Volkswagen fährt 5,5 Milliarden Verlust ein

Volkswagen fährt 5,5 Milliarden Verlust ein

Die Schatten der Vergangenheit sollen heuer kürzer werden.

Der Abgasskandal beschert Europas größtem Autokonzern einen satten Verlust. Von einem Milliardengewinn in zweistelliger Höhe dreht das Ergebnis nun ins Minus. Die Rückstellungen machen dem Auto-Konzern zu schaffen. Auch 2016 wird von einem Umsatzminus ausgegangen. VW rechnet aber wieder mit einem Gewinn. Die Bekanntgabe des Zwischenberichts zur Schuldfrage wurde verschoben. Die Vorstände verzichten nicht auf ihre Boni.

Hamburg/Wolfsburg. Volkswagen hat wegen des Skandals um manipulierte Abgaswerte einen Milliardenverlust eingefahren. Und es sit der größte Verlust in der Geschichte des Konzerns. Die Wolfsburger wiesen für 2015 einen Betriebsverlust von 4,1 Mrd. Euro aus. Hauptgrund seien Rückstellungen von 16,2 Mrd. Euro, um die Lasten des Skandals zu schultern, teilte Volkswagen am Freitag im Anschluss an eine Aufsichtsratssitzung in Wolfsburg mit.

Im Vorjahr hatte ein operativer Gewinn von 12,7 Mrd. Euro zu Buche gestanden. Unter dem Strich fiel ein Verlust von 1,4 Mrd. Euro an, nach dem deutschen HGB-Bilanzstandard sogar von 5,5 Mrd. Euro.

Europas größter Autobauer hatte sich am Donnerstag mit den US-Behörden auf Grundzüge eines milliardenschweren Entschädigungsplans verständigt. Dieser sieht in den USA den Rückkauf von bis zu einer halben Million Dieselfahrzeugen mit manipulierten Abgaswerten und eine signifikante Entschädigung der Autobesitzer vor.

Der Umsatz stieg im vergangenen Jahr um 5,4 Prozent auf 213 Mrd. Euro. Für das laufende Jahr stellte das Management um Konzernchef Matthias Müller einen Umsatzrückgang um bis zu fünf Prozent und eine operative Rendite zwischen fünf und sechs Prozent in Aussicht.

Die VW-Aktie büßte den größten Teil ihres Vortagesgewinn ein. Die notierte kurz nach Bekanntgabe der Ergebnisse um sieben Prozent schwächer, im Verlauf des Nachmittags hatte sich der Kurs erholt. Das Minus hat sich bei rund einem Prozent eingepeilt (16:30 Uhr).

Der Vorstand des VW-Konzerns stellt seinen Anspruch auf Bonuszahlungen nur in Teilen zurück und muss keinen endgültigen Verzicht in Kauf nehmen. Zwar behalte der Konzern etwa 30 Prozent der variablen Vergütung der Vorstände ein. Das Geld werde aber in Aktien umgewandelt und geparkt, erklärte der VW-Aufsichtsrat und niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) am Freitag in Wolfsburg.

Nach Ablauf von drei Jahre werde geprüft, wie sich der Aktienkurs entwickelt hat. Liege der um ein Viertel über dem jüngsten Niveau, werde das Geld ausbezahlt, liege er darüber, gebe es sogar entsprechend mehr Geld zurück. Nur wenn der Kurs darunter liege, bekämen die betroffenen Vorstände das Geld nicht.

Für das laufende Jahr mit einem schrumpfenden Umsatz, traut sich aber nach dem Rekordverlust aus 2015 wieder schwarze Zahlen zu. "In Abhängigkeit von den konjunkturellen Rahmenbedingungen, insbesondere in Südamerika und Russland, der Wechselkursentwicklung und angesichts der Abgasthematik" erwarte VW einen Umsatzminus von bis zu 5 Prozent.

Vom Umsatz sollen 5 bis 6 Prozent als operativer Gewinn (vor Zinsen und Steuern) übrig bleiben. Das heißt: VW erwartet wieder schwarze Zahlen, nachdem es für 2015 vor Zinsen und Steuern gut 4 Milliarden Euro Verlust gegeben hatte. Die Fahrzeugverkäufe des Zwölf-Marken-Konzerns sollen auf Vorjahresniveau liegen - also bei knapp 10 Millionen Stück.

