Strabag-Chef Birtel: Über die Euphorie und Zukunftssorgen

Rekordaufträge und Rekordmaterialkosten: die STRABAG, Österreichs größter Baukonzern, brummt. CEO Thomas Birtel im trend-Exklusiv-Gespräch über den Boom am Bau und sein letztes Jahr im Amt.

Strabag-Chef Birtel: Über die Euphorie und Zukunftssorgen

MIT RUHIGER HAND steuerte Thomas Birtel den Bauriesen Strabag in den letzten acht Jahren. Seinen Abgang Ende 2022 bezeichnen viele in und außerhalb des Unternehmens als "großen Verlust".

Thomas Birtel ist ein auf Ausgleich bedachter Mensch. Ein äußerst ruhiger, kompetenter Manager, wie ihn heimische Kapitalmarktbeobachter beschreiben. Anders lässt sich wohl auch nicht erklären, wieso der Vorstandsvorsitzende der Strabag bei der letzten Hauptversammlung des Baukonzerns so gelassen blieb.

Denn immerhin haben ihm seine durch ein Syndikat verbundene Kernaktionäre (Uniqa/Raiffeisen, die Haselsteiner-Familienstiftung und Rasperia Trading des Oligarchen Oleg Deripaska, siehe Grafik u.) dort einen Strich durch seine Dividendenrechnung gemacht.

Statt der vom Vorstand vorgeschlagenen 1,9 Euro verlangten sie die Auszahlung von 6,9 Euro je Aktie. Etwas, das man nicht alle Tage erlebt und das die Strabag auf einen Schlag um mehr als 500 Millionen Euro ärmer machte als eigentlich von Birtel geplant. Dennoch bleibt der gebürtige Deutsche, darauf angesprochen, gefasst: "Das ist für mich ein einmaliger Vorgang, aber natürlich sind die Aktionäre der Souverän des Unternehmens", sagt Birtel beim Gespräch mit dem trend. Und immerhin habe ja der Vorstand diese Ausschüttung durch das gute Ergebnis erst ermöglicht.

KURS: 47 EURO. Der Kurs der Strabag-Aktie kommt – auch dank Rekordaufträgen – allmählich in die Nähe des Emissionskurses von 47 Euro und konnte auch die Porr-Aktie in den letzten Jahren deutlich outperformen. Je näher der Emissionskurs rückt, desto lauter werden die Gerüchte, dass sich so mancher Aktionär (s. o.) seine Strabag-Anteile abkaufen lassen könnte.

Was wohl auch dazu beiträgt, dass der 67-jährige Strabag-CEO, der seit 2013 an der Spitze des Unternehmens steht, so entspannt ist. Denn die Bauwirtschaft boomt aktuell - anders als viele andere durch Corona gebeutelte Branchen -, und die Strabag, fünftgrößter Baukonzern Europas und zwanzigstgrößter der Welt, profitiert davon. Zuletzt wurde ein Rekordauftragsstand von mehr als 20 Milliarden Euro vermeldet. Zu Jahresende lag die EBIT-Marge, die Birtel stets gerne bei vier Prozent sehen wollte, sogar bei 4,3 Prozent.

Trotz des sehr schwierigen Corona-Jahrs, in dem die Baustellen in Österreich knapp ein Monat komplett stillstanden, setzte die Strabag 2020 respektable 14,7 Milliarden Euro um und steigerte das EBIT von 602 auf 630 Millionen Euro. "Wir haben mehr Aufträge, als wir abarbeiten können, und dieser Trend wird sich fortsetzen", ist Birtel überzeugt. Denn vor allem im mit 45 Prozent vom Gesamtumsatz größten Markt der Strabag, Deutschland, wurden zuletzt groß angelegte Infrastrukturpakete zur Ankurbelung der Wirtschaft angekündigt.

Der Stau im Bau

Doch das Glück am Bau ist nicht ganz ungetrübt. Denn enorme Preissteigerungen bei Baumaterialien und Materialknappheit machen allen Konzernen zu schaffen. "Ja, von Materialknappheit sind wir auch betroffen, aber da sprechen wir höchstens von Verzögerungen, etwa, weil Kunststoffrohre später geliefert werden. Dass bei uns Baustellen flächendeckend stillstehen, trifft sicher nicht zu", erläutert der Strabag-Chef.

