Vollbremsung: So stark trifft es die EU-Wirtschaft

Die wirtschaftliche Vollbremsung im ersten Halbjahr 2020 wird beispiellos. Die Branchen und Staaten trifft es jedoch recht unterschiedlich. Welche fiskalpolitischen Maßnahmen laut Experten nötig sind, um die Wirtschaft nach dem Shutdown wieder rasch in Gang zu bringen. Welches Land am meisten Geld für die Eindämmung des wirtschaftlichen Schadens aufwendet.

Vollbremsung: So stark trifft es die EU-Wirtschaft

Die Wirtschaft in der Eurozone könnte 2020 merklich schrumpfen. Was Experten nun Fiskalpolitikern raten.

Wie desaströs die Bilanz nach der Eindämmung des Corona-Virus sein wird, lässt sich derzeit nur erahnen. Einen ersten Hinweis, wie die Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus auf die verschiedenen Sektoren wirken, bietet China. Hier wie dort leidet nicht nur das produzierende Gewerbe, sondern auch der Dienstleistungssektor. Trotz der raschen Eindämmung des Virus, zeigen die Zahlen aus China ein beängstigendes Bild: Der Autohandel ging dort im Februar um rund 80 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück. Die Industrieproduktion sank um 13 Prozent, der Umsatz im Handel um 22 Prozent.

Ausfall von 17 Prozent des EU-BIP erwartet
Wie in China sind, aus heutiger Sicht, auch in Europa die Branchen sehr unterschiedlich betroffen. Einige Sektoren dürften, zumindest vorübergehend, kaum mit nennenswerten Ausfällen zu rechnen haben. Einige könnten sogar profitieren, wie etwa die Hersteller von medizinischen Geräten und Ausrüstung, so die Lieferketten verschont bleiben. Andere Bereiche sind jedoch extrem getroffen: allen voran der Tourismus und der gesamte Kunst- und Kulturbereich, der faktisch über Nacht seinen Betrieb einstellen musste. Aber auch der Handel und die Industrie sind in einem ganz erheblichen Umfang getroffen. Aggregiert man die Ausfälle aller Branchen, ergibt das für die Eurozone einen Ausfall von rund 17 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Als Faustregel gilt laut DWS: Pro Monat in dem der Lockdown aufrecht bleibt, sinkt das jährliche BIP um 1,5 Prozent.

Bis zu 75 Prozent Rückgang einzelner Branchen
Innerhalb der EU rechnet die DWS für die Unterhaltungsindustrie, Gaststätten und Beherbungsbetriebe mit einem Rückgang von rund 75 Prozent, gemessen an der jährlichen Gesamtwertschöpfung, also der Rückgang der produktiven Tätigkeit. Die Wertschöpfung bezieht sich auf den Nettobeitrag jedes Unternehmens zur Fertigung. Summiert man die Einzelbeiträge ergibt das die Wertschöpfung einer Volkswirtschaft. Hart getroffen wird laut DWS-Schätzung auch die Transportbranche, deren Wertschöpfung sich halbiert, bei der Industrie, ohne Bau, beträgt das Minus 30 Prozent und im Handel 25 Prozent.

Die Abschlag der Wertschöpfung der Branchen Bau, Finanzen, Landwirtschaft dürfte laut Prognosen der DWS vergleichsweise gering sein. Keine Einbußen werden für die Bereiche Wohnen, Informationsdienstleister und öffentlicher Dienst erwartet.

Deutschland, Italien und Spanien ökonomisch besonders betroffen
Die EU-Mitgliedsstaaten sind davon unterschiedlich stark betroffen. Deutschland sei vergleichsweise stark betroffen, da das Verarbeitende Gewerbe einen größeren Anteil an der Wertschöpfung hat. Italien und Spanien wiederum leide stärker wegen des zum Erliegen kommenden Tourismus, der dort einen größeren Anteil am Bruttoinlandsprodukt ausmacht.


