Siemens Österreich-Chef Hesoun: "Man kann nicht ewig diskutieren"

Der Boss von Siemens Österreich, WOLFGANG HESOUN, übers Krisenmanagement der Regierung, die neue Normalität in der Industrie und seine Erwartungen an den nächsten IV-Präsidenten.

Siemens Österreich-Chef Hesoun: "Man kann nicht ewig diskutieren"

PERSPEKTIVEN zu bieten und nicht nur die Tragik darzustellen, das fordert Wolfgang Hesoun, 60, von der Regierung - "wobei mir die Schwierigkeiten bewusst sind".

trend: Unter Unternehmern und Managern ist der harte Shutdown zur Eindämmung der Corona-Epidemie in Österreich umstritten. Ist das Vorgehen aus Sicht des Siemens-Chefs nachvollziehbar?
Wolfgang Hesoun: Mitte März waren diese Maßnahmen unter dem Eindruck der Ereignisse in Italien die einzige Möglichkeit. Aus heutiger Sicht würde man das eine oder andere im Detail wahrscheinlich besser machen - wenn ich zum Beispiel an die Schließung von Parks und Bundesgärten denke. Aber mit der Weisheit des Rückblicks lässt sich leichter reden. Ich habe niemanden beneidet, der damals Entscheidungen treffen musste.

Aber Wissen und Datenbasis zur Covid-19-Erkrankung erhöhen sich von Woche zu Woche. Es kommen Erfahrungen dazu, etwa, dass auch ganz andere Modelle wie das in Schweden möglich sind. Müsste die Regierung inzwischen nicht die Grundlagen für ihre Entscheidungen viel transparenter offenlegen und auch Kritik zulassen?
Natürlich steht in so einer Situation Durchsetzungsvermögen gegen Meinungsvielfalt. Ich persönlich finde eine klare Message besser als 17 Möglichkeiten, die im Raum stehen. Man kann nicht Ewigkeiten diskutieren, ob ein oder zwei Meter Abstand besser ist. Aber es muss schon klar sein, dass man am Ende wieder zum demokratischen Prozess zurückkehrt.

An der sehr rigorosen Informationspolitik haben Sie nichts auszusetzen?
Das können Medien besser beurteilen. Ich hielte es für wichtig, dass die Regierung den Menschen und der Wirtschaft Perspektiven anbietet und nicht nur die Tragik darstellt. Wobei mir die Schwierigkeiten bei der Umsetzung bewusst sind: Den Wunsch vieler Familien nach Öffnung aller Schulen kann ich gut verstehen, allerdings wäre die Dichte in den öffentlichen Verkehrsmitteln zu hoch, wenn komplett aufgemacht wird. Darum denkt man sinnvollerweise über Staffelungen nach - ich bin übrigens der Meinung, dass der Unterricht dafür in die ohnehin sehr langen Sommerferien gezogen werden könnte, das sollte nicht sakrosankt sein. Insgesamt ist das Krisenmanagement aus meiner Sicht recht gut, es gibt aber schon auch unglückliche Geschichten, zum Beispiel der Umgang mit Non-Profit-Organisationen wie den Wiener Philharmonikern oder den Sängerknaben. Da stehen weltberühmte Einrichtungen vor dem Nichts, und keiner sagt den Betroffenen ein Wort, wie es weitergehen soll.

Wie ist Siemens in Österreich bisher durch die Krise gekommen? Sie sind ja in einer vergleichsweise privilegierten Situation.
Stimmt. Wir konnten die sechs Produktionsbetriebe in Österreich und alle anderen in den 20 Ländern, die wir von hier aus betreuen, nahezu voll weiterfahren. Nach anfänglicher Sorge vor einer Woche steht jetzt auch fest, dass wir derzeit keine Kurzarbeit in der Produktion beantragen werden. Und wir haben - bis auf ganz wenige Ausnahmen - auch keine Infektionen in den Werken. Die Taskforces haben bei den Schutzmaßnahmen hervorragende Arbeit geleistet. Das fordert einen erhöhten, aber nicht unlösbaren Aufwand.

Sie waren auch IV-Chef in Wien. Wie lange wird es dauern, bis die Industrie zu einer "neuen Normalität" findet?
Das Problem, das Siemens und vielen Industrieunternehmen zu schaffen macht, sind die Lieferketten. China kann jetzt Ausfälle in Europa da und dort kompensieren, aber das funktioniert nicht ewig - und nicht in allen Bereichen. Ein Trafo-Werk bei uns hat ganz andere Lieferanten als eine Produktion fürs Mobility-Segment. Teilweise müssen wir erst noch Lösungen finden.

Könnte eine bessere Abstimmung in Europa beim Hochfahren der Wirtschaft eine der Lösungen sein?
Ob so ein Gleichklang herzustellen ist, lässt sich schwer prognostizieren. Es dominieren Partikularinteressen der Staaten, die Einzelaktionen setzen. Die EU hat da wenig alleinige Kompetenz, wie sich gerade zeigt. Die Situation wäre ein Anlass, die Zusammenarbeit zu verbessern, bislang ist das aber nicht passiert. Eher im Gegenteil.


"Öffentliche Investitionen dürfen keinesfalls verschoben, sondern müssen als Teil des Wiederaufbaues verstanden werden."

