Start-ups: Österreich im Gründerfieber

Start-ups: Österreich im Gründerfieber
Start-ups: Österreich im Gründerfieber

Wer ein Unternehmen gründet braucht mehr als nur eine gute Idee.

Warum immer mehr Menschen ihre eigene Firma gründen wollen und Wien zum Start-up-Zentrum wird. Für welche Ideen Investoren Geld lockermachen und auf welche Schwierigkeiten man sich als Neo-Unternehmer einstellen sollte.

In der letzten Oktoberwoche wehte der Duft des Silicon Valley durch Wien. Für drei Tage traf sich die europäische Start-up-Szene in der ehrwürdigen Hofburg zum Pioneers Festival. Vor Ort waren auch einige hochkarätige Gäste aus dem Silicon Valley. wie der Österreicher Markus Wagner, der ebendort seine Wahlheimat hat. Seit dem Verkauf des von ihm mitgegründeten Unternehmens 3United im Jahr 2006 an den amerikanischen Netzwerk-Spezialisten VeriSign investiert Wagner selbst in Start-ups und hilft Firmengründern als Business Angel und Inkubator auf die Sprünge. "Die österreichische Szene ist ziemlich lebendig geworden und weniger provinziell, als man glaubt“, sagt er. (Siehe Interview: "Ein Start-up dominiert dein ganzes Leben.")

Gründen ist chic, Scheitern erlaubt. "Es ist etwas in Bewegung gekommen. Die jungen Leute haben nicht mehr so große Angst davor, mit ihren Ideen zu scheitern“, beobachtet Nikolaus Franke, Leiter des Instituts für Entrepreneurship und Innovation an der WU Wien. "Das Sicherheitsdenken und die Obrigkeitshörigkeit werden von vielen Studierenden in Frage gestellt. Sie probieren nach dem Studium etwas aus, und wenn es nicht funktioniert, können sie immer noch etwas anderes machen. Das gibt es nun öfter. “

Windwechsel in der Wirtschaft

Auch offizielle Institutionen haben erkannt, dass hier ein Schnellzug in die richtige Richtung unterwegs ist. So hat die Wirtschaftskammer eine Silicon-Valley-Initiative initiiert, die Gründern hilft, sich in Kalifornien auszuprobieren, Kontakte zu knüpfen und den Mitbewerb auszutesten. Wer gründet, befeuert schließlich auch den Jobmotor. "Neue Arbeitsplätze entstehen vor allem durch junge Unternehmen. Laut OECD stellen Firmen, die jünger als fünf Jahre sind, mehr Mitarbeiter ein als alle anderen“, sagt Accenture-Chef Klaus Malle. "Fast jedem Dritten ist es wichtig, die Firma nicht nur über Wasser zu halten, sondern Gewinne in neue Innovationen zu investieren.“ Bis 2017 soll das in den G20-Staaten zehn Millionen neue Arbeitsplätze schaffen. "Spätestens dann werden Start-ups und Jungunternehmer zu Impulsgebern für die gesamte Wirtschaft“, ist sich Malle sicher.

Helmut Lehner - Freeeway.com: Langjährige Erfahrungen in der Telekomindustrie bringt Helmut Lehner mit seinem Team nun "auf die Straße“. Auf dem deutschen Logistikkongress präsentierte das UNternehmen sein erste Produkt: "Freeeway“ ist eine SIM-Karte, mit der sich Lkw-Fahrer mit einem einheitlichen und günstigen Sprach- und Datentarif durch 40 Länder bewegen können. Über Industriepartner wollen die Gründer 1,5 Millionen SIM-Karten in fünf Jahren absetzen. Finanziert hat sich das Trio aus eigener Kraft und will mittelfristig auch komplexe M2M-Lösungen für die Transportbranche anbieten.

Die Gründer stellen auch eine Frischzellenkur für die etablierte Industrie dar, die immer stärker die Nähe zu den Start-ups sucht. Kaum eine große Technologiemarke, die nicht einen Start-up-Wettbewerb laufen hat. Netzwerkkonzern Cisco sponsert das Pioneers Festival, der einstige Druckerhersteller Konica-Minolta investiert in den kommenden zwei bis drei Jahren zehn Millionen Euro in europäische Start-ups. A1 bringt die "mutigen Visionäre“, so A1-Boss Hannes Ametsreiter, gleich im hauseigenen Start-up-Campus unter, wo ihnen dicke Leitungen und das Know-how von 50 Experten aus allen Fachbereichen zur Verfügung stehen.

Die Motivlage dahinter ist klar: "Diese neuen Entrepreneure mischen die Art, zu arbeiten und Neues zu entwickeln, auf“, sagt Malle, "sie beschäftigen sich oft mit den Zukunftsthemen und helfen den großen Strukturen bei den Innovationen.“ Die Großen haben damit einen schnellen Zugang zu neuen Entwicklungen - und auch einen frühen Einblick in spannende Übernahmekandidaten.

Peter Platzer - Spire.com: Der an der TU Wien ausgebildete Physiker Peter Platzer programmiert seit seinem zehnten Lebensjahr, arbeitete für einen Hedgefonds, bis ihn der "Weltraum-Virus“ befiel. Er machte den Master in Space Science in Straßburg und kam im Zuge der Diplomarbeit auf die Idee für Nanosatelliten (kleines Bild) - die im Vergleich zu herkömmlichen so sind wie "ein iPhone 5S zu einem 486er-PC“. Vier Satelliten hat er schon im All, 25 Millionen Dollar von Investoren aus USA, Europa und Asien. Mit seiner gerade einmal zwei Jahre alten Firma deckt er im Satellitengeschäft eine Nische ab, die den etablierten Markt komplementär perfekt ergänzt.

