Royal Flush für den Mittelstand: Strategien für das Spiel nach Corona

Österreichs Mittelstand sucht Wege aus der Wirtschaftskrise, die aus dem Nichts kam. Die Experten von Deloitte bieten Unterstützung und starten die Initiative Best Managed Companies Austria.

Royal Flush für den Mittelstand: Strategien für das Spiel nach Corona

Vor einem Jahr, zu Beginn des Jahres 2020, sah die Welt für den Mittelstand besser denn je aus. So hatte die KMU Forschung Austria noch im Herbst 2019 berichtet, dass sich die durchschnittliche Bonität österreichischer KMU im Fünfjahresvergleich um 15 Prozent verbessert hatte. "Das ist in erster Linie auf eine höhere Eigenkapitalquote und eine höhere Gesamtkapitalrendite zurückzuführen, daneben zeigen sich niedrigere Verbindlichkeiten und gestiegene Nettozuflüsse an liquiden Mitteln", so Wolfgang Ziniel von der KMU Forschung Austria damals: "Insgesamt liegen deutlich positive Entwicklungen bei österreichischen KMU vor. Nichtsdestotrotz ist ein laufendes Monitoring notwendig, um etwaige zukünftige Veränderungen frühzeitig zu erkennen."

Ein wichtiger "Disclaimer", denn die Wirtschaft ist stets im Wandel. Und gerade jene Veränderung, die inzwischen alle betrifft, konnte niemand früh genug erkennen - auch in Österreich nicht. Eine Pandemie, auf die mit Lockdowns und Grenzschließungen reagiert werden muss; in einer Welt, die von offenen Grenzen und Business rund um die Uhr lebt: Wirtschaftsweise und Nobelpreisträger mögen noch jahrelang streiten, ob Corona ein "schwarzer Schwan" ist, ein unvorhersehbarer "Gamechanger" oder ein Risiko, das man einfach auf der langen Liste der Geschäftsrisiken von Kurs- und Währungsschwankungen bis zu den Änderungen der Rohstoffpreise einfach zu weit unten angesetzt hatte.

Doch Fakt bleibt: Das Virus war kein Event, das die Karten einfach neu gemischt hatte. Vielmehr wurden der Spieltisch umgeworfen, die Karten gewechselt und die Spielregeln neu geschrieben, wie Friedrich Wiesmüllner, Partner in der Wirtschaftsprüfung bei Deloitte Österreich, meint:"Generell kann man sagen: Die Corona-Krise und Fragen rund um Klimawandel und Nachhaltigkeit sind aktuell die großen Themen der heimischen Unternehmen. Das hat erst im Herbst 2020 der Deloitte Unternehmensmonitor erneut gezeigt."

Der Umsatz ist weg, die Kosten bleiben

Der Staat sprang in die Bresche: Die Bundesregierung startete eine nie dagewesene Hilfsaktion, verteilte Milliarden an den Mittelstand und nahm dabei selbst Auseinandersetzungen mit einflussreichen EU-Gremien in Kauf. Das hat geholfen. Doch das bedeutet nicht, dass wieder heile Welt herrscht. Nicht nur in den besonders hart getroffenen Sektoren wie Tourismus oder Gastronomie sind die Aufgaben enorm. Vielmehr kämpfen Unternehmen selbst in Branchen, die meist zu Unrecht "Krisenprofiteure" genannt werden - etwa die Pharmaindustrie -, mit Herausforderungen.

