„Verfügbarkeit von Mitarbeitern wird spielentscheidend“

Harald Breit, CEO von Deloitte Österreich, über die Folgen von Corona für den Wirtschaftsstandort, die CO2-Bepreisung und mögliche Entlastungen.

Harald Breit ist seit Juni 2021 CEO von Deloitte Österreich. In seiner bisherigen Rolle als Chief Risk Officer war er bereits seit 2010 Teil des Vorstands. Der gebürtige Wiener verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Wirtschaftsprüfung und Beratung von nationalen und internationalen Unternehmen sowie Privatpersonen.

Harald Breit ist seit Juni 2021 CEO von Deloitte Österreich. In seiner bisherigen Rolle als Chief Risk Officer war er bereits seit 2010 Teil des Vorstands. Der gebürtige Wiener verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Wirtschaftsprüfung und Beratung von nationalen und internationalen Unternehmen sowie Privatpersonen.

Welche Stärken und welche Schwächen des Wirtschaftsstandorts Österreich hat die Coronakrise bisher offengelegt?
Harald Breit: Die Pandemie hat in vielen Bereichen wie ein Brennglas gewirkt und Schwachstellen schonungslos offengelegt. So hat man beispielsweise beim Thema Digitalisierung in den Schulen gesehen, dass Homeschooling am Anfang überhaupt nicht funktioniert hat. Das reichte von der Ausstattung mit digitalen Endgeräten über die mangelnde Verfügbarkeit digitaler Inhalte bis zu WLAN in den Schulen. Im Berufsleben sind digitale Kompetenzen aber inzwischen unverzichtbar. Im Pandemiemanagement gab es leider ebenso Defizite, das sieht man ja noch immer beim Thema Impfen. Es drohen eine vierte Welle und ein neuerlicher Lockdown. Für die Wirtschaft wäre es beispielsweise eine Katastrophe, wenn eine zweite Wintersaison sehr restriktiv oder womöglich gar nicht stattfinden kann.

Sie führen vor allem politische Managementschwächen an. Gab es auch Stärken?
Die Hilfsmaßnahmen haben summa summarum gut gegriffen: Kurzarbeit, Umsatzersatz, Fixkostenzuschuss. Die meisten Branchen sind deshalb gut durch die Krise gekommen. Das befürchtete große Massensterben der Firmen ist zum Glück nicht eingetreten. Auch hat die erhöhte Investitionsprämie für Investitionen in den Bereichen Digitalisierung oder Ökologisierung zu einem positiven Investitionsschub geführt.

Wie hat sich der Mittelstand, der ja in der Regel weniger Ressourcen als große Konzerne hat, geschlagen?
Unser Programm „Austria’s Best Managed Companies“ (siehe Kasten) hat gezeigt, dass der Mittelstand in Summe sehr gut durch die Krise gekommen und seine Resilienz unter Beweis gestellt hat. Die Flexibilität ist da, es konnte sehr rasch auf Homeoffice oder Hybridmodus umgeschwenkt werden. Natürlich waren auch für den Mittelstand die Hilfsprogramme hilfreich. Er steht de facto wieder so da wie vor der Krise.

Mit Ausnahme des Tourismus, der sich wohl dauerhaft verändern wird, oder?
Da muss man zwischen dem Städtetourismus, der nach wie vor mit großen Problemen zu kämpfen hat, und dem Freizeittourismus unterscheiden, der teilweise die Auslastungszahlen von vor der Krise bereits wieder erreicht hat. Geschäftsreisen werden zurückgehen, da wird nicht alles zurückkommen. Deshalb wird es in diesem Bereich womöglich zu Anpassungen kommen müssen.

Was erwarten Sie in Sachen CO2-Bepreisung?
Durch die Pandemie ist die Staatsverschuldung enorm gestiegen, auf 86 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Diese Schulden müssen irgendwann zurückgezahlt werden. Ob die im derzeitigen Boom steigenden Steuereinnahmen dafür reichen, ist abzuwarten. Wenn Europa in der CO2-Bepreisung eine Vorreiterrolle einnimmt, muss im Gegenzug ein gewisser Schutz der Industrie eintreten, Stichwort Carbon Border Tax. Es geht nicht, dass türkische Zementhersteller oder chinesische Stahlhersteller ohne hohe ökologische Standards europäische Anbieter unterbieten. Dass Unternehmen, die bei uns sauber produzieren, unter dem Eindruck der politischen Auflagen anderswohin abwandern, darf ebenfalls nicht passieren.

