"Das Virus kann immer wieder aufflammen"

Der Gesundheitsökonom Thomas Czypionka über Szenarien, wie es jetzt weitergeht, welche Anpassungen seitens der Wirtschaft nötig sind und warum wir uns alle auf deutlich mehr Vorsicht einstellen müssen.

IHS-Gesundheitsökonom Thomas Czypionka

IHS-Gesundheitsökonom Thomas Czypionka

trend: Wir werden in diesen Tagen sehen, ob die drastischen Maßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus helfen. Ist das Schlimmste dann vorbei?
Thomas Czypionka: Anders als in den besser vorbereiteten asiatischen Ländern ist es bei uns nicht gelungen, dem Virus sofort Einhalt zu gebieten, indem man Erkrankte schnell findet und sie und ihr Umfeld isoliert. Wir mussten deshalb zur sogenannten "Suppression"-Strategie übergehen, also drastische Maßnahmen ergreifen, um die unkontrollierte Ausbreitung zu stoppen. Aus den Erfahrungen Chinas wissen wir, dass diese drei bis vier Monate andauern können, dabei allerdings nicht gleichbleibend hart sein müssen. Es geht darum, die Zahl der Neuinfektionen so zu begrenzen, dass wir die Erkrankten gut behandeln können. Das wird uns länger beschäftigen.

Es geht aber auch nicht darum, neue Infektionen ganz zu verhindern.
Nein, denn die Epidemie hört erst auf, wenn etwa zwei Drittel der Bevölkerung mit dem Virus infiziert wurden und es somit Herdenimmunität gibt. Länder wie Großbritannien und die Niederlande haben zunächst die Strategie verfolgt, möglichst schnell zur Herdenimmunität zu kommen, indem sie nur minimale Maßnahmen ergriffen und die besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen schützen wollten. Diese Strategie nimmt mehr Tote in Kauf als die Suppressionsstrategie. Sobald die Anzahl der Toten steigt, wird das aber sehr unpopulär.


Die Dunkelziffer muss sehr viel höher liegen.

In der chinesischen Provinz Hubei, wo das Coronavirus seinen Ursprung nahm, leben 60 Millionen Menschen, aber nur 80.000 sind infiziert. Langsam kehrt dort der Alltag zurück, obwohl keine Herdenimmunität herrscht. Wird es also auch dort wieder Ansteckungen geben?
Die Ansteckung geht in Wellen und Ausbrüchen weiter. Die nur 80.000 Infizierten täuschen zudem über die Dunkelziffer hinweg. Diese Zahl gibt nur an, wie viele Menschen positiv getestet worden sind. Die Dunkelziffer muss sehr viel höher liegen, weil nur erkrankte Menschen getestet wurden und diese Tests auch erst entwickelt werden mussten, viele also gar nicht erfassen konnten.

Wie geht China nun vor?
Es geht von der Suppressionsstrategie zur "Containment"-Strategie über. Es wird versuchen, Infektionen dort, wo sie lokal aufflammen, auch lokal zu kontrollieren, und Menschen dort großzügig wieder in Quarantäne geben. Vor allem sobald die Einreisesperren wieder gelockert werden, werden solche Herde aufflammen. Darauf muss sich auch Europa für die Zeit einstellen. Wie der freie Personenverkehr nach der Suppressionsphase aussehen wird, ist noch unklar.


Wir werden diese harten Ausgangsbeschränkungen vier bis sechs Wochen haben.

Womit rechnen Sie für die kommenden Wochen?
Das realistische Szenario ist, dass wir vier bis sechs Wochen diese harten Ausgangsbeschränkungen haben und dann Lockerungen sehen. Diese werden auch davon abhängen, wie gut man auf österreichischer und europäischer Ebene über Schutzausrüstung verhandelt. Verschiedene Berufe brauchen nun einmal den Kontakt zwischen Menschen, das gilt für den Friseur wie für den Masseur, für Restaurants. In Apotheken und im Handel sehen wir jetzt schon, wie Schutzvorkehrungen etwa mit Plexiglas und Masken aussehen können. Diese und ähnliche Dinge brauchen wir flächendeckend, es gibt viel zu wenig.

Die Wirtschaft muss sich also längerfristig auf Vorsichtsmaßnahmen einstellen?
Ja, denn das Virus verschwindet nicht einfach. Ein Teil wird sicher im Homeoffice bleiben und sich nur gelegentlich treffen. In der Industrie versucht man, die Sicherheitsmaßnahmen in die Prozesse einzubauen und sicherzustellen, dass nicht alle zusammenarbeiten und im Fall einer Erkrankung die ganze kritische Belegschaft ausfällt.


