Tiergarten Schönbrunn: Panda-Trauer und Mania im Superzoo

Das Weibchen Fu Feng (Glückliche Phönix) und das Männchen Fu Ban (Glücklicher Gefährte) werden in wenigen Wochen erneut für Besucheransturm im Tiergarten sorgen.

Das Weibchen Fu Feng (Glückliche Phönix) und das Männchen Fu Ban (Glücklicher Gefährte) werden in wenigen Wochen erneut für Besucheransturm im Tiergarten sorgen.

Der Tod des Panda-Männchens Long Hui im Tiergarten Schönbrunn ist ein schwerer Schlag für den ältesten Zoo der Welt. Die Großen Pandas sind die Top-Stars des Tiergartens, zugleich politische Schwergewichte und haben maßgeblich dazu beigetragen, dass Schönbrunn vom Sanierungsfall zum Superzoo und wirtschaftlich zur Cashcow wurde.

Pünktlich waren sie da, die hohen Tiere: Vizekanzler Reinhold Mitterlehner und der chinesische Botschafter Li Xiaosi waren am 23. November gekommen, um zwei anderen hohen Tieren ihre Reverenz zu erweisen: den Pandazwillingen, die nach chinesischer Tradition 100 Tage nach der Geburt Namen bekommen. Chinesische Tänze und Ansprachen ließen die Stars unbeeindruckt, sie kugelten auch an diesem Feiertag in der "Backstage Area", ihrer Baumhöhle, herum, wie Besucher am Eingang lesen konnten. "Wir holen die Zwillinge nicht heraus. Die kommen, wenn sie soweit sind", sagt Direktorin Dagmar Schratter. Will heißen: Tierwohl geht immer vor PR, mögen die Begehrlichkeiten aus noch so honoriger Ecke kommen.

Das Interesse an den Jungen ist verständlich, denn die Panda-Kinder gelten als eine zoologische Sensation. Sie sind der einzige Panda-Nachwuchs in einem europäischen Zoo, dessen Eltern, das Weibchen Yang Yang und das Männchen Long Hui, sich auf natürlichem Weg fortgepflanzt haben.

Nur etwas mehr als zwei Wochen danach kam jedoch eine schlechte Nachricht aus dem Zoo: Long Hui, das 16 Jahre alte Männchen, das gemeinsam mit Yang Yang im Jahr 2003 nach Wien gekommen war, starb bei einer Notuntersuchung, nachdem schon zuvor ein Tumor im Bauchraum des Tieres entdeckt worden war.

Verlassen Fu Feng und Fu Ban - vermutlich in der zweiten Dezemberhälfte - ihre Höhle, wird der Panda-Papa nicht mehr auf den Familienfotos der tausenden Besucher sein. Die Zoo-Mitarbeiter werden die Panda-Mania dennoch nur mit einem Anstellsystem und zusätzlichem Sicherheitspersonal für einen entspannten Ablauf sorgen Besuche sorgen können.

Vom Sanierungsfall zur Cashcow

Willkommen in Schönbrunn, dem ältesten Tiergarten der Welt, zum vierten Mal in Folge zum besten Europas gekürt und im Ranking der europäischen Zoogesellschaft der beste, der jemals gemessen wurde. Was unter Maria Theresias Mann Franz I. Stephan von Lothringen 1752 als kaiserliche Menagerie begann, ist heute ein Erlebnis-, Forschungs- und Kulturbetrieb mit Gesamteinnahmen von 20 Millionen Euro und das Vorzeigebeispiel für eine gelungene "Privatisierung", die vor 25 Jahren eingeleitet wurde. Damals war Schönbrunn eine veritable Baustelle, ein "Tieraltersheim", das nicht einmal ein Drittel seiner Betriebskosten decken konnte und vor dessen Besuch in Reiseführern abgeraten wurde: Schlechte Bausubstanz, keine tiergerechte Haltung. Zoologe Antal Festetics und Bürgermeister Helmut Zilk waren sich beim Rundgang Ende der 80er-Jahre sicher, dass man daraus nur noch "ein Museum machen könne". Es sollte anders kommen.


Tiergarten Schönbrunn, Entwicklung der Besucherzahlen seit 1991

Die wichtigste, ob des Wetters aber volatile Einnahmenquelle sind die Eintritte. Rekordjahr war 2014 mit 2,5 Millionen Besuchern.

