Österreichs Banken Schlusslicht bei Effizienz in Europa

Österreichs Banken Schlusslicht bei Effizienz in Europa

Österreichische Privatkundenbanken haben dem neuen Retail Banken Radar 2016 von A.T. Kearney zufolge viel Aufholbedarf.

Österreichische Banken haben es nicht geschafft ihre Geschäftsmodelle und Kostenstrukturen umzubauen. Ein signifikanter Effizienzsprung im österreichischen Retailbanken-Sektor ist notwendig. Zu diesem Schluss kommt die Managementberatung A.T. Kearney im neu vorgelegten Retail Banken Radar 2016.

„Die Situation der europäischen Banken für Privatkunden entspannt sich langsam, wenngleich die meisten Institute, besonders die österreichischen, ihre Ausgaben nicht in den Griff bekommen haben“, fasst Daniela Chikova, Partnerin Financial Services bei A.T. Kearney Österreich, die Ergebnisse des aktuellen „Retail Banking Radar“ zusammen: Mit einem leichten Ertragswachstum, kombiniert mit rückläufiger Risikovorsorge, konnten europäische Institute insgesamt ihre Gewinne steigern, hätten es aber nicht geschafft, ihre Kosten zu reduzieren. Besonders dramatisch, so Chikova: Österreichs Banken haben seit 2009 fast durchgehend die schlechteste Cost-Income Ratio in Europa – diese Kennziffer bemisst das Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag und gibt Auskunft über die Effizienz eines Instituts.

Die Erträge der österreichischen Banken entwickelten laut "Retail Banking Radar" leicht positiv. Der Ertrag pro Kunde stagnierte dagegen fast 100 Euro unter dem europäischen Schnitt von 666 Euro. Die Risiken in den Büchern seien weiter gesunken, womit sich Österreich diesbezüglich unter den Top-5-Ländern in Europa einreihen konnte.

Der seit 2007 jährlich erscheinende Retail Banking Radar der Mangementberatung untersucht die Performance europäischer Retailbanken und erlaubt damit einen umfassenden und einzigartigen Einblick in die Stärken und Schwächen der Privatkundenbanken und zeigt, wo sich österreichische Institute im europäischen Wettbewerb befinden. Für die aktuelle Studie wurden die Daten von fast 100 Privatkundenbanken und Bankengruppen in 22 europäischen Ländern hinsichtlich der Kriterien Ertrag pro Kunde und Mitarbeiter, Gewinn pro Kunde, Cost-Income-Ratio und Kreditrisikovorsorgequote untersucht. Zum ersten Mal wurden in der Studie auch Champions unter den europäischen Privatkundenbanken identifiziert: jene Institute, die sich besonders deutlich bei Kosten, Ertrag und Digitalisierung vom Wettbewerb absetzen.

Banken europaweit unter Druck

Das Privatkundensegment ist seit der Finanzkrise, so die diesjährigen Ergebnisse, weiterhin stark unter Druck, befindet sich nun aber nachweisbar auf dem Weg der Erholung. Zwar stagniert wegen der historisch niedrigen Zinsen der durchschnittliche jährliche Ertrag pro Kunde (666 Euro) – doch konnte dies durch weitere Senkungen der Risikovorsorge (um 32 Prozent) ausgeglichen werden, so dass ein deutliches Gewinnwachstum je Kunde zu verzeichnen ist (18 Prozent). Keine Verbesserung dagegen ist bei der Kostensituation zu vermerken, die sich sogar leicht verschlechtert (61 Prozent Cost-Income-Ratio.

Die Studie zeigt starke Unterschiede zwischen den Regionen: Die skandinavischen Länder und die Schweiz verteidigen ihre Spitzenposition beim Ertrag pro Kunde – nicht nur dank ihrer stabilen Wirtschaft, sondern auch, weil sie die ausgeprägte digitale Affinität ihrer Kunden für sich zu nutzen wissen. Die südeuropäischen Banken haben kraft drastischer Kostenkürzungen, Abbau von Filialen und Digitalisierung von Geschäftsprozessen den Sprung zurück in die Gewinnzone geschafft. Die osteuropäischen Privatkundenbanken kämpfen dagegen weiterhin mit Risikovorsorge-Ausgaben auf hohem Niveau. In Westeuropa hat z. B. ein kleines Land wie die Niederlande, Deutschland und Frankreich überholt. Grund dafür ist die positive Ertragsentwicklung, deutlich gestiegener Ertrag je Mitarbeiter und der Cost-Income-Ratio.

Das Ergebnis der österreichischen Retailbanken ist durchaus gemischt: Während die Ertragsentwicklung leicht positiv ist, stagniert der Ertrag pro Kunde fast 100 Euro unter dem europäischen Durchschnitt von 666 Euro. Die Risiken in den Büchern der heimischen Privatkundenbanken sind 2015 weiter gesunken und damit hat sich Österreich unter den Top 5 Ländern in Europa eingereiht. Im Gegensatz dazu konnten die österreichischen Institute in puncto Effizienz keinen Fortschritt erzielen und bleiben mit 71% Cost-Income-Ratio vor Deutschland Schlusslicht im europäischen Vergleich.

BAWAG und ING-DiBa unter den Champions

Gleichzeitig ist eine österreichische Bank unter den Ertrags-Champions vertreten: Die BAWAG P.S.K. ist zusammen mit der ebenfalls in Österreich tätigen ING-DiBa unter den Top 10 Instituten platziert – beide konnten zwischen 2010 und 2015 durchgängig ein Wachstum im zweistelligen Bereich vorweisen. Diese Spitzenreiter haben sich in ihren Angeboten und Prozessen konsequent auf den Kundenbedarf konzentriert und sind Pioniere beim sogenannten „frictionless Banking“: Sie bieten nicht nur neue Services, sondern auch eklatant vereinfachte Abläufe z. B. für Kontoeröffnung oder Kreditantrag. Die ING in den Niederlanden oder die Commerzbank-Tochter mBank beweisen überdurchschnittliche Leistung bei der Digitalisierung.

Keine österreichische Filialbank konnte den Status Kosten-Champion für sich beanspruchen. Die italienische Intesa Sanpaolo, die schwedische Nordea und die spanische Bankia zeigen sich vorbildlich mit Kostenreduktion zwischen 11 und 43 Prozent gegenüber 2010, die durch Filialbereinigung und Vereinfachung der gesamten Organisation erreicht wurde.

„Österreichische Banken haben es nicht geschafft ihre Geschäftsmodelle und Kostenstruktur umzubauen, während die europäischen Champions bei Wachstum, Kosten und digitaler Transformation davonzogen“, kommentiert Chikova, Co-Autorin der Studienreihe, das Abschneiden heimischer Institute. Ein signifikanter Effizienzsprung im österreichischen Retailbanken-Sektor sei daher notwendig. Da aber eine weitere Optimierung der Risikokosten in Österreich nur sehr begrenzt möglich sei, müsse die Effizienzverbesserung sowohl aus operativer Kostenreduktion als auch aus Umsatzsteigerung schöpfen. „Ähnlich wie die Spitzensportler werden heimische Privatkundenbanken Disziplin, Ausdauer und Einfallsreichtum brauchen, wenn sie sich neu erfinden und für die Zukunft fit machen wollen,“ so Chikova.

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