"Die Slowakei bietet österreichischen Unternehmen große Chancen"

Christian Kügerl, Wirtschaftsdelegierter der WKO am AußenwirtschaftsCenter Bratislava.

Christian Kügerl, Wirtschaftsdelegierter der WKO am AußenwirtschaftsCenter Bratislava.

Christian Kügerl, seit August Wirtschaftsdelegierter der WKO am AußenwirtschaftsCenter Bratislava, im trend-Interview zu den Chancen für österreichische Unternehmen in der Slowakei.

trend: Herr Kügerl, Sie sind noch ziemlich neu in Ihrer Position als Wirtschaftsdelegierter. Was reizt Sie an der Slowakei?
Christian Kügerl: Ich bin nur "new to market", aber nicht "new to business". Für die Slowakei habe ich mich entschieden, weil sie eine starke wirtschaftliche Dynamik aufweist, unsere Firmen in der Slowakei erfolgreich sind und weil ich überzeugt bin, dass wir mit der Slowakei in Zukunft noch viel enger zusammenarbeiten werden.

trend: Welche Chancen sehen Sie für österreichische Unternehmen in der Slowakei?
Kügerl: Die Slowakei wird als Wirtschaftspartner in Österreich noch zu wenig wahrgenommen, und das möchte ich ändern. Sie ist wirtschaftlich erfolgreich und bietet österreichischen Unternehmen große Chancen. Das Wirtschaftswachstum liegt zum Beispiel bei drei Prozent. Jaguar Land Rover baut eine neue Autofabrik, das wäre dann die vierte im Land.
Die Region Bratislava gehört statistisch zu den reichsten in der EU, weshalb der Konsumgütermarkt für heimische Anbieter hochwertiger Produkte interessant ist. Und zusätzlich gibt es steuerliche Anreize. So hat die Slowakei etwa die Körperschaftssteuer per 1.1.2017 von 22 auf 21 Prozent gesenkt. In Österreich gilt für juristische Personen, also für Unternehmen, eine Körperschaftssteuer von 25 Prozent. In der Slowakei wurde die KÖSt eben auf 21 Prozent gesenkt und soll über die nächsten zwei Jahre wieder jeweils um einen Prozentpunkt reduziert werden, um auf das Niveau von Tschechien und Ungarn zu kommen. Diese Senkung wird von der Wirtschaft als positives Zeichen für die Zukunft aufgefasst.


Die KÖSt wurde auf 21 Prozent gesenkt und soll über die nächsten zwei Jahre wieder jeweils um einen Prozentpunkt reduziert werden.

trend: Was sind für Sie die größten wirtschaftlichen Herausforderungen in der Slowakei?
Kügerl: Rund 90 Prozent der Wirtschaft sind exportabhängig. Damit wirken sich Veränderungen in EU-Märkten sehr schnell auf die slowakische Industrie aus. Die Slowakei braucht weiterhin Investitionen. Um dafür attraktiv zu bleiben, muss die Slowakei die gesetzlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen im Vergleich zu den Nachbarländern konkurrenzfähig halten. Dazu sind Verbesserungen bei der Rechtssicherheit, der Bekämpfung von Korruption und eine berechenbare Wirtschaftspolitik erforderlich. Dem inzwischen in Europa steigenden Druck auf die Unternehmenssteuern wird sich die Slowakei ebenfalls nicht entziehen können.

trend: Wie ist die Situation am slowakischen Arbeitsmarkt?
Kügerl: Es gibt einen Facharbeitermangel. Was den betrifft, müssen viele Maßnahmen kombiniert werden: Verbesserung der Lehrlingsausbildung, Erwachsenenbildung, Umschulungsmaßnahmen, Erhöhung der Mobilität der Arbeitskräfte, sozialer Wohnbau, Einwanderung von Gastarbeitern etc. Ganz allgemein wird das Ausbildungsniveau rasch gehoben werden müssen, weil die Industrie in den nächsten Jahren erhebliche Investitionen für Automatisierung und grundsätzlich in komplexere Produktionen tätigen wird. Damit steigen die Anforderungen an Facharbeiter.

trend: Welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang die Verbesserung der Lehrlingsausbildung?
Kügerl: Die Lehrlingsausbildung - besonders die Duale Ausbildung - ist zu forcieren, weil eine Lehre mit Berufsschule und der damit verbundenen Chance auf eine weitere Karriere für junge Menschen attraktiver ist als nur in einer Fabrik auf einer Maschine angelernt zu werden. Österreichische Firmen waren unter den ersten Dualen Ausbildnern in der Slowakei, beim Design der neuen slowakischen Lehrlingsausbildung hat die WKÖ mitgearbeitet. Solche Projekte müssen wir auch in Zukunft fördern und in ihrer Wirksamkeit verbreitern.