Die wichtigste, ob des Wetters aber volatile Einnahmenquelle sind die Eintritte. Rekordjahr war 2014 mit 2,5 Millionen Besuchern.


Unter Wirtschaftsminister Wolfgang Schüssel wurde der Betrieb des Tiergarten in die Schönbrunner Tiergarten-Gesellschaft m.b.H. ausgegliedert, das Wirtschaftsministerium blieb als 100-Prozent-Gesellschafter eingetragen. Deklariertes Ziel: Der Tiergarten müsse sich selbst finanzieren. Für diesen Change brauchte es eine neue Führung. Schüssel suchte in ganz Europa nach geeignetem Personal und landete im Innsbrucker Alpenzoo, blieb aber nicht lange inkognito. "Da war ein Minister und hat sich eine Karte gekauft", funkte die patente Kassiererin zum Chef. Was Schüssel an Helmut Pechlaner damals imponiert habe? "Sein erzählerisches Talent. Wie er über das Leben und Sterben im Zoo berichtete, war extrem beeindruckend." Eine Fähigkeit, die sich späterhin bezahlt machen sollte. Pechlaner ließ Schüssel damals aber noch mehr wissen, nämlich, dass er "sich nur bewerben würde, wenn es eine Alleingeschäftsführung gäbe und niemand, absolut niemand, dreinreden dürfe: keine Partei, keine Sektionschefs, keine Leute, die nichts davon verstehen." Pechlaner bewarb sich und wurde eine "der besten Personalentscheidungen unter Wirtschaftsminister Schüssel", wie dessen Nachfolger Martin Bartenstein anlässlich Pechlaners Verabschiedung in die Pension 2006 treffend meinte.

Gern gesehener Gast ist der ehemalige Direktor noch immer. Die Freude der Mitarbeiter kommt von Herzen, wenn der Pechlaner ab und zu da ist, eine flotte Runde dreht oder sich im Kaiserpavillon mit dem ehemaligen Direktor des Tierparks Goldau auf ein Glaserl Wein trifft. Wiewohl ihm ein "sauberer Schnitt" wichtig war, wie Pechlaner betont, rührt ihn der Respekt doch: "Manche Chefs werden nach drei Tagen nicht mehr gegrüßt, wenn sie aus der Firma draußen sind." Sein Rezept für das gelungene Change-Projekt Tiergarten bringt der Tiroler pragmatisch auf den Punkt: "Ich habe mich immer um die besten Mitarbeiter bemüht, habe versucht, sie zu begeistern. Wenn die gute Ideen hatten, haben wir die umgesetzt. Ist ja weit nicht alles auf meinem Mist gewachsen." So geht Leadership. Die pragmatische Hands-on-Mentalität und Motivationsgabe Pechlaners waren denn die Schlüssel zur Rettung des Tiergartens -wie auch sein Verkaufstalent. Seine erste Drittmitteleinwerbung war es, eine Spendenkasse beim Elefantengehege aufzuhängen. Für die "außerordentliche Pflege der Elefanten" stand am Schild der zuvor in Sachen Körperpflege vernachlässigten Dickhäuter: In einer Woche waren 24.000 Schilling in der Büchse. Das Spenden für den Tiergarten wurde in den Folgejahren chic -von der Hietzinger Bürgerdame, die ein Sparbüchel vorbeibrachte, bis hin zu zahllosen Prominenten und Unternehmen, die Patenschaften für Tiere und Sanierungsprojekte übernahmen.


Tiergarten Schönbrunn: Futtermengen und Tierbestand

Im Zoo leben 746 Arten und Rassen, in Summe 8.775 Individuen. Die größte Population bilden Fische und Vögel.

Im Zoo leben 746 Arten und Rassen, in Summe 8.775 Individuen. Die größte Population bilden Fische und Vögel.


Aus der Baustelle wurde nun eine echte Baustelle. Im Jahrestakt wurden Gehege saniert oder neu errichtet, die Gastronomie auf neue Beine gestellt, Zuchtprogramme adaptiert und die Zusammenarbeit mit anderen Tiergärten intensiviert. Die Besucherzahlen stiegen und stiegen: 2000 überrundete der Tiergarten erstmals das Schloss Schönbrunn als meistbesuchte Sehenswürdigkeit der Stadt (aktuell auf Platz zwei) und sorgte bis auf zwei tragische Todesfälle von Pflegern in der Folge nur noch für gute Schlagzeilen mit erfolgreichen Tiergeburten, Zuchterfolgen und wirtschaftlichen Rekordmeldungen. Und Pechlaner brachte den Zoo mit seinen telegenen Fähigkeiten über die "Universum"-Sendungen in die Wohnzimmer der Österreicher.

