ThyssenKrupp und Tata formen neuen Stahlriesen

ThyssenKrupp CEO Heinrich Hiesinger

ThyssenKrupp CEO Heinrich Hiesinger

Der deutsche Stahlkonzern ThyssenKrupp sowie die Stahlgruppe des indischen Mischkonzerns Tata schmieden am weltweit zweitgrößten Stahlkonzern. Rund 48.000 Mitarbeiter an 34 Standorten in Europa soll der neue Stahlriesen zählen, der es auf einen Ausstoß von 21 Millionen Tonnen Flachstahl bringen soll. Das neue Joint Venture soll den Hauptsitz in Amsterdam haben.

Essen/Mumbai (Bombay). Der deutsche Industriekonzern ThyssenKrupp und sein indischer Konkurrent Tata Steel wollen ihre Stahlgeschäfte zusammenlegen und damit den - nach ArcelorMittal - zweitgrößten europäischen Stahlkonzern schmieden.

Fix ist der Deal noch nicht, obwohl die Verhandlungen der deutschen mit den Indern bereits seit einem Jahr andauern. ThyssenKrupp-CEO Heinrich Hiesinger muss noch den Aufsichtsrat von der Sinnhaftigkeit des Deals überzeugen. Der endgültige Vertrag soll Anfang 2018 unterzeichnet werden. Bei beiden Konzernen sollen je 2000 Stellen wegfallen und insgesamt 400 bis 600 Millionen Euro Synergien entstehen.

Der Betriebsrat der ThyssenKrupp-Stahlsparte sprach von einer falschen Entscheidung. "Der Vorstand hat gegen alle Warnungen alles auf eine Karte gesetzt. Das bedeutet nicht, dass wir das gutheißen", sagte der Betriebsratschef der Stahlsparte, Günter Back, der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Ziel müsse es nun sein, "das Schlimmste" zu vermeiden.

Back zeigte sich überzeugt, dass es bei einer Fusion nicht bei dem angekündigten Abbau von rund 2.000 Stellen bei ThyssenKrupp in Deutschland bleiben werde. Am Ende würden einem Zusammenschluss "wesentlich mehr" Arbeitsplätze zum Opfer fallen, meinte er. Für diesen Freitag haben Betriebsrat und die deutsche Gewerkschaft IG Metall zu einer Protestkundgebung in Bochum aufgerufen, zu der mindestens 5.000 Stahlkocher erwartet werden.

Die Gewerkschafter fordern Garantien für die Beschäftigten. Und stellen sogleich die Rute ins Fenster: "Wenn das nicht passiert, dann wird das nichts."

ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger zeigte sich jedoch überzeugt, dass es gelingen werde, in den bevorstehenden Gesprächen auch die Arbeitnehmerseite von dem Vorhaben zu überzeugen. "Wir wollen den Stahl nicht loswerden", sagte er. Die Arbeitnehmervertreter hatten zuvor angekündigt, bei einer möglichen Abstimmung im Aufsichtsrat geschlossen gegen eine Fusion stimmen zu wollen. Ein solches Votum wäre ein Novum in der Konzerngeschichte. Zu einer Abstimmung werde es bei der am kommenden Samstag geplanten Sitzung des Aufsichtsrats jedoch zunächst nicht kommen, kündigte Hiesinger an.

Die Krupp-Stiftung als wichtige Großaktionärin begrüßte das Vorhaben. Hiesinger stellte durch die Fusion eine "nachhaltige Zukunftsperspektive" in Aussicht. Mit dem Zusammenschluss seien beide Unternehmen "weitaus besser aufgestellt, um den strukturellen Herausforderungen von Europas Stahlindustrie zu begegnen".

Bei dem deutschen Ruhrkonzern will man sich mit der Aufspaltung der einzelnen Geschäftsbereiche auf die Zukunft einrichten. Geht es nach der Konzernleitung, sollen die einzelnen Geschäftsbereiche in der Gruppe unter dem Dach fortgeführt werden.

Der Technologiekonzern ThyssenKrupp mit insgesamt gut 150.000 Mitarbeitern gliedert sich in sechs Geschäftsbereiche. Das traditionsreiche Unternehmen gehört zu den weltweit wichtigsten Herstellern von Aufzügen, zudem liefert es Industriekomponenten etwa für Windkraftanlagen, Schiffe, Rüstung, Baumaschinen oder Ölbohranlagen. Im Geschäftsjahr 2015/16 lag der Konzernumsatz bei gut 39 Mrd. Euro. Herzstück der Stahlsparte ist die 1891 gegründete Hütte in Duisburg.

ThyssenKrupp Steel Europe

Der Ruhr-Konzerns stellt mit dem Bereich Steel Europe und seinen mehr als 27.000 Mitarbeitern nicht nur ein Fünftel zum Konzernumsatz bei. Die Stahlsparte ist gleichzeitig der größte Stahlkonzern Deutschlands. Rund 12 Millionen Tonnen Stahl werden jährlich erzeugt. Neben dem Hauptsitz Duisburg gibt es unter anderem Standorte in Bochum, Dortmund, Hohenlimburg, Andernach und Gelsenkirchen. Das Unternehmen produziert im Jahr etwa zwölf Mio. Tonnen Rohstahl.