Es gibt einen Auto-Produktions-Cluster 20 Kilometer von unserer Grenze entfernt.

trend: Was macht die Slowakei für österreichische Investoren attraktiv?
Kügerl: Die Slowakei liegt genau zwischen Österreich, der Tschechischen Republik und Ungarn. Die geographische Nähe ermöglicht eine viel bessere Zusammenarbeit bei Produktion, Dienstleistung, eigentlich überhaupt. Interessant ist das auch für Zulieferungen, den Bereich Logistik und so weiter. Nach unseren Schätzungen gibt es etwa 2.000 österreichische Niederlassungen in der Slowakei. Der Zuwachs an Investitionen ist nach wie vor gegeben. Das können Neuinvestitionen und Erweiterungsinvestitionen sein.
Auch die Lohnkosten sind niedriger als bei uns, je nach Sektor um ein Drittel bis zur Hälfte. Und es gibt einen Auto-Produktions-Cluster 20 Kilometer von unserer Grenze entfernt. Die Slowakei ist das Land mit der weltweit größten Autoproduktion pro Einwohner. Der Automobilsektor macht in der Slowakei 44 Prozent der gesamten industriellen Produktion und etwa 40 Prozent des gesamten Exports aus.

trend: Ist die große Bedeutung der Autoindustrie für das Land nicht gefährlich?
Kügerl: Sie bedingt natürlich eine gewisse Abhängigkeit, allerdings auch Wohlstand und Arbeitsplätze. Die Werke der OEM in der Slowakei gehören zu den produktivsten innerhalb ihrer jeweiligen Gruppen, daher ist kurz- bis mittelfristig nicht mit einer Verlegung der Produktionsstätten zu rechnen. Langfristig setzt die Slowakei auf folgende Prioritäten um einer möglichen Abwanderung entgegenzuwirken: Förderung heimischer/slowakischer Zulieferer; Verbesserung des R&D Umfelds und Förderung lokaler Innovations-Center; Fokus auf Facharbeiter-Ausbildung.

Modellbild des Jaguar Land Rover Werks in Nitra.

Modellbild des Jaguar Land Rover Werks in Nitra.

trend: Wird durch die Investitionen von Jaguar Land Rover das Facharbeiterproblem nicht noch weiter verschärft?
Kügerl: Die Investition soll inklusive Zulieferer über die nächsten Jahre rund 10.000 neue Arbeitsplätze im Großraum Nitra schaffen. Das wird den Wettbewerb um die Arbeitskräfte erhöhen und Druck auf das lokale Lohnniveau ausüben. Es gibt Investoren in der Region, die derzeit mit weiteren Investitionen und Erweiterungen abwarten, wie sich die JLR-Investition tatsächlich auf das Lohnniveau auswirken wird.
Man kann daher davon ausgehen, dass die Ost-Slowakei als Investitionsstandort immer attraktiver wird, weil dort noch Arbeitskräfte zu finden sind. Firmen setzen auch verstärkt auf Mitarbeiterbindungsprogramme, um Arbeitskräfte halten zu können. Eine Herausforderung wird die Erhöhung der Arbeitskräfte-Mobilität aus den strukturell benachteiligenden Regionen sein.

trend: Was tut die Regierung, um den Facharbeitermangel zu entschärfen?
Kügerl: Die Regierung hat erklärt, das System der dualen Lehrlingsausbildung - ähnlich wie in Österreich – breit implementieren zu wollen. Ein Gesetz gibt es seit 2015. Allerdings steckt die duale Ausbildung noch am Anfang. Die WKÖ wird sich weiter um das Ausbildungsthema engagieren um zum Beispiel die österreichische Zulieferindustrie in der Slowakei zu unterstützen.
Zusätzlich zu den Ausbildungsprogrammen für Facharbeiter sollten aber auch die Budgets für technische Ausbildung an Universitäten erhöht werden. Besonders im Bereich der IT. Die slowakische Regierung ist sich bewusst, dass Bildung einer der Hauptfaktoren für die Attraktivität des Standortes Slowakei ist. Solche Maßnahmen brauchen aber mehrere Jahre, bis sie greifen.

trend: Aufgrund des Arbeitskräftemangels werden Lohnsteigerungen unausweichlich sein. Wird das dem Standort Slowakei im Wettbewerb mit den Nachbarländern schaden?
Kügerl: Das Arbeitskräfteproblem haben alle CEE-Länder. Die Slowakei steht bei jeder Standortentscheidung ausländischer Unternehmen in Konkurrenz zu den Nachbarländern und anderen Ländern in CEE. Lohnsteigerungen müssen durch eine höhere Produktivität und andere Standortvorteile, zum Beispiel Infrastruktur-Verbindungen oder Investitionsanreize kompensiert werden.

