Umsatteln: Dienstrad-Initiative "willdienstrad" startet

Dienstrad statt Dienstwagen: Mit der Initiative „willdienstrad.at“, einem ausgeklügelten Finanzierungsmodell und Kooperationen mit dem Fachhandel will der Unternehmer Harald Bauer in großem Stil zum Umsteigen auf (E-)Fahrräder bewegen.

Gesund und gefördert: Mit dem Dienstrad zur Arbeit.

Mit dem Rad zur Arbeit: willdienstrad.at hat das Ziel, den Anteil der Rad-Pendler deutlich zu erhöhen.

Das Corona-Jahr 2020 war für die Fahrradbranche ein Jahr wie keines zuvor. Die Pandemie hat die Nachfrage nach Rädern massiv verstärkt. Besonders im städtischen Raum und in Ballungszentren wurden Fahrräder zu den Verkehrsmitteln der Stunde und beliebter Ersatz für den den öffentlichen Verkehr.

Das brachte den Handel gehörig ins Straucheln. Im Fachhandel waren Räder und sämtliches Zubehör das Jahr über praktisch restlos vergriffen oder oft nur noch mit monatelangen Wartezeiten verfügbar. Verschärft wurde die Situation durch Lieferengpässe als Folge der Shutdowns in Asien, wo zahlreiche bedeutende Zulieferbetriebe der internationalen Fahrradindustrie beheimatet sind oder ihre Werke haben.

In diese Situation hinein startet nun „willdienstrad.at“, die neue Initiative der Grazer Agentur brandingpark, hinter der Harald Bauer, der frühere Geschäftsführer der Österreichischen Sporthilfe, steht.

Der schnelle, saubere Dienstweg

Mit willdienstrad hat Bauer das in Deutschland bereits seit einigen Jahren höchst erfolgreiche „JobRad“-Modell übernommen und für Österreich adaptiert. Sein Ziel ist es, Fahrräder als Dienstfahrzeuge in Österreich auf breiter Ebene zu etablieren. Ermöglichen soll es ein ausgeklügeltes Finanzierungsmodell, das unter Einbeziehung bundesseitiger Fördermaßnahmen die Kosten für die Anschaffung eines Dienstfahrrads um bis zu 50 Prozent unter dem normalen Verkaufspreis senkt; rundum-Versicherungsschutz inklusive (siehe Tabelle).

willdienstrad.at Finanzierungsbeispiele

In Deutschland haben Arbeitgeber im Rahmen der „JobRad“ Initiative bereits über 300.000 Diensträder finanziert. Mehr als 30.000 Firmen in ganz Deutschland, vom kleinen Handwerksbetrieb bis zum Großkonzern, bieten ihren Mitarbeiter über "JobRad" Fahrräder an. Zu den großen Unternehmen gehören etwa die REWE Group, Lufthansa, die Hypo Vereinsbank, die Deutsche Bahn sowie Vaude und L'Oreal.

In Österreich verhandelt Bauer aktuell mit den ersten Unternehmen - „das sind Großbetriebe mit bis zu 40.000 Mitarbeitern“, wie er sagt - und dem heimischen Sport- und Fahrradfachhandel, um sie als Partner zu gewinnen. Zum Start gibt sich Bauer bescheiden. 5.000 Räder will er im ersten Jahr vermitteln und über seine Plattform finanzieren, was bei einem Durchschnittspreis von 2.000 Euro pro Jahr einem Finanzierungsvolumen von von zehn Millionen Euro entsprechen würde. In drei Jahren peilt er die Marke von 15.000 Stück an. Wobei freilich alles aber auch viel schneller gehen kann, zumal die Österreicher wesentlich Fahrrad-affiner sind als die Deutschen.

Eines ist für ihn jedenfalls wichtig: "Wir setzen in der Abwicklung ganz bewusst auf den österreichischen Fachhandel“, betont Bauer. Es gehe ihm besonders auch darum, der heimischen Wirtschaft Unterstützung zu geben. Er sieht „willdienstrad.at“ als „Made-in-Austria-Initiative“

E-Bike statt Auto

Im Zentrum der Dienstrad-Initiative stehen E-Bikes. Nicht nur, weil sie in der Bevölkerung besonders stark nachgefragt werden, sondern auch weil sie sich im städtischen Berufsverkehr in den vergangenen Jahren einen fixen Platz als Alternative zum Auto und zu öffentlichen Verkehrsmitteln erobert haben. Sie sind eine schnelle, umweltfreundliche Möglichkeit, um zum Arbeitsplatz zu kommen oder berufliche Termine wahrzunehmen. Ohne Schweiß, zu einem moderaten Preis. Und die Pandemie hat das Ihre dazu getan, diesen Status zu zementieren.

JobRad Geschäftsführer Ulrich Prediger hat in Deutschland bereits über 300.000 Diensträder finanziert.

JobRad Geschäftsführer Ulrich Prediger hat in Deutschland bereits über 300.000 Diensträder finanziert.

