Topökonom Milanović: "Corona verschärft soziale Spannungen"

Die Globalisierung galt als Heilsbringer. Der Topökonom Branko Milanović zeigte, dass die Ungleichheit dadurch weltweit zurückging, aber auch, wer dabei die Verlierer sind. Die sind auch in der aktuellen Krise stark betroffen.

Topökonom Milanović: "Corona verschärft soziale Spannungen"

trend: Sie warnten früh davor, dass das Coronavirus zu einem sozialen Kollaps führen kann. Nach wie vor steigen die Ansteckungszahlen weltweit. Wächst damit auch die Kollapsgefahr?
Branko Milanović: Es besteht die Gefahr, dass Menschen in Ländern, in denen die Armut ohnehin schon groß ist, aus Verzweiflung zu plündern beginnen, wenn sich die Lage noch verschärft. Bisher ruft diese Krise gerade in Staaten, in denen die Regierung schlecht damit umgeht, Unzufriedenheit, Demonstrationen und Proteste hervor. In Osteuropa sehen wir das in Bulgarien, in Serbien und in Weißrussland. Wir sehen das aber auch in den USA. George Floyd war erschreckenderweise bei Weitem nicht der erste Schwarze, der durch Polizeigewalt starb, aber erst die Krise hat die diesjährigen Massenproteste hervorgerufen.

Das Virus lenkt also den Fokus auf Probleme, die in einer Gesellschaft ohnehin schon da sind?
Es macht sie sichtbar, und es kann sie verschärfen. In den USA besitzen 30 Prozent der Bevölkerung null Vermögen, sie haben nichts auf der Seite. Normalerweise fällt uns das nicht auf, weil alles irgendwie läuft. Jetzt wird das zu einem viel deutlicheren gesellschaftlichen Problem. Das gleiche passiert übrigens auch auf der Ebene der Familie: In Krisensituationen treten sonst verdeckte Konflikte auf.

In den USA hat das Virus auch die Schwächen des Gesundheitssystems offengelegt. Sehr viele Menschen sind nicht versichert, sie können es sich nicht leisten, krank zu sein. Aber wird sich das System ändern?
Ich glaube, dass der Staat nicht nur in den USA in den kommenden Jahren wieder eine größere Rolle spielen wird. Auch in Großbritannien wird gerade sichtbar, dass bei der Gesundheit - aber auch in der Bildung - private Einrichtungen viel zu dominant geworden sind. Viele Menschen wurden zurückgelassen. In Zentraleuropa war die Bildung immer eine hauptsächlich staatlich geregelte Angelegenheit. Das ist ein Vorteil, wenn es um Chancengleichheit geht. Aber nicht nur dort.

Wo noch?
Europäer kennen von den USA oft nur die Eliten, die besten Universitäten. Es gibt aber, historisch gewachsen, viele andere private Schulformen, oft mit religiösem Hintergrund und fraglichen Zugängen. Gar nicht wenige Amerikaner etwa glauben, dass die Erde flach sei. Diese Unterschiede, diese Polarisierungen zeigen sich jetzt.

In allen Ländern wird offenbar, dass Corona bei Weitem nicht alle Bevölkerungsgruppen gleich stark trifft. Menschen, die auf engstem Raum zusammenwohnen und arbeiten, leiden deutlich mehr, sie verlieren auch sehr viel öfter ihre Jobs. Wird die Ungleichheit generell wieder steigen?
Auch wenn alles danach aussieht: Es ist noch zu früh, um das wirklich sagen zu können. Die Ungleichheit der Einkommen ist nichts, was kurzfristig stark schwankt, aber wir befinden uns sicher in einer absoluten Ausnahmesituation. Dass die Wirtschaft heuer zwischen sechs und 15 Prozent einbricht, kennen wir so nicht.

Dennoch sieht es ganz danach aus, als wären Wohlhabende bisher deutlich weniger betroffen.
Hinzu kommt, dass die Aktienmärkte nach anfänglichen Einbrüchen weiter gestiegen sind, wovon auch wieder die ohnehin Wohlhabenden profitieren. In den USA etwa besitzen die reichsten zehn Prozent auch 92 Prozent der Finanzanlagen. Eine Prognose ist trotzdem schwierig. Es wird seitens der Staaten sehr viel getan, um Einkommensverluste auszugleichen. Das kann aber nicht auf Dauer funktionieren.

Weil sich auch Staaten das nicht leisten können?
Wenn Staaten das Virus nicht schnell unter Kontrolle bringen, werden sie bald vor einer Entweder-oder-Entscheidung stehen: Gesundheit oder Wirtschaft, Arbeitsplätze und Einkommen. Wir sehen jetzt schon in Kalifornien, übrigens einem demokratisch geführten US-Bundesstaat, dass die Ansteckungen wieder rasant steigen, aber auf Druck der Wirtschaft keine Maßnahmen mehr gesetzt werden. Ob jemand eine Maske trägt oder nicht, ist nun Privatsache. Ich rechne fix damit, dass in vielen Ländern die Polarisierung innerhalb der Bevölkerung zunehmen und es auch zu Regierungswechseln kommen wird.

