Ungleichheit wirft moralische und demokratiepolitische Fragen auf

Branko Milanovic, Ökonom und Autor des Buchs "Die ungleiche Welt".

Branko Milanovic, Ökonom und Autor des Buchs "Die ungleiche Welt".

Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist in allen Ländern der Welt riesig - und hat gewaltige Folgen. Branko Milanovic, Starökonom, früherer Chefvolkswirt der Weltbank und Ungleichheitsforscher, im Interview mit trend-Redakteurin Martina Bachler.

Von Barack Obama bis zu Thomas Piketty - die führenden Köpfe unserer Zeit sind sich einig: Ungleichheit ist eines der drängendsten Probleme der Gegenwart. Anhand neuer, haushaltsbasierter Daten zu Einkommen und Vermögen hat der Ökonom Branko Milanovic die Ursachen und Folgen differenzierter als alle anderen Forscher vor ihm untersucht.

trend-Redakteurin Martina Bachler hat Milanovic zum Interview getroffen. Das Gespräch wurde im Oktober 2016, etwa ein Monat vor den Präsidentenwahlen in den USA, geführt.


trend: Sie forschen seit Jahren zum Thema Ungleichheit. Wie hört es sich in Ihren Ohren an, wenn der sehr wohlhabende amerikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump bestätigt, dass er jahrelang keinerlei Steuern zahlte?
Branko Milanovic: Das hört sich furchtbar an. Es bestätigt leider, was viele Forscher wie ich in den vergangenen Jahren anprangerten: In den USA werden die höchsten Einkommen relativ gering besteuert, und noch dazu kann die reichste Bevölkerungsschicht ihre Steuererklärung so organisieren, dass sie oft so gut wie gar keine Steuern zahlt. Das ist so wie bei Apple, das als eines der wertvollsten Unternehmen der Welt in Irland auch kaum Steuern zahlt. Skandalös!

trend: Bei Donald Trump widerspricht das ja auch vehement der steuerzahlenden Zielgruppe, der er sich verschrieben hat: der verlierenden Mittelschicht. Die scheint ihm das aber nicht allzu übel zu nehmen?
Milanovic: Für jeden Menschen, der einigermaßen rational denkt, ergibt das keinen Sinn. Trump kampagnisiert aber auch sehr stark gegen zu viel Staatseinfluss, gegen "Big Government" und argumentiert, der Staat würde sein Geld nur verschwenden. Das ist zwar nicht sehr überzeugend, aber es scheint seinen Wählern egal zu sein.

trend: In den USA ist die Ungleichheit besonders ausgeprägt, und gemessen am Gini-Koeffizienten ist sie in den vergangenen 25 Jahren um 20 Prozent gestiegen. Die höchsten Einkommen sind stark gewachsen, die mittleren und unteren Einkommen gingen zurück oder stagnierten zuletzt - bis 2015. Bedeutet das, dass der Anstieg der Ungleichheit gestoppt ist?
Milanovic: 2015 ist das Haushaltseinkommen in den USA um 5,2 Prozent gestiegen. Das ist der höchste Anstieg seit 1967, und das stimmt auch positiv. Die Realeinkommen liegen aber immer noch unter dem Niveau vor dem Beginn der Finanzkrise. Auch in Großbritannien gibt es positive Anzeichen. Aber ob die Ungleichheit tatsächlich schon ihren Höhepunkt erreicht hat, kann man zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Vor allem, weil die Krise eine so außergewöhnliche Zeit war und die Weltwirtschaft noch nicht wieder gänzlich zur Normalität zurückgefunden hat.