Selbst wenn die harten Maßnahmen nun greifen, müssen wir damit rechnen, dass das Virus immer wieder aufflammen kann.

Welche Sektoren können daher relativ bald wieder aktiv sein?
Das ist eine heikle Abwägung. Man muss die wirtschaftliche Strategie so ausgestalten, dass die Infektionen überschaubar sind. In vielen Sparten lässt sich Sicherheitsabstand gut umsetzen. Die einzelnen Branchen müssen jetzt ihre Strategien ausarbeiten, wie sie sich umgestalten, und die Regierung wird das dann nach und nach freigeben. Es wird dauern, bis wir nach der großen Verunsicherung wieder in Normalität hineinfinden. Wir werden lernen müssen, uns selbst zu beobachten, Fieber zu messen und auf Symptome zu achten. Dann kann man testen, Kontakte überprüfen und eine Quarantäne verordnen. Damit werden wir das nächste Jahr leben müssen.

In Restaurants und Hotels geht das deutlich schwieriger, größere Veranstaltungen schließt das fast automatisch aus.
In Restaurants könnten Tische einen Mindestabstand zueinander aufweisen. Dass eine Disko öffnet, ist auf absehbare Zeit aber schwer vorzustellen, auch ein Konzert mit Stehplätzen oder das Donauinselfest. Wenn es um Sitzplätze geht und nur jeder zweite besetzt wird, geht das vielleicht bald wieder.


Der Tourismus ist sicher jene Branche, die es am schwersten haben wird.

Auch für Schulen und Universitäten?
Da es die Möglichkeit zum Fernunterricht gibt, ist vielleicht die Priorität hier nicht so hoch wie bei der wirtschaftlichen Aktivität. Der Staat kann nicht über Monate hinweg alle Ausfälle, Risiken und Löhne übernehmen.

Was bedeutet das für den Sommertourismus?
Der Tourismus ist sicher jene Branche, die es am schwersten haben wird. Es werden auch im Sommer noch viele Beschränkungen aufrecht sein. Und man wird immer damit rechnen müssen, dass dort, wo man hinfährt, das Virus aufflammt und man dann vielleicht in Quarantäne gerät. Das wird schwierig, auch weil die Branche das später ja nicht aufholen können wird. Die Unsicherheit ist groß, deshalb wäre es auch so wichtig, zu wissen, wie viele Menschen schon immunisiert sind, etwa weil sie das Virus bereits ganz ohne Symptome hatten.


Vielleicht erreichen wir die Herdenimmunität früher als erwartet.

Und die Antwort lautet "testen, testen testen"?
So einfach ist das leider nicht. Zum einen, weil es Engpässe beim Material gibt und sich die Testkapazitäten auch nur linear erhöhen lassen - wir werden also nie die ganze Bevölkerung testen können, was auch gar nicht sinnvoll wäre. Zum anderen messen die verschiedenen Tests Unterschiedliches und liefern auch unterschiedlich verlässliche Ergebnisse. Die Schnelltests zum Beispiel sind nicht sehr gut darin, die vier Sars-Virenstämme, von denen Covid-19 nur einer ist, zu unterscheiden, auch sind sie dafür gedacht, kranke Menschen zu testen. Ich kann Ergebnisse anders lesen, wenn ich weiß, dass jemand eine höhere Wahrscheinlichkeit hat, erkrankt zu sein.

Welche Teststrategie wäre nun geeignet, um gute politische Entscheidungen treffen zu können?
Ich glaube, dass man auf europäischer Ebene ein Sample ziehen muss, um zu schauen, wie viele Menschen hochgerechnet infiziert sind und wie viele bereits Antikörper dagegen gebildet haben. In Island zeigte das Sample, dass es sehr viele Fälle gibt, die nie Symptome hatten. Das ist erstens ein Hinweis darauf, dass Social Distancing richtig war, und deutet zweitens an, dass wir die Herdenimmunität vielleicht früher als erwartet erreichen, weil viele das Virus schon hatten, ohne es zu bemerken.


Zur Person

Thomas Czypionka, 43, ist stellvertretender Direktor des Instituts für Höhere Studien (IHS) in Wien. Der Gesundheitsökonom, der sowohl Medizin als auch Volkswirtschaft studierte, leitet die Forschungsgruppe "Health Economics und Health Policy" und ist Visiting Senior Fellow an der London School of Economics. Er forscht unter anderem zu Auswirkungen budgetärer Veränderungen auf das Gesundheitssystem und zur Digitalisierung des Gesundheitswesens.


Das Interview ist der trend-Ausgabe 13/2020 vom 27. März 2020 entnommen.

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