Terrorismus-Experte: "Dem IS geht langsam das Geld aus"

Terrorismus-Experte: "Dem IS geht langsam das Geld aus"

Miizen des "Islamischen Staates" im Juni 2014 in der nordsyrischen Provinz Raqqa.

Wegen schrumpfender Öleinnahmen gehe der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) langsam das Geld aus, glaubt der Politikwissenschafter Harald Müller. Dies werde dazu führen, dass es den IS als Territorialstaat in drei Jahren nicht mehr gebe, erklärte er im APA-Gespräch. Sehr wohl aber als Netzwerk, das seinen Bedeutungsverlust mit mehr Terroranschlägen auch im Westen zu kompensieren versuchen werde.

APA: Ist Öl weiterhin die Hauptfinanzquelle des IS?

Harald Müller: Das hat stark nachgelassen, durch den militärischen Eingriff, der auch sehr, sehr gezielt auf Ölquellen, Erdölraffinerien und den Transport ging. Aber Öl macht immer noch den größeren Teil aus. Aber es haben nicht nur die Luftangriffe das Ihre getan, sondern auch die Entwicklung der Ölpreise, das ist natürlich ein böser Schlag.

APA: Aktuelle Schätzungen über die täglichen Einnahmen durch den Ölhandel gehen stark auseinander, von US-Angaben, die von ein bis zwei Millionen Dollar sprechen, bis zu jenen der deutschen Bundesregierung, die von 200.000 Dollar ausgeht ...

Müller: Ich habe sogar Schätzungen von fünf Millionen Dollar - auch aus US-Quellen - gesehen. 200.000 halte ich für unterschätzt.

APA: Wie verkauft der IS das geförderte Öl?

Müller: Was bekannt ist, ist dass es drei Routen gab, die genutzt wurden und zuletzt vermehrt angegriffen worden sind. Eine führt von Syrien nach Norden in die Türkei, die andere vom Irak - der Gegend von Mosul (Mossul) - über kurdisches Gebiet ebenfalls in die Türkei. Beides wirft Fragen auf: Ob es Peschmerga (kurdische Milizen, Anm.) gibt, die kooperieren, oder ob die Peschmerga gewissermaßen einen Zoll abgreifen, mit dem sie dann wieder ihren Kampf gegen den IS finanzieren. Die dritte Route führt durch den Iran, was noch überraschender ist.

APA: Wer kauft das Öl?

Müller: Türkische Schwarzhändler. Dann wird das Öl gewaschen, erscheint bei irgendwelchen freien Raffinieren und kommt auf diese Weise in den regulären Handel. Wie Blutdiamanten...

APA: Welche anderen Einnahmequellen hat der IS noch?

Müller: Lauter anständige Dinge: Steuern, Zoll, Dienstleistungsgebühren. Man darf nicht vergessen, dass das Ganze ja eine Umverteilungsmaschine ist: Der IS zieht Geld ein, begünstigt mit diesem Geld aber wieder Leute, die damit bei Laune gehalten werden. Eine wesentliche Legitimationsbeschaffung, die betrieben wird. Und dann das mafiöse Einkommen: Menschenhandel, Sklavenhandel, Handel mit geklauten Antiquitäten, Drogenhandel, Erpressung, Schutzgelder, das spielt in den Gebieten eine ganz große Rolle mittlerweile. Das sind insgesamt auch mehrere Millionen an Einnahmen täglich.

APA: Hinzu kommen auch noch Kriegsbeute, beschlagnahmte Häuser etwa ...

Müller: Klar, teilweise werden die von den religiösen Minderheiten beschlagnahmten Häuser gleich wieder an die Eigentümer vermietet. Auch Sunniten, die sich irgendwelche Verstöße gegen die religiösen Vorschriften zuschulden kommen haben lassen, werden entweder körperlich bestraft oder eben enteignet.

APA: Wenn also die Öleinnahmen geschrumpft sind und der IS zudem mehrere Gebiete verloren hat, die Kämpfer aber weiter bezahlt werden müssen, geht ihm dann nicht langsam das Geld aus?

Müller: Das ist eine Tatsache. Mittlerweile wurde sogar schon der Sold für die Kämpfer verringert, ebenso wie andere Zuwendungen, zum Beispiel Familienunterstützung. Oder die Ausgaben für öffentliche Dienste: gewisse Gebiete werden nicht mehr mit Strom oder Wasser versorgt.