Die Risiken um die Schuldfrage

Entgegen eigener Ansagen will Volkswagen die bisherigen Ermittlungsergebnisse zur Schuldfrage im Diesel-Skandal auf unbestimmte Zeit nicht veröffentlichen. Mit einer Veröffentlichung von Zwischenergebnissen "zum gegenwärtigen Zeitpunkt" wären unvertretbare Risiken für Volkswagen verbunden, teilte der Konzern am Freitag im Anschluss an eine Sitzung des Aufsichtsrates in Wolfsburg mit.

Als Gründe für die Entscheidung nannte Volkswagen sowohl mögliche finanzielle Risiken bei den drohenden Strafzahlungen in den USA als auch negative Effekte bei der Ermittlungsarbeit der amerikanischen Behörden. "Volkswagen bedauert, von seinem ursprünglichen Vorhaben, Zwischenergebnisse der Untersuchung bis Ende April zu veröffentlichen, abweichen zu müssen", hieß es weiter.

Wann der Bericht nun der Öffentlichkeit präsentiert werden könne, sei unklar. Aufsichtsrat und Vorstand gingen gegenwärtig davon aus, dass zunächst ein umfassender Vergleich mit dem US-Justizministerium erfolgen müsse. Die US-Behörden haben bislang noch keine Angaben zu ihren Ermittlungen oder den zeitlichen Rahmenbedingungen gemacht.

293.000 Autos in die Garage

Der VW-Konzern ruft nach den Abgas-Prüfungen des deutschen Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) europaweit knapp 293.000 Dieselfahrzeuge der Marken Audi, Porsche und VW Nutzfahrzeuge zurück in die Werkstätten. Bei den Autos soll in einer "freiwilligen Service-Aktion" neue Software für die Abgas-Nachbehandlung aufgespielt werden, wie Sprecher der drei Konzernmarken am Freitag sagten.

Die VW-Nutzfahrzeuge-Tochter holt 124.000 Crafter und 70.000 Amarok zurück. Bei Audi sind es 65.700 Autos der Modelle Q5, A6 und A8 mit manuellem Schaltgetriebe, die nach EU-5- und EU-6-Abgasnorm zugelassen wurden - also auch die neuesten Wagen der Modellreihen. Porsche will 33.000 Diesel-Geländewagen vom Typ Macan umrüsten.

Ein Audi-Sprecher sagte, es werde eine neue Software geschrieben, die anschließend beim KBA zur Freigabe eingereicht werde. Den vom deutschen Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) angepeilten Zeitrahmen, dass die Umrüstung bis Ende des Jahres abgeschlossen sein solle, bezeichnete er als realistisch.

Wichtigste Stationen der VW-Abgasaffäre

Das Jahr 2015

3. September Volkswagen gibt in einer Telefonkonferenz mit den US-Umweltbehörden Manipulationen an Dieselmotoren zu. Mithilfe einer Software wurden die Abgaswerte in Prüfsituationen herunter geregelt.

18. September Die US-Umweltbehörde EPA macht das Geständnis öffentlich: VW habe vorsätzlich Abgasvorschriften bei rund 500.000 Diesel-Fahrzeugen umgangen. Das könne eine Strafe von bis zu 18 Mrd. Dollar (15,85 Mrd. Euro) nach sich ziehen.

20. September VW räumt die Abgas-Manipulationen nun selbst öffentlich ein und kündigt eine externe Untersuchung an.

21. September Am ersten Börsenhandelstag nach dem öffentlichen Geständnis stürzt die VW-Aktie um 20 Prozent ab.

22. September VW legt wegen der Abgas-Affäre 6,7 Mrd. Euro zurück und kassiert seine Gewinnziele für 2015.

23. September VW-Chef Winterkorn tritt zurück. Der Konzern erklärt, weltweit könnten elf Millionen Dieselfahrzeuge von den Manipulationen betroffen sein.

25. September Der VW-Aufsichtsrat bestellt Porsche-Chef Matthias Müller zum neuen Konzernchef.

7. Oktober Der Aufsichtsrat wählt VW-Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch zum Nachfolger des zurückgetretenen AR-Chefs Ferdinand Piech.

15. Oktober Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) ordnet den Rückruf von 2,4 Millionen VW-Fahrzeugen in Deutschland an, dieser soll Anfang 2016 starten.

