Ein Sommer wie damals: Hallstatt sucht den Weg aus der Tourismusfalle

Pamela Binder, Geschäftsführerin der Tourismusregion Dachstein-Salzkammergut

Touristikerin Pamela Binder will den Tourismus in Hallstatt und im Salzkammergut nachhaltig weiterentwickeln.

Pamela Binder, Tourismus-Geschäftsführerin der Region Dachstein-Salzkammergut, im Interview über das Bemühen, den Tourismus in Hallstatt wieder in geordnete Bahnen zu lenken.

trend: Frau Binder, im Salzkammergut, und damit auch in Hallstatt ist derzeit Tourismus-Hochsaison. Für Hallstatt, das derzeit rund eine Million Tagesgäste pro Jahr hat, soll es der letzte Sommer dieser Art sein. Man will den Tourismus, aber nicht mehr so wie heute.
Pamela Binder: Von den acht Millionen Nächtigungen in Oberösterreich entfallen auf das Salzkammergut rund 5,7 Millionen, davon auf die vier Orte in unserer Region - Hallstatt, Obertraun, Bad Goisern und Gosau - eine Million. Es ist auch verständlich, dass die Leute gerne hierher kommen. Hier gibt es - wie in Europa generell - sehr altes Kulturgut. Daher kommen viele aus Teilen der Welt, wo es das nicht gibt, nie gab oder zerstört wurde - wie bei der Kulturrevolution in China. Die Leute suchen das. Und daraus ist eine Art Industrie entstanden. Nach dem Motto „Gheigt wiad, waun d'Sun scheint“, wie es im Salzkammergut heißt, nutzt natürlich jeder das Geschäft. Die Wertschöpfung durch den Tourismus hat auch über das Geschäft hinaus gute Seiten: Ärzte, Bäcker, Lebensmittelhändler - für die Einheimischen wichtige Angebote gäbe es sonst vermutlich kaum mehr. Aber der Tourismus hat auch seine Schattenseiten, und so wie es jetzt ist kann es nicht mehr weitergehen.

Ab dem Frühjahr 2020 wird man in Hallstatt Bustouristen nicht mehr uneingeschränkt in die Stadt lassen.
Aktuell kommen bis zu 15 Busse pro Stunde. Das lässt sich erstens logistisch nicht mehr bewältigen und man kann es der Bevölkerung auch nicht mehr unreguliert antun. Wir haben Feinstaub-Messungen vor einem Busterminal durchgeführt, die ein erschreckendes Ergebnis geliefert haben. Da will man nicht mehr wohnen. Das ist eine Extrembelastung für alle. Viel vom Feinstaub kommt daher, dass die Foto-Touristenbusse wegen der Klimaanlage im Sommer den Motor laufen lassen.

Wie soll diese Regulierung funktionieren?
Wir haben ganz genau analysiert, wer zu uns kommt. Wir verteufeln Reisebusse auch nicht – sofern die auch Gäste mitbringen, die eine Wertschöpfung bringen. Was wir nicht mehr zulassen wollen sind diese Busse mit 20 bis 40 Minuten Aufenthalt, die tatsächlich nur für ein Foto kommen. Wir wollen niemand ausschließen, aber wir müssen auch darauf schauen, wer für uns ein guter Besucher ist. Was bringt es, nur hinzulaufen um ein Foto zu schießen, das es schon millionenfach im Internet gibt? Da geht es nur um die eigene Trophäe.
Wir haben deshalb ein Slot-System entwickelt, das derzeit programmiert und 2020 eingeführt wird. Jeder Reiseveranstalter, der zum Beispiel ein Mittagessen oder eine Schifffahrt oder einen Besuch im Salzbergwerk bucht, muss auch einen Slot erwerben. Bevorzugt werden jene, die auch eine Übernachtung buchen. Wer keine Buchung vorweisen kann, hat auch generell keinen Platz.
Wir halten auch alle Hallstatt-Tagesbesucher an, die öffentlichen Verkehrsmittel zu verwenden. Man kann mit dem Schiff, mit der Bahn oder mit dem Postbus fahren. Wir haben auch die Abendlinien verstärkt, damit die Leute am Abend nach einer Veranstaltung zum Beispiel nach Goisern zurückfahren können. Das zahlt auch der Tourismusverband. An den Sommerwochenenden gibt es auch Nacht-Taxis bis zwei Uhr früh.


Es geht nur um ein Foto als Trophäe.

Ist das der Fluch des Weltkultur-Erbes?
Das Unesco Welterbe-Label ist dabei zu einer Art Tourismusmarke geworden. Obwohl es mit Tourismus eigentlich gar nichts zu tun hat. Es zeichnet einen erhaltungswürdigen Ort aus. In der touristischen Realität bedeutet das aber: Da ist es schön, da ist die Welt in Ordnung, da erwartet uns etwas Besonderes. Das trifft auch auf Hallstatt zu.