"Die Themenstellungen sind unterschiedlich, stets geht es jedoch um fünf wichtige Kernbereiche: Liquidität, Abläufe, Strategie, soziale Aspekte und Sicherheit", sagt Wiesmüllner (siehe Interview). Auch die KMU Forschung Austria sieht auf der Basis ihrer Datenbank von mehr als 80.000 Jahresabschlüssen von Mittelständlern die Liquidität als das aktuell akuteste Thema: "Im Zusammenhang mit der Coronavirus-Krise sind viele österreichische Mittelstandsunternehmen mit einem teilweise vollständigen Entfall von Einnahmen konfrontiert", so die Experten. "Für diese Unternehmen läuft allerdings ein großer Teil der Kosten unverändert weiter. Dazu zählen etwa Personalkosten, Kreditraten und Zinsen, Mietzahlungen, die Zahlung bereits bestehender Lieferverbindlichkeiten, Energiekosten und viele mehr." Das Ergebnis: Hätten sie keine zusätzlichen Liquiditätshilfen oder Zuschüsse in Anspruch genommen, hätten bei mehr als der Hälfte der KMU die verfügbaren liquiden Mittel zur Deckung der Kosten nur für wenige Wochen gereicht.

Was Unternehmen in der Krise beschäftigt


Die Themenstellungen in der aktuellen Krise sind unterschiedlich, fokussieren sich aber branchenübergreifend auf folgende Bereiche:

  • Liquidität. Die primär kurz- aber auch mittel- und langfristige Absicherung der Liquidität zur Aufrechterhaltung der Unternehmenstätigkeit ist in den Hauptfokus gerückt. Dies unter Verwendung der bereits genutzten Finanzierungsmöglichkeiten und Ausnutzung aller verfügbaren Unterstützungsmaßnahmen (Kurzarbeit, Fixkostenzuschüsse, Umsatzersatz, COFAG-Garantiefinanzierungen usw.).
  • Abläufe. Die Aufrechterhaltung der betrieblichen Abläufe unter der Notwendigkeit der kurzfristig sich immer wieder ändernden Anforderungen (z. B. Lockdowns) stellt hohe Anforderungen an das Management sowie an die Flexibilität der Belegschaft.
  • Strategie. Einerseits werden Überlegungen zur kurzfristigen Adaption des Geschäftsmodells angestellt (neue Beschaffungs-, Produktions-, Vertriebs-und Finanzierungsmöglichkeiten). Andererseits erfolgt eine fokussierte Auseinandersetzung mit der mittelfristigen Unternehmensstrategie: Wo stehen wir, wo werden wir in drei bis fünf Jahren sein und wie kommen wir dorthin?
  • Soiale Aspekte. Die Aufrechterhaltung des Gleichgewichtes der Anforderungen der Eigentümer, Mitarbeiter, sonstiger Stakeholder und die Wahrnehmung des Unternehmens in der Öffentlichkeit stellt die Unternehmensführung vor große Herausforderungen.
  • Rahmen. Die Schaffung bzw. Aufrechterhaltung von sicheren Rahmenbedingungen - von der Hygiene für Kunden sowie Mitarbeiter bis zum Thema IT-Security (Stichwort Cybersecurity und Datensicherheit).

Aufgabe: Hausaufgaben lösen

Staatshilfen wird es nicht ewig geben können, und auch Themen wie soziale Aspekte oder IT-Sicherheit verschwinden bestimmt nicht von heute auf morgen. Daher wird Österreichs Mittelstand wohl noch länger viele Hausaufgaben zu lösen haben. Wie welches Unternehmen durch die bevorstehenden Zeiten kommt, hängt dabei nicht nur von äußeren Einflüssen, sondern auch von der Vision des Managements ab.

"Führungspersonen sind maßgeblich für das wirtschaftliche Fortbestehen ihrer Unternehmen verantwortlich und müssen rasch und überlegt Entscheidungen treffen", weist Wiesmüllner hin. "Gleichzeitig sollten sie in der Lage sein, Orientierung zu geben und Innovation zu forcieren. Die zwischenmenschliche Komponente sollte ebenfalls nicht unterschätzt werden: Gerade in Krisenzeiten ist die Aufrechterhaltung eines starken Zusammengehörigkeitsgefühls und der Mitarbeitermotivation ein ganz wichtiger Hebel. Diese Tugenden werden positiv durch die Bereitschaft verstärkt, rasch, zielorientiert, aber auch flexibel zu agieren und offen zu kommunizieren."

