„Soziale Ungleichheit in Österreich so groß wie in den USA“

Marcel Fratzscher gilt, nach Hans-Werner Sinn, als zweiteinflussreichster Ökonom Deutschlands.

Marcel Fratzscher, Ökonom und Berater der deutschen Bundesregierung.

Marcel Fratzscher, einer der einflussreichsten Ökonomen Deutschlands, über das Ende der sozialen Marktwirtschaft: Warum der soziale Aufstieg nicht mehr klappt, die Ungleichheiten zunehmen, wie viele Menschen keinen Cent am Konto haben. Weshalb Österreich im Vergleich zu Griechenland oder Spanien so schlecht dasteht, warum er sich gegen die Mindestsicherung ausspricht und welche Lösungen er vorschlägt.

„Die Welt, speziell in Österreich und Deutschland, wird immer ungleicher.“ So der Befund des deutschen Regierungsberaters Marcel Fratzscher, der zu Gast bei der liberalen Denkfabrik Agenda Austria war. Arme bleiben arm und Reiche werden immer reicher. Das Überraschende daran: Im Vergleich zu anderen europäischen Staaten, ist das Ungleichgewicht nur in den USA noch etwas größer. „Österreich und Deutschland weisen die höchste Vermögensungleichheit in Europa auf“, so Fratzscher, Chef des deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung DIW.

40 Prozent der Österreicher keinen Cent am Konto haben

Die Gründe für die Ungleichheit seien vielfältig. Einer davon sei das geringe Vermögen der Österreicher und Deutschen im Schnitt. In Österreich und Deutschland haben rund 40 Prozent der Bevölkerung de facto keinen Cent Erspartes, in welcher Form auch immer. Von jenen, die etwas haben, beträgt das Vermögen des Einzelnen in Deutschland im Schnitt rund 50.000 Euro, in Österreich 75.000 Euro. Doch das ist vergleichsweise wenig im Vergleich zu den Spaniern, die im Schnitt über ein Vermögen von 185.000 Euro verfügen, die Griechen haben sogar mehr als 200.000 Euro. Der Hauptgrund, warum Österreicher und Deutsche am unteren Ende der europäischen Vermögensskala zu finden sind: Spanier, Griechen oder auch Italiener besitzen deutlich häufiger Immobilien als Österreicher oder Deutsche.

Einkommen in Österreich deutlich höher als im Süden Europas

Und das obwohl das Nettoeinkommen in Österreich oder Deutschland wesentlich höher ist als in diesen südlichen Ländern, ebenso etwa das pro Kopf-Einkommen. Grund für die steigende Ungleichheit, so Fratzscher, ist, unter anderem, dass jene, die Immobilienvermögen besitzen, so über Generationen noch wohlhabender werden. Zum anderen schaffen bildungsferne Schichten immer seltener den Aufstieg. 60 Prozent jener Kinder, deren Eltern in einer bestimmten Einkommensgruppe sind, bleiben auch später als Erwachsene in dieser Gruppe. „Nur 30 Prozent schaffen es eine bessere Ausbildung zu bekommen als ihre Eltern“, so Fratzscher. Das trotz eines erheblichen Maßes an Umverteilung von Reich Richtung Arm durch den Staat.

Fratzschers Befund:


„In keinem Land wird mehr umverteilt.“

Das betreffe nicht nur Deutschland, sondern in gleichem Maße Österreich. Nirgendwo sonst in der EU ist die Umverteilung durch Steuern so hoch wie in diesen beiden Ländern. Weitere Ursache: "Die Bürger sparen schlecht." Eine Aktienkultur sei praktisch nicht vorhanden. Und die Ungleichheit zwischen den Einkommensschichten steigt. Die durchschnittlichen Reallöhne sind seit 1992 gleich geblieben. Diejenigen, die am wenigsten verdienen, kriegen heute sogar noch weniger als vor 15 Jahren. In den 70er Jahren war die Ungleichheit längst nicht so stark ausgeprägt wie aktuell. „Heute ist die Ungleichheit gemessen am Einkommen doppelt so hoch“. Sein Resümee: "Das ist das Ende der sozialen Marktwirtschaft, zumindest so wie sie beabsichtigt war."

