Siemens: Restrukturierung mit "schmerzhaften Einschnitten"

Siemens CEO Joe Kaeser

Siemens-Chef Joe Kaeser baut den Konzern weiter um. Das wird viele Arbeitsplätze kosten.

Der Siemens-Konzern steht vor einem weiteren großen Restrukturierungs-Schritt. In der Kraftwerkssparte und der Prozessindustrie stehen etliche Standorte und tausende Arbeitsplätze zur Disposition, beim Windturbinenhersteller Siemens Gamesa ebenso. Und das ist erst der Anfang.

Im Siemens-Konzern stehem massive Veränderungen bevor. Konzernchef Joe Kaeser bereitet die Beschäftigten angesichts der Probleme im Kraftwerksgeschäft auf massive Stellenstreichungen vor. "Unsere Division Power and Gas kämpft seit längerem mit sehr schwierigen Marktverhältnissen und strukturellen Herausforderungen", erklärte er nun. "Wenn dieses Geschäft eine Zukunft haben soll, dann müssen wir reagieren. Wir müssen die Kapazitäten anpassen, auch wenn das schmerzhafte Einschnitte bedeutet".

Hintergrund ist, dass das Ergebnis in der Sparte Power & Gas um 40 Prozent eingebrochen ist, der Windturbinenhersteller Siemens Gamsea hat sogar einen Verlust eingefahren. Das Ergebnis aus dem industriellen Geschäft ging deshalb um zehn Prozent auf 2,2 Milliarden Euro zurück.

Wie aus dem Unternehmen zu hören ist, sollen nun mehrere Standorte geschlossen werden. Tausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Über rund 4.000 gefährdete Jobs in der Kraftwerkssparte sowie im Geschäftsfeld Prozessindustrie und Antriebe stehen auf dem Spiel. Zusätzlich hat Siemens Gamesa angekündigt, bis zu 6.000 Jobs zu kappen. Ob und inwiefern auch Siemens Österreich von der Umstrukturierung betroffen sein wird ist vorerst noch unklar. Die deutsche Gewerkschaft IG Metall hat Widerstand gegen die Pläne angekündigt.


Schmerzhafte Einschnitte

"Wir sind davon überzeugt, dass es weiterhin einen Weltmarkt für große Gasturbinen geben wird", sagte Kaeser. Dieser werde aber deutlich kleiner sein und die Nachfrage werde sich Richtung Asien, Lateinamerika und Afrika verschieben. "Daher müssen wir jetzt handeln, unsere Kapazitäten anpassen und zugleich in innovative Zukunftstechnologien investieren."

Weitere Schritte könnten bald folgen, denn das Management will eine neue Struktur für den Konzern erarbeiten. Man habe verstanden, "dass Konglomerate alten Zuschnitts keine Zukunft haben", erklärte Kaeser. Noch in diesem Geschäftsjahr sollen Entscheidungen fallen, wie Siemens besser für die industrielle Digitalisierung gerüstet werden kann. Aus dem Konzern könnte letztlich eine Holding weitgehend eigenständiger Einzelunternehmen werden, mit noch nicht abschätzbaren Folgen für die weitere Entwicklung, auch was die Zahl der Arbeitsplätze betrifft.

Plan wird ausgearbeitet

Doch zunächst zum konkreten Fall: Sobald es dafür einen Plan gebe, werde er mit den Arbeitnehmern im Wirtschaftsausschuss besprochen, erklärte Janina Kugel, oberste Personalchefin des Konzerns. "Wir haben uns dafür Mitte November vorgenommen, und das werden wir wohl auch einhalten können", sagte Kugel. Einschnitte müssten sorgfältig durchdacht werden und möglichst sozialverträglich erfolgen.

Bei Umsetzung der Einschnitte denkt Siemens auch über die Verlagerung von Jobs an Standorte in strukturschwache Regionen vor allem in Ostdeutschland nach. Vorwürfe von Arbeitnehmervertretern, damit Unfrieden zwischen den Werken zu stiften zu wollen, wies Kugel zurück. "Wir werden hier nicht Standorte gegeneinander aufhetzen", sagte sie. Man sei nicht "auf dem Jahrmarkt", sondern arbeite an Lösungen für das gesamte Unternehmen.