Michael Nendwich, Vorsitzender des Berufszweigs Sportartikelhandel in der WKO, erklärt auch: „Das Fahrrad ist das Verkehrsmittel der gesunden Mobilität – jetzt mehr denn je. Wenn jetzt viele Menschen den Wert des Fahrrades als Verkehrsmittel für Alltagsstrecken erkennen, können die Mobilitätsgewohnheiten nachhaltig verändert werden. Das kann zu einer Mobilitätswende weit nach der COVID-19 Krise führen.“

Ein erster Grundstein für diese Mobilitätswende wurde mit der Vorsteuerabzugsfähigkeit für Diensträder per 1.1.2020 gelegt. Per Juli 2020 wurde die Förderung für E-Bikes bei einer Anschaffung durch den Arbeitgeber von 200 Euro auf 350 Euro erhöht. Zusätzlich sind E-Bikes und andere Diensträder bei einer Anschaffung durch den Arbeitgeber oder auch durch Selbstständige oder EPU vorsteuerabzugsfähig und für den Dienstnehmer obendrein befreit vom Sachbezug. Der Arbeitnehmer kann sein Dienstrad auch in der Freizeit nach Belieben verwenden, aus rechtlicher Sicht ist lediglich eine zehnprozentige berufliche Nutzung erforderlich.

Das Finanzierungsmodell

Initiator Harald Bauer sieht willdienstrad.at auch als Dienstleistungsplattform für Unternehmen. Denn eine Besonderheit an dem Modell ist, dass sich die Mitarbeiter ihre Räder selbst aussuchen und konfigurieren können, was bei einer unternehmensinternen Abwicklung über ein internes Fuhrparkmanagement praktisch unmöglich wäre.

Die Arbeitgeber müssen dafür mit willdienstrad.at einen Dienstleistungsvertrag abschließen und sich online registrieren. Die Finanzierung selbst erfolgt über die Dauer von 48 Monaten in einem Leasing- oder Mietkauf-Modell. Als Finanzpartner konnte die Erste-Group-Tochter F&S Leasing gewonnen werden.

Dienstrad im Privateinsatz: willdienstrad.at Geschäftsführer Harald Bauer (Bild) bringt das Deutsche JobRad-Erfolgsmodell nach Österreich.

Dienstrad im Privateinsatz: willdienstrad.at Geschäftsführer Harald Bauer (Bild) bringt das Deutsche JobRad-Erfolgsmodell nach Österreich.

Die Mitarbeiter erhalten in der Folge einen Bezugsschein, mit dem sie sich ihr Wunschrad im Fachhandel konfigurieren und bestellen können. Die jeweilige Finanzierungsrate wird den Mitarbeitern steuerschonend vom Bruttogehalt abgezogen.

Gibt der Arbeitgeber die steuerlichen Vorteile und die Ersparnis aus der Klimaschutzförderung sowie die Investitionsprämie an den Arbeitnehmer weiter, so ersparen sich die Mitarbeiter unterm Strich rund die Hälfte des Kaufpreises, wobei das Rad obendrein über den Versicherungsspezialisten Bikmo für die gesamte Dauer des Leasings oder Mietkaufs vollkasko- und diebstahlversichert ist.

Engagierte Industriepartner

Vom Start weg dabei als Industriepartner sind der größte österreichische Fahrrad- und E-Bike-Hersteller KTM Bike Industries sowie der führende E-Bike-Zulieferer Bosch.

„Wir sind voll von der Sache überzeugt und stehen zu hundert Prozent dahinter“, sagt KTM-Geschäftsführer Stefan Limbrunner, der die Dienstrad-Initiative als „Win-Win-Win-Win-Projekt“ bezeichnet: „Der Autoverkehr nimmt ab, die CO2-Belastung reduziert sich, in den Städten werden Parkplätze frei, die Mitarbeiter werden fitter, Unternehmen sparen Steuern, der Handel profitiert und der gesundheitspolitische Effekt ist enorm.“

E-Bike-Produktion bei KTM

E-Bike-Produktion bei KTM

Wobei KTM allerdings wie nahezu alle namhaften Qualitätshersteller ohnehin schon vor der schwierigen Aufgabe steht, die rapide gestiegene Nachfrage nach Fahrrädern zu bedienen. Die Limits geben die Zulieferer vor – die Hersteller der hunderten verschiedenen Komponenten, aus denen in Mattighofen Fahrräder gefertigt werden. Produzenten von Rahmen, Schaltgruppen, Satteln, Laufrädern oder – bei E-Bikes besonders kritisch – von Akkus und Motoren. Teile für die es am Weltmarkt Lieferzeiten von weit über einem bis zu zwei Jahren gibt. „Wir sind bereits im Modelljahr 2023“, sagt Limbrunner, „die Teile, die wir jetzt bestellt haben werden im April 2022 in Asien verschifft und können erst in die Modelle des Jahres 2023 eingebaut werden.“

Produktionszahlen können daher nicht kurzfristig in die Höhe geschraubt werden. Dennoch ist es KTM gelungen, die Produktion in wenigen Jahren praktisch zu verdoppeln. Im Jahr 2020 hat KTM 265.000 Fahrräder und E-Bikes gebaut, 2021 werden es 350.000 sein – 213.000 davon E-Bikes – und im Jahr 2022 bereits 457.000.

Um mit den ständig steigenden Kapazitäten Schritt halten zu können werden derzeit in Mattighofen drei neue Hallen errichtet, in denen bereits im Herbst die Produktion anlaufen soll. Insofern kann Limbrunner auch ganz gut damit leben, wenn die Dienstrad-Initiative in Österreich nicht allzu schnell durchstartet. Wobei er allerdings überzeugt ist, dass das österreichische Dienstrad-Modell letztlich ähnlich erfolgreich wird wie JobRad in Deutschland: „Das Deutsche JobRad hat zwar zehn Jahre Vorsprung, zeigt aber, dass es funktioniert. Das ist eine super-feine Sache, bei der alle gewinnen.“

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