APA: Was sind die Konsequenzen daraus?

Müller: Eine höhere Zahl an Deserteuren und auch mehr und mehr Versuche von Zivilisten, zu fliehen, weil man auf dem Gebiet des IS einfach nicht mehr ordentlich leben kann. Man hört auch immer mehr von Erschießungen von Deserteuren, was ein Zeichen dafür ist, dass das tatsächlich eine ernste Angelegenheit ist und den "Islamischen Staat" mittlerweile belastet. Die Frage ist, ob sich das so zu einer Lawine entfalten kann. Wenn es eine Lawine ist, dann beschleunigt das natürlich den Herrschaftszerfall.

APA: Würde dieser Geldmangel in letzter Konsequenz nicht auch bedeuten, dass weniger Kämpfer in den Jihad ziehen?

Müller: Ich bin da nicht so sicher. Zumindest bei den jungen Leuten, die aus unseren Breiten in den "Islamischen Staat" gehen, sehe ich eher idealistische Motive als Motivation. Das Geld scheint mir eher attraktiv zu sein für Leute, die aus armen Gegenden kommen. Das sind die Länder der Region, aber eben auch Plätze wie Afghanistan oder der Kaukasus, Tunesien, Nordafrika.

APA: Das sind viele Kämpfer ...

Müller: Das sind natürlich viele. Wenn ich es richtig sehe, reden wir da von 15.000 - 18.000. Und das gilt natürlich auch für Leute aus Syrien und dem Irak. Da wird es sicher auch eine größere Zahl geben, die nicht mehr so begeistert sind, wenn der Sold ausbleibt.

APA: Sie gehen also von einem allmählichen Herrschaftszerfall aus?

Müller: Ich rechne schon damit, dass die Territorialherrschaft, die im Moment vorhanden ist und die diese Quasi-Staatlichkeit untermauert, dass die nicht von langer Dauer sein wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die länger als drei Jahre durchhalten. Wogegen ich dem "Islamischen Staat" als Organisation leider noch eine längere Lebensdauer einräumen würde.

Harald Müller ist seit 1999 auch Professor für Internationale Beziehungen an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a.M.

APA: Wie kommen Sie auf die drei Jahre?

Müller: Indem ich mir die letzten sechs Jahre anschaue. Wir haben den Beginn des IS ungefähr 2011, dann kommt eine langsame Steigung wie eine normale Wachstumskurve bis zu einem Höhepunkt 2014. Dann haben Sie Ende 2014, Anfang 2015 einen Gegenbewegung, die Eroberungskurve wird flacher und seit Mitte 2015 geht es runter. Wie kommt das? Die anderen haben sich darauf eingestellt, wie der IS Krieg führt, sie haben seine Schwächen erkannt. Jetzt wird sich der "Islamische Staat" darauf einstellen und wahrscheinlich eine große Rekrutierungs- und Propaganda-Aktion starten. Die wird teilweise Erfolg haben. Und dann stellen sich die anderen wieder drauf ein, wahrscheinlich durch Verstärkung der Luftangriffe, möglicherweise auch durch Verstärkung der Special Forces am Boden. Und dann geht's wieder runter. Es gibt vielleicht noch zwei, drei Wellen dieser Art und dann ist der "Islamische Staat" als territoriale Herrschaft fertig.

APA: Was werden die Konsequenzen dieses Herrschaftszerfalls sein? Wird man mit mehr Anschlägen rechnen müssen, weil der "Islamische Staat" um Aufmerksamkeit ringt?

Müller: Das ist, denke ich, eine allzu reale Möglichkeit: Dass all die militärischen Niederlagen dazu führen, dass man versucht sich anderswo als wirksam zu zeigen. Ich rechne schon damit, dass zunächst einmal die Zahl der Anschläge steigen wird - auch hier im Westen. Das Schrumpfen der Herrschaft müssen sie irgendwie kompensieren - und das kann nur mit Gewalt erfolgen.

APA: Nach dem Ende der Territorialherrschaft bliebe dann eine reine Netzwerkstruktur?