Welche Stimmung dazu registrieren Sie bei den Unternehmen?
Sie ist generell positiv, das hat unsere Befragung ebenfalls gezeigt. Die Mehrheit der Unternehmen befürwortet die Transformation. Aber eine reine Belastung ohne Entlastung in anderen Bereichen wäre natürlich sehr schlecht. Das könnte die Wettbewerbsfähigkeit ebenso wie das Steueraufkommen senken.

Harald Breit CEO Deloitte Österreich





„Am wichtigsten ist es, mehr Menschen in Beschäftigung zu bekommen. So können auch zusätzliche Steuereinnahmen und Sozialversicherungsbeiträge generiert werden."

Ein potenzieller Entlastungsfaktor sind die in Österreich sehr hohen Lohnnebenkosten. Wo sehen Sie Spielraum, der Wirtschaft entgegenzukommen?
Zum Beispiel, indem man sie bei der Neueinstellung von Dienstnehmern über 50 senkt, zumindest für einen bestimmten Zeitraum.

Das wäre auch eine Maßnahme, um den akuten Arbeits- und Fachkräftemangel in vielen Bereichen anzugehen. Wo sehen Sie in diesem Bereich die sinnvollsten Ansatzpunkte, um das Problem zu lindern?
Am wichtigsten ist es, mehr Menschen in Beschäftigung zu bekommen. So können auch zusätzliche Steuereinnahmen und Sozialversicherungsbeiträge generiert werden. Mehr Frauen für den Arbeitsmarkt zu aktivieren, bleibt nach wie vor ein wichtiger Schlüssel. Zum Beispiel fehlt in vielen Gegenden noch immer die Möglichkeit der Ganztagesbetreuung, das macht es insbesondere Frauen schwer. Diejenigen, die arbeiten gehen wollen, sollen das aber auch tun können. Der Arbeitskräftemangel wird uns keine Wahl lassen: So fehlen bis 2030 laut einer Berechnung der Caritas allein im Sozialbereich über 25.000 Arbeitskräfte.

Also besser eine Ausweitung der Beschäftigtenzahlen als mehr Druck auf Arbeitslose?
Das ist der größere Hebel, ja. Die Zumutbarkeitsbestimmungen muss man aber immer wieder einmal evaluieren. Und in manchen Bereichen werden wir sicher wieder gezielte Zuwanderung brauchen.

Wie finden Sie selbst die Leute, die Sie suchen?
Wir suchen derzeit fast 100 neue Mitarbeiter quer durch alle Bereiche, von Personalverrechnern bis hin zu IT-Experten. Wir bieten jungen Menschen schon während des Studiums an, bei uns zu arbeiten, damit sie unser Unternehmen kennenlernen können. Mehr und mehr gehen wir auch mit Standorten in die Regionen. Wir bieten gute Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten, hybrides Arbeiten ohnehin. Letzteres ist für junge Menschen Standard und fordert insbesondere auch die Führungskräfte, für die es teils schwieriger ist, sich auf die neue Situation einzustellen, weil sie ja eine Führungs- und Überwachungsfunktion haben.

Junge Menschen fordern immer mehr auch soziales Engagement der Unternehmen. Was ist hier Ihr Zugang?
Wir bündeln unser soziales Engagement: Der 2016 gestartete Deloitte Future Fund geht eben in seine zweite fünfjährige Runde und wurde wieder mit einer Million Euro und 10.000 Pro-Bono-Arbeitsstunden gefüllt. Er soll nun die so genannten NEETS – junge Leute ohne Ausbildung – unterstützen und andererseits Firmengründungen, idealerweise mit einem ökologischen Aspekt, fördern. Sicher ist, dass die Verfügbarkeit von qualifizierten Mitarbeitern spielentscheidend für den Wirtschaftsstandort wird. Denn bis 2030 werden wir netto 400.000 Arbeitskräfte weniger haben.


Austria’s „Best Managed Companies“

Are you best in Class?

Best Managed Companies ist ein international etabliertes Programm, das aktuell in mehr als 30 Ländern hervorragend geführte Unternehmen auszeichnet. 2021 findet dieses erstmals auch in Österreich statt.

Die teilnehmenden Unternehmen werden in den vier Schwerpunktbereichen Strategie, Governance & Finanzen, Produktivität & Innovation sowie Kultur & Commitment bewertet.

Den Unternehmen, die in all diesen Bereichen überzeugen können, wird von einer unabhängigen Expertenjury die Auszeichnung zuerkannt.

Die diesjährigen Preisträger werden im Rahmen einer feierlichen Gala Ende September ausgezeichnet. Interessierte Unternehmen können sich bereits jetzt für das Programm 2022 vormerken lassen.

Nähere Informationen unter www.deloitte.at/bestmanaged

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