VW-Dieselgate: Staatsanwalt ermittelt gegen Winterkorn, auch Audi betroffen

VW-Dieselgate: Staatsanwalt ermittelt gegen Winterkorn, auch Audi betroffen
VW-Dieselgate: Staatsanwalt ermittelt gegen Winterkorn, auch Audi betroffen

Am 23. September ist Martin Winterkorn als VW-Chef zurückgetreten, nun holt ihn der Diesel-Skandal wieder ein.

Bei Volkswagen brennt es an allen Ecken: Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Braunschweig gegen den Ex-CEO Martin Winterkorn wegen des Verdachts auf Betrug. Insidern zufolge wurden heute auch drei hochrangige Top-Manager gefeuert. Der Diesel-Skandal weitet sich außerdem auf die VW-Tochter Audi aus: Allein in Österreich sollen 62.000 Fahrzeuge von der Trick-Software betroffen. Der neue VW-Chef Matthias Müller will den Manipulationsskandal "schonungslos" aufklären. Die VW-Aktie verliert erneut.

Im Zuge des Abgas-Skandals bei Volkswagen gerät der zurückgetretene Konzern-Chef Martin Winterkorn ins Visier der Behörden. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt nun wegen Betrugsverdacht gegen den 68-Jährigen. Die für Wirtschaftsstrafsachen zuständige Behörde hat nach mehreren Strafanzeigen ein entsprechendes Verfahren gegen den Manager eingeleitet. Der Schwerpunkt der Untersuchungen liege auf dem Vorwurf, dass Fahrzeuge mit manipulierten Abgaswerten verkauft worden seien, teilte die Ermittlungsbehörde mit.

Winterkorn war am 23. September als Vorstandschef zurückgetreten. Als seinen Nachfolger bestimmte der Aufsichtsrat den bisherigen Porsche-Chef Matthias Müller.

Porsche-Produktionsvorstand Oliver Blume soll Insidern zufolge neuer Chef des Stuttgarter Sportwagenbauers werden. Der 47-Jährige solle im Laufe dieser Woche vom Aufsichtsrat der Porsche AG benannt werden, sagten zwei Personen mit Kenntnis der Vorgänge der Nachrichtenagentur Reuters am Montag. Porsche äußerte sich nicht dazu.

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig hatte erste Vorermittlungen bereits vergangene Woche aufgenommen und soll auch die Verantwortlichkeiten klären. Wörtlich heißt es dazu in einer Erklärung der Zentralstelle für Wirtschaftsstrafsachen: "Weiter ist in diesem Zusammenhang eine Strafanzeige der Volkswagen AG ohne Benennung eines Beschuldigten eingegangen; Zielrichtung der Ermittlungen ist insbesondere die Klärung der Verantwortlichkeiten."

Mehrere Top-Manager von Aufgaben entbunden

Beim Volkswagen-Konzern wird nun aufgeräumt: Der neue VW-Konzernchefs Matthias Müller setzt offenbar ganz oben an, um den Skandal aufzuklären. Gleich drei prominente Manager seien laut Angaben von Insidern suspendiert worden. Die Entwicklungschefs der VW-Marken Audi, VW Pkw und Porsche, Ulrich Hackenberg, Heinz-Jakob Neußer und Wolfgang Hatz seien bereits von ihren Aufgaben entbunden worden. Die Manager übernahmen damit die technische Verantwortung für die Abgas-Affäre.

Audi-Entwicklungschef Hackenberg hat einem Insider zufolge rechtliche Schritte gegen seine Beurlaubung eingeleitet. Er gilt als Erfinder des Baukastensystems, das Volkswagen derzeit bei immer mehr Marken einführt. Weder Audi noch VW und Porsche wollten sich zu der Beurlaubung der drei Entwicklungschefs äußern.

Derzeit werde ermittelt, inwieweit die Manager in die Abgas-Manipulationen verwickelt seien. VW wollte sich mit Verweis auf arbeitsrechtliche Auseinandersetzungen nicht zu den Suspendierungen äußern.

Manipulationen auch bei Audi

Der Dieselskandal zieht in der Zwischenzeit seine Kreise. Von den bis zu elf Millionen Autos des VW-Konzerns mit manipulierter Abgastechnik entfallen fünf Millionen Wagen auf die Marke VW. Es betrifft unter anderem den Golf sechs, den Passat in siebenter Generation und die erste Generation des Geländewagens Tiguan mit einem bestimmten Dieselmotor (Typ EA 189). Von der VW-Tochter Audi stammen weltweit 2,1 Millionen Fahrzeuge. Zu den betroffenen Modellen gehören der A1, A3, A4, A5, A6, TT, Q3 und Q5. In der Region Westeuropa seien es laut Reuters alleine 1,42 Millionen Wagen, in Deutschland um 577.000. Auf APA-Anfrage sagte ein Audi-Sprecher, dass in Österreich 62.000 Fahrzeuge der VW-Marke betroffen sind. In den USA betreffe die Manipulation der Abgastechnik rund 13.000 ausgelieferte Autos der Marke Audi. Bei Skoda sind rund 1,2 Millionen Fahrzeuge betroffen. Die tschechische VW-Tochter arbeite aber noch an einer Aufgliederung nach Regionen und Modellen.