Initiative "Best Managed Companies"

Um nach dem harten Jahr 2020 im kommenden Jahr ein positives Zeichen zu setzen, hat Deloitte die Initiative Best Managed Companies Austria ins Leben gerufen. Im Rahmen von Best Managed Companies werden hervorragend geführte mittelständische Unternehmen ausgezeichnet - und die gibt es definitiv in Österreich.

"Speziell in den letzten herausfordernden Monaten haben wir gesehen, wie wichtig gute Führung in Unternehmen ist. Wir wollen diesen Unternehmen die Aufmerksamkeit schenken, die ihnen im Jahr 2021 gebührt, denn sie bilden mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das Rückgrat der österreichischen Wirtschaft", resümiert der Deloitte-Experte. Das ist auch und gerade in Krisenzeiten eine besonders wichtige Rolle.


"Flexibilität und Resilienz sind die Stärken des Mittelstandes"

Friedrich Wiesmüllner, Partner in der Wirtschaftsprüfung bei Deloitte Österreich

Friedrich Wiesmüllner, Partner in der Wirtschaftsprüfung bei Deloitte Österreich

Deloitte-Partner Friedrich Wiesmüllner sieht Österreichs Mittelstand auch für die kommenden Herausforderungen gut gerüstet, denn der Sektor gilt als resilient und krisenresistent.

trend: Welches Mindset braucht es gerade in den Führungsebenen, um Herausforderungen aktiv zu managen?
Friedrich Wiesmüllner: Führungspersonen sind maßgeblich für das wirtschaftliche Fortbestehen ihrer Unternehmen verantwortlich und müssen rasch und überlegt Entscheidungen treffen. Gleichzeitig sollten sie in der Lage sein, Orientierung zu geben und Innovation zu forcieren. Die zwischenmenschliche Komponente sollte ebenfalls nicht unterschätzt werden: Gerade in Krisenzeiten ist die Aufrechterhaltung eines starken Zusammengehörigkeitsgefühls und der Mitarbeitermotivation ein ganz wichtiger Hebel. Diese Tugenden werden positiv durch die Bereitschaft verstärkt, rasch, zielorientiert aber auch flexibel zu agieren und offen zu kommunizieren.

2021 laufen viele Hilfsmaßnahmen wie Kurzarbeit und Steuerstundungen voraussichtlich aus. Wie wird sich das auf den Mittelstand auswirken?
Die derzeit verfügbaren, zahlreichen Unterstützungsmaßnahmen waren sicherlich ein notwendiges und meist gut geeignetes Mittel, die betroffenen Unternehmen kurzfristig entsprechend zu unterstützen. Mittelfristig können derartige Maßnahmen wahrscheinlich nicht aufrechterhalten werden, aufgrund der steigenden Staatsverschuldung. Dies wird unweigerlich auch dazu führen, dass Unternehmen, die nicht über entsprechende Reserven verfügten, ihr Geschäftsmodell nicht kurzfristig adaptieren konnten oder bereits vor der Krise ein nicht abschließend abgesichertes Geschäftsmodell verfolgten, scheitern werden. Das Auslaufen der Hilfsmaßnahmen wird diese Effekte zeigen und in einigen Branchen Veränderungen der Marktteilnehmer bringen. Umgekehrt werden die Unternehmen, die personell gut aufgestellt sind, über eine Führung mit Weitblick verfügen und bereit zu Veränderung und Innovation sind, auch aus dieser Krise gestärkt hervorgehen. Der österreichische Mittelstand hat schon in der Vergangenheit vielfach seine Krisenresistenz unter Beweis gestellt.

