Sonnenfinsternis in den USA: Im Schatten des Alltags

Spektakel Sonnenfinsternis: Am Montag, den 21. August 2017 durchwanderte die "Eklipse" die USA. Das verschlafene Hopkinsville, KY wurde von Touristen gestürmt.

Spektakel Sonnenfinsternis: Am Montag, den 21. August 2017 durchwanderte die "Eklipse" die USA. Das verschlafene Hopkinsville, KY wurde von Touristen gestürmt.

Es war ein Volksfest, das sich entlang eines gut 100 Kilometer breiten Streifens quer durch die USA zog: ein wirtschaftlicher Abriss der amerikanischsten Sonnenfinsternis seit 99 Jahren.

Bescheidene Häuser lugen hinter schulterhohem Gras und Sträuchern hervor, hinter der Tankstelle, auf der anderen Seite der Bahngeleise, rauchen die Überreste eines Gebäudebrandes. Crofton, im US-Bundesstaat Kentucky, sieht normalerweise nur wenige Touristen. Doch die Sonnenfinsternis, die am Montag, den 21. August die USA durchzog, brachte eine Heerschar an Autoreisenden in den 731-Einwohner-Ort.

Hopkinsville, eine der Städte, in denen die Eklipse Totalität erreichen sollte, liegt rund 20 Kilometer südlich. Die Tankstellenbesitzerin ist über das rege Geschäft am frühen Morgen hocherfreut, eine Mitarbeiterin transportiert in einer Scheibtruhe Säcke mit Eiswürfeln zu den Autos hinaus: 38 Grad Celsius kündigt der Hitzeindex für den Nachmittag an.

Sonnenfinsternis und Außerirdische: 1955 sollen Hopkinsville, Kentucky Aliens gelandet sein, 2017 lockte die Sonnenfinsternis Besucher in Scharen.

Die Sonnenfinsternis, die einen 4000 Kilometer langen Pfad durch 14 US-Bundesstaaten zog, von Oregon im Westen bis South Carolina im Südosten und insgesamt eine Stunde, 33 Minuten und 16,8 Sekunden dauerte, wurde zur Great American Total Solar Eclipse ernannt. Das letzte Mal, dass sich der Himmel derart patriotisch verdunkelte ist 99 Jahre her. Lange genug, um den Geschäftssinn anzuregen. Rund 200 Millionen Menschen wohnen eine Tagesreise vom Kern der Sonnenfinsternis entfernt, zwölf Millionen leben direkt im Pfad. Beobachter sprachen von der möglicherweise größten temporären Migration, die es in den USA jemals gab.

Eklipsenfieber

Leere Wiesengrundstücke in Christian County, in dem Hopkinsville liegt, wurden kurzerhand zu Parkplätzen für die Sonnenfinsternistouristen umfunktioniert. Zwischen 20 und 30 Dollar kosten die Standplätze in der gleißenden Hitze, in der Früh sind viele davon noch gähnend leer. Aber Planung ist alles, wenn am E-Day, wie die Bewohner den Montag nennen, bis zu 50.000 Touristen erwartet werden.

Hopkinsville, Kentucky: Die Sonnenfinsternis als größtes Spektakel der letzten 100 Jahre.

Hopkinsville mit seinen 31.811 Einwohnern bereitete sich seit zehn Jahren auf das Ereignis vor. Mit dem Slogan „Punkt der längsten Eklipse“ – zwei Minuten und 41,7 Sekunden dauerte diese hier – gab sich der Ort kurzerhand den Namen Eclipseville. Die Events, die für Touristen angeboten wurden, reichten von der Eclipse Con 2017 im örtlichen Konferenzzentrum, über Alkoholverkostungen bis hin zu Hochzeiten während der Sonnenfinsternis (200 Dollar).

Nicht nur Touristen, auch Food Trucks rollten aus hunderten Kilometern Entfernung nach Hopkinsville. Auf die Sonnenfinsternis warten macht hungrig.

Die Begeisterung beschränkte sich freilich nicht auf Kentucky. Im ganzen Land bereiteten sich Orte am Totalitätspfad auf den Besucheransturm vor. Ablesen lässt sich die Begeisterung unter anderem an den Preisen für Solarfilter. Diese schützen Kameraobjektive vor Sonnenstrahlen und ermöglichen das Fotografieren bis zur Totalität und danach. So kostete ein einfaches Filterblatt, das Fotografen selbst zu einer Filtervorrichtung zusammenbasteln, auf Amazon zunächst 34 Dollar und zwei Tage später 185 Dollar. Die New York Times berichtete von einem Motel in Wyoming, das Yelp-Benutzer kurzweg als Absteige beschreiben, dessen Nächtigungspreise von 63 auf 1.211 Dollar für den Sonntag hochschnellten. Airbnb verzeichnete für den 20. August einen Buchungsanstieg von 570 Prozent.

