Spotify: Zum Börsendebüt eine 26-Milliarden-Dollar Juke-Box

Spotify: Zum Börsendebüt eine 26-Milliarden-Dollar Juke-Box

Der Studienabbrecher Daniel Ek wird mit dem Börsegang von Spotify vom Millionär zum mehrfachen Milliardär.

Der weltgrößte Musik-Streamingdienst Spotify hat mit der Erstnotierung an der New Yorker Stock Exchange die 20-Milliarden-Dollar Marke locker übersprungen und ein fulminantes Börsedebüt hingelegt. Spotify-CEO Daniel Ek will trotz satter Verluste weiter das Wachstum bei Nutzerzahlen antreiben, was sehr viel Geld kostet.

Frankfurt. Der größte Musik-Streamingdienst Spotify hat am Dienstag ein fuliminatnes Debüt an der Börse in New York gefeiert. Das erst vor zwölf Jahren in Schweden gegründete Unternehmen war vor dem Börsengang bereits mit 23 Milliarden Dollar bewertet worden. Doch der Börsegang, der etwa anders war als die üblichen Börsegänge, sollte ein voller Erfolg werden. Zum Handelsende notierten die Akiten mit einem kräftigen Plus gegenüber dem zuvor fixierten Referenzpreis.

Spotify wählte für das Börsendebüt den Modus der Direktplatzierung, der nicht üblich ist und auch gewisse Risiken in sich birgt. Spotify-Chef Daniel Ek will sich mit der Direktplatzierung der Aktien für die Erstnotierung Millionen an Gebühren für Berater-Banken sparen, die üblicherweise bei einen Börsegang begleiten und ebenso die Hand aufhalten bevor noch eine Aktie gehandelt wurde. Bei einem gewöhnlichen Initial Public Offering (IPO) wird vor der Erstnotiz den Emissionsbanken Aktien zum Kauf angeboten. Damit soll das Risiko von größeren Kursauschlägen schon vor der Erstnotiz gemindert werden.

Für die Notierungsaufnahme von Spotify hat die US-Börse New Yorker Stock Exchange (NYSE) am Tag vor dem Börsegang ein Referenzpreis von 132 Dollar (107,13 Euro) festgelegt. Dieser dient als Orientierungsmarke für das Börsendebüt. Spotify hat sich schon vor Monaten gegen einen klassischen Börsengang, bei dem vor dem Börsegang schon Aktien Investoren angeboten werden und abhängig vom Interesse dann ein Ausgabepreis ermittelt wird.

Ek sprengt auch den üblichen Rahmen schon in den Wochen vor dem Börsegang. Der gebürtige Schwede und Spotify-Gründer hatte nicht nur auf eine Zeichnungsfrist und die Fixierung des Ausgabepreises verzichtet. Auch auf wochenlange Werbetouren hatte der Spotify-CEO verzichtet.

Börseexperten hatten mit der Vorgangsweise ihre Bedenken. Es sei ein riskantes Unterfangen, weil der Aktienkurs mit dem Börseauftakt größere Schwankungen ausgesetzt werden kann. Der Debütkurs von Spotify errechnet sich somit aus Kauf- und Verkaufsorders erst nach Beginn des Börsenhandels an der Wall Street.

Der fulminante Start

Die Bedenken der Anleger wurden zum Handelsauftakt rasch von der Realität beiseite geschoben. Die Aktie startete fulminant durch. Rund drei Stunden nach dem Börsenstart wurde die Aktie unter dem Kürzel SPOT erstmals im Handel notiert - zu 169,50 Dollar das Stück. Damit legte die Aktie zu dem am Vortag angekündigten Referenzkurs von 132 Dollar gleich um satte 25,68 Prozent zu. Gegen 20:15 (MEZ) notierten die Aktie unter dem Börsenkürzel SPOT bei 156 Dollar mit einem Aufschlag von immerhin noch plus 18,18 Prozent gegenüber dem Referenzkurs. Der Börsenwert von Spotify betrug zu diesem Zeitpunkt somit 28,52 Milliarden Dollar.

