Unternehmenssteuerung: Wie Corona die Prioritäten verschiebt

Seit Corona die Schlagzeilen beherrscht ist die Weltwirtschaft auf Talfahrt und eine rasche Erholung in weite Ferne gerückt. Top-Entscheider müssen sich jetzt darauf einstellen, noch länger im Krisenmodus zu operieren – allerdings mit der Chance auf beschleunigte Transformation.

Thema: Management Commentary
Stefan Bergsmann, Geschäftsführer von Horváth & Partners Österreich

Stefan Bergsmann, Österreich-Geschäftsführer von Horváth & Partners

Geht es nach den Top 200 der deutschen Industrie, dürften die Umsätze auch im kommenden Jahr 2021 noch deutlich unter dem Vorkrisenniveau bleiben. Auch wenn das jetzt niemand so deutlich aussprechen will, Umwelt und Nachhaltigkeit geraten angesichts der schweren Krise ins Hintertreffen der Management-Agenda. Bei vielen Unternehmen geht es schlichtweg um die Existenz, um Kosten und Absatz. Besonders stark betroffene Wirtschaftszweige, wie die Automobilindustrie, müssen die bereits in Gang gesetzte Transformationen noch beschleunigen.

Am stärksten betroffen sind Automobilindustrie, Maschinen- und Anlagenbau, Öl- und Chemiebereich sowie Transport-, Reise- und Logistikbranche. Die Autobauer rechnen mit Umsatzeinbrüchen von über 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im Maschinen- und Anlagenbau, für Öl und Chemie sowie für Transport und Logistik prognostizieren die Manager ein Minus zwischen 15 und 20 Prozent. Auch wenn die Geschäfte im zweiten Halbjahr wieder etwas anziehen werden, liegen die Einbrüche durchwegs im zweistelligen Prozentbereich.

Digitalisierung forcieren

Was jetzt zählt sind kühler Kopf und Weitblick. Und da zeigt sich, dass die Digitalisierung des Geschäfts und der Abläufe höchste Priorität haben. Über 90 Prozent der von Horváth & Partners befragten Vorstände und Geschäftsführer halten die digitale Transformation für das wichtigste Thema in der Krise. In der Langfrist-Perspektive überwiegen die Chancen der Digitalisierung gegenüber kurzfristigen Krisenreaktionen. Warum, wird rasch klar: Gerade im Lockdown wurden die Vorteile der Digitalisierung an vielen Stellen, wie etwa im Homeoffice, greifbar.

Kosten reduzieren

An zweiter Stelle steht für Geschäftsführer wie Vorstände die grundlegende Anpassung der Kosten- und Ergebnisstruktur, um die Profitabilität ihres Unternehmens langfristig abzusichern. Jeder zweite Befragte muss sich dieser Herausforderung sogar mit höchster Priorität stellen, wenn die Umsätze runterrasseln, während die Kosten oben bleiben. Dazu gehört auch, dass der Liquiditätsspielraum vergrößert, das Risiko Management verbessert und die Unternehmensstrategie samt Geschäftsmodell überprüft werden.

Mitarbeiter entwickeln

Trotz der angespannten wirtschaftlichen Lage bleiben dabei die Beschäftigten im Blickfeld und an dritter Stelle der Prioritätenliste. Auch hier sehen die Top-Manager mögliche Effizienzeffekte: Homeoffice ermöglicht Einsparungen bei den Bürokosten, langfristig werden nicht mehr alle Mitarbeiter gleichzeitig am Firmenstandort sein. Außerdem fallen Reisekosten weg, seit Meetings und Geschäftstermine zunehmend virtuell organisiert werden. Aber es geht nicht nur um die Kosteneffizienz. Im Wettbewerb um Fachkräfte eröffnet sich gerade für Firmen in ländlichen Gegenden jetzt ein weit größerer Bewerberpool, da die Scheu vor vor dem Homeoffice bei Arbeitsgebern wie Arbeitnehmern wegfällt.

Stabilität sicherstellen

Alle Maßnahmen sind jedenfalls ganz auf Stablität und Sicherheit ausgerichtet, denn die Unternehmen richten sich derzeit auf ein längerfristiges Krisenszenario ein. Kaum jemand rechnet mit einer kurzfristigen Erholung nach Corona, das Vorkrisenniveau wird wohl erst 2022 oder 2023 wieder erreicht, meinen Top-Entscheider. Deshalb arbeiten die meisten auch schon daran, die Corona-Krise für eine vollständige Neuausrichtung der Strategie und des Geschäftsmodells zu nutzen. Und das zurecht, die Gelegenheit dazu war nie besser als jetzt.


Fazit: Die Verwerfungen der Corona-Krise und der unsichere Ausblick hat die Digitalisierung deutlich beschleunigt und das Kostenbewusstsein weiter erhöht. Auf der Strecke bleiben Klimapolitik und Nachhaltigkeit. Sie stehen nur noch für ein Viertel der Unternehmenslenker auf der Prioritätenliste. In der Krise haben die Sicherung des Unternehmens und der Arbeitsplätze höchste Priorität – bei gleichzeitiger Neuausrichtung des Geschäftsmodells.

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Über den Autor

Stefan Bergsmann ist Österreich-Geschäftsführer der Managementberatung Horváth & Partners und gefragter Gesprächspartner und Redner bei Top-Konzernen und Konferenzen.


Die Serie "Management Commentary" ist eine Kooperation von trend.at und der Unternehmensberatung Horváth & Partners. Die bisher erschienen Beiträge finden Sie zusammengefasst im Thema "Management Commentary".


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