Vom guten Rad - KTM Fahrrad trotzt der Krise in der Fahrradbranche

Vom guten Rad - KTM Fahrrad trotzt der Krise in der Fahrradbranche

KTM-Chefin Carol Urkauf-Chen

Europas Fahrradbranche steckt in der Krise. Finanzstarke US-Konzerne und steuerfreie Importe aus Asien belasten die Geschäfte der Hersteller. Ungeachtet dessen rollt die oberösterreichische KTM Fahrrad GmbH mit Sitz in Mattighofen im 50. Jubiläumsjahr auf der Erfolgswelle.

Mattighofen, die 6000-Einwohner-Gemeinde am Rande des Kobernausser Waldes in Oberösterreich, ist eigentlich nicht wirklich der Nabel der Welt. Zweirad-Fahrer, motorisierte wie unmotorisierte, können an dem Städtchen dennoch kaum vorbei. 1951 gründeten Ernst Kronreif und Hans Trunkenpolz hier die Zweirad-Schmiede KTM. Zunächst wurden in dieser Motorräder, dann auch Fahrräder gebaut. Anfangs noch, um die Produktion auszulasten, bald wurde daraus jedoch eine eigene Geschäftssparte.

Genau 50 Jahre ist es her, dass in Mattighofen das erste Fahrrad gebaut wurde. Ein dem Design der US-Straßenkreuzer nachempfundener City-Cruiser mit im Rahmen integrierter Beleuchtung - eine Auftragsarbeit für die längst vergessene US-Marke "Fleetwing". Der heutige Geschäftsführer Franz Leingartner hätte das Rad im Jubiläumsjahr nur zu gern in einer limitierten Neuauflage produzieren lassen, zumal derartige Räder derzeit ein kleines Revival erleben. "Das hätte aber Unsummen gekostet. Es gibt die Maschinen nicht mehr, um so ein Rad zu bauen", sagt Leingartner.

Stattdessen hat KTM ein anderes Sondermodell gebaut. Ein schwarz-oranges Mountainbike "Ultra", das stolz die Jahreszahl "1964" auf dem Rahmen trägt. Das passt auch wesentlich besser zur Philosophie der Oberösterreicher. Seit das Unternehmen 1996 knapp vor dem Konkurs von Carol Urkauf-Chen gekauft wurde, schaut man in Mattighofen nämlich lieber konsequent nach vorne statt zurück und hat sich mit dieser Orientierung einen fixen Platz in der Top-Riege der weltweiten Fahrradhersteller gesichert.

Die Macht der Marke

Das Gasthaus "Maria vom guten Rat" in Gstaig bei Mattighofen ist einer von Urkaufs Lieblings-Gasthöfen - die Brücke zum "guten Rad" aus Mattighofen liegt da nahe, zumal Qualität auch eine der obersten Maxime der Unternehmerin ist.

Natürlich ist sich Urkauf auch des Werts der Marke bewusst, der sie zu einem neuem Leben verholfen hat. "Ohne eine eigene, starke Marke ist es ganz schwer", meint sie und verweist auf namhafte Hersteller, die zu Beginn des Jahres in Finanznot geraten sind: Im Februar musste die deutsche Pantherwerke AG Insolvenz anmelden und Ende März gab MIFA, der größte deutsche Fahrradhersteller, einen Verlust von 15 Millionen Euro für das Jahr 2013 bekannt. "Diese Unternehmen haben nicht gut für ihre Marke gearbeitet. Haben Räder in Lohnarbeit hergestellt und auf den Aufbau eigener Marken vergessen", attestiert Urkauf. Als Folge gerieten sie durch die Omnipräsenz großer, finanzstarker US-Hersteller und Marken wie Specialized, Cannondale oder Trek ebenso unter Druck wie durch Hersteller aus Asien, die Fahrräder steuerfrei in die EU importieren.

Als Marke Flagge zu zeigen und für alle Kunden ein Angebot zu haben sind zwei weitere Maxime für Urkauf Aus diesem Grund hat KTM auch wieder begonnen, die einige Jahre nicht im Sortiment befindlichen Kinderfahrräder zu bauen. "Ich habe festgestellt, dass es schlecht für uns ist, wenn wir keine Kinderräder haben. Kinder sollen mit unserer Marke aufwachsen und wann immer sie ein Fahrrad sehen an KTM denken", begründet Urkauf diesen Schritt.

Aus Kostengründen werden die Kindermodelle wie die Einstiegsmodelle nicht am Stammsitz in Mattighofen, sondern in Sumperk in Tschechien gebaut. Auch Fahrräder, die unter anderen Namen, etwa der großer Sportartikelhändler verkauft werden, kommen aus dieser Fabrik. Für die geschäftstüchtige KTM-Chefin ein einträgliches Business. "Unsere eigenen High-End-Modelle werden aber auch in Zukunft weiterhin in Mattighofen gebaut", versichert sie.