Dass sich Wien zu einer europäischen Start-up-Drehscheibe entwickelt, hat viel mit Strahlkraft von Projekten wie dem Pioneers zu tun. Der Event ist mehr als nur eine Konferenz, sondern schon eine "Bewegung, die über das ganze Jahr geht“, sagt Investor Hans Hansmann, der mit 28 Start-ups in seinem Portfolio sicher Österreichs umtriebigster Business Angel ist. Er hat auch die Austrian Angel Investors Association (AAIA) gegründet, die 120 Mitglieder zählt. "Aus den drei bis vier Business Angels sind in den letzten paar Jahren 20 geworden, die das hauptberuflich machen“, sagt er. Also jungen Gründern mit ihren Kontakten und fachlicher Expertise beim Aufbau helfen.

Für Angels, die nur investieren wollen, hält Hansmann Seminare über den richtigen Umgang mit Start-ups. "Mit einem Start-up einen Vertrag zu schließen, ist etwas ganz anderes als bei einer herkömmlichen Beteiligung. Auch angehende Angels muss man coachen.“ Die Investitionsbereitschaft steigt vor allem unter amtierenden oder ehemaligen Topmanagern. So konnte das Berufsportal Whatchado Anfang des Jahres eine knappe Million Euro bei drei prominenten Investoren (Brigitte Ederer, Claus Raidl und Peter Püspök) einsammeln. Demnächst wird auch ein zweiter großer Risikokapitalfonds rund um die Investorengruppe von Oliver Holle aufgelegt werden. Der Speedinvest II "soll ein 50-Millionen-plus-Fonds werden,“ sagt Hansmann, "wir werden unsere Kräfte bündeln.“

Realistische Einschätzungen

Robert H. Schiestl wäre wohl ein Kandidat für so einen Fonds: Der mehrfache Unternehmensgründer startet soeben in Österreich. Als Zellforscher hat er Möglichkeiten zur Verlängerung des Lebens entdeckt. (Seite 46). Er will in Tulln forschen und ist dabei, Venture Capital und Förderungen aufzutreiben. Den Vorteil von Start-ups in Österreich im Vergleich zu den USA sieht er darin, dass es mehr Förderungen in der Gründungsphase gibt. Der Nachteil sei, dass Venture Capital "noch kaum vorhanden ist“ - damit ist die Phase unmittelbar nach dem Start schwieriger.

Robert Schiestl - Radmitinc.com, Microbiopharma.com: "Die Forschungsergebnisse waren so gut, dass sie zwingend zu einer Anwendung drängen“, sagt Robert H. Schiestl. Im Hauptberuf ist der Biologe Professor in Los Angeles, nun wird der Inhaber von zehn Patenten immer mehr Entrepreneur. Fünf Unternehmen (drei in Österreich, zwei in den USA) hat er gegründet. Was er gefunden hat, klingt unglaublich. Unter anderem hat er Wege gefunden, zelluläre DNA-Schäden zu korrigieren. Dadurch können Mäuse sechzehn Wochen länger leben. Umgelegt auf Menschen würde das eine zusätzliche Lebenszeit von zwölf Jahren bedeuten.

Von Start-ups werden unterschiedlichste Finanzierungsinstrumente genutzt: Crowd-Investments, in- und ausländisches Risikokapital, Förderungen und natürlich Eigenmittel. Der Bankschalter als Start-up-Anlaufstelle ist verlorene Zeit.

Zunehmende Professionalität konzediert dem Start-up-Standort, aber auch Serienunternehmer Daniel Mattes, der sein aktuelles Projekt in Palo Alto, Wien, Linz und London heranzieht: "Von Österreich aus ein Unicorn aufzubauen, geht nicht. Das kann man sich leicht ausrechnen. Aber Österreich ist eine Petrischale, die mit Deutschland ein guter Makromarkt zum Testen ist.“ Mit seinem Bezahldienstleister Jumio hat Mattes am Sekundärmarkt zumindest schon ein halbes "Einhorn“ geschaffen: So werden Firmen mit Bewertungen von einer Milliarde genannt. "Wien zieht viele Talente aus Osteuropa an. Wir haben sehr gute Leute aus Ungarn, Tschechien und der Slowakei in der Firma“, sagt Mattes.

Marius Donhauser - Hotelkit.net: Initialzündung war die Nachfolge im elterlichen Hotelbetrieb. Donhauser wollte das Wissen seiner Eltern dokumentieren und startete ein Wiki. Daraus entwickelte sich ein Teamarbeitsprogramm für Hotels, das heute von 200 Betrieben eingesetzt wird und etliche Preise bekommen hat. Den Aufbau des Start-ups Hotelkit finanzierte der Wirtschaftsstudent mit Websiteprogrammierungen und einer kleinen Förderung vom Land Salzburg. Heute finanziert sich die Acht-Mitarbeiter-Firma aus dem laufenden Betrieb.

Dass Wien ein multikultureller Start-up-Spot geworden ist, demonstrieren die vielen internationalen Teilnehmer am Pioneers Festival. Hinter etlichen der "Wiener Erfolgsgeschichten“ stehten Einwandererbiografien oder Auslandsösterreicher, die ihre ersten Erfolge fernab der Heimat eingefahren haben. Als Brutkasten bietet Österreich mit seiner Förderlandschaft jedenfalls ideale Bedingungen. Der FFG und das aws helfen vielen Gründern mit den ersten Tausendern, damit sie Prototypen entwickeln können, um erste Kunden oder potenzielle Investoren ansprechen zu können. Der Zugang zu Wissen ist durch das Internet sowieso ortsunabhängig geworden. i5-Invest-Geschäftsführer Markus Wagner: "Gründen ist günstiger geworden, man kann es sogar an der Uni lernen“

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