Wichtige Kunden sind die Automobilbranche, der Bausektor, der Maschinenbau, die Verpackungsindustrie und die Energiewirtschaft. Hauptabsatzmärkte sind Deutschland und die europäischen Nachbarstaaten. Gut zwei Drittel seines Stahls setzt das Unternehmen im Umkreis von 500 Kilometern um Duisburg ab.

Die Stahlsparte erzielte im vergangenen Geschäftsjahr 2015/16 einen Umsatz von 7,6 Mrd. Euro und einen operativen Gewinn (bereinigtes Ebit) von 315 Mio. Euro im laufenden Jahr soll das Ergebnis dank höherer Preise und Kostensenkungen deutlich steigen.

Tata Steel Europe

Das indische Pendant zum deutschen Mischkonzern besteht aus weltweit mehr als 100 Gesellschaften. Die Tata-Gruppe beschäftigt insgesamt 700.000 Menschen. Die Wurzelen des indischen Konzerns reichen bis zum Jahr 1868 zurück. Unter anderem baut der Konzern Autos (Jaguar, Land Rover) und ist in der Rüstung und Industrie tätig. Daneben operiert Tata etwa im Finanz- und Telekommunikationssektor, in der Lebensmittelindustrie und im Hotelgeschäft. 2016/17 wurden rund 92 Mrd. Euro erwirtschaftet.

Der europäische Teil der Tata-Stahlsparte, Tata Steel Europe, hat 21.500 Mitarbeiter auf der Payroll. Der Konzern betreibt in Wales das größte britische Stahlwerk Port Talbot und ein modernes Werk im niederländischen Ijmuiden. Die Rohstahlkapazität des Unternehmens beträgt 12,5 Mio. Tonnen.

Im Geschäftsjahr 2016/17 (per Ende April) erzielte der Konzern einen Umsatz von umgerechnet 6,8 Mrd. Euro und einen Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) von 612 Mio. Euro. Wichtige Kunden sind die Bau-, Automobil- und Verpackungsindustrie sowie die Luftfahrt- und Energiebranche. Hauptabsatzmärkte sind neben Großbritannien und den Niederlanden weitere Märkte in Europa.

Gemeinschaftsunternehmen ThyssenKrupp Tata Steel

Das Joint Venture soll seinen Sitz in der Region Amsterdam haben, die Konzerne sollen zu je 50 Prozent beteiligt sein. Rund 48.000 Mitarbeiter wären an 34 Standorten beschäftigt. Bis zu 4.000 Jobs könnten allerdings gestrichen werden. Der Pro-forma-Umsatz beträgt 15 Mrd. Euro. Das Unternehmen käme im Jahr auf eine Flachstahlproduktion von 21 Mio. Tonnen.

Das Ende einer Stahlära in Europa

Mit dem Joint Venture wird die letzte Schicht in der deutschen Stahlära eingeläutet. Es geht damit auch ein Stück Industriegeschichte zumindest aufs Abstellgleis.

Die renommierten Stahlkocher Thyssen und Krupp hatten im Jahr 1999 zur Thyssenkrupp AG mit Hauptsitz in Essen fusioniert. Andere ehemalige Industrieriesen wie Hoesch, Rheinstahl oder Bochumer Verein wurden zuvor schon von den beiden Konzernen verschluckt.

Tata hatte im Rahmen seiner globalen Expansion im Jahr 2007 den Stahlkonzern Koninklijke Nederlandse Hoogovens aus den Niederlanden übernommen. Die Niederländer hatten ihrerseits bereits acht Jahre davor British Steel übernommen, was Ende der 1990er Jahre vor allem bei den Briten immer wieder für viel Diskussionen über den Ausverkauf der britischen Wirtschaft gesorgt hatte. Brtish Steel war unter der Regierung von Margret Thatcher 1988 endgültig reprivatisiert worden. Im Jahr 1967 hatte die Labour-Regierung insgesamt 13 verstaatlichte Stahlunternehmen zum Stahlkonzern British Steel vereint.

"Keine Gefahr" für voestalpine

Der österreichische Branchenkollege voestalpine begrüßt die Fusionsabsichten der beiden Stahlkonzerne. "Wir sehen es positiv, dass da jetzt offensichtlich Konsolidierungsschritte eingeleitet werden - Stichwort Überkapazitäten in der Stahlproduktion", sagte Konzernsprecher Peter Felsbach.

Das geplante Joint Venture werde voraussichtlich mit einer "Herausnahme von Kapazitäten", also einer Senkung der produzierten Stahlmenge, einhergehen. "Nur dann macht das Sinn", so Felsbach. In Europa werden laut Industriestaaten-Organisation OECD jährlich um 30 bis 40 Millionen Tonnen Stahl zu viel produziert. Die Hälfte der weltweiten Überkapazitäten kommt aus China.

Ihre eigenen Geschäfte sieht die voestalpine durch den Zusammenschluss der beiden Branchengrößen unberührt: "Wir denken nicht in Tonnen, sondern in EBIT und zählbarem Erfolg im Sinne von Unternehmensgewinn", so die Position des Konzernchefs Wolfgang Eder.

An dem geplanten Zusammenschluss von ThyssenKrupp und Tata sieht die voestalpine "nichts Negatives - es hat für unser Geschäft keine Auswirkungen, unser Geschäftsmodell ist davon unberührt", sagte Felsbach. "Wir sind aus dem Massenstahl zu 100 Prozent draußen." Die voestalpine gehe den Weg, die Qualität weiter zu steigern und fühle sich da "unverändert in einer sehr guten Position".

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