Ungleichheit senkt Wirtschaftswachstum

Ungleichheit wirkt sich nach Einschätzung von Fratzscher auch auf die Wirtschaft und das Wachstum einer Ökonomie aus. „Die Produktivität sinkt, die Gesundheit der Menschen leidet, auch Lebenszufriedenheit, da etwa die soziale Teilhabe niedrig ist.“ Jemand mit sehr geringem Einkommen oder der lange arbeitslos ist, hat eine hohe Wahrscheinlichkeit nicht älter als 65 Jahre alt zu werden, ergaben statistische Erhebungen des DIW-Instituts. Die Wirtschaftsleistung durch soziale Ungleichheit ist in Österreich, so die Berechnungen des DIW, über die Jahre um sechs Prozent geringer ausgefallen, in Deutschland um drei Prozent.

Umverteilung: Mit vielen Nachteilen behaftet

Einfach weiterhin auf ein hohes Maß an Umverteilung durch den Staat zu setzen, erachtet der Ökonom als nicht zielführend. „Die Umverteilung durch soziale Leistungen ist nur sehr beschränkt effizient“, so Fratzscher. So würden in Ostdeutschland 40 Prozent der Arbeitnehmer von staatlichen Transferleistungen leben.

Mindestsicherung: Das Gegenteil eines Anreizsystems

Zur Mindestsicherung bezieht der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschungsinstituts klar Stellung: „Menschlich ist es nachvollziehbar, aber als Ökonom bin ich dagegen. Bei einem Grundeinkommen von rund 800 Euro ist es schwierig Menschen zu motivieren, zu arbeiten, wenn sie damit nur unwesentlich mehr verdienen. Das ist das Gegenteil von einem Anreizsystem. Arbeit soll sich lohnen. Die sozialen Aufstiegsmöglichkeiten sind in Österreich genauso gering wie in den USA.“

Globalisierung als Verursacher von Ungleichheit kein relevanter Faktor

Ist die Globalisierung an der steigenden Ungleichheit schuld? Fratzscher glaubt nicht. „Viel wichtiger ist der technologische Fortschritt eines Landes oder etwa die politischen Maßnahmen eines Staates, um etwa Bildung zielgerichtet zu fördern und Infrastruktur auszubauen. Doch die hohen Steuereinnahmen werden vielfach an der falschen Stelle wieder ausgegeben.“ Die hohe Besteuerung von bis zur Hälfte des Einkommens, würde unter anderem dazu führen, dass die Mittelschicht kein Geld mehr gespart könne.

Starke Benachteiligung von Frauen bremst Wirtschaft

Die Wirtschaft bremsen würde auch die starke Benachteiligung von Frauen. Diese würden in der Einkommensskala zu tief unten stehen. Das obwohl Frauen im Schnitt über eine bessere Ausbildung verfügen als Männer. So schließen mehr Frauen die Universität ab. „Nur im Berufsleben werden ihnen dann riesige Barrieren in den Weg gelegt. Frauen haben, trotz hoher Qualifizierung, geringere Chancen auf angemessene Entlohnung als auch geringere Aufstiegschancen als Männer.“

Viele Unternehmer investieren ihr Geld in die eigene Firma - Substanzbesteuerung wäre schädlich

Fratzscher würde das Steuersystem sowohl in Österreich als auch in Deutschland umkrempeln. „Die Besteuerung von Arbeit ist viel zu hoch, die von Vermögen zu gering.“ Vermögen würde im Schnitt mit 25 Prozent zu niedrig besteuert, Arbeit mit 45 Prozent zu hoch. „Mehr Steuergerechtigkeit ist notwendig.“ Zur Besteuerung von Vermögen hat Fratzscher jedoch einen differenzierten Zugang. Wichtig sei es eine Substanzbesteuerung zu vermeiden. So ist der Anteil an eigenem Vermögen in mittelständischen Unternehmen in Österreich mit 24 Prozent im Vergleich mit anderen EU-Staaten am höchsten. In Deutschland liegt der Anteil bei 12 Prozent. Diese positive Entwicklung, durch zu hohe Besteuerung, zu hemmen, lehnt der Wirtschaftsforscher ab. Denn sonst würden unter anderem wichtige Investitionen in Forschung und Entwicklung sinken. Sein Vorschlag: In die Berechnung der Vermögenssteuer müsste auch das Privatermögen hinzugerechnet werden.

