Tobias Lütke - the Good Guy from Shopify

Ein Onlineshop für Anfänger: Diese Idee machte Tobias Lütke zum Milliardär und seine Firma Shopify zum großen Corona-Krisengewinner.

Thema: Digitalisierung: Vorwärts in die Zukunft
Shopify CEO Tobias Lütke

Shopify CEO Tobias Lütke

"Der Unterschied zwischen Geld und sehr viel Geld ist nicht mehr sehr groß. Ich habe das gleiche iPhone wie andere und trinke die Cola, die jeder kaufen kann." Immerhin, den Golf habe er gegen einen Tesla getauscht, gestand Milliardär Tobias Lütke dem deutschen Wirtschaftsmagazin "Capital". Was PR-Strategen Firmenbossen in seiner Liga vielfach antrainieren müssen, ist bei dem 40-Jährigen nicht gespielt: immer schön "low-key".

Der "Tobi", wie er sich überall nennt - sogar im Investorenbrief -, führt ein Unternehmen mit mehr als 5.000 Mitarbeitern, das dafür sorgt, dass mehr als eine Million Händler weltweit leicht den Einstieg ins E-Commerce-Zeitalter schaffen.

Shopify [ISIN CA82509L1076] ist derzeit an der Börse 110 Milliarden Dollar wert und setzte 2019 schon knapp 1,6 Milliarden Dollar um. Und wie die Zahlen des zweiten Quartals zeigen, geht das Unternehmen jetzt durch die sprichwörtliche Decke: 119 Prozent mehr Händlerumsatz, 71 Prozent mehr Shops, davon viele lokale, die im Umkreis von 25 Kilometern liefern.

"Wir wollen, dass mehr kleine Händler diese Corona-Zeit überleben. Die Digitalisierung der Retailwelt ist unheimlich wichtig", sagt Lütke. "Covid hat 2030 auf 2020 vorgezogen: Alle möglichen Veränderungen, vor allem die Digitalisierung, werden viel schneller passieren."

Shopify gibt Händlern die Komponenten - vom Design über Abrechnung und Marketingwerkzeuge -in die Hand. "Wer Word und PowerPoint kann, schafft es auch, auf Basis von Shopify seinen Onlineshop zu starten", sagt Markus Höfinger, Managing Director von Accenture Interactive. Viele der österreichischen Spätstarter, die von der Regierung Anschubhilfe bekommen, werden sich für Shopify entscheiden.


Covid hat 2030 auf 2020 vorgezogen: Alle möglichen Veränderungen werden viel schneller passieren.

TOBIAS LÜTKE
Shopify-GRÜNDER & CEO

Corona-bedingt hat das Unternehmen Funktionen vorgezogen: In den USA werden jetzt Geschäftskonten, Cashback-Systeme und Kreditprodukte ("buy now, pay later") angeboten. Schnell auf die Krise reagiert hat der Konzern auch in der D-A-CH-Region mit Gratislizenzen, einfach einzurichtenden Shops für Gastronomen, einer direkten Facebook- und eBay-Anbindung und einer Funktion, mit der lokale Lieferungen optimiert werden können. "Wir waren im Frühjahr sehr produktiv. Das ist alles im Homeoffice entstanden", erzählt Shopify-Europa-Chef Roman Rochel, "deshalb haben wir den Mitarbeitern im Juli und August den Freitag freigegeben." Motivation und Spirit scheinen zu passen, hat Lütke doch beobachtet, dass Menschen nur fünf Stunden am Tag wirklich kreativ sein können. Wenn vier davon in Shopify flössen, wäre er happy.

"Wir bringen Features, die früher nur Unternehmen mit Millionenbudgets zur Verfügung standen. Damit schreiben wir die Demokratisierung des Handels fort", sagt Rochel, der dem Narrativ seines Chefs folgt, sich als eine Art "Gewerkschafter der Händler" zu sehen.

Kyle Kristen Jenner wurde mit der Reality-TV-Show "Keeping up with the Kardashians" bekannt und verdient mit ihren Unternehmen Kyle Cosmetics und Kyleskin Millionen.

900 Millionen Lippenstifte verkaufte Kylie Jenner bislang über Shopify. Sie startete ihr Label mit dem Basisshop um 29 Dollar pro Monat. Wenn Jenner ein neues Produkt in ihren Kyle Cosmetics Shop stellt, muss sie vorab Bescheid geben, denn ihre 195 Millionen Follower auf Instagram kaufen es in wenigen Sekunden raus. Shopify muss für den Ansturm technisch aufrüsten.

Lütke erreicht für "seine" Händler tatsächlich Dinge, die sie allein nicht ausverhandeln können. Er hat das Pouvoir, direkt mit Mark Zuckerberg zu reden, mit Walmart Deals einzufädeln, damit die Händler auch am dortigen Marketplace verkaufen können. Das, so betont Lütke immer wieder, sei der große Unterschied zu Amazon. Der Konzern mit dem Big-Smile-Logo ordnet Kundenwohl alles unter, reizt seine Macht über die Händler ab und zu aber bis an deren Schmerzgrenzen aus. Interessant: Shopify tastet sich strategisch offenbar immer weiter in Richtung Marktplatz vor.

Stärker durch Krisen.

Doch wie kommt ein Deutscher dazu, das heute wertvollste Unternehmen Kanadas zu gründen? Die Liebe zu einer Kanadierin lässt den Schulabbrecher und Spieleprogrammierer 2003 dorthin übersiedeln. Beim Snowboarden lernt er einen Kanadier kennen, gründet mit ihm einen Onlineshop für Snowboards. "Viele der Firmen, die in der Dotcom-Blase pleitegingen, waren im E-Commerce. Alle hatten die großen Businesses im Blick. Aber keiner machte etwas für Neustarter", erinnert sich Lütke an die Zeit, wie er im Kinderzimmer der Freundin eigene Software schrieb.

Ein Shop für alle Fälle. Auch der Red Bull Shop (redbullshop.com) wurde mit Shopify umgesetzt.

Branchenmix. Verlage, Medienhäuser, Museen, aber auch Marken wie Red Bull, Nestlé oder Tesla nutzen die Plattform für den Verkauf.

Der Weg an die Börse war steinig. In der Krise 2008 musste dann der Schwiegervater in spe aushelfen, um die Mitarbeiter bezahlen zu können. "Doch dann haben wir gemerkt, dass sich mehr Leute selbstständig machten, weil sie ihre Jobs verloren hatten. Das wurden unsere Kunden. Und größere Unternehmen mussten sparen - die wechselten zu unserem günstigen Angebot. Die Finanzkrise hat uns die Kunden gebracht", erinnert sich Lütke.

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Online-Shop als Abo. Das Monatsabo kostet 29, 79 oder 299 Euro, dazu kommen Provisionen von 0,5 bis zwei Prozent. Eine Testversion ist 14 Tage kostenlos.

Ab 2010 war Shopify erstmals in den schwarzen Zahlen, holte VCs an Bord. Corona lässt Shopify nun "extrem wachsen", wie Lütke erzählt. Und man glaubt ihm, dass seine wichtigste Maßzahl für das Geschäft noch immer jene ist, wie lange "seine Händler" bis zum ersten Verkaufsabschluss benötigen.



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