Zum Handelsende ging dann doch ein wenig die Luft raus. Der Kurs ist bis zum Handelsschluss auf 149,01 Dollar zurückgefallen. Das bedeutet immerhin ein Plus von 12,9 Prozent gegenüber dem Referenzkurs. Der Marktwert von Spotify beläuft sich mit dem Abschluss des ersten Handelstages auf 26,5 Milliarden Dollar. Gehandelt wurden insgesamt über 30 Millionen Aktien.

Spotify ist somit die fünfte Techcompany, die es mit dem IPO auf einen Marktwert von über 20 Milliarden Dollar gebracht hat. Alibaba, Facebook, Google und Snapchat hatten ebenso mit ihrem Börsendebüt die 20-Milliarden-Dollar-Schwelle übersprungen.

Eine kleine Panne hat es zum IPO dann doch gegeben: Am Börsengebäude der New York Stock Exchange in der Wall Street wurde als Willkommensgruß an das Herkunftsland von Spotify irrtümlicherweise die Flagge der Schweiz aufgezogen. Der Fauxpas wurde jedoch rasch bemerkt. Die riesige Flagge mit dem Schweizer Kreuz wurde wieder eingeholt und mit der schwedischen Kreuzflagge (Goldgelbes Kreuz auf hellem, mittelblauem Hintergrund) ausgetauscht.

Eine nette Geste: zum Börsendebüt gab es einen Willkommensgruß an Spotify, das von der New Yorker Stock Exchange zunächst in der Schweiz verortet wurde. Die schwedische Flagge wurde später aufgezogen.

Coole Quvertüre

Ek spielt die Anspannung der Börsianer vor dem Börsendebüt etwas herunter. Während in der Finanzcommunity das Spotify-IPO bereits als Vorbild für andere Techcompanys gehandelt wird, falls das Debüt gelingt, hält sich die Emotion bei Ek in Grenzen. Der Tag des Börsendebüts sei "einfach ein weiterer Tag". Es hebe Spotify zwar auf die große Bühne, aber "es ändert nicht, wer wir sind, um was es uns geht und wie wir vorgehen".

Das ersparte Geld mit dem Börsengang und die Erlöse aus der Platzierung der Aktien hat Spotify indes dringend nötig. Zwar ist der Musikstreamingdienst mit derzeit 71 Millionen zahlenden Kunden der Weltmarktführer und nach Nutzerzahlen fast doppelt so groß wie das Pendant vom Hauptkonkurrenten Apple Music (38 Millionen Kunden). Und Spotify soll eigenen Angaben zufolge von insgesamt 159 Millionen Kunden genutzt werden, inkludiert sind dabei auch die Nutzer des Gratisangebots.

Das Unternehmen hat jedoch im Verlauf der vergangenen Jahre trotz kräftiger Umsatzzuwächse die Verluste massiv vergrößert. In seiner noch jungen Unternehmensgeschichte hat der Musikstreamer bisher noch keine schwarzen Zahlen geschrieben.

Spotify schreibt für das Jahr 2017 einen Umsatzzuwachs von 39 Prozent auf 4,6 Milliarden Dollar. Gleichzeitig hat sich der Verlust mehr als verdoppelt - von 0,6 Milliarden Euro auf 1,4 Milliarden Dollar. Und auch für das Jahr 2018 wird bereits mit einem Verlust von 230 bis 330 Millionen Dollar kalkuliert. Viele Experten haben ihre Zweifel, ob Spotify jemals profitabel sein wird. Die Zahl der Nutzer, die sich vom zahlungspflichtigen Dienst mit Songs, Podcasts und Hörbücher angezogen werden, ist derzeit nicht so stark wachsend, um gerade einmal eine schwarze Null zu erreichen. Andere Analysten glauben freilich, dass à la longue die Gewinnzone erreicht wird. Pro Abo von 9,99 Euro pro Monat bleiben pro Jahr immerhin 25 Dollar unterm Strich bei Spotify. Analysten zufolge muss das Unternehmen neun Euro allerdings im Voraus für die Kundengewinnung einsetzen.

Die Musik-Data-Company

Der Nutzeranstieg, mit dem das Unternehmen auch an Wert gewinnt, hat jedoch seinen Preis. Noch immer muss Spotify tief in die Tasche greifen, um den Dienst zu promoten. Und vor allem die Gratisnutzer zu Kunden zu machen, die für den Musikdienst bereit sind ein zahlungspflichtige Abo für zehn Euro pro Monat zu buchen. Die Kosten für Marketing und Werbung fressen mehr als nur die Erlöse auf. Spotify-Chef Elk glaubt hingegen, dass mit dem weiteren Nutzerwachstum - heuer sollen 200 Millionen Menschen Spotify nutzen - auch der Weg in Richtung Profit führen wird.