WOLFGANG HESOUN CEO SIEMENS ÖSTERREICH

Glauben Sie, dass die Corona-Krise tatsächlich die Lieferketten verkürzen wird, dass also wichtige Produktionen wieder nach Europa geholt werden? Oder ist das sogenannte Nearsourcing nur ein vorübergehendes Schlagwort?
Wünschenswert wäre, das Sourcing auf eine breitere Basis zu stellen, etwa in der Pharmaindustrie. Aber die Notwendigkeit räumlicher Nähe hängt sehr vom Produkt ab - und von den Rahmenbedingungen. Mehr Unabhängigkeit erreicht man nur, wenn die Wettbewerbsbedingungen passen, auch in Österreich. Ansonsten kauft man halt fürs halbe Geld in China. Nehmen Sie das Beispiel der Bahnindustrie: Da wäre es sinnvoll, in Europa zu investieren, weil die Nachfrage nach Zugmaterial wächst. Damit sich das rechnet, bräuchte es aber für eine gewisse Zeit Abnahmezusagen. Und da gerät man dann schnell in Konflikt mit dem EU-Beihilfenrecht.

Wie wird sich aus Ihrer Sicht generell die Nachfrage in unseren wichtigsten Exportmärkten entwickeln? Die Nachfragekrise durch den Weltwirtschaftsschock wird ja vermutlich viel länger dauern als die aktuelle Angebotskrise.
Ich gehe von einer Wellenbewegung aus. Es wird zuerst einmal gewisse Nachzieheffekte geben, dann wieder runtergehen und so weiter. Bis das Vor-Corona- Niveau wieder erreicht ist, wird es jedenfalls länger dauern. Eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Investitionen im Inland fällt der öffentlichen Hand zu. Gemeinden, Länder und Bund sollten wegen der ungeplanten finanziellen Belastungen keinesfalls Bauvorhaben verschieben, punktuell sogar vorziehen. Das muss - auch über den Finanzausgleich - als Teil des Wiederaufbaues verstanden werden. Für die Regierung ist das die viel effizientere Möglichkeit, Arbeitsplätze zu erhalten, als wenn sie Zuschüsse zahlt. Ich bin froh, dass ÖBB und Asfinag im Infrastrukturausschuss trotz massiver Einbußen bei Fahrgästen und Mauteinnahmen bekräftigt haben, an ihren Investitionsvorhaben festzuhalten.

Für Siemens in Österreich ist der öffentliche Verkehr ein wichtiges Segment. Sehen Sie dessen Ausbau durch die Corona- Epidemie eher gebremst oder gepusht?
Der Geschäftsbereich Mobility läuft sehr gut. Auch wenn im Moment weniger Menschen Massenverkehrsmittel nutzen, längerfristig wird die Nachfrage nach öffentlichem Verkehr nicht sinken. Und da die Anbieter von Verkehrsleistungen meist dem Staat gehören, sind diese Unternehmen auch nicht gefährdet.

DAS BAHNGESCHÄFT von Siemens läuft aktuell gut. Der Konzern erwartet eine anhaltend hohe Nachfrage nach öffentlichem Verkehr.

Ein zweites wesentliches Standbein des Konzerns sind Automatisierung und Digitalisierung. Haben Sie Sorge, dass Ihren Kunden da in nächster Zeit die finanziellen Mittel für neue Investitionen fehlen werden?
Eigentlich nicht. Wir haben bei der Leistungselektronik derzeit Zuwächse. Wenn Unternehmen die Wahl haben, werden sie sich für Investitionen in Produktivitätssteigerung entscheiden. Diese Krise kann den Schritt in ein digitales Zeitalter sogar beschleunigen, sie wird ihn jedenfalls nicht unterbrechen. Manche Vorhaben müssen vielleicht etwas verschoben werden, andere kommen dafür früher.

Wie brutal wird es am österreichischen Arbeitsmarkt? Eine Million Arbeitslose sind ja durchaus realistisch.
Das darf nicht passieren. Die Industrie ist ein stabilisierender Faktor, weil wir unsere Leute und ihre Expertise brauchen. Insgesamt ist es aber natürlich schon so, dass eine Wirtschaft mit geringerer Leistung auch weniger Mitarbeiter braucht. Der Dienstleistungssektor, vor allem der Tourismus, steht vor enormen Problemen - die auch negative Auswirkungen auf die Bau- und deren Zulieferindustrie haben werden. Der Staat wird deswegen manche Branchen längerfristig absichern müssen. Und er wird Museen und andere Kulturbetriebe unterstützen müssen, damit das Standing Österreichs in der Welt, eine Voraussetzung für den Fremdenverkehr, nicht leidet.

Eine abschließende Frage: Demnächst wählt die Industriellenvereinigung (IV) einen neuen Präsidenten. Auch Ihnen werden Ambitionen nachgesagt. Wer sollte den Job denn in dieser besonders schwierigen Lage machen?
Ich will über Personen nicht reden. Es muss aber jemand sein, der die Industriepolitik begleiten und mithelfen kann, den Wiederaufbau in den nächsten Jahren optimal zu gestalten. Ein Partner auf Augenhöhe für alle Stakeholder wie Regierung, Kammern und Gewerkschaften. Die Diskussionen innerhalb der IV scheinen mir zuweilen nicht sehr klar zu sein.



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Zu den Personen:
Caroline Palfy (r.) ist neue Geschäftsführerin in der Handler Holding GmbH und verantwortet den Bereich Sustainable-Strategie. Das Familienunternehmen HANDLER ist Spezialist für hochwertige Bau- und Immobilienprojekte in Österreich.
Marieluise Krimmel ist Partnerin bei Deloitte in Wien im Bereich Audit & Assurance und ist in der Prüfung und Beratung tätig. Ihre Branchenschwerpunkte liegen neben der Industrie in der Immobilien- und der Bauwirtschaft.

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