Bieten sich auch Chancen - etwa durch Digitalisierung und Effizienzsteigerung?
Die Digitalisierung hat gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Corona-Krise und dem damit ansteigenden Remote Working wieder verstärkt an Bedeutung und Geschwindigkeit gewonnen. Wenn man hier auf die richtigen Maßnahmen setzt und das Thema ganzheitlich angeht, können Effizienz und Qualität definitiv gesteigert werden. Erfolgskritisch ist dabei jedoch, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht aus den Augen zu verlieren und sie parallel zu den neuen Rahmenbedingungen weiterzubilden. So kann man auch positive Learnings aus der aktuellen Ausnahmesituation ziehen.

Homeoffice scheint ein Dauerzustand zu werden. Wie kann der Mittelstand damit umgehen?
Die Umstellung auf Homeoffice hat überwiegend gut funktioniert. Die Unternehmen konnten dabei einmal mehr ihre Flexibilität und Resilienz unter Beweis stellen - das war und ist die Stärke des Mittelstandes. Die Rückkehr zu alten Mustern nach der Krise ist jedoch nicht empfehlenswert. Vielmehr ist die aktuelle Situation ein guter Anreiz, um bestehende Strukturen zu hinterfragen und neue Wege zu gehen. Vertrauen ist dabei ein wichtiger Schlüssel, um das volle Potenzial flexibler Arbeitsweisen in Zukunft erfolgreich nutzen zu können. Spezielle Trainings für virtuelle Führung können zukünftig außerdem eine wichtige Maßnahme auf Führungsebene sein.

Deloitte setzt mit der neuen Initiative Best Managed Companies Austria ein deutliches Zeichen gegen die Krisenstarre. Welche Faktoren machen Unternehmen gerade in Krisenzeiten zu wahren Best Managed Companies?
Wir haben bei Deloitte viel Zeit investiert, um diese Faktoren zu erheben. Das Bewertungsmodell wurde um die Erkenntnisse dieser speziellen, weltweiten Krise erweitert. Gerade der Austausch mit der Führungsebene der Unternehmen ist jetzt besonders spannend und wichtig - dort werden die Weichenstellungen für die Zukunft vorgenommen. Zusammenfassend kann man hier schon sagen, dass die Reaktionsgeschwindigkeit ein entscheidender Faktor war und ist. Wie schnell konnten die Unternehmen ihre Strategie anpassen? Wie rasch ist diese Anpassung in alle Bereiche des Unternehmens kommuniziert worden? Wie schnell und in welcher Qualität waren die zentralen Elemente der Unternehmenssteuerung verfügbar? Wie schnell konnte man auf die veränderte Marktlage reagieren? Diese Punkte spielen eine ganz besondere Rolle - und zwar branchenübergreifend.


Zur Person

Friedrich Wiesmüllner , 52, ist Partner in der Wirtschaftsprüfung bei Deloitte in Wien und leitet den Bereich Deloitte Private/Familienunternehmen in Österreich und in Zentraleuropa. Als Wirtschaftsprüfer und Steuerberater ist er Spezialist für Jahres-und Konzernabschlussprüfungen sowie Prozess-und Umstrukturierungen. Sein Tätigkeitsschwerpunkt liegt in der Betreuung von Privat-und Familienunternehmen im Bereich Handel, Industrie und Dienstleistung.


Der Artikel und das Interview sind der trend-Ausgabe 51-52/2020 vom 18. Dezember 2020 entnommen.


Michael Ludwig

Lockdown: Wien setzt auf Öffnung in kleinen Schritten

Wiens Bürgermeister Michael Ludwig geht in seiner Corona-Politik weiter …

Klimaneutraler Stahl: Voestalpine gibt den Takt vor

Die voestalpine hat sich das Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutralen Stahl …

Berhard Weinhofer, CEO Creditreform

KMU-Befragung: Optimismus macht sich beit

Unter den heimischen Klein- und Mittelbetrieben macht sich trotz der …

WKÖ-Vizepräsidentin Martha Schultz

WKO-Vizepräsidentin: "Lockdown wie versprochen beenden"

Martha Schultz, Vizepräsidentin der Bundeswirtschaftskammer, appelliert …