Städte im Bann des Massentourismus: Studie zeigt Lösungen auf

Städte im Bann des Massentourismus: Studie zeigt Lösungen auf

Gedränge am Christkindlmarkt am Wiener Rathausplatz - ein Top-Anziehungspunkt für Touristen.

Der Städtetourismus hat europaweit in den letzten zehn Jahren um rund 60 Prozent zugenommen. Aus wirtschaftlicher Sicht ist das ein Erfolg, der Ansturm schafft jedoch neue Probleme. Im Rahmen einer Studie wurden Lösungsansätze entwickelt.

In den vergangenen zehn Jahren hat der Städtetourismus in europaweit massiv zugenommen. Ein Vergleich der Nächtigungszahlen von Städten aus 15 europäischen Ländern zeigt, dass diese im Zeitraum von 2008 bis 2017 um stattliche 57 gestiegen sind. Das Wachstum im Städtetourismus hat damit das im sonstigen Tourismus bei weitem übertroffen. So sind die Nächtigungszahlen in den entsprechenden 15 Ländern im gleichen Zeitraum im Mittel nur um 26 Prozent gestiegen.

Für die Städte und ihre Tourismusbetriebe sind diese Zahlen zunächst einmal höchst erfreulich. Die anhaltende Verschiebung der Tourismusströme von den klassischen Tourismuszentren in Richtung der Städte hat jedoch auch ihre Schattenseiten. Unkontrolliert kann der Tourismus auch Probleme verursachen, können die Interessen der Reisenden in Konflikt mit denen der Bewohner der Städte in Konflikt kommen und - wie das im Sommer 2018 etwa in Barcelona der Fall war - zu Protesten und zu einem Einschreiten der Politik führen. Was wiederum negative Auswirkungen auf das Geschäft der Tourismus-Branche sowie generell auf das Image der betroffenen Stadt hat.

Entwicklung des Städtetourismus vs. Länderourismus (2008-2017); für eine vergrößerte Darstellung auf die Abbildung klicken

Entwicklung des Städtetourismus vs. Länderourismus (2008-2017); für eine vergrößerte Darstellung auf die Abbildung klicken

Das Management- und Strategie-Beratungsunternehmen Roland Berger hat im Auftrag der Österreichischen Hotelier Vereinigung (ÖHV) die Tourismusströme untersucht und zeigt in dem dazu veröffentlichten Studienpapier die Konfliktpotenziale und Strategien auf, wie der Tourismus in eine nachhaltige Richtung gelenkt werden kann. Je nach Situation und Stadt kann das bedeuten, dass die Zahl der Touristen eingeschränkt wird, Preise angehoben werden, die Sharing Economy - vor allem die Mitwohn-Plattformen wie Airbnb - reglementiert wird, der Zugang zu bedeutenden Sehenswürdigkeiten eingeschränkt oder andererseits auch in Städten, die noch Kapazitäten haben, dem Tourismus Tür und Tor geöffnet werden, um die Einnahmen zu maximieren.

Touristischen Erfolg messen und vergleichen

In den letzten Jahren hat sich im Städtetourismus eine neue relevante und gleichzeitig kritische Größe herauskristallisiert hat, die man zuvor vielleicht nur von Inseln kannte: Die Tourismusdichte, die das Verhältnis zwischen der Zahl der lokalen Bevölkerung und der Zahl der Touristen beschreibt. Zur Quantifizierung des wirtschaftlichen Erfolgs der Tourismusanbieter in einer Stadt eignet sich der Vergleich der Erlöse pro verfügbarem Zimmer.

Matrix: Vergleich Tourismusdichte und Erlös aus Tourismus für eine vergrößerte Darstellung auf die Abbildung klicken

Matrix: Vergleich Tourismusdichte und Erlös aus Tourismus für eine vergrößerte Darstellung auf die Abbildung klicken

In der obenstehenden Matrix werden die Tourismusdichte und die Erlöse aus dem Tourismus von 52 europäischen Städten in Relation gestellt. Zur Interpretation: Paris, Amsterdam und Lissabon haben eine ähnlich hohe Tourismusdichte. Paris erzielt aber höhere pro-Kopf-Erlöse. Das wiederum ist ein Indikator, dass Paris weniger in Gefahr läuft, vom günstigen Massentourismus überlaufen zu werden.

Touristen in den Ramblas von Barcelona: Die Stadt und ihre Bewohner leiden unter dem Ansturm.

