Ukraine-Krieg setzt Europas Autohersteller unter Druck

Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Wirtschaftssanktionen gegen Russland bringen Europas Autobranche von der Chipkrise in die nächste schwierige Lage. Die Kosten des Krieges werden die Hersteller aber tragen können.

Fahrzeugmontage bei der Volkswagen Group RUS in Kaluga

Fahrzeugmontage bei der Volkswagen Group RUS in Kaluga

Der Angriff Russlands auf die Ukraine sendet Schockwellen durch die gesamte Weltwirtschaft - die Autobranche bildet da keine Ausnahme. Wie stark sich die Verwerfungen auswirken werden, ist bisher nicht präzise zu sagen. Klar scheint aber: Frieden und Rechtsstaatlichkeit sind für die Industrie kein selbstverständlicher Rahmen, der zum Nulltarif zu haben ist. Die Kosten dafür dürften Kunden und Beschäftigte gleichermaßen treffen.

Allein die VW-Gruppe lieferte 2021 in Zentral- und Osteuropa fast 660.000 Fahrzeuge aus. Der Konzern betreibt die russische Landesgesellschaft LLC Volkswagen Group Rus mit einem Autowerk mit rund 5.000 Mitarbeitern in Kaluga, knapp 200 Kilometer südwestlich von Moskau. In der Fabrik werden unter anderem die VW-Modelle Polo und Tiguan sowie der Škoda Rapid gebaut. Dazu kommen Motoren und Montage für die Audi-SUVs Q8 und Q7.

Bislang läuft der Betrieb in Kaluga noch. Anders als bei Daimler Truck, das die geschäftlichen Aktivitäten in Russland wegen des Ukraine-Krieges bereits eingestellt hat und ankündigte, sich von den Anteilen an dem russischen Bus-, LKW- und Panzerwagen-Hersteller Kamaz zu trennen. Volvo Trucks, das wie VW in Kaluga ein Werk betreibt, hat die LKW-Herstellung und den Verkauf in Russland ebenfalls bereits gestoppt.


Die neuen Herausforderungen für die Auto-Branche

1. Von der Chipkrise in die Sanktionskrise?

Noch haben sich die Autobauer nicht von den Lieferengpässen bei Mikrochips erholt. Da die verfügbaren Mengen an Halbleiter-Elektronik in der Pandemie immer knapper wurden, staute sich vielerorts die Produktion. Halden halb fertiger Wagen und teils erhebliche Absatzeinbußen waren die Folge.

Die Lebensgefahr für Beschäftigte in der Ukraine und die Verhängung erster Wirtschaftssanktionen gegen Russland hinterlassen ebenfalls Spuren. VW-Werke in Sachsen müssen mehrere Tage pausieren, weil aus der Westukraine zugelieferte Kabelsätze fehlen. Der größte Autokonzern Europas kündigte nun weitere Ausfälle in den kommenden Wochen für Wolfsburg, Hannover sowie in einigen internen Komponentenfabriken an. In Emden ist die Lage noch unklar.

In umgekehrter Richtung stellt sich die Frage, ob Fabriken in Russland im Fall weitreichender Handelsbeschränkungen jenseits von Technologie-Exporten noch mit Vorprodukten versorgt werden können. Branchenexperte Stefan Reindl vom Institut für Automobilwirtschaft in Geislingen erwartet, dass Unternehmen mit lokalen Niederlassungen "produktionsseitig in Bedrängnis kommen". Für Deutschland gelte: "Durch die globale Vernetzung der Zulieferebene könnte die Autoproduktion auch hierzulande massiv beeinflusst werden."

Sollten weitere russische Banken aus dem Swift-System fallen, könnte zudem die Bezahlung von Im- und Exporten ins Stocken geraten - oder ganz kollabieren. VW-Chef Herbert Diess richtete eine Arbeitsgruppe ein, um die Folgen des Krieges für das Netz der weltweit über 40.000 Lieferanten seines Konzerns zu analysieren. Zunächst hieß es, die Lage könne "zu Anpassungen an einzelnen Standorten führen".


2. Effekte auf Preise und Wartezeiten

Knappe Güter bedeuten meist höhere Anschaffungskosten und mehr Geduld bei der Bestellung. Auch hier könnte der Ukraine-Krieg die schon schwierige Chipsituation verschärfen. Tiefgreifender und potenziell bedrohlicher ist mit Blick auf die Rohstoff-Großmacht Russland jedoch ebenso für die Autobauer die Energiefrage: Die Stromerzeugung aus Gas, Öl und Kohle soll in der industriellen Produktion mittelfristig auslaufen, noch können regenerative Träger das aber nicht ersetzen - ganz zu schweigen von metallischen Ressourcen wie Kupfer, Nickel oder Stahl-Erzen.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) stimmt auf Rohstoffmangel und höhere Preise ein. "Der Krieg sorgt für zusätzliche große Unsicherheit beim Import von Rohmetallen und metallhaltigen Vorstoffen", sagt BDI-Präsident Siegfried Russwurm. Unter anderem bei Komponenten für die E-Mobilität könnte es enger werden. Und: "Wir müssen mit weiteren empfindlichen Preissteigerungen rechnen." Der Chef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Peter Adrian, warnte bereits vor Lieferverzögerungen bei Autos wegen ausbleibenden Palladiums aus Russland. Das Element wird für Katalysatoren benötigt.

