur, in der man mit seinem Vorgesetzten um den besten Weg streiten kann und darf. Wir brauchen eine Kultur, in der alle Abteilungen zusammenarbeiten, um Probleme zu lösen."

6. Doch wie geht es konkret weiter im Abgas-Skandal?

Der neue VW-Chef muss die Affäre aufklären, aufarbeiten und vor allem versuchen, den Schaden möglichst zu begrenzen. Und aufgeklärt ist längst nicht alles. Noch immer ist nicht völlig klar, wie viele Autos überhaupt betroffen sind, was alles und wo manipuliert wurde. Noch weniger absehbar ist, was juristisch auf den Konzern und seine Manager zukommt. VW selbst hat Strafanzeigen angekündigt, in etlichen Ländern ermittlen Staatsanwälte, es gibt Prüfungen - von teuren Zivilklagen ganz zu schweigen. Auch welche Strafe VW letztlich in den USA wird zahlen müssen, ist noch offen. Schlimmstenfalls könnte sich aber allein dieser Posten auf bis zu 18 Milliarden Dollar summieren.

7. Und die Politik?

In Bedrängnis gerät der deutsche Vorzeigekonzern auch von dieser Seite. Der deutsche Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hat eine Untersuchungskommission nach Wolfsburg geschickt, die Grünen fordern noch weitergehende Tests auch bei anderen Autoherstellern. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) nannte die Manipulationen in den USA "völlig inakzeptabel", auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) verlangte eine rasche und vollständige Aufklärung. Es gibt aber auch Vorwürfe an die Politik, von den Schummeleien bei Abgaswerten schon jahrelang gewusst zu haben.

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