Rechnen Sie auch mit einer Systemwende? Viele Kommentatoren fragen nicht erst seit Corona, wie gut der Kapitalismus noch funktioniert.
Ich rechne nicht damit, nein. Ich glaube, dass es kleine Veränderungen in der Produktion geben wird, weil etwa Europa festgestellt hat, dass es bei Medikamenten stark von China abhängt. Aber insgesamt bleiben die Anreize ja die gleichen, möglichst günstig und weltweit vernetzt zu produzieren. Daran werden nur geopolitische Spannungen etwas ändern. Damit eine globale Lieferkette effizient ist, brauchen Unternehmen die Sicherheit, dass jeder Teil davon - also jedes Land - funktioniert. Ändert sich das, weil etwa die Beziehungen zwischen den USA und China noch angespannter werden, müssen Unternehmen neue Lösungen suchen, die vielleicht auch teurer sind. Ich glaube aber, dass sich die Deglobalisierung in Grenzen halten wird.

Hat es politisch Sinn, essenzielle Dinge wie zum Beispiel Medikamente, vielleicht aber auch 5G-Netzlösungen selbst zu machen?
Europa stellt gerade fest, was die einstige Handelsmacht Italien schon vor ein paar Jahrhunderten feststellte: Man kann eine Zeit lang gut leben, ohne alles selbst zu produzieren, sich stattdessen finanziell zu beteiligen, mit Geld die Leistungen anderer zuzukaufen und damit zu handeln. Die Krise jetzt wirft die Frage auf, ob das wirklich der beste Ansatz ist.

Der große Profiteur der Globalisierung war bisher China. Sie haben nachgewiesen, dass die globale Ungleichheit der Einkommen in den vergangenen 20 Jahren gesunken ist, was aber vor allem am Aufstieg von Chinas Mittelschicht liegt. Die Mittelschicht in den Industriestaaten erlebte hingegen Stagnation oder sogar sinkende Einkommen, während die oberen zehn Prozent, vor allem aber das eine Prozent der Allerreichsten, enorm stark von der Globalisierung profitierten.
Eben haben Christoph Lakner und ich ein Paper veröffentlicht, das die Entwicklung seit der Finanzkrise von 2008 bis 2013 untersucht. Hier sind die Einkommen der Reichsten plötzlich deutlich langsamer gewachsen, während die Mittelklasse vor allem in China weiter zur westlichen Mittelklasse aufschloss. Die globale Ungleichheit ist also auch in dieser Phase gesunken. Für die Ungleichheit innerhalb einzelner Länder heißt das aber nichts. Auch ist das reichste Prozent weiter vom Westen dominiert, die Hälfte davon sind Amerikaner.

China, Indien und Brasilien sind von extrem großer Ungleichheit geprägte Länder. Die beiden letzteren sind sehr stark von Covid-19 betroffen. Wird sich diese Struktur dort verstärken?
Wir können das annehmen, haben aber noch keine Evidenz. In China ist übrigens die Ungleichheit in den urbanen Gebieten in den vergangenen zehn Jahren zumindest nicht mehr gestiegen, und hier glaube ich auch nicht, dass sich das grundlegend ändert. Die chinesische Regierung versucht, die Folgen des Wirtschaftseinbruchs zu mindern. Je nachdem, wie sich die internationalen Beziehungen Chinas und das Vertrauen in das Land in den kommenden Jahren entwickeln, könnte das Wirtschaftswachstum aber doch stärker gebremst werden.

Momentan sieht es eher nach einem Sieg von Joe Biden, dem Kandidaten der US-Demokraten, bei der Präsidentschaftswahl im Herbst aus. Wird er soziale Spannungen im Land abbauen können?
Die vergangenen Jahrzehnte haben gezeigt, dass es in den USA nicht leicht ist, wirklich fundamental etwas zu ändern, selbst wenn man die Präsidentschaft und die Mehrheit im Kongress hat. Zu stark sind einzelne Lobbys, zu verfahren ist das politische und juristische System. Ich bin also sehr skeptisch. Dabei steht das Land vor riesigen Problemen: In ganzen Bevölkerungsschichten sinkt die Lebenserwartung, die Beschäftigung sinkt selbst bei weißen Männern, auch die Produktivität sinkt - und die gesellschaftliche Polarisierung steigt. Es gäbe viel zu tun.


ZUR PERSON

Branko Milanović, 66, ist einer der weltweit führenden Forscher zur Ungleichheit der Einkommen. Geboren im ehemaligen Jugoslawien, studierte er in Belgrad und machte später in der Weltbank Karriere.

Von 1991 bis 2012 war er Chefökonom ihrer Forschungsabteilung. 2016 erschien sein Buch "Die ungleiche Welt", in dem er zeigte, dass die Ungleichheit global gesehen abnimmt, während sie innerhalb zahlreicher Länder aber steigt. Sein aktuelles Buch vergleicht den Kapitalismus der Industrieländer mit jenem Chinas. Milanović lehrt an der City University of New York.


Das Interview ist der trend-Ausgabe 33-34/2020 vom 14. August 2020 entnommen.


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