Studien wecken Zweifel am Fairtrade-Handelsmodell

trend-EXKLUSIV: Fairtrade-Österreich-Chef Hartwig Kirner nimmt Stellung zum Fairtrade-Dilemma. Er zeigt Lösungswege für das alternative Handelsmodell auf.

Studien wecken Zweifel am Fairtrade-Handelsmodell

Fairtrade-Österreich-Chef Hartwig Kirner sucht nach Lösungen, um das Fairtrade-Dilemma zu lösen. Ein Patentrezept gibt es allerdings nicht.

trend: Nach einer Überblicksstudie der University of London muss sich Fairtrade die Frage gefallen lassen, ob man nicht zu viel versprochen hat. Ob der Mehrertrag der im Handel teureren Fairtrade-Produkte tatsächlich die Lebenssituation der Arbeiter und Bauern auf den Kaffee-Plantagen verbessert, scheint fraglich.
Hartwig Kirner: Es stimmt, eine internationale Studie hat andere Studien zu diesen Themen durchgearbeitet. Man muss zwar die Aussagekraft ein wenig relativieren, sind doch alle möglichen Zertifizierungssysteme in einen Topf geworfen worden, die man schwer miteinander vergleichen kann. Aber natürlich haben wir uns die Ergebnisse der Studie zu Herzen genommen und adaptieren laufend, gemeinsam mit den Produzenten, unsere Standards. Die Wahrheit ist auch: Wir können leider keine Patentlösungen zu den angesprochenen Problemen anbieten. Wir wissen, dass die Erntehelfer in den Landwirtschaften oft nicht wirklich von dem Mehrertrag profitieren – aber vor allem, weil die Bauern selbst zu wenig zum Leben haben. Da können sie ihre Saisonarbeiter kaum noch bezahlen.

Fairtrade hat ja selbst auch ähnliche Untersuchungen gemacht, etwa bei Kakao-Bauern an der Elfenbeinküste – mit ganz ähnlichen Ergebnissen. Der durchschnittliche Ertrag eines Kakao-Farmers liegt dort unter 2.000 Dollar pro Jahr, der selbst errechnete Mindestertrag einer Familie im Land liegt bei über 6.000 Dollar.
Kirner: Wir wollten uns selbst anschauen, was kann das Fairtrade-System leisten, was nicht. Und die Ergebnisse sind tatsächlich alarmierend, auch wenn wir an der Elfenbeinküste noch nicht so lange tätig sind und die Auswirkungen unseres Systems noch nicht so sichtbar sind, wie etwa in Lateinamerika. Doch dass die Produzenten so wenig profitieren, ist völlig inakzeptabel, das geht gar nicht. Wir haben auf die Studienergebnisse reagiert, und den Mindestpreis auch deutlich angehoben.

Um welche Beträge geht es da?
Kirner: Mit der neuen Ernte erhalten Fairtrade-Produzenten für ihren Kakao statt wie bisher 2.000 Dollar 2.400 Dollar pro Tonne, das ist eine Erhöhung um 20 Prozent! Wobei, das ist ein Mindestpreis. Wenn der Weltmarktpreis darüber liegt, dann wird natürlich auch der Fairtrade-Kakao zum höheren Preis verkauft. Schlagend wird das neue Schema im Oktober.

Das Fairtrade-Dilemma

Kostet viel, nutzt wenig? Internationale Studien stellen das alternative Handelsmodell von Fairtrade in Frage. Für die harte Arbeit bleibt den Produzenten von Kaffee und Kakao in Afrika zu wenig, um davon leben zu können.

Die Differenz

Die Konsumentenpreise schlagen beim Produzenten von Kakao und Kaffee nicht auf. Der durchschnittliche Ertrag eines Kakao-Farmers liegt an der Elfenbeinküste unter 2.000 Dollar pro Jahr, der selbst errechnete Mindestertrag einer Familie im Land liegt bei über 6.000 Dollar. Auch Erntehelfer kommen oft zu kurz.