2003: Das Jahr, in dem die Pandas kamen

2003 wurde erstmals die Zwei-Millionen-Besucher-Marke geknackt, ein Meilenstein, der definitiv zwei politischen Schwergewichten zu verdanken war, die, aus China kommend, am 14. März in Wien landeten und Tage später von den Wiener Sängerknaben begrüßt wurden. Schönbrunn bekam mit Yang Yang und Long Hui als einer der ersten Zoos in Europas überhaupt Große Pandas überantwortet -eine Sensation. Der Große Panda ist nicht nur eine vom Aussterben bedrohte Tierart, er ist das, was Zoologen heute eine Flagship-Art nennen, ein

Die Panda-Zwillinge Fu Feng und Fu Ban auf der Waage. am 14. November wogen die Bären jeweils rund fünf Kilo.

Die Panda-Zwillinge Fu Feng und Fu Ban auf der Waage. am 14. November wogen die Bären jeweils rund fünf Kilo.

ikonografisches Tier, ein Besuchermagnet. Der Große Panda ist aber auch große Politik, denn es gibt ihn ausschließlich in der Volksrepublik China, und die setzt ihre felligen Schätze für ihre "Panda-Diplomatie" ein. Wiens Panda- Diplomat war Wolfgang Schüssel, der sich - als intimer China-Kenner -jahrelang die Zähne ausbiss an stets freundlich lächelnden Chinesen, bis er im Zuge eines Dinners zufällig an einen chinesischen Tischnachbarn geriet, der ihm den richtigen Hinweis gab. Allein sein Verdienst sei das nicht gewesen, sagt Schüssel: "Das haben wir auch dem ehemaligen Wirtschaftskammerpräsidenten Sallinger zu verdanken. Dass Österreich eines der ersten Länder war, das diplomatische Beziehungen zu China aufbaute, haben die nicht vergessen."

Das Briefing des Tippgebers gab Schüssel an Pechlaner weiter, der dann die Verhandlungen nach dem Motto "hart, aber herzlich" führte und sich von einer chinesischen Phalanx auf der anderen Tischseite nicht beeindrucken ließ: "Die asiatischen Rituale kannte ich schon von Verhandlungen als Alpenzoo-Direktor." Gute Konditionen herauszuholen, war wichtig, denn die Großen Pandas werden nicht verkauft. Sie werden auf fünf, zehn oder fünfzehn Jahre vermietet, und das mit unterschiedlichen Auflagen, die laufend kontrolliert werden. Regelmäßig kommen Gruppen von chinesischen Panda-Rangern nach Wien, informieren sich über die Forschungsarbeiten und bekommen dann auch ein Kulturprogramm auf Tiergartenkosten. Die Vertragsdetails sind im Wortsinne "Staatsgeheimnis". Dagmar Schratter verhandelte den Wiener Vertrag vor drei Jahren neu und spricht von einem "sehr, sehr guten Vertrag", was auch dem außergewöhnlichen Erfolg Wiens in der Panda-Aufzucht (siehe Kasten) geschuldet sein dürfte.

Wiewohl der Große Panda der Ferrari unter den Zootieren ist und sich finanziell in solchen Dimensionen zu Buche schlägt, reißen sich Tiergärten in aller Welt um dieses Alleinstellungsmerkmal. "Im nächsten Jahr bekommen die Niederlande welche, danach Berlin und Kopenhagen", weiß der britische Zoo-Fachmann Anthony Sheridan. Mit den bilateralen

Panda-Partnerschaften hat China in verschiedenen Phasen seiner Öffnungspolitik unterschiedliche Ziele verfolgt, sagte Oxford-Geografin Kathleen Buckingham der FAZ. Bei neuen Panda-Partnerschaften könnten auch Rohstoffe und Technologien eine Rolle spielen: "Dass Deutschland noch ohne großen Panda dasteht, wirft einen Schatten auf die zwischenstaatlichen Beziehungen." Das ist bald Geschichte, auch Angela Merkel steigt in die Panda-Diplomatie ein.