Reindl hält die mögliche Abkoppelung des Rohstoffgeschäfts ebenfalls für gefährlich. Zusammen mit Transportschwierigkeiten könnte das "die Fahrzeugproduktion verteuern und für weitere Lieferengpässe sorgen". In der Autobranche seien neben Halbleitern auch Stahl, Aluminium und Kupfer knapp. In einer branchenübergreifenden Umfrage des Ifo-Instituts nannten drei Viertel der Firmen Probleme beim Einkauf - in der Autoindustrie waren es 89 Prozent.


3. Kurzarbeit bleibt ein Thema

Die Belegschaften der Autobauer haben sich während der vergangenen zwei Jahre an immer wiederkehrende Arbeitsausfälle gewöhnt. Erst der Verkaufseinbruch zu Beginn der Coronakrise, dann die fehlende Elektronik: Beinahe im Wochenrhythmus mussten an vielen Standorten weitere Schichten abgesagt werden und Beschäftigte in Kurzarbeit gehen, ob bei Volkswagen, Mercedes oder - sogar über eine längere Phase - bei Opel. Für den VW-Stammsitz wurde gerade beschlossen, dass die meisten Nachtschichten bald wegfallen. Das Beispiel in Sachsen mit mehreren tausend Betroffenen zeigt nun, dass der Krieg in der Ukraine die Unsicherheit noch einmal erhöht.


4. Sorgen um Mitarbeiter und Investitionen

Zunächst, so betonen die Konzerne, gehe es nun darum, die Sicherheit des Personals in den Kriegsgebieten zu gewährleisten. Schon vor dem Angriff Russlands bot VW an, Kollegen auszufliegen. Konkreteres sagt der Konzern nicht, man nehme die Entwicklung generell "mit großer Sorge und Betroffenheit zur Kenntnis". Von BMW nur so viel: "Wir arbeiten unternehmensweit zusammen, um die Situation vor Ort und mögliche Folgen für unser Unternehmen und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kontinuierlich zu bewerten und erforderliche Maßnahmen zu ergreifen."

Ob Sach- und Finanzanlagen im Fall einer längeren Konfrontation eine Zukunft haben, wollen die Firmen bis jetzt nicht öffentlich abschätzen. Branchenexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM) glaubt: "Die Hersteller müssen ihre Investitionen in Russland komplett neu bewerten." Auch Reindl ist überzeugt: "Russland und die Ukraine werden wohl für lange Zeit als Absatzmärkte ausfallen." Je nach Ausmaß und Dauer könne das angrenzende Länder mit hineinziehen. Verglichen mit Märkten wie China, Westeuropa oder Nordamerika sei die Region für die deutschen Autobauer aber weniger bedeutend.


5. Autos verkaufen in Zeiten politischer Isolation

Befürchtungen vor einem neuen "Kalten Krieg" machen auch in manchen Schaltzentralen der Wirtschaft die Runde. Reindl erwartet "empfindliche, aber angesichts eher niedriger Marktanteile keine existenzbedrohlichen Effekte". Zu berücksichtigen sind außer der Nachfrage und Außenhandelsschranken die Folgen von Währungsturbulenzen. Sollte der russische Rubel seinen Kurssturz nach den ersten Sanktionen gegen die Zentralbank fortsetzen, würden Importe ins Land aus Sicht russischer Verbraucher immer teurer. Ein gleichzeitig starker Euro könnte daher deutschen Anbietern das Russland-Geschäft zusätzlich vermiesen, selbst wenn das Verkaufen westlicher Autos weiter erlaubt sein würde.

Bratzel schätzt: "Der Export von Fahrzeugen nach Russland dürfte zunächst ganz zum Erliegen kommen." Dabei dürfte es nicht bleiben, sollte es gar zu einem "langfristigen Wirtschaftskrieg" kommen, den die außenpolitische Denkfabrik European Council on Foreign Relations theoretisch schon durchspielt. Ein mögliches Embargo sämtlicher Gas-und Ölexporte Russlands - was würde das bedeuten? Noch zögere der Westen. Die Kosten auch für Verbraucher könnten beträchtlich sein.


6. Äußerlich besorgt, innerlich im Alarmmodus

Die Autohersteller tragen die ersten Sanktionswellen mit und verweisen bisher eher allgemein auf die "volatile Lage". Hinter den Kulissen aber bindet die Krisenreaktion schon etliche Kapazitäten. Nach Angaben des Branchenverbands VDA gibt es 49 Fertigungsorte deutscher Zulieferer und Hersteller in Russland und der Ukraine. Chefin Hildegard Müller sagte jüngst: "Die Folgen für Unternehmen und ihre Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind derzeit noch nicht konkret absehbar."

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Norbert Grill ist seit 2008 technischer Geschäftsführer der ORS. Er hat das Studium Regelungstechnik und Automatisierung an der TU Wien absolviert und war zuvor beim ORF in leitenden Funktionen für Digitalisierungsprojekte verantwortlich.
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