Visionen und Tempo: Neuer Chef rüttelte Deutsche Börse wach

Visionen und Tempo: Neuer Chef rüttelte Deutsche Börse wach

So agil hat man die Deutsche Börse lange nicht erlebt. In seinem ersten Jahr hat der neue Konzernchef Carsten Kengeter das Unternehmen aus der Lethargie gerissen. Aktuell feilt der Investmentbanker, der am 1. Juni 2015 sein Amt antrat, an seinem bisher größten Deal: Die Fusion mit der Londoner Börse (London Stock Exchange/LSE) zu einem der weltgrößten Börsenbetreiber.

Kengeter präsentiert sich nicht als begnadeter Redner, aber er hat eine Vision: "Wir sind entschlossen, die Nummer eins oder zwei in allen Geschäftsbereichen zu werden, in denen wir operativ tätig sind", betonte der Manager. "Unser Ziel ist es, die Gruppe Deutsche Börse dorthin zu führen, wo sie hingehört - an die Weltspitze."

Und der gebürtige Heilbronner, dessen Familie in London lebt, untermauert seinen Tatendrang: Kaum im Amt, zieht Kengeter im Sommer 2015 zwei Übernahmen für mehr als 1,3 Mrd. Euro durch - die Devisenhandelsplattform 360T und das Indexgeschäft von Stoxx. Er krempelt den Vorstand um, gibt dem Aktienhandel wieder stärkeres Gewicht. Mehr Effizienz bei dem Frankfurter Marktbetreiber verspricht sich Kengeter zudem von einem Programm, das bezeichnenderweise "Accelerate" ("Beschleunigen") heißt. Eilig hat es der Börsenchef auch beim Thema Fin-Techs: Jungen Unternehmen aus dem Finanzsektor verschafft er in Frankfurt eine Plattform.

"Gebündelter und dynamischer"

"Überfordern will ich nicht, aber es ist schon so, dass wir einige Sachen jetzt gebündelter und etwas dynamischer nach vorne treiben müssen", sagte der Manager bei seiner ersten Bilanzvorlage Mitte Februar 2016. Sein Vorgänger Reto Francioni wirkte amtsmüde. Nachdem Anfang 2012 die angestrebte Megafusion mit der New Yorker Börse NYSE krachend am Widerstand der Brüsseler Wettbewerbshüter gescheitert war, gab der Schweizer die Parole "Wachstum aus eigener Kraft" aus.

Kengeter lässt keine Gelegenheit aus, um zu warnen, dass das nicht mehr reicht. "Eine starke deutsche Wirtschaft, eine starke europäische Wirtschaft braucht eine in Europa regulierte, von Europa aus gesteuerte Börsenorganisation", warb der 49-Jährige Anfang Mai für den Zusammenschluss mit der LSE. Andernfalls drohe Europa im Wettbewerb mit Amerika und Asien zurückzufallen. "Größe ist in unserer Branche das A und O", betonte er wenig später bei der Hauptversammlung der Deutschen Börse.

Nicht alle folgen seinem Credo. Dass die Übernahmen im Sommer 2015 auch mithilfe neuer Schulden finanziert wurden, hielt mancher Analyst für keine gute Idee. Aktuell sind die Sorgen in Frankfurt groß, beim Zusammenschluss mit der LSE unter die Räder zu kommen. Denn die Dachgesellschaft des geplanten Gemeinschaftsunternehmens soll ihren Sitz in London haben.

Gottes Wille

Bisweilen wird Kengeter pathetisch, wenn er über den dritten Versuch der Deutschen Börse zum Zusammengehen mit der LSE spricht: "Wir sind uns sicher, dass dieser Vorschlag genau der richtige ist für die Wirtschaft Deutschlands, für die Wirtschaft Großbritanniens, für Europa und auch für die Welt." Bei einer Betriebsversammlung der Deutschen Börse im März soll der Manager gar gesagt haben: "Die Fusion ist gottgewollt."

Hybris eines Investmentbankers? Praktisch sein gesamtes Berufsleben arbeitete Kengeter als Kapitalmarktexperte bei internationalen Großbanken: Barclays, Goldman Sachs, UBS. Mit der angestrebten Börsenhochzeit Frankfurt-London will es Kengeter noch einmal wissen. Spätestens im ersten Quartal 2017 wollen die beiden Konzern ihren Plan umgesetzt haben - und Kengeter könnte als Chef der neuen europäischen Megabörse wieder mehr Zeit in London verbringen.

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