Die Ungleichheit hat so enorme Ausmaße angenommen, dass sie moralische und demokratiepolitische Fragen aufwirft.

trend: Ihre Forschung hat gezeigt, dass die Ungleichheit innerhalb von Staaten in den vergangenen 25 Jahren gestiegen ist, nachdem sie zuvor im 20. Jahrhundert großteils gesunken war. Das gilt nicht nur für die USA, sondern auch für Russland, Großbritannien und selbst für Schweden. Gleichzeitig ist die globale Ungleichheit, also die Ungleichheit zwischen den Ländern der Welt, zurückgegangen. Ist das, was national passiert, also gar nicht so schlimm?
Milanovic: Die Ungleichheit innerhalb von Staaten hat so enorme Ausmaße angenommen, dass sie moralische und demokratiepolitische Fragen aufwirft, etwa wenn Menschen, die nicht dem reichsten Teil der Bevölkerung angehören, nur mehr geringe Chance auf gute Bildung und politische Teilhabe bekommen. Wir wissen außerdem mittlerweile empirisch, dass sich hohe Ungleichheit negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirkt.

trend: Dass die Einkommen global betrachtet heute gleicher sind als vor 25 Jahren, liegt vor allem am Aufstieg Asiens. Sie schreiben, dass sich das durchschnittliche Einkommen in Chinas urbanen Zonen allein zwischen 2008 und 2011 verdoppelt hat, am Land stieg es um 80 Prozent.
Milanovic: Der Aufschwung in China und Indien, aber auch in Indonesien, Vietnam und Thailand war phänomenal. Sehr viele Menschen in Asien sind heute weniger arm und haben zu einer globalen Mittelschicht aufgeschlossen. Das chinesische Durchschnittseinkommen liegt heute auf dem Niveau von Bulgarien und Rumänien. In 20 Jahren wird es unseren Berechnungen nach auf dem europäischen Durchschnittsniveau liegen.


Es profitierten nicht alle im gleichen Ausmaß von der Globalisierung. Die Ungleichheit hätten Regierungen besser abfedern können.

trend: Populisten sagen, dass das nur auf Kosten des Mittelstandes im Westen geschehen konnte, der real verlor oder höchstens stagnierte. Stimmt das?
Milanovic: Ob es da wirklich einen klaren kausalen Zusammenhang gibt, lässt sich noch nicht sicher beantworten. Diese Dinge passierten gleichzeitig, das stimmt. Und ganz sicher führt das auch dazu, die Globalisierung zu hinterfragen. Globalisierung ist sicher ein wichtiger Faktor, der zu diesen Entwicklungen beigetragen hat, aber ganz sicher nicht der einzige. Die Globalisierung ermöglichte aufstrebenden Nationen Exportchancen und setzte die westliche Arbeiterschaft in preisliche Konkurrenz mit China und anderen Staaten. Außerdem erlaubte sie einen viel freieren Kapitalverkehr, der das reichste eine Prozent der Bevölkerung noch reicher machte. Es profitierten also nicht alle im gleichen Ausmaß von der Globalisierung, ihre Erfolge - Rückgang der Armut, teils sehr hohes Wirtschaftswachstum - sind sehr ungleich verteilt. Diese Ungleichheit hätten Regierungen etwa durch Umverteilung besser abfedern können.

trend: Ungleichheit ist Ihrem Buch zufolge auch ein wesentlicher Grund für Migration. Wenn man im eigenen Land Geringverdiener mit wenig Aufstiegschancen ist, wirkt ein reicheres Land umso anziehender. Tragen Migranten, die im Ausland höhere Einkommen erzielen, dazu bei, dass die globale Ungleichheit abnimmt?
Milanovic: Wir haben Studien, die das beweisen. Ob europäische Staaten aufgrund dieses Faktums eher bereit sind, Migration zuzulassen, ist leider zweifelhaft. Aus globaler Sicht wäre es positiv. Und auch das ist übrigens eine Frage der Globalisierung, auf die sich vor allem populistische Parteien in Frankreich, Österreich oder jetzt auch Deutschland konzentrieren: die Frage nach der Globalisierung von Arbeit.

trend: Die bisherigen Erfahrungen mit der großen Flüchtlingswelle zeigen: Das ist in Europa ein enorm schwieriges Thema.
Milanovic: Dabei wird übersehen, dass der Krieg in Syrien irgendwann vorbei sein wird, der enorme Einkommensunterschied zwischen Europa und Afrika allerdings nicht. Anders als den asiatischen Staaten ist es afrikanischen nur sehr bedingt gelungen, aufzuschließen. In vielen Staaten sind die Einkommen sogar gesunken. Menschen, die so leben, werden immer eine Motivation haben, nach Europa zu kommen, vor allem, da die Bevölkerung in vielen dieser Staaten in den kommenden Jahren noch weiter wachsen wird.

trend: Worauf muss sich Europa einstellen?
Milanovic: Europa muss zunächst klar werden, dass Migration kein Thema für die nächsten ein, zwei Jahre sein wird, sondern vielleicht für die nächsten dreißig Jahre. Es muss sich auf Migration einstellen. Es muss legale Wege dafür schaffen, aber auch Regeln aufstellen, nach denen es Migranten etwa aufgrund ihrer Fähigkeiten auswählt.