"Wir arbeiten mit Hochdruck an einer technischen Lösung, die wir so rasch wie möglich dem Handel, unseren Kunden und der Öffentlichkeit präsentieren werden", sagte VW-Markenchef Herbert Diess. Volkswagen will in den nächsten Tagen einen Maßnahmen- und Zeitplan veröffentlichen. Daraus werde hervorgehen, welche Fahrzeuge wann zurückgerufen werden sollten, kündigte ein Sprecher an.

Jahrelanger Betrug

Zuletzt wurde bekannt, dass im VW-Konzern schon vor Jahren Warnungen ignoriert wurden, illegale Software einzusetzen. Medienberichten zufolge soll es außerdem schon lange Hinweise auf den Einsatz illegaler Software zur Manipulation von Abgas-Tests bei Diesel-Fahrzeugen gegeben haben. Der Zulieferer Bosch und ein VW-Techniker haben nach Angaben von Sonntagszeitungen bereits im Jahr 2011 vor der Praxis gewarnt, die den Wolfsburger Autobauer jetzt in die schwerste Krise seit Jahrzehnten gestürzt hat.

Dies gehe aus einem Prüfbericht der internen Revision von VW hervor, schrieb das Blatt unter Berufung auf Aufsichtsratskreise. Das Kontrollgremium sei darüber bei seiner Sitzung am vergangenen Freitag informiert worden. Es sei aber nicht geklärt worden, warum die Warnung damals ohne Folgen geblieben sei. Sollten die externen Ermittler Belege für ein Fehlverhalten aktueller oder ehemaliger Vorstände finden, drohten den Managern Schadenersatzforderungen des Konzerns.

Bosch soll sogar schon 2007 vor der gesetzeswidrigen Verwendung der Technik zur Abgasnachbehandlung gewarnt haben. Die von Bosch gelieferte Software sei nur für Testzwecke vorgesehen gewesen, nicht für den normalen Fahrbetrieb, schrieb die "Bild am Sonntag" unter Berufung auf ein VW-internes Dokument, auf das die interne Revision gestoßen sei. In einem Brief habe Bosch dem Konzern mitgeteilt, dass der geplante Einsatz illegal sei.

Ein Bosch-Sprecher betonte am Sonntag, man sei im Rahmen der Geschäftsbeziehungen mit VW zur Vertraulichkeit verpflichtet. Vergangene Woche war bekanntgeworden, dass die Technik zur Abgasnachbehandlung von dem schwäbischen Autozulieferer stammt. Aus den Unterlagen der US-Umweltbehörde EPA, die den Skandal öffentlich gemacht hat, geht hervor, dass VW die Software selbst programmiert hat.

50 Milliarden Euro Schaden

Die Hiobsbotschaften haben einmal mehr das Vertrauen der Anleger erschüttert. Der Börsenkurs der VW-Aktie ging am Montagmorgen gleich zum Börsenstart einmal mehr auf Talfahrt und verlor bis kurz vor Mittag über 5,4 Prozent. Doch damit nicht genug: Auch andere Automobilwerte notieren im Sog schwächer. Continental, Daimler und BMW verloren auch andere Autowerte und den deutschen Leitindex Dax an der Frankfurter Börse ins Minus.

Der Druck auf VW, den Fall schnell aufzuklären und das Vertrauen wieder herzustellen, wird immer größer. Kanzleramtsminister Peter Altmaier verlangte eine Garantie, dass Autos deutscher Hersteller Gesetze einhalten. Das Kraftfahrtbundesamt (KBA) forderte VW auf, alle betroffenen Diesel-Fahrzeuge umzurüsten, so dass sie den Abgasgesetzen entsprechen. Andernfalls droht laut "Bild am Sonntag" sogar der Entzug der Zulassung.

Die Landesbank Baden-Württemberg schätzt, dass sich der Schaden am Ende weltweit auf fast 50 Milliarden Euro summieren könnte. Dabei gehen die Analysten allein in den USA von 16 Milliarden Euro für Strafzahlungen und zehn Milliarden Euro an Kosten für den Rückkauf beanstandeter Fahrzeuge aus.