Wirtschaft wird in China, den USA und Europa einen unterschiedlichen Verlauf nehmen

Unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung in China, den USA und Europa erwartet
Nachdem der Virus in China, den USA und Europa erfolgreich eingedämmt werden sein wird, wird die wirtschaftliche Entwicklung in diesen drei Regionen einen unterschiedlichen Verlauf nehmen, erwartet die DWS, einer der größten Fondsgesellschaften Deutschlands. „Das liegt an der unterschiedlichen Struktur, der getroffenen Maßnahmen und des zeitlichen Auftretens des Virus“, befindet Martin Moryson, DWS-Chefvolkswirt für Europa.

China trifft auf gedrosselte Nachfrage aus dem Rest der Welt
So kann China seine Produktion bereits wieder langsam hochfahren, trifft dabei aber auf eine gedrosselte Nachfrage aus dem Rest der Welt, während in Europa und den USA der Lockdown gerade erst begonnen hat. Das Ausmaß der Beeinträchtigung liegt jedoch laut DWS für alle Regionen in der gleichen Größenordnung, indem man 1,5 Prozent vom jährlichen Bruttoinlandsprodukt pro Monat Lockdown abzieht.

Strenge Maßnahmen höchstens bis Mai
Entscheidend sei daher wie lange die Maßnahmen anhalten werden. „Wir gehen davon aus, dass es in Europa höchstens bis in den Mai hinein sein wird“, so der DWS-Ökonom. Für das dritte Quartal wird eine gewisse Normalisierung erwartet.

Was ein Jahr Lockdown bedeuten würde
Würde der Lockdown in der Eurozone ein ganzes Jahr dauern, müsste mit einem Rückgang der wirtschaftlichen Leistung um 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr gerechnet werden. Bei einem typischen Zweitrundeneffekten käme laut DWS zu einem weit größeren Einbruch. Die Arbeitslosigkeit würde massiv ansteigen, eine Banken- und auch Staatsschuldenkrise wären fast sicher.

Präzisere, mildere Formen des "Social distancing" erwartbar
Die strengeren Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie werden laut DWS aus mehreren Gründen maximal zwei Monate in Kraft bleiben und danach allmählich gelockert werden: Im Laufe der Zeit werden sich wahrscheinlich präzisere, mildere und wirtschaftlich weniger kostspielige Formen des „social distancing“ durchsetzen. „In diesem Kampf "Mensch gegen Virus" setzen wir fest auf menschliche Innovation und Widerstandsfähigkeit“,so der DWS-Ökonom.

Fiskalpolitik wesentlich
Der Lockdown dürfte in vielen Ländern unmittelbar zu einem massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit führen. Und die wiederum zu einem weiteren starken Rückgang des privaten Konsums. Nachfolgende Firmenpleiten könnten Banken und sogar Staaten in den Abgrund reißen. Obwohl die Coronakrise letztendlich zeitlich befristet sein sollte, stellt sich die Frage, wie viele Unternehmen den erzwungenen Dornröschenschlaf überstehen können. Den wirtschaftlichen Schaden begrenzen kann aus Sicht von DWS-EXperten Moryson nur die Fiskalpolitik.

EU droht fünf prozentiger Schrumpfung
Der wirtschaftliche Schaden ließe sich faktisch auf null reduzieren, wenn der Staat die Kosten aller Ausfälle wegen übernähme. Also die Rechnungen aller ausgefallenen Essen und Hotelbuchungen zahlte, die leeren Flugzeuge buchte und alle Plätze im Theater. „Das ist natürlich unrealistisch, bietet aber eine grobe Vorstellung von der notwendigen Größenordnung dieser Programme“, so die DWS in einer Analyse. Es müsste in etwa dem ausgefallenen BIP entsprechen. Nach Schätzung der DWS schrumpft die Wirtschaft in der Eurozone in diesem Jahr um rund fünf Prozent. In etwa diese Lücke müssten die Rettungspakete füllen, also ein ebenso hohes Volumen aufweisen. Die DWS empfiehlt die Staatsverschuldung in der Eurozone um rund fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes ansteigen lassen – und zwar über die bereits geplante Neuverschuldung hinaus. Berechnungen für die USA belaufen sich auf eine ähnliche Größenordnung.

Die USA pulvern weitaus am meisten Geld in die Eindämmung des Shutdowns. Das Land dürfte damit auch die größten Chancen haben, ökonomisch am raschesten wieder auf die Beine zu kommen.

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