High-Tech Räder

300 Mitarbeiter arbeiten aktuell in Mattighofen – mehr als doppelt so viele wie im Jahr 1996, als Urkauf die Firma übernommen hat. Weitere 150 sind in der Fabrik in Tschechien beschäftigt und 50 Vertriebsmitarbeiter sind ebenfalls im Dienste des oberösterreichischen Fahrradherstellers unterwegs. 2010 hat Urkauf außerdem KTM Asia gegründet, das Fahrräder für den asiatischen und den australischen Raum baut. An die 210.000 Fahrräder werden an den drei Standorten jährlich gefertigt, drei Viertel davon in Mattighofen. Der Hauptmarkt ist in den deutschsprachigen Ländern, Österreich, Deutschland und Schweiz, verkauft werden die Räder aber bereits in über 50 Ländern. 2014 erstmals auch in den USA.

Für österreichische und auch europäische Verhältnisse gehört KTM damit zu den Großen der Branche, dennoch kann das Unternehmen der Nachfrage in einigen Bereichen kaum gerecht werden. So war etwa schon Ende März der Großteil der E-Bikes, mit denen KTM seit einigen Jahren erfolgreich reüssiert, verkauft. 90 Prozent der Jahresproduktion waren da bereits abgesetzt

Gerne würde Urkauf noch mehr Räder herstellen, doch die Produktionskapazität lässt sich nicht so einfach erhöhen. Die Fahrrad-Branche ist heute eine High-Tech-Branche und ähnlich wie die Automobil-Branche von vielen Zulieferbetrieben mit monatelangen Lieferfristen abhängig. Das erfordert eine langfristige Planung, und Urkaufs Credo dabei ist Vorsicht. Lieber ein paar Räder weniger verkaufen als sie zu hunderten oder tausenden abverkaufen zu müssen.

Innovation statt Tradition

Die Bestellungen für das Jahr 2015 wurden schon zu Beginn des Frühjahres fixiert und in der eigenen Entwicklungsabteilung wird bereits an den Modellen für die Jahre 2015 und 2016 gearbeitet. Eine Abteilung, die Urkauf besonders wichtig ist. Mehr noch als Stückzahlen zählt für sie, dass ihr Unternehmen als Innovationsführer gesehen wird. Bei den E-Bikes haben die Mattighofener etwa die Vorreiterrolle übernommen, bei den Mountainbikes und Rennrädern stechen sie ebenfalls immer wieder mit Innovationen hervor und das Konzept-Rad "E-Shopper" wurde 2012 auf der wichtigsten Fahrrad-Messe Eurobike mit dem Gold-Design-Award ausgezeichnet. Eine Ehrung, die für Urkauf die "größte des Lebens" war.

Der E-Shopper wurde zwar nicht der riesige Verkaufsschlager, blieb aber für KTM ein wichtiges Produkt. Schließlich konnten die Oberösterreicher damit neue Möglichkeiten aufzeigen und bekamen obendrein international weiteren Auftrieb. Den will Urkauf nun nutzen, um zum 50. Firmenjubiläum weiter auszuholen. Etwa auch am riesigen US-Markt. Um diesen effizient bedienen zu können wären eine eigene Fabrik und ein Vertrieb in den Vereinigten Staaten nötig. Dafür fehlt es derzeit allerdings noch an den Kapazitäten. "Momentan gibt es daher dafür auch keine Pläne, aber wir tun mehr, als wir sagen", deutet Urkauf an, dass ein größeres Engagement durchaus Charme hätte.

Und Urkauf will die Position ihres Unternehmens als Innovationsführer in der Branche weiter festigen. "Wir haben keine andere Wahl", sagt sie, "der Branche geht es schlecht und die Stückzahlen stagnieren. Wir müssen immer wieder etwas Neues bringen. Nur dann hat eine Firma auch eine Zukunft."

Wirtschaft

Nach Betrugsaffäre: FACC klagt Ex-Vorstände

Wirtschaft

In den Casinos läuft die Kugel nicht rund

Die KTM-Fahrrad-Chefinnen: Johanna Urkauf (29) ist seit 2018 Geschäftsführerin beim größten Fahrrad-und E-Bike-Hersteller Österreichs. Carol Urkauf-Chen (62) zieht aber vorerst weiterhin die Fäden im Unternehmen.

Wirtschaft

KTM gegen KTM: Fahrradschlacht in Mattighofen