trend: Hat das Land nicht auch erhebliche Strukturprobleme?
Kügerl: Einerseits gibt es vor allem im Westen der Slowakei und in bestimmten Branchen wie Automotive, IT und Transport den bereits angesprochenen einen Mangel an Arbeitskräften. Andererseits gibt es in der Süd- und Ostslowakei noch Gebiete mit einer Arbeitslosenrate von an die 15 Prozent. Auch die Jugendarbeitslosigkeit ist mit über 25 Prozent nach wie vor sehr hoch. Auch hier ist die Integration in den Arbeitsmarkt eine Herausforderung, um dem Facharbeitermangel zu begegnen.
Ein weiteres strukturelles Problem hinsichtlich des Arbeitsmarktes ist die Beschäftigungsrate von Uni-Absolventen. Diese liegt mit rund 75 Prozent unter dem EU-Schnitt. Das heißt, viele Absolventen absolvieren Studienrichtungen, die am Arbeitsmarkt wenig nachgefragt sind.
Ein anderes Strukturproblem ist das wirtschaftliche Gefälle zwischen Ost und West – der Region Bratislava und den ländlichen Regionen. Der durchschnittliche Lohn in der Region Bratislava ist um fast 70 Prozent höher als in der „ärmsten“ Region Presov. Um die benachteiligten Regionen zu fördern wäre der Ausbau der Infrastruktur, vor allem des Straßennetzes, mit Verbindungen in den Süden und Osten der Slowakei wichtig.


Es wird eine Ein-Euro-AG speziell für Start-ups und innovative Kleinunternehmen eingeführt.

trend: Welche Reformanstrengungen sollte die Koalition unter Premier Fico intensivieren?
Kügerl: Die Verfahrensdauer ist im Schnitt zu lang, sowohl bei Gerichtsverfahren als auch zum Teil in der Verwaltung. Die Korruption muss bekämpft werden, denn sie wird von Investoren als Herausforderung angesehen. Der überschuldete öffentliche Gesundheitsbereich braucht eine Budgeterhöhung. Derzeit müssen Lieferanten zum Teil eineinhalb Jahre auf ihr Geld warten. Auch österreichische Firmen sind davon betroffen.
Für Anfang 2017 sind gesetzliche Änderungen bei Mahnverfahren, Exekutionen, Privatkonkursen, Restrukturierungen und Briefkastenfirmen vorgesehen. Es wird eine Ein-Euro-AG speziell für Start-ups und innovative Kleinunternehmen eingeführt. Das sind schon Schritte in die richtige Richtung.

trend: Was sind die größten Unternehmen aus Österreich in der Slowakei? Zieht die Slowakei weitere Firmen aus Österreich an? Wenn ja, aus welchen Branchen?
Kügerl: Neben den klassischen österreichischen Investoren aus dem Banken- und Versicherungssektor gibt es auch große Produzenten in den Bereichen Automotive und Maschinenbau wie MIBA, ZKW und Wertheim. Weitere namhafte Investoren gibt es in den Bereichen Energie und Logistik. So ist die Energie Steiermark an der slowakischen Stefe beteiligt und die Gebrüder Weiss und Schenker haben Logistik-Zentren aufgebaut.
In den letzten Jahren gewann die Slowakei für österreichische Investoren zunehmend bei IKT und internen Unternehmensdienstleistungen an Attraktivität. Auch immer mehr KMU wagen den Schritt über die Grenze.

trend: Welche Unterstützung können Sie Unternehmen bieten, die bereits in der Slowakei Produktionsniederlassungen haben?
Kügerl: Wir intervenieren bei Behörden, helfen bei der Suche nach Mitarbeitern, offerieren ein Netzwerk an Beratern und vernetzen die österreichischen Niederlassungen miteinander um Erfahrungsaustausch und Zusammenarbeit zu fördern. Der Hauptjob ist aber immer die Suche nach neuen Märkten, auch für Niederlassungen. Was immer die Herausforderungen unserer Niederlassungen sind, wir sehen uns das Problem an und entscheiden gemeinsam mit der Firma, wie die Wirtschaftsvertretung ihnen am besten helfen kann.

trend: Viele Firmen wollen gar nicht investieren, sondern nur verkaufen. Wie kann das AußenwirtschaftsCenter Exporteuren helfen?
Kügerl: Die Slowakei ist als EU-Land für Österreich ein klassischer Erstexporteur-Markt. Es gibt den Euro, Bratislava ist nur eine Stunde von Wien entfernt und das Land befindet sich im Aufschwung.
Neu-Exporteure können sich an uns wenden. Wir suchen potenzielle Geschäftspartner, um der Firma die ersten Geschäftsgespräche zu ermöglichen. Die meisten slowakischen Geschäftsleute sprechen Deutsch oder Englisch. Wenn nicht, schicken wir einen Dolmetscher mit zum Gespräch.
Exportiert eine Firma bereits, unterstützen wir sie dabei, neue Märkte zu finden oder stellen uns als Berater oder Troubleshooter zur Verfügung. Die Aufgaben sind ziemlich vielfältig. Am einfachsten ist es, dem AußenwirtschaftsCenter eine Frage zu stellen. Wir werden eine Lösung finden.
Es gibt auch substantielle finanzielle Förderungen im Rahmen der laufenden Internationalisierungsoffensive. Die Beratung erfolgt über Experten in der WKÖ. Das AußenwirtschaftsCenter kennt die richtigen Kontakte.

Wirtschaft

Ryanair droht mit Abzug der England-Flotte ab 2019 wegen Brexit

Wirtschaft

IHS: Wirtschaft wächst, Arbeitslosigkeit sinkt bis 2021

Wirtschaft

Türkei setzt 68 Dax-Konzerne auf die Terror-Liste