Geschäft langfristig nicht mehr da

"Wenn ein Geschäft langfristig nicht mehr da ist, können wir nicht einfach an der Vergangenheit festhalten und weitermachen wie bisher", legte Kugel jedoch den Kurs des Unternehmens fest. Die Energiebranche sei weltweit im Umbruch: "Der Markt für große Gasturbinen ist um 40 Prozent, für Dampfturbinen um 70 Prozent geschrumpft." Das sei keine Konjunkturdelle, "sondern eine vor Jahren schon einsetzende, strukturelle und dauerhafte Veränderung". Das Unternehmen müsse wirtschaftlich handeln, nur so sei Beschäftigung langfristig sicher.

"Wo immer wir können, werden wir Mitarbeiter umschulen für Aufgaben in unseren Wachstumsfeldern. Aber man muss auch ehrlich sagen, das wird nicht für jeden überall möglich sein", sagte die Personalchefin.

Kaeser wehrt sich gegen politische Vorwürfe

Siemens-Chef Joe Kaeser wehrte sich gegen politische Vorwürfe. Bei einem dauerhaften Rückgang der Nachfrage nach konventioneller Kraftwerkstechnik seien Kapazitätsanpassungen unvermeidbar. Siemens habe allein in Deutschland heuer gut 5.000 neue Mitarbeiter eingestellt.

IG-Metall-Vorstandsmitglied Jürgen Kerner hatte kritisiert, dem Siemens-Vorstand gehe es um die Marge und nicht um die Menschen. An vielen Standorten herrsche nackte Angst. Die Gewerkschaft sieht den mit Siemens im Jahr 2008 vereinbarten Standort- und Beschäftigungssicherungspakt infrage gestellt.


Wandel mit Gewerkschaften gestalten

Laut Kugel sei der Pakt nicht tot. Siemens habe den Arbeitnehmern zugesichert, wo immer möglich auf betriebsbedingte Kündigungen, Werksschließungen und Verlagerungen zu verzichten. Wo Wirtschaftslage oder neue Rahmenbedingungen einen dieser Schritte notwendig machten, sei ein klar geregeltes Verfahren vorgesehen. "Wir wollen den guten Dialog aufrechterhalten", betonte Kugel. "Wir erwarten auch von den Gewerkschaften, dass wir den Wandel miteinander gestalten."

Die öffentlichen Spekulationen seien für alle Beteiligten ärgerlich, "sie haben die Unsicherheit in der Belegschaft vergrößert". Arbeitnehmer und Politik forderten natürlich rasche Aufklärung. Aber erst müsse der Plan stehen, danach rede Siemens "zuerst mit den Arbeitnehmern, dann mit allen anderen".

Siemens an der Börse

Am Aktienmarkt gehört Siemens (ISIN DE0007236101) zu den absoluten DAX- und Euro-Stoxx-Schwergewichten. Die Aktie hat sich über die letzten Jahre solide entwickelt. Über fünf Jahre steht ein Gewinn von 8,74% per anno und über drei Jahre ein Gewinn von 11,25 per anno. Über dei letzten 12 Monate hat das Papier um knapp 16 Prozent an Wert zugelegt, im laufenden Jahr steht nach einer Schwächephase von Ende April bis Ende August aktuell ein Gewinn von 3,68 Prozent und notiert derzeit bei 121,40 Euro.

Die Commerzbank gibt der Aktie aktuell ein "Hold" und sieht das Kursziel bei 122 Euro. Analyst Ingo-Martin Schachel sieht den Auftragseingang als solide, der Ausblick frü 2018 enthalte keine Überraschungen. Die Baader Bank gibt Siemens aktuell ein "Buy" und sieht das Kursziel bei 134 Euro.

Siemens AG NA (DE0007236101); 2-Jahres-Entwicklung; Kurs vom 9.11.2017: 121,40 €; für ktuelle Kursinformationen klicken Sie bitte auf den Chart.

Siemens AG NA (DE0007236101); 2-Jahres-Entwicklung; Kurs vom 9.11.2017: 121,40 €; für ktuelle Kursinformationen klicken Sie bitte auf den Chart.

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