"Unternehmer sind verzweifelt und wissen nicht wie sie weiter existieren"

Norbert Steinwidder, Regionalstellenobmann der Wirtschaftskammer im Murtal erzählt, was den Betrieben, von der kleinen Boutique bis zum Sägewerk, derzeit besonders zusetzt, wie versucht wird Firmen in Not zu einem Kredit zu verhelfen, selbst wenn eigentlich keinen Anspruch besteht, sofern das wirtschaftlich vertretbar ist und warum nun die Stunde der regionalen Plattformen schlägt.

"Unternehmer sind verzweifelt und wissen nicht wie sie weiter existieren"

Norbert Steinwidder, Regionalstellenobmann der Wirtschaftskammer im Murtal, beantwortet mit seinen acht Mitarbeitern, Fragen von verzweifelten Unternehmern.

trend: Sie und ihre Mitarbeiter sitzen derzeit als Kammer an erster Front, was die Hilfe für Unternehmen betrifft. Wie sehr hat sich Ihr Job seit den ersten Regierungsmaßnahmen gegen Corona geändert?
Steinwidder: Die Leute rufen im Minutentakt an. Die Anfragen sind ein Vielfaches von normalen Tagen. Die Unternehmer sind besorgt und kennen sich oft nicht aus. Das liegt auch daran, dass viele Pakete angekündigt wurden, die Details aber erst schrittweise ausgearbeitet werden. Wir haben in kurzer Zeit auch eine gute Infrastruktur aufgestellt und können so die Anrufe recht rasch entgegennehmen. Statt um Fragen rund um Businesspläne oder Neugründungen drehen sich jetzt die Fragen um Förderungen oder um das Ruhend stellen von Gewerbe. Bei vielen Betrieben geht es jetzt ums Überlegen. Viele sind echt verzweifelt und wissen nicht, wie sie weiter existieren sollen.

trend: Die Regierung hat für Unternehmen umfangreiche Hilfspakete geschnürt. Die Wirtschaftskammer ist die Anlaufstelle für Unternehmen. Mit welchen Problemen wird die Kammer auf regionaler Ebene konfrontiert?
Steinwidder: Die Probleme sind vielfältig. Das beginnt im Gastrobereich und verläuft eigentlich quer über alle Branchen. Ein-Personenunternehmen, die nicht mehr wissen wie sie weiter machen können. Oder, es wenden sich beispielsweise Besitzer kleiner Boutiquen an uns. Sie bekommen in ein, zwei Wochen die Sommerware geliefert. Die muss bezahlt und abgenommen werden. Wenn nicht bald wieder aufgesperrt werden kann, wird das zur Überlebensfrage. Da gäbe es unzählige Beispiele. Wichtig ist uns die Rechtslage, da haben wir ununterbrochen Anfragen. Leider fehlen oft noch die entsprechenden Formulare, aber wir bemühen uns. Die Regierung und die Sozialpartner arbeiten mit Hochdruck daran das alles möglichst rasch umgesetzt werden kann.

trend: Versuchen nun auch kleinere, lokale Geschäfte auf Online-Handel umzustellen?
Steinwidder: Das ist so auf die Schnelle nicht bei allen möglich. Das setzt eine entsprechende Warenwirtschaft und auch eine Logistik voraus. Manche lokale Betriebe werden nur von einer Person geführt. Einen Onlinehandel aufzuziehen und die Waren alle zu fotografieren und zu beschriften, ist kurzfristig kaum zu bewältigen. Der Erfolg vieler dieser kleinen Läden basiert außerdem auf persönlicher Beratung. Der Verkauf lässt sich daher nicht so ohne weiteres ins Netz verlegen. Aber es wird auf Regierungsebene versucht, diesen Betrieben über diese finanziell schwere Zeit zu helfen.

trend: Es entstehen derzeit viele Initiativen, wie die Essenszustellung von Restaurants und Lebensmittelhändlern, die das bisher nicht getan haben.
Steinwidder: Genau, hier sind aus der Not heraus neue Geschäftsfelder entstanden. Erfolgreich bieten bereits seit längerem in unserer Region die Bauern ihre Produkte auf bauernkraft .at an. Wir sehen auch dass sich die Gemeinden bezirksübergreifend verstärkt zusammenarbeiten. Im Murtal gibt es etwa eine überregionale Plattform aus-unserer-region.at für Unternehmen, an die sich jetzt wohl noch weitere anschließen dürften. Darüber hinaus gibt es Plattformen wie regionalis.shop oder daspackma.at und auf den sozialen Plattformen wird dazu aufgerufen, bei den heimischen Onlineshops einzukaufen.

trend: Wie sehr waren Unternehmen bereits vor dem Shutdown von Brüchen in der Lieferkette betroffen?
Steinwidder: So mancher Betrieb konnte schon vor der Betriebsschließung aufgrund von COVID-19 kaum noch produzieren, etwa weil Zulieferungen aus Italien ausblieben. Wenn ein Produzent schließen muss, weil die Lieferkette nicht funktioniert ist das schon dramatisch und zieht auch andere Betriebe mit hinein.