Förderung von Kleinkindern viel zu gering

Großes Manko sei, dass die Förderung von Kindern bis zu sechs Jahre viel zu niedrig sei. „Bis sechs Jahre stellen sich die Weichen für den späteren Bildungsweg. Wer bis dahin, bei Bedarf nicht massiv gefördert wird, schafft später den sozialen Aufstieg nicht“, warnt Fratzscher. In Österreich werden im Schnitt rund 0,5 Prozent des Steueraufkommens für Kinderbetreuung ausgegeben. Zu wenig, wie er glaubt. „Kinder aus sozial schwachen Schichten profitieren überproportional von Kindergarten und auch Ganztagsschulen.“ Österreich und Deutschland sind bei Ganztagsschulen europaweit die beiden Schlusslichter. Auch in den USA gäbe es fast nur Ganztagsschulen. Nur für freien Hochschulzugang zu sorgen und gratis Bildungszugänge zu schaffen, sei für einen Staat zu wenig. „Der Staat muss im Bildungsbereich mehr Verantwortung übernehmen“, plädiert Fratzscher und setzt nach: „Intelligenz und Fähigkeiten werden kaum vererbt. Viel hängt von der Familie und vom Staat ab.“ So studieren 70 Prozent der Kinder von Akademikern später. 20 Prozent der Eltern geben Geld für die Bildung ihrer Kinder aus. "Die restlichen müssten aber auch bei bedarf gefördert werden", so Fratzscher.


Wir müssen so viel umverteilen, weil es so große Ungleichheiten gibt.

Ungleichheit könnte sich verschärfen

Die Ungleichheiten könnten sich sogar noch verschärfen, wenn etwa Bildungsausgaben nicht neu überdacht würden und freies Unternehmertum nicht, wie in den USA, stärker gefördert würden. Ein weiterer Grund: Umwälzungen in der Berufswelt. "Derzeit ist man stolz darauf, dass Deutschland und auch Österreich Industrienationen sind. Doch der Beschäftigungsanteil in dieser Branche wird aufgrund der zunehmenden Automatisierung in den nächsten 15 bis 20 Jahren um rund 90 Prozent sinken“, glaubt Fratzscher. Die Folge: Die Mittelschicht wird leiden. Jene, die dagegen Dienstleistungsjobs wie Pflegeberufe ausüben und nicht durch Roboter ersetzbare Dienste leisten, würden wahrscheinlich dann sehr viel mehr verdienen als heute.

Deutschland als Wirtschaftsnation: Schlechter als ihr Ruf

Trotz dieses negativen Befundes für Deutschland wird das Land immer wieder als hervorragend funktionierende Wirtschaft gepriesen, mit niedriger Arbeitslosigkeit, solidem Staatshaushalt und hohen Exporten. Doch Fratzscher relativiert: „Lange war Deutschland der kranke Mann Europas. Das hier ist nur der Aufholprozess eines verlorenen Jahrzehntes.“ Im Jahr 2000 etwa sei Frankreich deutlich stärker gewachsen als Deutschland. Zudem würde Deutschland immer weniger investieren, auch die Ausgaben in Bildung und Forschung und Entwicklung seien viel zu niedrig. „Dafür gibt der Staat Geld für unsinnige Steuergeschenke aus und hat etwa das Rentenantrittsalter in Deutschland wieder auf 63 Jahre gesenkt. Doch 67 Jahre sind notwendig“, kritisiert der Wirtschaftsforscher.

Zur Person: Marcel Fratzscher ist Präsident des Instituts deutschen Wirtschaftsforschung (DIW). Laut Ökonomen-Ranking der deutschen Qualitätszeitung FAZ, nach Hans-Werner Sinn, der zweitbedeutendste deutsche Ökonom und Berater der Bundesregierung. Sein jüngstes Buch: „Verteilungskampf. Warum Deutschland immer ungleicher wird.“

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