Warten auf die Dunkelheit: Die Sonnenfinsternis als nationales Volksfest.

Doch die Kassen klingeln nicht nur. Weil sich Amerikaner am Montag entweder einen Tag Urlaub nahmen oder die Arbeit niederlegten, um durchschnittlich 20 Minuten lang der Sonnenfinsternis zuzusehen, so eine Schätzung des Chicagoer Personaldienstleisters Challenger, Gray & Christmas, würden der US-Wirtschaft ganze 694 Millionen Dollar entgehen.

Zwei Minuten und 41 Sekunden

Wir brechen um 5.30 Uhr von Louisville, das je nach Aussprache eines oder beide „i” im Namen verschluckt, in den Westen des Bundesstaates auf und kommen knapp drei Stunden später am Gelände der Christian County High School am Parkplatz Nummer 25 an. Insgesamt 313 Tickets haben die Veranstalter an den Mann gebracht: 200 im Voraus, zu je zehn Dollar das Stück, und 113 am E-Day, für jeweils 30 Dollar. Schon am Vormittag treibt die Sommerhitze die Besucher unter ihre mitgebrachten Sonnenzelte, Babies und Hunde inklusive.

Der große Moment: Die Sonne verdunkelt sich, alle Augen werden nach oben gerichtet.

In der Innenstadt von Hopkinsville kommt indes ein bisschen Festtagslaune auf: Touristen erkunden den Ort, jausnen an Imbisständen und suchen nach Souvenirs. Für die Bewohner scheint der Andrang so ungewohnt, dass manche stehenbleiben um zuzusehen, wie alte Autowerkstätten und renovierungsbedürftige Motels fotografiert werden. Unweit der Kirche zählen Jugendliche Kleinflugzeuge, die einen nahegelegenen Flughafen anfliegen, im Hintergrund tutet ein Amtrak-Zug.

Spektakel Sonnenfinsternis: Am Montag, dem 21. August durchwanderte die "Eklipse" die USA.

"Ring of fire": Die Sonnenfinsternis hat ihre Totalität erreicht.

Als Hopkinsville ein paar Stunden später in einen Schatten zu tauchen beginnt, als hätte man der Stadt eine Sonnenbrille aufgesetzt, die Temperatur sinkt und um 13.24 Uhr der Mond, unter Begeisterungsstürmen der Zuseher, die Sonne verdeckt, scheint die Welt knapp drei Minuten lang stillzustehen, die glücklichen, bebrillten Gesichter der Betrachter nach oben gerichtet. Kaum ist die Totalität vorüber, ist der Bann gebrochen und die Ersten packen bereits ihre Sachen.

Politische Kluft

Am Wochenende vor der Sonnenfinsternis begann Small Talk zwischen Fremden häufig mit der Frage: „Und wo fährst du hin?“ Der Ranger im Brown County State Park etwa plante einen Ausflug nach Stoneford, Illinois, die Kellnerin in der Pizzeria in Louisville wollte nach Hopkinsville. Am Montagnachmittag, eine Stunde nach Ende der Eklipse, gibt es kein Weiterkommen mehr. Mit rund 100 Mann Nationalgarde ließ sich Kentucky beim Regeln des Verkehrs helfen, doch die Rückreisewelle bricht alle Rekorde.

Wir benötigen zwei Stunden um 19 Kilometer zurückzulegen, weitere 122 Kilometer ziehen sich dreieinhalb Stunden hin, das Ziel Chicago immer noch 480 Kilometer weit entfernt. In einer langen Warteschlange eines Tankstellenklos treffen sich vom Stau aufgeriebene Autofahrer. Die Stimmung ist frustriert, bis jemand die Sonnenfinsternis erwähnt und einige begeistert zu erzählen beginnen, von der besonderen Lichtstimmung, vom Moment kurz davor, den Schlangenlinien am Boden, dem ersten Augenblick danach.

Nach dem Naturschauspiel zurück in die Normalität. Die Nationalgarde hilft, Ordnung zu schaffen.

Neil deGrasse Tyson, Astrophysiker und des Landes liebster Wissenschaftskommunikator, erinnerte daran, das Ereignis „emotional, psychologisch und physisch zu erleben“ anstatt vom Handy aus live zu streamen: ein gemeinschaftliches Erlebnis, das Menschen in Stadien und auf Schulparkplätzen einander näher bringen sollte. Immerhin führte der Pfad der Sonnenfinsternis durchwegs durch republikanische Landesteile – in Christian County holte Donald Trump bei den Wahlen im letzten November nahezu doppelt so viele Stimmen wie Hillary Clinton –, Gegenden, in die Städter, die überwiegend demokratisch wählen, ausgerückt waren. Eine Verständigung zwischen den Seiten wäre gerade jetzt dringend notwendig.

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