Müller: Ja, momentan ist der "Islamische Staat" ja kein Netzwerk, sondern hat dort, wo er herrscht, ganz klar eine hierarchische Struktur. Erst danach schließt sich das Netzwerk an, mit den kleineren Guerilla- und Terrorgruppen quer durch die muslimische Welt. Eine Netzwerkstruktur kann natürlich eine Weile überdauern, wie das Beispiel der Al-Kaida zeigt, die es immer noch gibt, wenngleich mit wesentlich geringerer Wirkung.

APA: Allerdings ist ja ein wesentlicher Teil der Anziehungskraft des "Islamischen Staates", dass es diesen Staat wirklich gibt. Was bleibt, wenn das Territorium weg ist, wo will man diesen Staat dann errichten?

Müller: Es gibt zwei Chancen: Das eine ist ein vorübergehender Rückzug, und dann kommt der nächste und noch stärkere Angriff. Das könnte wieder in Syrien oder im Irak sein, das könnte auch anderswo sein. Die zweite ist, dass sie sich irgendwo festsetzen, wo es für den Westen nicht so furchtbar wichtig ist: Afghanistan - da haben wir uns ja schon genug die Zehen verbrannt, ein Bündnis mit den Taliban -, Zentralasien - wenn die Russen woanders festgelegt sind, das ist auch eine ganz unruhige Gegend - Kaukasus, Indonesien,...

APA: Wie könnte man den "Islamischen Staat" bekämpfen, indem man bei den Finanzen einsetzt? Kann man bei den Ölgeschäften noch mehr machen, kann man versuchen, die Finanzflüsse zu unterbinden?

Müller: Es wäre eine erstrangige geheimdienstliche Aufgaben, den grenzüberschreitenden Finanzflüssen nachzugehen, wenn etwa anderswo Waffen gekauft werden. Hier müssen die Geheimdienste gemeinsam mit Soldaten, mit der Polizei, vielleicht auch mit Experten aus dem Finanzsektor ihre Arbeit machen. Und ansonsten das, was die Amerikaner schon seit Monaten machen: Die Erforschung von Zielen, die finanzwirksam sind, und deren Zerstörung.

APA: Und der Ölschmuggel in die Türkei?

Müller: Wenn der türkische Staat es zu einem vorrangigen Ziel machen würde, den Schmuggel zu unterbinden, dann wäre der Schmuggel auch unterbunden. Es ist sichtbar, dass die Türken mehr Anstrengungen unternommen haben und dass dadurch auch die Menge des geschmuggelten Öls gesunken ist. Aber eben nicht auf Null. Das heißt, größere Anstrengungen wären möglich. Aber Erdogan hat eben andere Prioritäten.

APA: Wie werden denn die Finanzflüsse innerhalb des "Islamischen Staates" abgewickelt? Auch über ein System an Briefkastenfirmen, wie es die Panama Papers für das Assad-Regime gezeigt haben?

Müller: Das weiß ich nicht. Aber es gibt das sogenannte "Hawala"-System, das eben keine Spuren im Internet hinterlässt und keine Spuren im Bankwesen. Wo man Geld anzahlt und der Geldhändler ruft seinen Freund an und sagt: "Zahl dem mal so und so viel", und das wird am Schluss verrechnet.

APA: Der Erlös des Erdölverkaufs in der Türkei muss aber auch irgendwie wieder nach Syrien und in den Irak zurückkommen...

Müller: Wenn Sie sich vorstellen, da fahren vier Lastwagen mit Öl in die Türkei. In diesen vier Lastwägen sitzen IS-Kämpfer, die IS-Kämpfer verkaufen das Öl und fahren dann mit dem Geld wieder zurück nach Syrien und in den Irak. Das ist sehr kleinteilig, aber in einen Koffer geht auch eine Menge Geld. Ich habe meine Zweifel, dass da sehr, sehr viel durch das reguläre Bankensystem gelaufen ist und läuft - selbst durch türkische Banken. Denn das Risiko ist natürlich sehr, sehr groß, wenn einen der CIA erwischt.

Zur Person:

Harald Müller ist Mitglied der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. In Wien war er auf Einladung der Wiener Privatbank Gutmann, wo er am Mittwochabend einen Vortrag über die Terrormiliz "Islamischer Staat" hielt.

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