trend: Welche Branche ist noch stark von Lieferungen aus Italien abhängig?
Steinwidder: Viele, besonders designaffine, beispielsweise die Modebranche. Die Stadt Prato nahe Florenz etwa gilt als einer der Hochburgen der Textilproduktion. Die Stadt dürfte gleichzeitig aber auch eines der Zentren zu sein, von wo aus sich der Corona-Virus ausgebreitet hat. Nach dem chinesischen Neujahrsfest dürften viele von den chinesischen Arbeitern bereits infiziert von ihrem Heimaturlaub zurückgekehrt sein, um in der Stadt wieder zu tausenden in kleinen Nähereien Kleidung zu fertigen.

trend: Sie selbst sind Franchisegeber für die Tiernahrungskette Futterhaus und betreiben mit Franchisepartnern 42 Läden. Woher beziehen sie ihre Ware und wie funktioniert der Nachschub?
Steinwidder: Wir sind froh, dass wir von der Regierung den Auftrag erhalten haben die Versorgung der Heimtiere sicherzustellen und damit geöffnet haben dürfen. Wir haben ein großes Sortiment an Tierfutter, das in Österreich produziert wird, da gibt es keinerlei Probleme. Andere unserer Produkte werden aus Deutschland geliefert. Da verzögern sich die Lieferungen. Bisher hatten wir fixe Anlieferzeiten. Jetzt wissen wir nicht genau, wann die nächsten Lieferungen kommen. Solche Verzögerungen treffen derzeit alle Unternehmen, die Waren über die Grenze liefern oder von einem anderen Land geliefert bekommen. Eine vernünftige Planung was das Personal für die Be- und Entladung betrifft, ist da nicht möglich. Wir ordern derzeit halt größere Mengen, damit wir genügend Tiernahrung in den Geschäften verfügbar haben.

trend: Um zu verhindern, dass Unternehmen in Liquiditätsschwierigkeiten geraten, gewährt der Staat Firmen, Garantien für Kredite. Kleine und mittelständische Betriebe, die einen solchen Betriebsmittelkredit benötigen, können sich direkt an das Austria Wirtschaftsservice (aws) wenden. Wie funktioniert die Kreditvergabe Ihrer Einschätzung nach?
Steinwidder: Sehr gut, gerade kleine Betriebe informieren sich in unserer Region intensiv. Eine entscheidende Rolle kommt den Banken zu, damit die Abwicklung rasch erledigt werden kann. Diese Garantien können aber nur gesunde Unternehmen beantragen und nicht jene die bereits vor der Krise in Schwierigkeiten waren. Es geht um rasche und unbürokratische Hilfestellungen und nicht darum Systeme auszunutzen.

trend: Sie meinen marode Firmen, die schon vor der Krise nicht mehr kreditwürdig waren, versuchen die Gunst der Stunde zu nutzen?
Steinwidder: Genau. Da sind die Regeln aber sehr restriktiv und es bedarf unter anderem einer Bankpromesse.

trend: Wenn eine Firma schon bisher mit finanziellen Schwierigkeiten gekämpft hat und jetzt mit zusätzlichen Ausfällen konfrontiert ist, kann das gerade für solche Firmen das Aus bedeuten. Nimmt das die Kammer hin?
Steinwidder: Firmen, die sich in einer Restrukturierungsphase befinden, erhalten grundsätzlich vom AWS keine Garantien, aber wir versuchen dennoch zu helfen, wo es möglich ist. So hat sich beispielsweise ein Unternehmer an mich gewandt, dessen Firma zwar gerade restrukturiert wird, der aber tolle Umsätze in den letzten Monaten gemacht hat und auf dem richtigen Weg ist. Jetzt hat ein Abnehmer Liquiditätsschwierigkeiten und kann nicht zahlen, der italienische Markt ist weggebrochen und andere Abnehmer erfüllen trotz Verträge ihre Verpflichtungen nicht. Da schauen wir schon, ob und wie wir helfen können. Dafür haben wir auch gut ausgebildete Mitarbeiter.

trend:
Gibt es Unternehmen, die derzeit noch durch den staatlichen Schutzschirm fallen?

Steinwidder: Besonders schwierig ist derzeit die Lage für Ein-Personen Unternehmen. Da wurde ja am Mittwoch ein Maßnahmenpaket freigegeben und wir warten hier auf die Details. Im Fall einer angeordneten Schließung kann das Gewerbe ruhend gestellt werden und der Unternehmer sich danach an das AMS wenden.

trend: Teilweise stellen Firmen ihren Mitarbeitern, die zur Arbeit müssen Dienstausweise aus. Ist das nötig?
Steinwidder: Es ist sinnvolle Sache. Diese Legitimation erhält eine vom Unternehmen definierte Anzahl an Mitarbeitern, die als Schlüsselarbeitskräfte definiert sind. Diese können sich so unkompliziert von Ihrem Wohnort zum Arbeitsplatz bewegen. Eine solche Schlüsselarbeitskraft kann jeder sein, damit sind nicht nur Führungskräfte oder Facharbeiter gemeint. Aber wenn man von der Polizei aufgehalten wird und glaubhaft machen muss, dass man in die Firma muss, wird es wahrscheinlich auch so gehen. Auf der sicheren Seite sind Unternehmen und Arbeitnehmer aber mit einem solchen Ausweis. Informationen dazu finden sich auf der Homepage der Wirtschaftskammer

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