Es ist kein Naturgesetz, dass Migranten nur in Jobs mit geringen Einkommen landen.

trend: Für die Bezieher niedriger Einkommen sind das wahrscheinlich keine guten Nachrichten. Sie würden weiter unter Druck kommen. Wenn viele Menschen noch weniger verdienen, müsste auch die Ungleichheit wieder steigen, oder?
Milanovic: Nicht unbedingt. Wir übersehen gern, dass Migranten Individuen sind mit individuellen Fähigkeiten. Es ist kein Naturgesetz, dass sie nur in Jobs mit geringen Einkommen landen.

trend: In Ihrem Buch erläutern Sie die These, dass Ungleichheit in Wellen auftritt. Die hohe innerstaatliche Ungleichheit, die wir momentan sehen, wird also irgendwann wieder zurückgehen, so, wie sie das auch im 20. Jahrhundert tat. Nachdem wir uns alle keine Kriege und Seuchen wünschen, die in der Geschichte öfters zu mehr Gleichheit führten - was muss geschehen?
Milanovic: Wir sollten immer bedenken, dass es auch Faktoren gibt, die sie noch weiter steigen lassen könnten. Zu den Faktoren, die die Ungleichheit sinken lassen könnten, zählt aber zum Beispiel die technologische Revolution, die wir momentan erleben.


Eine Karriere darf nicht davon abhängen, in welche Familie man hineingeboren wird.

trend: Die technologische Revolution hat zuletzt Monopole wie Google und Facebook hervorgebracht und einige wenige Menschen unermesslich reich gemacht.
Milanovic: Zweifellos, aber bei jeder Revolution kommt es zu Imitation, zu neuer Konkurrenz. Dann sinken die Preise, und damit sinken auch die Renten, also die Einkommen, die sich damit erzielen lassen. Der zweite Faktor ist die Politik. Hillary Clinton, die US-Präsidentschaftskandidatin der Demokraten, fordert etwa ein höheres Mindesteinkommen. Theresa May, die neue britische Premierministerin, will eine "Wirtschaft, die für alle funktioniert". Da hat sich etwas geändert. Und drittens muss sichergestellt sein, dass Bildungssysteme wirklich für alle zugängig sind. Eine Karriere darf nicht davon abhängen, in welche Familie man hineingeboren wird.

trend: Eine vierte Möglichkeit wäre es, Steuersysteme noch stärker auf eine Reduktion der Ungleichheit auszurichten.
Milanovic: Theoretisch stimmt das. Man kann über höhere Steuern für höhere Einkommen und über Erbschaftssteuern reden. Gerade für Europa ist aber der Spielraum gering. Wenn man bereits 50 Prozent seines Bruttoeinkommens abführen muss, ist, so glaube ich, die natürliche Grenze erreicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand bereit ist, noch mehr an Steuern zu zahlen.


Buchtipp

Branko Milanovic, Die ungleiche Welt

Armut und Perspektivlosigkeit sind treibende Kräfte für internationale Migrationsbewegungen. Noch immer ist das Geburtsland eines Kindes der entscheidende Faktor für die Höhe seines zukünftigen Einkommens. Milanovic analysiert den Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Migration – und plädiert für ein radikal liberales Einwanderungsrecht.

Leseprobe zum Download

Im Original erschienen unter dem Titel "Global Inequality. A New Approach for the Age of Globalization".

Deutsche Ausgabe:
Suhrkamp 2016, 312 Seiten
ISBN: 978-3-518-42562-6
Preis 25,70 Euro
www.suhrkamp.de

Englische Ausgabe:
Harvard University Press 2016, 320 Seiten
ISBN: 9780674737136
Preis 27,00 Euro
http://www.hup.harvard.edu

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