Touristen in den Ramblas von Barcelona: Die Stadt und ihre Bewohner leiden unter dem Ansturm.

Der Vergleich zeigt, dass Städte wie Antwerpen, Bilbao, Brüssel, Helsinki oder Istanbul ihre Potenziale nicht ausschöpfen. Bern, Hamburg oder Madrid bieten eine nachhaltige Qualität. Berlin, London, München, Rom und auch Wien scheinen eine gesunde Mischung gefunden zu haben und werden als "Shining Stars" gewertet. Amsterdam, Barcelona, Kopenhagen, Reykjavik oder Venedig sind schwer unter Druck und Städte wie demnach Bordeaux, Prag und Salzburg bereits in der Falle des nicht nachhaltigen Massentourismus gelandet.


Lösungen gegen die Tourismusfalle

In der ÖVH/Roland Berger Studie werden einige Maßnahmen angeführt, mit denen überbordender Tourismus wieder in geordnete Bahnen gelenkt werden kann. Dazu gehören sowohl reaktive Maßnahmen, um akute Folgen des Massentourismus in geordnete Bahnen zu lenken, als auch proaktive Maßnahmen, die wiederum in kurzfristige, mittelfristige und langfristige Strategien unterteilt werden können.

Reaktive Maßnahmen

1. Ticketing

Eine einfache Maßnahme ist, den Zutritt zu besonders beliebten Sehenswürdigkeiten über ein intelligentes Ticketing-System zu regulieren. Mit Hilfe von Online-Buchungssystemen, und fixen Kontingenten für bestimmte Tageszeiten können die Besucherströme zu den Top-Sights über ganze Tage verteilt werden. So werden die Besucherströme gesteuert und gleichzeitig Wartezeiten und Warteschlangen an den Zugängen erheblich reduziert. Eine flexible Preisgestaltung kann außerdem helfen, die Zahl der Besucher etwa zu Spitzenzeiten zu reduzieren.

2. Regulierung der Betten-Kapazitäten

Eine der einfachsten und effektivsten Möglichkeiten, den Tourismus in einer Region zu steuern ist die Regulierung des Betten-Angebots. Auch wenn das dem Gedanken einer freien Marktwirtschaft widerspricht. So gibt es etwa in Barcelona inzwischen keine Genehmigungen mehr für den Bau neuer Hotels in der Innenstadt.

3. Kontrolle der Sharing Economy

Sharing-Economy-Angebote wie Airbnb sind inzwischen ein relevanter Faktor in der Tourismuswirtschaft. Allerdings mit allen bekannten negativen Auswirkungen auf die Wohnsituation in den Städten und die Entwicklung der Wohnungspreise. (Siehe Artikel: 10 Jahre Airbnb: Milliarden-Business und touristische Problemzone.) Rechtlichen Bestimmungen, Einschränkungen und Verpflichtungen für die Vermieter und die Plattformbetreiber können ein gütliches mit- und nebeneinander herbeiführen.


Proaktive Maßnahmen

1. Segmentierung

Eine kurzfristige proaktive Maßnahme ist, in der Stadt spezifische Angebote für unterschiedliche Touristensegmente aufzubauen und diese Angebote über verschiedene Stadtviertel zu verteilen. Ein solcher Schritt wurde etwa in Berlin gesetzt. Dort wurde ein Konzept entwickelt, um den Tourismus besser auf die zwölf Bezirke der Stadt zu verteilen. Ein weiterer Ansatz ist der von Dubrovnik, wo eine Smartphone-App entwickelt wurde, die Touristen über Attraktionen oder Aktivitäten außerhalb des historischen Stadtzentrums informiert.

2. Upgrading

Mittelfristig wird ein Upgrading der Hotellerie zu höherwertigen und höherpreisigen Angeboten als probates Mittel gegen Massentourismus empfohlen.

3. Dezentralisierung

Ebenfalls mittelfristig können dezentral neue touristische Angebote in noch weniger frequentierten Stadtvierteln geschaffen werden, idealerweise mit guten Anbindungen an das lokale öffentliche Verkehrsnetz.

4. Stadtentwicklung

Langfristig wird in der Tourismus-Studie die Entwicklung von touristischen Konzepten und der Tourismusstrategie in Einklang mit der Stadtplanung und Entwicklung gesehen.


Download

Das Papier zur Studie "Protecting your city from overtourism" finden Sie hier zum Download

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