Panda-Kompetenzzentrum

Wien hat sich mittlerweile zu einem Kompetenzzentrum entwickelt: "Alle fragen uns, wie das funktioniert mit der Zucht und mit den Verträgen", erzählt Dagmar Schratter. Für die amtierende Direktorin gehört das bereits zur Routine:"Wir haben ja viele Austauschprogramme mit Tiergärten laufen", sagt sie, "bei den Pandas verhandelt man halt direkt mit der Volksrepublik China. Das ist anders."

Die wahren Herausforderungen liegen für Schratter ganz woanders. Im Vergleich zu manch anderen Tiergärten, die oft nicht einmal auf eine 40-Prozent-Finanzierunsquote kommen - 60 Prozent der europäischen Zoos sind in öffentlicher Hand -oder von Mäzenen abhängen, ein echtes Luxusproblem: einen exzellent aufgestellten Vorzeigetiergarten auf dem Niveau zu halten. "Ein Zoo ist nie fertig," sagt sie, "ein Gehege ist nach 20 Jahren veraltet, weil es neue gesetzliche Richtlinien oder wissenschaftliche Erkenntnisse zur Tierhaltung gibt." Im Frühjahr 2017 wird also der neue Giraffenpark eröffnet. Dem Flagship-Tier der Kaiserzeit werden die Besucher dann im Wortsinne auf Augenhöhe begegnen. Schratter verbessert gute Strukturen noch weiter, der Tiergarten hat so ziemlich alle ISO-Zertifizierungen durchlaufen. Investiert wird in die Mitarbeiter - mit rund 50 Prozent sind die Personalkosten der größte Ausgabeposten in dem ganzjährig geöffneten Betrieb. "Als Dienstleistungsunternehmen haben wir gelernt, hier nicht zu sparen. Ein durchgehender Betrieb mit motivierten Mitarbeitern kostet, zahlt sich aber auch aus", sagt Prokurist Gerhard Kasbauer. Allein auf die fünf Lehrstellen bewerben sich jedes Jahr über 300 Kandidaten. Beim letzten Betriebsausflug besuchte ein Großteil der Mannschaft die Kollegen in den beiden Berliner Zoos, "und kein einziger hat sich da ausgeklinkt", freut sich der Zoologische Leiter Harald Schwammer.


Tiergarten Schönbrunn: Betriebliche Ausgaben 2015

Mit 9,9 Mio. € sind die Personalkosten der größte Brocken. Für die Instandhaltung werden 1,5 Mio. € ausgegeben.

Mit 9,9 Mio. € sind die Personalkosten der größte Brocken. Für die Instandhaltung werden 1,5 Mio. € ausgegeben.


Investiert wird auch ins Marketing, das als "erweiterter Vertrieb funktioniert", wie Marketingleiter Patrick Quatember erzählt. Der hat sich zum Ziel genommen, den Touristenanteil unter den Besuchern zu steigern: "Da geht noch was." Dafür hat sich der Tiergarten am Flughafen in der Ankunftshalle einen "guten Werbeplatz gesichert" und macht viele Aktionen, etwa mit dem Schloss Schönbrunn oder den ÖBB. Internet und Social Media spielen eine Schlüsselrolle: "Auf Tripadvisor von Platz vier auf drei bei den Wiener Sehenswürdigkeiten zu kommen, wäre ein Traum." Quatember war gerade in den USA auf der größten Fachmesse für tierische und wissenschaftliche Erlebniswelten: "Die Stimmung in der Branche ist sehr gut. Vermutlich ist es tatsächlich so, dass die Menschen vor der tristen Realität flüchten."

Gegen ihren größten Widersacher sind aber selbst die engagierten Schönbrunner machtlos: das Wetter. Es darf nicht zu heiß sein und bloß nicht regnen. Die Schwankungsbreite der Besucher pro Tag klafft deswegen zwischen 300 und 15.000 - und das kann die Bilanz ordentlich verhageln. Die wirtschaftlichen Prognosen für 2017 sind aber jetzt schon ziemlich rosig, ist sich Prokurist Kasbauer sicher: "Mit den Pandazwillingen und dem neuen Giraffenpark müsste das Wetter schon ganz, ganz mies sein, um uns noch einen Strich durch die Rechnung zu machen."

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