Auch wenn Spotify Marktführer ist, hat es das Unternehmen mit beinharter Konkurrenz zu tun, die kaum weniger ambitioniert ist. Apple ist weiterhin auf Expansionskurs und hat genauso wie Amazon (13 Millionen Kunden), Pandora (5,5 Millionen Nutzer) und Google Musik als Streaming und zum Download im Angebot. Und auch Facebook wird immer wieder nachgesagt, einen eigenen Musikdienst zu starten. Die Konkurrenz hat zudem den Vorteil, dass sie wie im Fall von Apple, Amazon und Google auch die Kontrolle über die Hardware haben oder Kontrolle auf die Hardware haben. Da relativiert sich der Vorteil von Spotify via AppStore oder Google Play die App zum Download anbieten zu können.

Spotify-Mastermind Ek bringt das alles nicht aus der Ruhe. Das hat gleich mehrere Gründe. Neben dem Verkauf der Musik-Abos sieht der 35-Jährige für Spotify auch die Zukunft einer Datencompany. Die Daten über die Kunden könne er schließlich auch an die Musikkonzerne, Konzertveranstalter, Promotoren und die Werbewirtschaft verkaufen. "Die Möglichkeiten, die vor uns liegen, sind viel, viel größer als sie denken", sagt Ek. Er selbst will weiterhin unverändert das Kundenwachstum ankurbeln, obwohl das Unternehmen noch horrende Verluste schreibt. Analysten geben dem Spotify-Gründer größtenteils Recht. Denn mit jedem zahlenden Neukunden steigt auch der Wert der Unternehmens.

Mit der Gründung von Spotify konnte Ek auch die Plattenkonzerne überzeugen, denen seit Jahren die Umsätze weggebrochen sind. Er konnte den Musikkonzernen vermitteln, dass es zu seinem zahlungspflichtigen Geschäftsmodell nur die Alternative Piraterie gäbe und somit die Labels wieder durch die Finger schauen.

Allerdings waren die Plattenkonzerne lange Zeit nur mäßig begeistert. Denn Ek hatte neben einem Bezahlmodell auch ein Gratismodell vorgeschlagen. Nachdem die einstige illegale Gratisplatform Napster erfolgreich bekämpft war, wollten die Musikkonzerne mit digitaler Musik wieder Geld verdienen. Mit seinem neuen, auf legaler Grundlage basierendem Dienst konnte Ek die Top-Labels gegen Umsatzbeteiligung doch noch ködern. Und auch das Gratisangebot hatte er gegen große Widerstände durchgebracht. Den stundenlangen Gratiskonsum, die größte Sroge der Musikkonzeren, wird durch Werbung unattraktiv gemacht.

Kritiker werfen Spotify vor, dass es die Macht des Marktführers allzu wörtlich verstehe und bestimmte Künstler bevorzuge und somit die Musikdownloads massiv beeinflusse. Der Vorwurd: Spotify würde auch vermeintlich schlechtere Songs und Künstler pushen und zu Stars machen, obwohl andere Stars von Musikkritikern durchwegs positivere Bewertungen bekommen.

Vom Studienabbrecher zum Millionär und Multi-Milliardär

Ek wird selbst mit dem Börsegang mehrfacher Multi-Milliardär. Zuvor nagte der Spotify-Chef aber nicht am Hungertuch. Der Studienabbrecher eines Informatikstudiums hatte schon vor Spotify mehrere IT-Unternehmen gegründet und wurde mit deren Verkauf zum Millionär. Doch die Zeit als Neo-Millionär und opulenten Partys haben den damaligen Ferrari-Fahrer Ek nicht befriedigt.

Das Spotify-Projekt soll aus der Idee heraus entstanden, die Musik nicht den Raubkopierern zu überlassen, wie er in einem Investorenbrief einmal mehr betonte: "Musik war mir immer zu wichtig, um zuzulassen, dass Raubkopierer die Industrie zerstören."

Susanne Riess

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