Kontrollbehörde setzt Volkswagen Ultimatum

Das KBA setzt den Wolfsburgern bei der Aufklärung des Falls das Messer auf die Brust: "Das Kraftfahrtbundesamt hat VW aufgefordert, einen verbindlichen Maßnahmen- und Zeitplan vorzulegen, aus dem ersichtlich wird, bis wann eine technische Lösung der betreffenden Fahrzeuge umgesetzt werden kann", sagte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt. Die Frist laufe bis zum 7. Oktober. Falls VW nicht reagiere, werde die Behörde den Autos die "Typengenehmigung" entziehen, schrieb die "Bild am Sonntag". Damit dürften die Fahrzeuge nicht mehr verkauft und bewegt werden.

Ein VW-Sprecher betonte, das Unternehmen stehe in Kontakt mit dem KBA. "Es ist unser Ziel in der nächsten Woche einen groben Zeitplan zu haben zu den betreffenden Punkten." Es sei im ureigenen Interesse von VW, die Sache so schnell wie möglich zu klären. Die Gespräche fänden auf höchster Ebene statt. In Italien bat der VW-Landeschef Massimo Nordio laut Zeitung "Corriera della Sera" Händler bereits, Autos des Konzerns mit bestimmten Motoren nicht mehr zu vertreiben.

Der neue VW-Chef Matthias Müller steht vor einer Herkulesaufgabe. Er muss Europas größten Autobauer aus der Krise führen und für Glaubwürdigkeit sorgen - bei Kunden und Investoren, in der Politik und bei den rund 600.000 Mitarbeitern. "Unser Unternehmen steht vor nie dagewesenen Herausforderungen", schrieb er laut "Handelsblatt" gemeinsam mit Gesamtbetriebsratschef Bernd Osterloh am Freitagabend an die Belegschaft. "Wir klären jetzt schonungslos auf." Die Vorgänge dürften sich keinesfalls wiederholen. VW müsse nun bei der internen Aufsicht und der Unternehmensführung neue Maßstäbe in der Branche setzen.

Die Affäre hatte vergangene Woche dem langjährigen Firmenchef Martin Winterkorn das Amt gekostet. Auf VW kommen Milliardenlasten zu, die Aktie hat innerhalb weniger Tage massiv an Wert verloren. Dennoch pocht Winterkorn laut "Bild am Sonntag" auf die Auszahlung seines noch bis Ende 2016 laufenden Vertrags. Im Aufsichtsrat gebe es allerdings Widerstände gegen die Forderung. Der Manager verdiente im vergangenen Jahr 15,9 Millionen Euro und war damit Spitzenreiter unter den Chefs der 30 Dax-Unternehmen.

"Eklatante Verstöße gegen Umweltversprechen"

In der Politik und Wirtschaft geht derweil die Angst um, dass durch den Abgas-Skandal deutsche Produkte in Verruf geraten. Wenn ein Weltkonzern wie VW sich so eklatant über Umweltregeln hinwegsetze, dann werfe dies einen Schatten auf die Versprechen deutscher Unternehmen, sagte Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) dem "Handelsblatt". Altmaier betonte im "Tagesspiegel am Sonntag", VW sei für das Image der hiesigen Wirtschaft mitverantwortlich. Es sei im "deutschen Interesse, dass die Vorgänge bei Volkswagen aufgeklärt und die notwendigen Konsequenzen gezogen werden".

Bei Aktienanlegern war zuletzt die Sorge aufgekommen, auch andere Autobauer könnten bei Abgas-Tests geschummelt haben. Daimler -Chef Dieter Zetsche sagte der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", sein Unternehmen halte sich an die gesetzlichen Vorgaben. "Wir haben keinerlei Manipulationen an unseren Fahrzeugen vorgenommen." Auf die Frage, ob alle Hersteller Betrüger seien, sagte er: "Klare Antwort: Nein!"

Das sieht auch die Mehrheit der Deutschen so. Einer Umfrage des Instituts Emnid für die "Bild am Sonntag" zufolge haben 44 Prozent der Befragten "großes Vertrauen", elf Prozent sogar "sehr großes Vertrauen" in die technischen Angaben der Hersteller.

Die KTM-Fahrrad-Chefinnen: Johanna Urkauf (29) ist seit 2018 Geschäftsführerin beim größten Fahrrad-und E-Bike-Hersteller Österreichs. Carol Urkauf-Chen (62) zieht aber vorerst weiterhin die Fäden im Unternehmen.

Wirtschaft

KTM gegen KTM: Fahrradschlacht in Mattighofen

Video
Ernst Ulrich von Weizsäcker

Wirtschaft

"In der vollen Welt ist die Natur der knappe Faktor" [VIDEO]

Wirtschaft

trend-EXKLUSIV: Neue Mieter für ehemalige Creditanstalt-Zentrale