Dabei hat die Kakao-Studie einige Parameter gar nicht berücksichtigt, wie etwa die Abgaben der Bauern an die Genossenschaften und Kooperativen. Offenbar sind die Verhältnisse vor Ort auch für Fairtrade schwer zu durchschauen.
Kirner: Wie auch in der Überblicksstudie festgestellt, ist das Messen von Wirkung vor Ort enorm schwierig. Die Realität ist nun mal sehr komplex. Und auch wenn ich persönlich am liebsten jedem Kakaobauern schon morgen ein faires Einkommen ermöglichen würde, so können wir als Fairtrade die Lieferketten nur in kleinen Schritten verbessern. Denn schon diese Erhöhung des Mindestpreises ist für unsere Handelspartner, die den Kakao dann zum höheren Preis einkaufen müssen, nicht einfach. Ich rechne damit, dass sie das nicht einfach schlucken können, sondern dass es zu Preiserhöhungen beim Konsumenten kommen wird.

Was sind die Gründe für die Schieflage?
Kirner: Es liegt hauptsächlich daran, dass die Farmen nicht groß genug sind, dass die Erträge in Westafrika nur bei 300 bis 400 Kilogramm pro Hektar liegen. Nur zum Vergleich: 1500 sind es in Lateinamerika. Fairtrade unterstützt Produzenten in den Anbauländern mit Know how zur Qualitätssteigerung, 900 Kilogramm pro Hektar sollten erreichbar sein. Ich halte aber einen höheren Preis absolut für nötig. Dass die Realität anders aussieht ist nicht hinnehmbar.

Reicht es, die Mindestpreise zu erhöhen, oder muss man am System fairtrade grundsätzlich etwas ändern, andere Entlohungsschemen, andere Produtkgruppen?
Kirner: Es ist richtig, wir sind noch nicht da, wo wir uns hinwünschen. Aber das Fairtrade-System ist nicht so angelegt, dass man einen Hebel umlegt, und dann wird alles gut. So funktioniert das nicht. Wir sind auch genau in jenen Regionen und Branchen tätig, wo es die Produzenten besonders schwer haben. Letztlich muss es auch einen Markt für solche Produkte geben, und den zu entwickeln dauert Jahre. Fairer Handel ist als Prozess langfristig angelegt. Und durch solche Studien, wie der angesprochenen, untersuchen wir: wo greift das System, wo ist Verbesserungsbedarf.

In den Jahren 2016 und 2017 zeigten Fairtrade-Produkte in Österreich starke Zuwächse. Glauben Sie, dass österreichische Konsumenten bereit sind, noch mehr zu bezahlen?
Kirner: Der Handel ist jedenfalls durchgängig gesprächsbereit. Wir sehen, dass die Handelsketten, aber auch die österreichischen Produzenten, ein ehrliches Interesse daran haben, ihre Lieferketten nachhaltiger und fairer zu gestalten. Und dabei können wir helfen. Da ist der Lebensmittelhandel eine Speerspitze im Handel und wir sind auch mit allen im Gespräch. Was die Nachfrage der Konsumenten betrifft, kann man das schwer einschätzen. Für die Zahlen aus 2018, die eben berechnet werden, erwarte ich eine positive Entwicklung, von einem höheren einstelligen Prozentsatz. Zuletzt lag der Umsatz unserer Handelspartner bei immerhin rund 300 Millionen Euro. Das wirkt auf den ersten Blick hoch, der Marktanteil liegt bei Kaffee oder Kakao aber immer noch bei unter zehn Prozent. Es ist also noch sehr viel Luft nach oben.

Solche Studien sind allerdings nicht gerade ein Imageturbo.
Kirner: Das sehe ich anders. Wir sind froh, wenn faire Produktions- und Handelsbedingungen thematisiert werden, das schafft Transparenz, die Möglichkeit, den Ist-Zustand zu verbessern, und letztendlich auch Glaubwürdigkeit. Jeder sieht, Fairtrade bedeutet, einen Schritt nach dem anderen zu gehen, und nicht von heute auf morgen den Handel zu revolutionieren. Denn die Welt ist weder schwarz oder weiß, noch rosa.


Lesen Sie auch die Story im trend.PREMIUM-Ausgabe 9/2019 vom 1. März 2019.


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