28. Oktober VW verbucht erstmals seit mehr als 15 Jahren einen Quartalsverlust. Wegen der milliardenschweren Rückstellungen für den Abgasskandal weist der Konzern im dritten Quartal einen Betriebsverlust von rund 3,5 Mrd. Euro aus.

11. November Das KBA hat auffällige Abgaswerte bei Dieselautos mehrerer Hersteller gefunden.

20. November - Die EPA macht erneut ein Schummel-Geständnis von VW öffentlich: Die von Audi entwickelten und auch im Porsche Cayenne verbauten 3-Liter Motoren enthalten eine in den USA illegale Software.

25. November Der Autobauer präsentiert ein Plastikrohr als technische Lösung, um die Manipulation bei Motoren mit 1,6 Litern Hubraum zu beheben. Bei größeren Motoren genügt ein Software-Update.

10. Dezember Müller und Pötsch erklären auf einer Pressekonferenz in Wolfsburg, die Affäre konsequent aufklären zu wollen. 450 Experten seien an den Untersuchungen beteiligt.

Das Jahr 2016

4. Jänner Das US-Justizministerium verklagt VW wegen der Abgasmanipulation. Es droht eine Milliarden-Strafe.

8. Jänner Der Abgas-Skandal brockt VW den ersten Absatzrückgang seit mehr als einem Jahrzehnt ein. 2015 sinkt die Zahl der vom Konzern weltweit ausgelieferten Fahrzeuge um zwei Prozent.

11. Jänner VW-Chef Müller besucht die US-Automesse in Detroit. Nach einem Radio-Interview, in dem er den Dieselskandal als "technisches Problem" bezeichnet und sagt, VW habe nicht gelogen, muss er massive Kritik einstecken.

12. Jänner Der US-Bundesstaat Kalifornien lehnt die Vorschläge von VW zur Reparatur der Fahrzeuge mit 2,0-Liter-Diesel-Motoren als unzureichend ab.

13. Jänner VW-Chef Müller trifft sich mit EPA-Chefin Gina McCarthy in Washington. Die Gespräche enden ohne Einigung darüber, wie die in den USA betroffenen Dieselmotoren repariert werden können.

5. Februar VW verschiebt wegen offener Fragen zu den Kosten Abgasskandals die Vorlage seines Jahresabschlusses und die Hauptversammlung.

2. März VW weist Aktionärsklagen zu einem Verstoß gegen die Ad-hoc-Pflicht zurück und veröffentlicht erste Erkenntnisse zur Entstehung des Dieselskandals.

10 März VW-USA-Chef Michael Horn wirft überraschend das Handtuch und verlässt den Konzern mit sofortiger Wirkung.

7. April Der VW-Betriebsrat spricht von einem "gravierenden Vertrauensproblem" mit dem VW-Management.

8. April Eine Debatte um die Managerboni bei VW kommt in Gang. Arbeitnehmer und Großaktionär Niedersachsen fordern eine Komplettstreichung, das Management will Insidern zufolge nur auf einen Teil verzichten.

20. April Es wird klar, dass VW 2015 mehr Rückstellungen für Dieselgate bilden muss. Insider sprechen von einem zweistelligen Milliarden-Betrag.

21. April VW und EPA präsentieren dem US-Bezirksgericht von Kalifornien eine Einigung über die Bewältigung des Abgasskandals, die Rückkäufe, Reparaturen und eine zusätzliche Entschädigung für US-Kunden beinhalten.

22. April Volkswagen erhöht die Rückstellungen im Zusammenhang mit "Dieselgate" auf 16,2 Milliarden Euro. Dadurch fällt im Geschäftsjahr ein operativer Verlust von 4,1 Milliarden Euro an. Unter dem Strich beträgt das Minus 1,4 Milliarden Euro nach dem internationalen Bilanzstandard IFRS, nach den deutschen Bilanzierungsregeln nach Handelsgesetzbuch (HGB) fällt der Verlust der Volkswagen AG mit 5,5 Milliarden Euro deutlich größer aus. Seinen Aktionären zahlt VW trotz der Belastungen durch den Abgasskandal eine Mini-Dividende von 0,11 Euro je Stammaktie und 0,17 Euro je Vorzugsaktie.

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