Was wohl auch daran liegt, dass der Eigenwertschöpfungsgrad der Strabag ein sehr hoher ist: Von Asphaltmischanlagen über Kiesgruben bis hin zu einem Fassadenbauer hat die Strabag alles im eigenen Haus. Birtel rechnet damit, dass das Thema Materialknappheit bereits heuer weitgehend ein Ende haben wird. Mit den steigenden Preisen für Holz oder Stahl wird man wohl aber noch länger leben müssen, glaubt er. Aber auch wenn er für die Strabag einen minimalen Gewinnrückgang einplant, sieht er die Situation dennoch entspannt: "Wir haben bereits angefangen, die höheren Preise an die Kunden abzugeben. Dadurch riskieren wir natürlich, dass wir eben keinen Auftrag bekommen. Aber wenn man auf unseren Auftragsbestand schaut, ist das für uns kein Problem." 20 Milliarden Euro lassen ihn wohl relativ ruhig schlafen.

Da ändert auch die Tatsache nichts, dass die Strabag beim Bau des Kraftwerks Alto Maipo in Chile, das in Kürze fertiggestellt werden soll, über die Jahre viel Geld hat liegen lassen. "Es stimmt, das hat uns ergebnismäßig keine Freude bereitet", bekennt Birtel. Sehr nobel ausgedrückt, denn hausintern spricht man von dem Projekt als richtigem Millionengrab.

Alles kein Grund für den Vorstandsvorsitzenden, unruhig oder gar ärgerlich zu werden. Doch auch für den ruhigen, bedachten Birtel gibt es in Sachen Gelassenheit scheinbar eine rote Linie. Zwei Themen machen dem Strabag-Chef wirklich zu schaffen: das Baukartell, an dem die Strabag über Jahre hindurch maßgeblich beteiligt war und das ihr nun eine Geldbuße von 45,37 Millionen Euro eintragen könnte, und die Personalnot. "Im Moment haben wir konzernweit 2.000 offene Stellen", beklagt er. Insgesamt beschäftigt die Strabag weltweit rund 75.000 Mitarbeiter.

Und auch das konzernintern gesteckte Ziel, den Frauenanteil sukzessive langsam zu erhöhen, gelingt nur mühsam. Statt 16,9 Prozent (2019) waren es konzernweit 2020 gerade einmal 17,1 Prozent. Noch schlechter sieht es auf Managementebene aus, da blieb die Frauenquote mit 9,3 Prozent zuletzt konstant niedrig. Das spiegelt sich auch in der Vorstandsetage wider: Neben Birtel sitzen dort fünf weitere Männer, aber keine einzige Frau. Was der Strabag-Chef sehr bedauert.

Immerhin, eine Frau leitet die nach Auffliegen der Kartellvorwürfe eingerichtete Monitoring-Kommission. Die ehemalige Siemens-Vorständin Brigitte Ederer schaut der Strabag nun laufend compliancemäßg auf die Finger. Dennoch bleibt für Birtel ein bitterer Beigeschmack: "Ich war sehr betroffen, weil ich das nie für möglich gehalten habe."

Die Strabag soll sich ja über mehr als zehn Jahre mit Marktteilnehmern bei Konditionen abgesprochen haben. Als erster Kartellant soll sie nun eine Geldbuße von mehr als 40 Millionen Euro ausfassen. Unberührt davon bleiben mögliche Schadenersatzansprüche geschädigter Kunden, die erheblich höher ausfallen können.

Mit all dem wird sich aber wohl verstärkt Birtels Nachfolger herumschlagen müssen. Denn Ende 2022 läuft der Vertrag des heute 67-Jährigen endgültig aus. Was vielen Börsianern sehr leid tut, weil der Deutsche das Unternehmen mit ruhiger Hand geführt hat und dabei den Aktienkurs deutlich steigern konnte. Auf den Emissionskurs von 47 Euro fehlen allerdings noch zehn Euro, die Birtel in den nächsten eineinhalb Jahren aber auch noch schaffen will.

Als sein Nachfolger an der Strabag-Spitze wird Klemens Haselsteiner gehandelt, der seit 2020 im Vorstand für Digitalisierung zuständig ist. Er ist der Wunschkandidat seines Vaters. CEO Birtel traut ihm den Job zu (=> siehe auch Interview - Birtel: "Für uns ist es egal, wo die Straße gebaut wird"), einige Kernaktionäre sind noch skeptisch.

Wer auch immer Birtels Erbe übernimmt, könnte es auch mit einer anderen Aktionärsstruktur zu tun bekommen, denn der Syndikatsvertrag läuft Ende 2022 aus, und sowohl die Uniqa als auch Deripaska scheinen willens zu sein, die Strabag zu verlassen. Angeblich, so berichten Kapitalmarktkenner, könnte Haselsteiner Deripaska auskaufen, wenn der Preis dem Emissionskurs näherkommt. Die Dividende könnte also nur ein Vorgeschmack für den Russen gewesen sein.




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