Hallstatt ist mit dem Problem des Over-Tourismus nicht alleine. Sprechen Sie sich auch mit anderen Orten und Regionen ab, die in einer ähnlichen Situation sind?
Mit Venedig haben wir gute Kontakte, dort muss man aber ganz anders denken. In Hallstatt ist das Tourismus-Problem noch größter, weil der Ort viel kleiner ist. Wir sehen auch den Ansatz von Venedig nicht gut, wo mit Drehkreuzen gearbeitet wird, weil die Stadt dadurch einen musealen Charakter bekommt. Wenn man in eine solche Eintritts-Situation kommt wird es vor allem den internationalen Gästen gegenüber noch schwieriger, zu erklären, dass sie sich in keinem Museum befinden. Die Umgebung bekommt dann schnell den Freilichtmuseum-Charakter.
Wichtig ist: Wir sind kein Museum, wir wollen auch keines werden. So ein pittoresker Ort wie Hallstatt, der für jeden schon ein bisschen surreal wirkt, scheint inszeniert zu sein. Obwohl er von der Natur so gemacht wurde – mit dem See und den Häuserzeilen in den Berg hinauf. Dann fährt da noch eine Seilbahn und die Boote auf dem See – mit Eintrittsbarrieren bekäme das dann noch mehr den Charakter eines Museums. Das Mindset „ich habe dafür gezahlt, es gehört jetzt mir“ käme auf. Also: Drehkreuz nein, Regulativ ja.

Aber reicht es, den Bustourismus einzudämmen?
Laut Welt-Tourismus-Organisation reisen weltweit aktuell 1,3 Milliarden Menschen, rund 700 Millionen davon in Europa. Die Zahl bereitet uns Sorge, denn der Tourismusstrom trifft vor allem die Hotspots, zu denen auch Hallstatt gehört. Es stimmt: Wir müssen uns neue Lenkungen überlegen. Wir können das gar nicht mehr solitär denken. Man wird darüber nachdenken müssen, wie Europa mit den Reisenden umgeht. Wir reichen uns die ja von einem Punkt zum nächsten. Wir können uns auch nicht hinstellen und sagen: Wir lassen die Touristen nicht mehr rein.


Wir müssen über den Tourismus in ganz Europa nachdenken.

Was sagt die Bevölkerung zu dem Konzept?
Wir haben gemeinsam mit der Bevölkerung Konzepte entwickelt – und ich würde auch niemand raten, so etwas ohne die Bevölkerung zu tun. Sie ist es, die diese Orte erhält und pflegt. Wir haben Verkehrsexperten hereingeholt und diskutiert, was wir wollen, was wir vertragen und was das Welterbe verträgt. Der Welterbe-Status ist ja auch ein Auftrag, das Welterbe für die nächsten Generationen zu erhalten. Wir können nicht sagen: So, jetzt haben wir 7.000 Jahre Salzgeschichte abgefeiert und gehen jetzt ins 21. Jahrhundert und da ist es uns egal, was passiert. Jetzt geht es darum, den nächsten Wurf in Richtung Zukunft zu machen und zu schauen, was geht.

In Hallstatt gibt es auffallend viele Touristen aus China. Dort wurde Hallstatt auch nachgebaut.
Mit dem Unterschied dass wir hier einen realen Ort mit einer langen Geschichte und sehr viel Tradition haben. Die Hallstatt-Replik in China ist ein reiner Vergnügungspark. Alles ist dort seitenverkehrt. Wenn man hinkommt glaubt man, man hat einen Schwipps. Schrecklich. Und sie haben die gleichen Probleme importiert. Genau wie bei uns: Brautpaare, die sich fotografieren lassen, in den Geschäften sehr viel Kitsch, alles sehr Gäste-orientiert. Dabei kaufen unsere asiatischen Gäste in den Souvenirläden nicht die Made-in-Taiwan- oder Made-in-China-Produkte. Die haben sie eh zuhause. Die suchen hochwertige Produkte.

Fehlt den Touristen mitunter der Respekt vor der Tradition?
Ich habe es heftig empfunden, dass dagegen protestiert wurde, dass wir in Hallstatt keine Drohnen haben wollen, die vor den Balkonen der Häuser herumfliegen. Da leben Menschen, die ihre Häuser seit Generationen erhalten und pflegen. Deshalb haben wir auch unsere Hallstatt-App entwickelt. Da werden die Besucher auch aufgeklärt, dass sie in keinem Museum sind, sondern in einem Ort mit gelebter Kultur. Und Menschen, die Privatsphäre brauchen. Auch der Gastgeber braucht Platz, um sich zurückzuziehen und die Akkus aufzuladen.
Es geht um Lenkungen und schlaue Konzepte und eine langfristige, nachhaltige Lösung für den Tourismus. Sonst ist der ohnehin nur ein kurzer Boom. Fest steht: Wir werden zukünftig andere Rezepte brauchen, um unsere Gäste zufriedenstellen zu können. Und vor allem auch, um den Einheimischen nicht zum Statisten in seiner eigenen Region zu machen.



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